Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 4.10.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 4.10.1834 (Willisau)
(KN 48,12, Brieforiginal 1 Bl 4° 2 S. mit vorgeordneter Abschrift des Prüfungsberichts
im „Eidgenossen“ v. 3.10.1834 durch Ferdinand F.)

Aus dem Eidgenossen No 79. Freitag den 3 ten Oct. 1834.
- Am Ende vorigen Monats wurde in Willisau in der Fröbelschen Erziehungsanstalt an den zwei festgesetzten Tagen öffentliche
Prüfung gehalten. Als Abgeordneter des Erziehungsrathes von Luzern erschien dabei HE Raatsschreiber Gunkeler. Geprüft wurde in
der französischen, deutschen, lateinischen und griechischen Sprache, in den Realfächern u aus der Tonlehre. Mit dem Religionsunterrichte, ge-
geben von dem würdigen HE Sextar Hecht, begann die Prüfung. Anfang u Schluß jeder Tageshälfte bildete ein herzerhebender 4-stimmiger Ge-
sang, entweder um den Lenker der Dinge um Beistand zu bitten, oder ihm für den geleisteten zu danken. Zahlreich ward dieses
Jahr die Anstalt von Zöglingen aus der nahen und fernen Umgebung besucht, die kräftigste Widerlegung der lieblos ausgestreuten
Verläumdungen. Zahlreich fanden sich aber auch von nah u fern Freunde einer wahren Volksbildung ein, u gewiß verließ
keiner dieselbe ohne vollkommene Befriedigung seiner billigen Forderungen. Nebenbei mußte das unbefangene aber auch anspruch-
lose u gesittete Betragen der Kleinen wie der älteren, sowohl in als außer der Prüfung u auf dem Turnplatze, fern
von jesuitischer Heuchelei, dem Beobachter eine wahre Seelenfreude erregen, u er muß Dank wissen dem HE Fröbel u allen
Lehrern, die ihren Lehrern nicht nur Kenntnisse beibringen, sondern durch liebevolle, wahrhaft humane Behandlung ihr Herz
veredeln, welche, um es kurz zu sagen, durch sorgsame Bildung des Geistes u Herzens sie zu Menschen heranziehen. -
Und nun, wo seid ihr gewesen, an den Tagen dieses Festes! die ihr allezeit schreiet, die Religion sei in Gefahr, die ihr dieselbe nur
da wähnt, wo ihr, eine lebendige Lüge, euch befindet; die ihr Kantonalanstalten u Privatinstitute, wo ihr eure, nicht
die Christuslehre, nicht findet, entweder aus Bosheit oder Unwissenheit verläumdet u verlästert, die ihr mit ungeweihter
Zunge hinausschreit, schicket eure Jugend zu den Jesuiten, als den Anstalten wahrer Religion u Wissenschaft, in denen aber
jene nicht gelehrt u diese nicht gekannt wird! Doch über euch sitzt die Zeit bereits zu Gericht. Dem Fröbelschen Institut aber
blühe Heil; denn es ist eine wahre Erziehungsanstalt!

Willisau am 4en 8br 1834.


Grüße Euch Gott.
Nur wenig, sehr wenig habe ich Euch zu schreiben, und wenn ich Euch das Vorstehende überreicht und gesagt habe: „hier ist
die uns zu Gehör und Gesicht gekommene gedruckte öffentliche Stimme über unsere jüngste Prüfung hier in Willisau“ –
so bin ich eigentlich mit dem was ich Euch zu schreiben habe, ganz am Ende, das heißt mit dem am Ende, was ich
Euch über unsern jetzigen Stand zu sagen habe. Viel, gar viel hätte ich Euch dagegen über mein inneres Stehen
zum Erziehungs- und Lebenszweck des Menschen, zum Leben als ein Ganzes zu sagen, woher sollte ich aber dazu jetzt Ruhe
und Zeit gewinnen, ob ich gleich gar sehr wünschte daß wir uns in der höchsten Lebensansicht und in den Mitteln und
Wegen zur Darlebung derselben immer mehr einigen möchten. Eine unaussprechliche Sehnsucht erfüllt daher bei diesem
herrlichen u heitern Herbst- und Wanderwetter besonders bey der Stille wegen [sc.: welche] wegen der eingetretenen Ferien um mich
herrscht mein Innerstes; wie gern, wie so gern schaarte ich mich zu den muntern frohen Vögeln die jetzt von hinnenziehen
und flöge zu Euch, wie so gerne stieg ich mit ihnen in den reinen klaren Äther um mich von ihm so lange tragen zu lassen
bis ich über Euern Thal angekommen mich in dasselbe und zu Euch niederlassen könnte! wie so gern durchzöge ich mit
ihnen Gebüsch und Wald in frohen Ruf und über Berg und Thal bis ich auch den letzten der Berge überflogen hätte
und bey Euch angekommen wäre. Doch ohngeachtet dieser Sehnsucht mindestens hinaus in die Ferne, das heißt
wenigstens zu mir selbst und in mich selbst und ohngeachtet der Leere und Stille um mich bin ich doch nicht frey
bin ich doch gefesselt und gebunden, habe ich keine Ferien, denn die um mich versammelten Schullehrer aus den Kanton
Bern – (: bis zum Martinstage 11 an der Zahl :) – geben mir den ganzen Tag hindurch ganz zur Genüge zu thun; aber
leider jetzt wo durch Selbstschaffen undSelbstleben so viel Großes Um- und Erfassendes in meinem Geiste und Gemüthe geweckt worden ist, wo ich immer klarer sehe was uns Menschen in der Zeit als Einzelnen und Ganzen
Noth thut
und die Mittel zur Erreichung die Wege zur Ausführung desselben zu erkennen glaube, jetzt fühle ich mich dadurch nur
wenig befriedigt. Ich komme mir bey meiner bis zur Ermüdung ja Ermattung angestrengten Arbeit wie ein Holzkäfer
vor der nur immer am todten Holze nagt, u todtes Holz zernagt um nur endlich einmal das klare heitere Sonnen-
licht zu erblicken welches schon längst das innere SeelenAuge erschaut. –
Aber auch äußerlich hält es bey allen angestrengten Arbeiten so schwer vorwärts zu kommen. Ihr wißt für meine
Thätigkeit in Burgdorf wurde wie ich Euch schon schrieb gleich vom Anfang eine bestimmte Summe festgesetzt. – Ich glaubte
nun im Verkehr mit einem Staate, und zwar mit einem solchen von dessen Reichthum man immer spricht würde ich – wenn ich
heute meine Arbeit beendigt hätte morgen mein Geld bekommen und so freute ich mich schon recht in der Seele Euch gleich
von Burgdorf aus noch eine Festgabe schicken zu können; allein wie jede, auch die kleinste Erwartung vom Äußern des Lebens
so wurde mir auch diese nicht befriedigt – weil, wie ich glaube, man erst noch lange darüber berathet ob man mir mehr u
wie viel man mir mehr bezahlen wolle. Ich wollte ihnen gern ihr etwanniges Mehr schenken, wenn man mir
die Freude gemacht hätte Euch die Freude zu machen und zur Erleichterung Eurer Michaelis Lasten Euch einen kleinen Beytrag
schicken zu können; ich schreibe Euch dieß so ausführlich damit Ihr sehet, wie es dem Menschen bey aller seiner
Thätigkeit zur Förderung der äußeren Lebensverhältnisse, damit doch so hinderlich geht.
Wegen der verschiedenen Burgdorfer Angelegenheiten kann ich Euch noch nichts weider [sc.. weiter] melden, als was ich Euch schon in
meinen jüngsten Briefen mittheilte. Es ist furchtbar wie langsam alles bey diesen communial- und republikanischen
Verhandlungen geht; - die beste Zeit geht verlohren, die besten Kräfte ertödten sich durch die ungewisse Unthätig-
keit – Man weiß gar nicht mehr wo man sich mit seinen Hoffnungen, Erwartungen und Bestrebungen nach Außen, hin-
wenden soll: Hier, wo nun alle Kräfte frey gegeben sind und wo sie sich wie in Schillers Glocke munter
und gegenseitig fördernd regen sollten, was thun sie nun? – sich gegenseitig hemmen. – Es bleibt dem /
[1R]
Menschen gar nichts mehr übrig als sich in den eignen Geist und das eigne Gemüthe und in die Erforschung des Wesens
der Dinge um sich zu versenken. Ich bitte Euch nur pflegt Euern herrlichen Familiengarten und laßt die jungen zarten
Gewächse nicht durch üppige Wucherpflanzen niederziehen. Immer mehr muß ich es sehen: jemehr die Menschen Men-
schenwohl und die Einsicht in das Wesen des Menschen im Munde führen, je mehr sie Erkenntniß desselben zu haben vermeinen
um so mehr treten sie dieselbe wirklich mit Füßen. Gegen jedes Wort von Menschenachtung und Menschenpflege möchte
man die Ohren zu halten, es klingt einem alles wie Lüge. Man macht immer mehr die Erfahrung die Menschen
reden nur menschlich, gut, damit sie nicht das wahrhaft Menschliche und Gute zu thun brauchen.
Laßt so viel als nur immer möglich Euere Kinder und ganz besonders auch Allwinen – durch die Sachen selbst und durch das
Selbstschaffen und Selbstthun sich entfalten und haltet sie ja nicht zu sehr zum Lernen durch abgezogene Begriffe an,
die jetzt gesteigerte Kraft wird sonst später nothwendig eine abgespannte, geschwächte Kraft. - Das Leben aber bedarf
nicht gesteigerte[r], erhöhte[r] Kenntnisse, sondern gestärkte[r], vermehrte[r], erhöhete[r] Thatkraft bey einfacher Wahrnehmung und
treuer Beachtung des Wahren und Rechten.
Für das viele Gute u Schöne was Ihr mit den Lieben Pflegesöhnen und Pflegetöchtern mir und uns mit den Lange-
thalschen Effecten wieder gesandt habt, meinen und unser aller herzlichen Dank; es hat mir und uns allen sehr
sehr viel Freude gemacht und besonders meiner und unserer aller lieben Mutter Herzen. Ich hoffe ja
daß mir auch bald einmal wieder Zeit werden wird alle diese lieben Gaben und Briefe zu beantworten.
Wer der lieben Allwina den Gedanken gegeben hat, mir den Schreibtisch zu zeichnen dem meinen besondern
Dank. Dir lieber Middendorff möchte ich vor allem gern schreiben, da es mir jetzt unmöglich ist bitte ich Dich nur
Dich ja auf das sorgsamste in Hinsicht Deiner Gesund[heit] zu schonen, ganz namentlich von Seite Deines Gemüthes
aus. Reiz- und erregbare Gemüther wie das Deine üben auf den Körper einen so mächtigen Einfluß aus daß
der Mensch dabey gar nicht sorgsam genug seyn kann. Um Deinetwillen wünschte ich ganz besonders eine persönliche Zu-
sammenkunft mit Dir. Zur ächten Nahrung Deines Gemüthes und zur Verarbeitung für dasselbe mußt Du besonders
Dir in der Anschauungswelt vielen Denkstoff suchen. Du solltest mit Barop Dich mit dem Zusammenhang mathematischer
Körper und deren Darstellung beschäftigen; Du solltest im Winter etwas Ähnliches fortführen was Johann früher
begann und Barop bis auf einen bestimmten Punkt durchführte, könnte ich Dir nur schriftlich die Aufgabe geben
aber {sie es} ist schriftlich gar zu schwer, so leicht es mündlich wäre. – Auch die Sprache möchte ich mit Dir bearbeiten
da denn alles ordnet sich mir immer inniger und lebendiger vom Standpunkte der Anschauung aus
als ein lebendiges G[an]ze; und das irdische Leben zeigt sich mir immer mehr wie die Morgendämmerung
des Himmlischen. Du kannst Dir nun wohl denken wie es oft mein Gemüth drückt die Sonne in dem
menschlichen Geiste nicht allgemein, wenigstens allgemeiner aufgehen zu machen welche die Erde
wieder als das erste Eden zeigt.
Lebt alle recht wohl. – Der Aufsatz mag vom Prof Isaak in
Luzern seyn. – Könntet Ihr nicht von demselben in den Rudolst.[ädter] Mittwochsbl[att] Gebrauch
machen.
Euer FriedrichFröbel