Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. / Ferdinand Fröbel an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 26.9./27.9.1834 (Willisau)


F. / Ferdinand Fröbel an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 26.9./27.9.1834 (Willisau)
(KN 48,11, Brieforiginal 2 B 8° 7 S. F. beginnt den Brief am 26.9. und beschreibt einen Bogen. Am 27.9. schreibt Ferdinand Fröbel seinen Briefteil und beschreibt vom zweiten Bogen die beiden ersten Seiten sowie einen Absatz auf der dritten Seite. Dann fährt F. fort, so daß der zweite Teil des F.-Briefteils frühestens auch am 27.9. geschrieben sein kann.)

Willisau am 26en Tag im Monats des Sammelns
IX 1834.


Den Geist und die Gesinnungen der Einigung, Eintracht, Einheit und Liebe
Euch allem zuvor!

Die Tage der Prüfung sind seit 2 Tagen vorüber; Ihr werdet dieß ge-
wiß aus meinen letzteren Mittheilungen aus Burgdorf und hier schon
nachgerechnet haben und Euch nun einzeln in Euch und untereinander
fragen wie sie in der Prüfung bestanden seyn, was das Ergebniß
derselben seyn mag. Ich will es Euch nun so offen vorlegen als es von Außen aufgenommen in
mir
liegt, wenn es Euch nun auch auf den ersten
Blick keinesweges zusagen möchte, Ihr es Euch doch aus der Entwickelung und
Geschichte alles Lebens deuten, und so die Einsicht in das Leben selbst erhöhen
und klären könnet.-
Krieg und Frieden, Zufriedenheit und Unzufriedenheit, Feindschaft und Freundschaft
Vergnügen und Mißvergnügen, Verwerfu[n]g und Anerkennt[ni]ß, Beystimm[un]g und Miß[-]
stim[m]ung, Hader, Zwist u[n]d Uneinigkeit, Friedfertigkeit, {Verständniß u / Verträglichkeit} und Einig-
keit; gekränkte Eitelkeit, u beleidigter Ehrgeiz, und beglückte Ge[n]üg[-]
samkeit und beachtete Bescheidenheit; allgemeine Befriedigung und Krikeley Einzelner;
harmloses Vertrauen und eigensüchtiges Mißtrauen; stilles, stummes, giftiges Zernagen
der innersten Lebensfäden Einzelner und zutrauensvolles Hinstellen des Lebensganzen
frisches fröhliches Hinauswachsen als ein Ganzes und feindseliges unbefriedigtes
Zerfallen und Auflösen im Einzelnen; Aufbauen und Einreis[s]en, Blühen und Ab[-]
sterben alles im chaotischen Durch- und Nebeneinanderseyn sich bald gegenseitig und
im einzelnen fördernd bald hemmend und vernichtend wie bey einer neuen Welt-
schöpfung; Alles wie im Elementen- und Ge Wetterkampf bey ruhiger Klar-
heit im Weltenäther; alles wie in den Erscheinungen der Natur im Reiche
der sich messenden Kräfte, der kämpfend[e]n Stoffe der ringenden Gewächse und
der sich sich bekriegenden Thiere und so bald muthvoll kräftiges Erheben und muth[-]
los schwaches Dahinsinken auch wohl gleichgültiges Dahingestellt seyn lassen.
Sehet - das ist das Bild das Ergebniß des Ganzen wie es vor mir liegt
die hohe Anerkenntniß der Macht des sittlichen Elementes und seiner schöpferisch[e]n
Wirksamkeit im Allgemeinen und Ganzen und man welche wohl den Sieg im
heißen Lebenskampf für Darlebu[n]g edler, hoher, reiner Menschenwürde davon
tragen würde und daher also unverantwortliches Vernichten, Niedertreten
ich möchte sagen Verhöhnen dieses Elementes im Einzelnen und durch Einzelne
und wo und durch wen dieses letztere?- In den eigenen Vier Mauern, in dem
ganz eigenen Lebenskreise. Ihr werdet mir vielleicht bös seyn daß ich es aus[-]
spreche allein was kann ich dafür daß es wahr ist und hat es sich nicht in
der Geschichte unseres bisherigen Lebens <und> uns ganz namentlich immer in den /
[1R]
Zeiten der Prüfungen ausgesprochen: - "Die Scheinglieder und Nam[en]freunde
des Ganzen und Kreises sind das am trennendsten wirkendste Fremdartige und
das am stöhrendsten ei[n]greifende Feindseelige. Erinnert Euch nur wie nach
der (ersten) commissarischen Prüfung von Rudolstadt auch ich glaube 1826
ich alles von neuen [sc.: neuem] innerlich geeint und äußerlich befestiget wähnte, und
wie gerad dort die beyden sich eigensüchtig und Gott weiß wie und warum sich
beleidigt fühlenden W.m und Sch. am Abend den Funken der Zwietracht anfachten
als ich hoffte einträchtiger Frohnsinn beherrsche und umschlinge uns alle. Sehet so
ist die Geschichte und die Erscheinung des Lebens sich immer gleich; so merkwürdig
gleich, daß als am 1rstn Tage nach der Prüfu[n]g, wo wir La[n]gethal, Ferdinand, Titus
Carl, v. Roda, Ludowika, Luise Frkbg und ich einen Spatziergang nach dem Bade
Knutwyl machten ( Frankenbe[r]g fuhr meine Frau und Ernestine auf einen Berner
Wägelchen) und durch Langguths Zurückbleiben - (:durch persönliche Gereiztheit
und Laune:) veranlaßt - sich Dir ich uns, wie es schien einträchtig zusammen
Wandelnden - zu umso größerer und innigerer Einigkeit ermahnte -
sich plötzlich eben dieses Punktes halber ein heftiger Streit zwischen Titus
und Ferdinand erhob, welcher sich nicht eher endigte als bis uns Titus
den Rücken kehrte und zurücke kehrte. Rickli (Klaßhelfer = Diacon)
einer der Commissarien des Erziehgsdep: aus Bern hatte mir Tagsvorher durch
seine krikelnden gelehrten u philologischen das Wesen der Volkserziehung verdrehenden
und vernichtenden Bemerkungen, das allgemeine Leben selbst sehr getrübt; durch Langguths Zurück-
bleiben veranlaßt trat nun die Darlegung der persönlichen einzelnen Entgeg-
nungen im Hause krell [sc.: grell] hervor, also für mich Schauen des Wirkems [sc.: Wirkens] A auflösender Elemen-
te im Allgemeinen wie im Besondern, im Äußern wie im Innern
und so wenigstens unbewußtes Hegen des Gedankens: - Nun so wird
doch wenigstens unter uns hier wie es schien friedlich und freudig mit einander
Wandelnden 8 Friede und Eintracht herrschen; siehe
da erhebt sich wie aus einem klaren Bergkrystall hervorgeschlagen
der Funke des Streites zwischen in unserm Innersten Kreise, zwischen
Ferdinand und Titus.- Was die Wirkung von alle diesem auf mich
war wünscht ihr zu wissen?- Ich lernte mich dabey klar nach meinen [sc.: meinem] innern
Stehen kennen; ich war ganz ruhig bey dem Streite, denn ich sahe darinn und
sehe darinn immermehr die Wiederkehr nothwendiger Bildungsgesetze, und
so schaute mein Geist ruhig aus klarer, wenigstens stiller Höhe auf das
Ganze wie auf eine chaotische Bildung einer neuen Welt; Ich sahe diesen
Elementen- und Kräftekampf selbst in der jetzt so stillen heiteren Herbst-
natur. Allein wie sich auch der Geist ruhig in sich war, so wurde doch
mein fühlendes u liebendes Gemüthe umschleyert daß das Menschliche Leben
das Leben des denkenden u fühlenden, empfindenden Menschen noch so den noth- /
[2]
wendigen stummen Naturgesetzen unterworfen ist. Allein es klärte, be-
ruhigte und sicherte meinen Blick in das Leben auch ungemein; denn es zeigte
mir allem zuvor wie in sich gesichert und nothwendig zur Befreyung des
Menschen nach jeder Seite seiner Wirksamkeit hin, in sich und außer sich
unser, eben darum so tief in der Menschlichen Natur wie in dem menschlichen
Wesen begründeter Erziehu[n]gs- Unterrichts- und Lehrgang seye, welcher
den Menschen so klar als tief in die Erkenntniß u Anerkenntniß der
Naturgesetze und des Naturlebens einführe. Ich bitte Euch darum laßt
uns treu und ausdauernd, redlich und emsig arbeiten u strebend am
Geiste u Ziele an dem Zwecke, an den Grundsätzen und dem Quellpunkte
unseres ganzen Lebens fest halten.-
So haben denn auch diese Zeiten und Tage der Prüfung, des Kampfes und der offenen Darlegung unseres Lebens, wieder in einem
sehr sehr hohem Grade befestigend und klärend, besonders aber auch überblickend und
beherrschend auf mein und unser aller Leben gewirkt. Könnte ich Euch doch all
die hohen und durchgreifenden Lebgesetze welche sich mir daraus aussprachen und
welche ich oben nur ganz im Allgemeinen andeutete aussprechen, könnte ich mich
Euch doch so klar darüber und umfassend darüber mittheilen als es in mir liegt. Un-
aussprechlich freue ich mich der wieder unter vielen [sc.: vielem] Krieg, Kampf, Leid und
Schmerz Furcht und Hoffen errungenen neuen Lebensstufe. Ich hoffe nun bald
ruhig, ganz ruhig und frey waltend, schaffend im und unter dem freyen Walten und
Waltenlassen der mich umgebenden Lebensverhältnissen darzustehen. Immer
mehr komme ich von der so höchst gefährlichen Meynung zurück einen gewissen Gra[d]
des Bewußtseyns und des sich schon Verstehens unter den Menschen ganz na-
mentlich unter den sich wissend, gebildet und bewußt nennenden Menschen
vorauszusetzen; immer mehr komme ich von dem auf das höchste nachtheilig
ja vernichtend wirkenden Streben zurück durch Wort und Rede sich mit
dem Menschen zu verständigen, man kann sich wohl dadurch mit ihnen auf einige
Zeit in ein beruhigtes Verhältniß setzen allein radikal wird wenig dadurch
erreicht, nur die klare Durchschauung und Beherrschung der Dinge und Lebens[-]
verhältnisse nach ihren nothwendigen Gesetzen,
daß das sichere Aneignen
dieser Gesetze und das Erfüllen, das Ausüben und Anwenden derselben
im Leben und an dem Leben, das klare Darlegen derselben durch das Leben
für Andere, zur Prüfung und A[n]eignung für Andere, dieß ist es allein was
uns allen, jedem Einzelnen und das Ganze fördern, das Menschengeschlechte
selbst zum Ziele der Menschheit führen kann.
Ich hoffe aus diesem allen kann Euch nun so ziemlich klar, - verglichen mit dem
was Euch Langethal darüber niederschrieb und wohl auch verbunden mit
dem was Ferdinand mir gegenübersitzend darüber niederschreiben wird
- die Blüthe und die Frucht unser jüngsten entscheidenden 14 Lebenstage /
[2R]
entgegen treten.
Nun zurück in die Einzelnheiten des Lebens. Es war natürlich daß mir
mehrmals während des Rückkehrens vom Knutwylbade der Gedanke [kommen] mußte
wie sich das Ganze im häuslichen und besonders im Lehrerkreise welchen es
eigentlich und zunächst betraf wieder ausgleichen würde. Wir kamen
spät zurück Langguth und Titus waren zu Bett. Langethal hatte während des Tags vorher
zu mir gesagt daß er mit Frankenbe[r]g, auch wohl mit Titus und Karl eine
Reise nach dem BernerOberlande in diesen Tagen beabsichtige. Dieser
Gedanke wurde gleich am Morgen des folgenden Tages bearbeitet. Lang[-]
guth hatte in seiner Eigenheit ausgesprochen daß er diese Ferien zu Haus
bleiben wollte und diesen Gedanken durch einen Grund unterstützt welcher mir
eben Grund vom Glauben des Gegentheils seyn mußte. Als nun Langethals
und Frankenbe[r]gs Reise berechnet war kam mir der glückliche Einfall
dem Langguth den Betrag des berechneten Reisegeldes baar auszuzahlen er möge
nun reisen oder nicht. Ja der Gedanke machte sich bald allgemein gel in
mir gelten[d] und so berechnete ich mit Ferdinand unserm Cassirer und
Zahlmeister unsere Kasse und nun zahlte ich: an Langethal - an Franken[-]
berg, an Langguth und an Roda 9tägiges und an Titus und Karl 6tägiges
Reisegeld nach schweizerischem Maaßstab sogleich baar[.] Dieß war wie der Mörtel
beym Mauerwerk, wie das Wasser bey den Fischen und die Luft bey den Vögeln
ein allgemeines gegenseitiges Binde- und Belebu[n]gsmittel; die Gesichte[r] erheiter[-]
ten, die Zungen löseten, und die Personen bewegten nun rege sich. Vor allem
trat nun Langguths reiselust und auch ein gewisser stiller Reiseplan
mit den Kleinen aus der Stadt zuerst hervor und stehenden oder viel-
mehr laufenden Fußes ging er das Ganze zu ordnen wobey wie er nachher
sagte besonders d[er] He. Dr Barth behülflich war. Künftigen [{]Montag oder Dienstag} wird
er in Begleitung von Roda mit circa 10 Knaben eine Reise über Bern, Mur[-]
ten zum Bieler See von da über Solothurn zurück machen. Wege Über die
Reisepläne La[n]gethals u Frkenbrgs - Karls u Titus hat Ferdinand schon
geschrieben.- Eben ist nun Ferdinand wie sein Brief erzählt mit den 4 
neuen Bernern nach den [sc.: dem] Napf gezogen; Langguth u v. Roda sind nach
Großwangen zu Vonwyl und so bin ich denn dar auch sonst alles nach
Hause gereist ist, mit der Frauenwelt ganz allein im Hause. Gern
hätte ich den Ferdinand begleitet wenn mich dieser Brief nicht gehalten
hätte. Er sollte schon gestern geschrieben werden; allein die mancher[-]
ley Reisevorbereitungen das Auspacken von Langethals Effecten
(sie kosten 7,5 Frken 9 Btzen 2 Rappen Fracht!) hat mich aufgehalten. Aber
nun kann ich Euch auch wenigstens die Freude verkündigen die Euere Sendungen
bey den betreffenden Empfängern gemacht hat. Noch gestern Abend wurde alles vertheilt. /

[3]
[ab hier Briefteil Ferdinand Fröbels:]
Willisau den 27. September 1834.
Euch allen meinen herzlichen Gruß.
Wie lange ist es wohl daß Ihr von mir die letzte etwas aus'führl[ic]h[e]re Nachricht erhalten habt
aber ich habe in diesem Halbjahre meine Zeit ordentlich zusammen halten müssen, denn einerseits die
Vorbereitung für die allgemeine Geschichte, die ich bald nach Ostern mit der ersten Klasse anfing und
dann die Verbesserung der schriftlichen Arbeiten meiner Klasse, in der ich einige 20 Schüler hatte,
machte mir ordentlich zu thun besonders gegen das Ende hin wo die meisten auch mit der Beschreibung
der Reise die wir mit ihnen auf den Weißenstein gemacht hatten, fertig wurden, denn mehrere
hatten 6-8 Bogen vollgeschrieben mit unter recht brav und namentlich waren auch die Reflexionen die sie bei verschie-
denen Gegenständen u Gelegenheiten angestellt hatten gut ausgeführt so daß wir auch in dieser Be-
ziehung am Examen manches Tüchtige vorlegen konnten, was mir um so lieber war; da der He. Edu-
ard Pfyffer
in dieser Hinsicht den Mangel bei der Prüfung in der Secundarschule gerügt, obgleich er sich
man kann wohl sagen nicht geschämt nach der Äußerung seiner Zufriedenheit im allgemeinen noch
besonders seine Freude darüber auszusprechen, daß man den Leistungen und den Antworten der Kinder
anmerke daß es nichts angelerntes sei obgleich man hätte taub blind und gefühllos sein müssen, wenn
man nicht gleicht [sc.: gleich] hätte hören wollen, daß die Antworten alle auswendig gelernt und vorher für jeden
einzelnen bestimmt gewesen wären. Die Fertigkeit mit der sie erfolgten, war allerdings zu bewundern
denn das rollte nach einander ab wie ein aufgezogenes Uhrwerk. Über unser Examen hat Langethal schon
ziemlich ausführlich geschrieben; fremde Urtheile sind mir persönlich eigentlich nicht viel zu Ohren gekommen
im heutigen Eidgenossen stand noch nichts darüber, was wir eigentlich erwartet, wahrscheinlich wird es künftigen
Mittwoch folgen. Daher nur einiges ü[ber] meine Stunden. Im Französischen hatte ich eigentlich bei der unter[en] Klasse mehr
Ursache zufrieden zu sein, als bei der oberen, das Übersetzen ging zwar auch bei diesen recht gut, aber als ich nun
anfing einzelne Sätze gleich mündlich ins Französische übertragen zu lassen, welche Übung ich immer mit dem
Übersetzen verbunden hatte indem ich mir bisweilen auch gleich auf französische Fragen Antworten in derselb[en]
Sprache geben ließ, ging es wie es mir vorkam schlechter als etwa in der Mitte des Halbjahres, was ich frei[-]
lich auch in den Stunden selbst hätte wahrnehmen müssen; im lateinischen u Griechischen ging es dagegen wirklich
besser als ich nach den letzten Stunden gehofft hatte, wo sie man[n]igmal ganz verwirrt geworden waren, auch
schien der Prof. Isaak von <Luzuum [sc.: vom Lyceum ?]>, der bis zu Ende aus gehalten ziemlich befriedigt dadurch. Von den Bernern wohnte
nur der He Pf von Hutwyl bei. Da zugl[.] während dieser Zeit in der Pflanzen[-] und Körperkunde geprüft wurde,
wurde es freilich zuletzt bei mir ziemlich leer, doch hielt eine ziemliche Anzahl eine geraume Zeit aus, auch der
Dr Barth u meh mehrere ganz gewöhnliche Leute. Auch in der Geschichte war ich mit den Antworten ziemlich
zufrieden, es aller waren allerdings mehrere in der Klasse sehr schwach, die überhaupt kein großes Interesse
für Geschichte und namentl[.] allgem. haben, aber die Mehrzahl wußte doch jede Frage zu beantworten, was dann
auch bei den gewöhnlichen Fragen nach Namen und Jahrzahlen von vielen zugleich geschah, selbst wenn ich einen
einzelnen aufrief und was ich auch mit unter geschehen ließ um desto mehr fühlen zu lassen daß nicht nur der
Gefragte die Antwort wisse, doch konnten mir auch mehrere, die ich aufrief einzelne Begebenheiten, bei denen
ich mehr ins einzelne ging gut erzählen, wie die Geschichte v. Krösus u Solon, <Klarbis u Butan>, Lykurgs
u Solons Gesetzgebung, der Krieg mit <Persena> pp, weswegen es mir etwas auffallend war als der
Oheim mich im Namen der Zuhörer aufforderte, die Fragen mehr an die einzelnen zu richten. Titus und
Frankenberg hatten ihre Prüfungen so ausgedehnt daß kein Gedanke mehr daran war, daß wir Rechnen noch
vormittags würden nehmen können und ich wollte mich nun auch nicht übereilen, aber obgl[.] ich die römi-
sche Geschichte des zweiten Zeitraums fast ganz übersprang u vom dritten Zeitraum, wo wir bis
zum Ende der pun. Kriege gekommen waren, gar nichts nahm war es doch 12 vor u als ich schloß u
nicht einmal mehr Zeit für d[ie] Erdkunde, die wir schnell noch hatt[en] nehmen wollen. Diese machte
nun Nachmittags den Anfang u ging gut. Aber nun kam Rechnen. Davor hatte meine Klasse schon
während der Stunden immer eine gewisse heilige Scheu sobald ich mich in die Verhältnisse verstieg,
u dieses hatte ihnen auch für das Examen am bangsten gemacht. Jetzt hatten sie sich schon halb u halb
dem süßen Traum hingegeben es werde gar nicht daran kommen, was nun durch die Einrichtung der
Vertheilung der Klassen in die verschiedenen Räume doch möglich gemacht wurde, was Wunder daß sie
ziemlich befangen in die Stunde kamen, abgespannt waren sie ohnehin. Die Lehre der Zinsrechnung ging /
[3R]
noch so ziemlich, aber schon an der Mischungsrechnung wurden sie ziemlich confus u als ich nun zur Vergleichung
der Größe verschiedener Körper kam waren sie ganz fertig nur mit der größten Mühe konnte ich end-
lich die Zurückführung der Aufgabe auf die Verhältnisse und deren Nachweisung durch führen setzen. Unsere <Zuscha>
Zuhörer hatten sich unterdeß schon ziemlich verlaufen und als ich nun eine neue Aufgabe geben wollte war
die Stube leer und somit unser Examen glanzvoll beendet denn die Aufgabe in Erwartung daß etwa wieder an[-]
dere kommen würden auszurechnen dag daran war kein Gedanke und ich konnte es ihnen gerade nicht verdenken.
So ärgerlich mir die Sache war so mußte ich doch zuletz[t] noch lachen wie sie froh daß die Angst nur überstanden
war, sobald der letzte Zuhörer zur Thür hinaus war ihre Sachen auch zusammen nahmen und auch aufbrachen,
und lachend schickte ich sie hinaus sich nun von ihren Zuhörern die verdienten Lorbe[e]r[e]n zu holen. Besser
gings in der darauf folgenden Lesestunde, wo ich bis zuletzt ein ziemliches Auditorium hatte, und wo
einige schöne Geschichte[n], die ich ausgewählt hatte auch ziemlich gut gelesen wurde[n].
Nachdem sich dann am
Abend, wo wi[e]der einiges gesungen und mit den Zöglingen musicirt wurde der große Haufe[n] verloren
wurde der große Ball eröffnet indem schon auf dem Turmplatz mehrere Damen den Wunsch oder die Erwar-
tung ausgesprochen hatten, daß etwas getanzt werden möchte, namentlich die Schwester der Frau Kilch-
mann u die Mutter des kl[.] Italieners, der nun hierbleiben wird, und wozu wir sie dann auch eingeladen
hatten, das Tanzen ging auch einarmig besser als an Fastnacht wo wir auf die Einladung der Herrn
ins Rößli gekommen waren und wo man es bei dem beschränkten Raum mit einigen Rippenstößen
nicht so genau nehmen mußte. Überhaupt war der Abend wohl auch vergnügter als voriges Jahr wo
die Herrn den <bedeutenden> Schmaus gaben, was wie sie schon vorher erklärt hatten dieses mal aus
Ökonomie unterbleiben sollte, und uns auch ganz recht war. Einen besondern Genuß verschaf[f]te uns noch
die Italienerin dadurch daß sie uns mehrere Arien aus italienischen Opern u Stücke aus Schauspie-
len vorsang und declamirte, was sie beides mit solcher Lebendigkeit, Ausdruck und Wahrheit
that, daß ihr alle den ungetheiltesten Beifall schenkten u man dem Ide[e]ngang immer folgen konnte,
obgleich wir von dem was sie sprach nur das wenigste verstehen konnten. Ich habe wohl kaum noch
eine Schauspielerin mit größerm Ausdruck spielen sehen. Es war 2 als wir endlich sehr vergnügt
aus einander gingen.
Langethal hat auch die Zwistigkeiten erwähnt, die unmittelbar darauf
unter uns ausgebrochen. Die augenblickliche Erscheinung war unwichtig und nur durch eine augenblick-
liche Laune Langgut[h]s herbei geführt, aber allerdings und leider liegt ihr eine durch viele zusammen-
hängende Kleinigkeiten u verschiedenheit des Charakters herbei geführte Spannu[n]g zwischen Lang[g]uth
und Frkb. Schn. u dad[ur]ch auch mit Frankenberg zu grunde. Ähnl[.] ist das Stehen der beiden gg [sc.: gegenüber] Roda, wobei aber
keiner ganz unschuldig ist. Roda ist Frankenb. nicht ernst genug u dieser macht wieder seine Witze über ihn u
jene Eigenheit. Trauriger ist daß die Störung[en] die wegen des beschränkten Raumes in der Ordnung bei
Tische während der Tage des Examens herbei geführt wurden, freilich auch nicht ohne Mitwirkung vor-
hergegangener Ereignisse und jener Spannung <mit> den Lehrer[n] selbst <mit> den bei uns wohnenden Zög-
lingen große Unzufriedenheit erregt haben soll[en]. Doch kann ich mir nachdem wie ich sie von früher her
kenne nicht denken, daß es eigentl[.] so gar ernster Natur gewesen sei, als sie von dem Referenden Titus Pfeiffer bezeichnet wird.- wenn [sc.: Wenn] auch in der augen[-]
blickl[.] Verstimmung wie es scheint harte Äußerung[en] gefallen sein sollten. Ich weiß wie es unter
uns in dieser Zeit Hinsicht manchmal in Keilhau gegangen ist. Die Erzählung dieser Ereignisse führte
dann zwischen Titus und mir einen ziemlich heftigen Wortwechsel herbei, weil Titus statt die
Sache gl[.] zu sagen, damit man sie frisch h[ä]tte beseitigen können, oder selbst einzuschreite[n], nun
endl[.] mit seinen Klagen darüber hervor trat, wo nichts mehr darin zu machen war, wodurch ich
allerdings dadurch noch heftiger wurde, weil mir Titus schon bei mancher Gelegenheit immer lieber über
die Unvollkommenheit[e]n zu klagen, als Hand an die Verbesse[r]ung zu legen schien.- Ich werde d[ie] Ferien zu Hau-
se bleiben.
Langeth. Frkb. Titus u Karl sind heute nach d[.] Berne[r] Oberld[.] aufg[e]brochen wo ich ja <auch> schon 2 mal
gewesen, wenn <auch noch> nicht überall. Titus u Karl werden vom <Kapulauigletscher> über <Grin al> u <Furka> die
Gotthardstraße zurück gehen, Langeth[.] und Frankenberg über das Faulhorn, <Lautenbrunnen> Thun u Freiburg <nach>
Murten gehen um persönl[.] den Mann der sich als Lehrer der franz[.] und ital. Sprache angeboten, kennen zu
lernen. Auch habe ich ja <d[iesen]> Sommer schon 2 schöne kl[.] Ausflüge auf den Weißenstein u <nach> Bern gemacht.
Heut Nachmittag werde ich mit den Schullehrern die [mi]t d[em] Oheim von Burgdorf g[e]kommen noch einmal auf den
Napf gehen, wo ich diesen Sommer recht oft war einigemal hatte ich mir Arbeit mitgenommen u blieb den
ganzen Sonntag oben.- Nun noch einiges über die letzte[n] Briefe der Kinder namentl[.] Christians u Bernhards. Der
erste scheint ganz in d[ie] Fuß[s]tapfen s[eine]s Bruders Karl treten zu wollen mit so losen Munde, ich würde <d[iesem]> Spitznamen geben
was in Keilhau wirkl[.] eine wahre Krankheit ist nicht so gestatten und am wenigsten gg [sc.: gegenüber] Lehrern.
Auch Bernhards /
[4]
Äußerung über seinen Gang [mi]t Leizmann nach Rudolstadt u das nachher erfolgte gefällt mir gar nicht, so wenig ich auch
die Unvorsichtigkeit Leizmanns rechtfertigen will die hauptsächl[.] darin bestand, daß er einen solchen Jungen
mit <sich> nahm, denn darin daß er die Gesellschaft nach Blankenburg begleitete, wenn es wirklich früher Bekannte waren, kann
ich auch weiter nichts finden selbst wenn er <noch> den Damen die Sonnenschirme getragen haben sollte, das habe
ich ja auch wohl schon mannigmal gethan, von Lei denn daß es Leizmann nicht zur Karrikatur getrieben da-
von bin ich überzeugt, und daß Bernhard etwas darin gesucht und gefunden verräth mehr auf seiner
Seite ein nicht mehr reines unbefangenes Herz. Dieses um Euch auch meine Gefühle, wie sie mir
bei Lesung des Briefes entgegentraten, mit zu theilen. Doch die Berner warten. Lebet
alle recht wohl. Auch von Roda die herzlichsten Grüße
Euer Ferdinand.

----------

[wieder Handschrift F.s:]
Ich fahre hier fort.
Leizmann schrieb an Langethal über das bekannte Verhältniß auf eine
Art welche mir ganz und gar nicht gefäl[l]t es ist eine solche theoretische Ver-
standessicherheit und reflectirendes Drüberstehen was mir gar nicht ge-
fällt. Um mein Urtheil zu rechtfertigen würde ich die Stelle aus L[an]ge-
thals Brief und eine andere aus einem Briefe von B. B., welche diesem
zwar nicht zum Lobe gereicht mir aber einen Blick in Leizmanns Un-
bestimmtheit in gewissen Verhältnissen oder zu große Bestimmtheit beydes
hier in seinem Endpunkte gleich thun läßt, - schriftlich mittheilen
wäre die Zeit dazu nicht zu kurz. Hat Leizmann in seinen praktischen
philosophischen Lebensansichten nicht etwas mit Bauer gemein? - nur
bey letzterem mit überwiegend mehr Gemüth und dort mehr reflecti[re]n[-]
den kaltem Verstande?- Ich bitte Euch seit sorglich. Ich bin in
der Ferne sehr besorgt. Mir scheint immer der Frauen natürliches
Gefühl über ihn sey zugleich ein Urtheil über ihn.
RR. Schneider schreibt am 21n Septbr aus Bern an mich:
"Unsere Armenerziehgsanstall [sc.: Armenerziehungsanstalt] wird ohne Zweif. mit 1 Decbr oder spätestens 1 Januar in's
"Leben treten. Es ist bereits eine
"Direction unter dem Präsidi[um] d[es] He. Reg[.] Statthalter Fromm er-
"nannt, welche den Pachtaccord über das Bättwyl Gut abschli[e]ßen
"die Einleitung zum Ankauf von Effecten und LebensMitteln treffen,
"den Vorschlag zu einen [sc.: einem] Lehrer machen und später die Aufsicht
"über die Anstalt führen soll. Die Wahl wird in Kurzem vor
"sich gehen und gewiß auf He. Langethal fallen; seine Anwesen-
"heit in Burgdorf hat sehr guten Eindruck gemacht. Ich freue
"mich recht sehr auf diese neue Schöpfung die für die ganze Repub-
"lik für die wichtigsten Folgen seyn muß, wenn sie auf richtige
"Grundlagen gebaut wird.-
"Über das Examen in Burgdorf sind die Urtheile sehr ver-
"schieden, wie man sagt. Das Departem: hat darüber noch keine
"Berathung gehabt, es erwartet vorher noch einige Berichte;
"derjenige vom Herrn Langhans (Director zu Münchenbuchse[e]) ist eingelangt /
[4R]
"und lautet meistens günstig[.]-
"Ich werde Ihnen später ein Mehreres darüber schreiben.
"RegsR. Schneider"
So auch ich Eu[e]r
       FrFröbel