Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 25.10.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 25.10.1834 (Willisau)
(KN 48,14, Brieforiginal 1 B 4° 2 ½ S. Im Briefkopf Bild Zürichs)

Willisau am 25en Oktober 1834.


       Gott zum Gruß!

So sehr ich auch wünsche mich Euch über das innere und allgemeinere Leben und dessen zielerreichende
Pflege mitzutheilen; so werde ich doch bis jetzt noch immer durch das Drängen der äußeren Ver-
hältnisse und Forderungen davon abgehalten. Auch heute fordert die Sorge für die Sicherung
des äußeren Stehens und Bestehens zunächst meine Mittheilung an Euch.
Ihr wißt daß wir mit Ernst für die hiesige Anstalt einen Lehrer der französischen
Sprache suchen welchem dieselbe Muttersprache ist. Nun sind wir mit mehreren Punkten
deßhalb in Verbindung getreten, und werden mit einem jungen Manne aus Yverdon der
unsern hiesigen Bedürfnissen an [sc.: am] entsprechendsten scheint ohne Zweifel in der Kürze das Ver-
hältniß abschließen. Wir alle erwarten dadurch so wohl für die innere Ausbildung als die äuße-
re Sicherstellung der hiesigen Anstalt ganz wesentlich Erspriesliches. Bey meiner Sorgfalt
für die Vervollkommung des einen Punktes und nach der einen Seite hin kann ich aber nie das
Andere und das Ganze aus den Augen verliehren; - und so will es mir denn nach meiner
Kenntniß Eurer Bedürfnisse, und auch den übrigen Ferdinanden, Langethalen und selbst meiner
Frau welchen ich mich darüber mittheilte erscheinen, als müßte nach sehr vielen Seiten hin
es auch für Euch und Euer Wirken ersprieslich seyn, wenn in Keilhau ein junger Mann
Lehrer sey welchem die französische Sprache Muttersprache ist. Auf diesen Gedanken
und zur Festhaltung desselben brachte mich besonders ein Vorschlag, welchen mir Herr
Niederer, den Du Barop in Zürich kennen gelernt hast, und an welchen ich mich in dieser
Angelegenheit gewendet hatte, gemacht hat. Ich theile Euch nun denselben durch
Abschrift seines Briefes mit, damit Ihr, denen die Verhältnisse klar und bestimmt
vorliegen ebenso klar und bestimmt darüber entscheiden könnet.
„ Herrn pp Fröbel pp in Willisau       Iferten den 17en 8br 1834.
Hochgeehrter Herr
Sie werden glauben, ich habe Ihren Auftrag vom 17. August vergessen oder sey gar so /
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unartig denselben unbeachtet auf die Seite zu legen. Dem ist aber nicht also. Ich verlor
ihn nicht aus den Augen, nur wollte sich mir niemand darbieten von dem ich hoffen
konnte er würde Ihren Forderungen entsprechen. Jetzt hat sich mir ein junger Rapin
gebürtig von Payerne in Moudon geboren und später hier erzogen, dessen, vor ein
paar Jahren verstorbener Vater auch Schulmann war, dargeboten. Er ist 18-19 Jahre
alt, von sanften und bescheidenen Karakter, hat einige Übung im Unterrichtgeben
theils schon unter seinem Vater, theils als französischer Lehrgehilfe bei Herrn
Bandli der einer kleinen Pension vorsteht und würde in keiner Hinsicht überspannte
Forderungen machen. Kurz es ist ein Jüngling der als Gehülfe und Schüler zu
gleich für Ihre Anstalt taugte in der Art, wie einst die Unterlehrer bey Pestalozzi
und der ich bin es überzeugt als treuer Jünger sich an ihre [sc.: Ihre] Person und Anstalt
anschließen würde. Er könnte auf der Stelle zu Ihnen kommen: Schrei-
ben Sie mir daher sobald möglich ein bestimmtes Wort in betreff seiner.
Sie in Burgdorf in Ihrem Wirken zu sehen war mir recht erfreulich, um so
mehr da ich manches Originelle in Ihrer pädagogischen Kombinationsweise fand.
Gern hätte ich mir über Ihren Sprachentwickelungsgang eine deutlichere Einsicht
verschafft und die Wirkung Ihrer mathematischen Anschauungs- und Formenlehre auf
Ihre Schullehrer näher beachten mögen. Am liebsten würde ich dem Examen beyge-
wohnt haben dessen Ergebnisse den Schulfreund interessiren mußten.
Indem ich Ihren Brief vom 17en August noch einmal überlese, so glaube ich nicht
daß Rapin mit der französischen Litteratur und ihren vorzüglichen Wer-
ken „theoretisch und praktisch“ so bekannt ist, als Sie es wünschen müssen. Er ist
selbst eine mehr empfängliche und leitungsfähige und brauchbare, als selbst-
thätige und von sich aus wirkende Natur, und würde deßhalb Ihrer Anweisung
und des Hineinlebens in Ihre Grundsätze noch besonders bedürfen. Für die
Umgangssprache und zur Nachhülfe wäre er besonders zu gebrauchen. Ihn /
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an die Seite von Männern zu stellen, wie ich vorigen Jahres bey Neithardt in Zürich einen
Ihrer Gehülfen kennen lernte, davon ist durchaus keine Rede (: hier ist Barop gemeint :)
Er müßte sich an solchen heraufbilden, und ich glaube er würde es, und Ihnen dann wahrhaft
nützlich werden können, auch in dem Sinne wie Pestalozzi seine Unterlehrer heranzog.
Meine Frau erwiedert höflich Ihren Gruß. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau und gedenken Sie
wohlwollend Ihres Verehrers Niederer.“
So weit also Niederer. Das Ganze liegt nun nach jeder Seite vor Euch, Ihr habt zu überlegen.
Erstlich habt Ihr die Reisekosten zu bedenken, diese könnte ich in den Augenblick von hier aus
nicht tragen. Höchstens könnte ich es in Überlegung nehmen das bald gefällige Erziehungsgeld für KarlKle-
mens
zum Theil dazu zu verwenden. Zweytens müßtet Ihr und besonders Barop entschei-
den ob Euer jetziger Tisch den, wenn auch billigen Forderungen eines Schweizers entspricht.
Drittens. Hinsichtlich des Jahrgehaltes (was ich zwar noch nicht gewiß bestimmen kann) würdet Ihr
doch wohl auch 40 bis 50 Brabanterthlr rechnen müssen. Nach meiner Ansicht und Kenntniß
Keilhaus und seiner Bedürfnisse wären dieß aber keine den Vorschlag oder vielmehr seine
Annehmbarkeit vernichtenden Umstände. In Yverdon und den Pensionen des Pays de Vaud
wird ein gutes französisch gesprochen, Ihr bekämet die französische Umgangssprache, könnt
sonst den jungen Menschen heraufbilden zu Eurer Hülfe und würdet mehrfach frey be-
sonders Du Middendorff. Ihr müßt ja so künftige Ostern des Abgangs Johannes und den
von Felix gewärtigen und beyde hätte[n] dann noch in diesem ½ oder ¼ Jahr Gelegenheit sich selbst
im französischen zu vervollkommnen wodurch Ihr sie mit so größerem Bewußtseyn entlassen
könntet. Schreibt mir mit umgehender Post.
Es hat leider schon geschlagen. Die Stunden haben wieder begonnen; wir werden
künftiges ½ Jahr 50 und etl. Schüler und Zöglinge erhalten.
Habt Ihr durch E. [Emilie] den Wechsel über        Wir grüßen Euch Euer
Rth 95 erhalten? – Schreibt mir was Ihr damit                FriedrichFröbel
bezahlt habt. -