Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Middendorff / Johann Arnold Barop in Keilhau v. 30.10./8.11.1834 (Willisau)


F. an Wilhelm Middendorff / Johann Arnold Barop in Keilhau v. 30.10./8.11.1834 (Willisau)
(KN 48,15, Brieforiginal 2 B 4° 7 S. Briefkopf mit Ansicht von Zürich. Dem Brief lag auf einem Blatt
8° ein Gedicht an Barop zu dessen Geburtstag am 29.11.34 bei.)

*
Die weißen Berg der Ferne,
Sie grüßen ach so gerne
Verwandte Menschenseelen
Die sich ein Leben wählen
Das ihrem Daseyn gleichet,
An ihre Bahnen reichet:
Das in den Tiefen gründet
Und in den Höh’n sich findet;
Des’ Wurzel nicht zu schauen
Das sich mag hoch erbauen
In reinen Äthers Bläue
Mit steter Lebenstreue
Deß Ziel in fernen Zeiten
Erst wird zu Wirklichkeiten.
So grüßen sie auch heute
Mit hocherhöhter Freude
Dich in des Morgens Schöne
Die treuen Äthers Söhne
Durch Blumen von den Höhen
Die ihnen nahe stehen.
*
           Aus Willisau
am 30sten Oktbr 1834.
Euch Middendorff und Barop! grüße ich und durch Euch alle Eure Geliebten und in Liebe mit Euch Einigen durch
diese “Kleine Gabe der Reise in den schönen Tagen der Herbstzeit im Jahr 1834“, womit
Langethal mich nach Beendigung seiner und Frankenbergs Reise nach dem Berner Oberland und nach
Beendigung meiner und meiner Frau Reise nach dem klaren Zürichsee in Begleit[ung] einiger Bergbl[umen] begrüßte.
Denn ich glaube das was ich Dir Middendorff und Barop zur Beantwortung Eurer Briefe an mich
und über die Einigung, den Zweck und das Ziel unseres Lebens sagen möchte nicht besser beginnen zu können.
Es ist nun seit länger als einem Jahre wieder besonders auch in der letzteren Zeit viel Gutes, Wahres und auch wohl Schönes von
uns und ganz namentlich auch v. Euch über unser Gesammt- und Einzelleben dessen Ziel und Zweck den dazu angebahnten Wegen und
besitzenden Mitteln überhaupt über das gesammte äußere und innere Stehen unseres Gesammtlebens ausgesprochen worden; mir
aber will es erscheinen als herrsche in diesen Lebensansichten und Lebensmittheilungen noch gar zu viel Einzelnes, und entbehrten
sie noch immer des wahren inneren Zusammenhanges, der ächten Lebenseinheit, wodurch was man wohl in vollster Wahrheit sagen
kann, bey aller Redlichkeit, Treue, Ausdauer, Hingabe, ja Aufopferung der Einzelnen und aller verbundenen Einzelnen, doch noch so viel
Getrenntes, besonders Halbes, Einseitiges also überwiegend mehr Hinderndes und Hemmendes als Förderndes im ganzen Leben, in unserm Leben als
ein einiges Ganze. Du mein l. Middendorff suchst und willst im Leben wie nach Deinen Briefen Klarheit in, wie außer Dir, eine Einzige
Klarheit im Seyn und Erscheinen suchst Du für Dich und für die Deinen; Du mein l. Barop willst und suchst wie nach Deinen Briefen
so in Deinem Leben für Dich wie für die Deinen Wahrheit in, wie außer Dir, nur die Eine Wahrheit im Seyn und Erscheinen; bey-
des Euer Streben ist in sich wieder Eins. Jeder von Euch theilt mir auf seine Weise mit viel oder wenig Worten in Empfindung oder
Lebensthatsachen sein Streben und dessen Ergebnisse mit darinn finde ich den Ausdruck Eurer so klaren als festen Überzeugung: daß
ich ganz Euren Lebenszweck, Euer Lebensziel, Euer Lebensstreben theile. Dieß nun veranlaßet mich, ja fordert mich auf, mich Euch über
diesen hochwichtigen, ja alle Lebensbestrebungen in sich einenden Lebenspunkt, so wahr, so klar, so offen und wie auch fest und bestimmt
doch so heiter freundlich und liebevoll auszusprechen als es überhaupt durch schriftliches also erstarrtes Wort nur immer möglich
ist. Es muß hierbey der freywillig aus einem liebenden Gemüthe kommende Wille obwalten niemanden auch nur leise wehe zu thun
denn ich spreche ja zu Euch und durch Euch zu den Euren und zu denen, die mir lieb und theuer sind.
Je mehr sich unser Gesammtleben als ein in und durch sich einiges ausbildet und darstellt um so klarer und bestimmter tritt
aber auch die Wahrnehmung hervor daß unser Leben als ein Ganzes angeschaut nach gar manchen Richtungen und Bezieh-
ungen hin nur noch ein verbundenes, durch äußere Umstände und Lebensverhältnisse gebundenes ist und ich wollte es nicht
wagen zu behaupten daß wenn in diesem Augenblick aller Druck von Außen von uns allen und von einem Jeden unter uns so
genommen würde so, daß jeder frey und selbstständig sich hinwenden könnte wohin er wollte, daß dann nicht nur gar manche
Trennungen im Äußeren, sondern namentlich auch in dem Innern unserer Gemeinsamheit hervortreten würden, so sehr das
Ganze jetzt als ein sich verstehendes einiges erscheint, sie würden wähnen, durch sich selbst auf den von ihnen erkannten Wegen und durch die
ihnen bekannten Mittel leichter mindestens zu ihrem Ziel und Zwecke zu gelangen. – Die Sache ist wohl wichtig denn sie ist der Punkt
und Stein vieler Lebenstrennungen darum muß sie einen tiefen mindestens allgemeinen Grund haben. Laßt uns suchen
ihn zu finden es wird auch für uns zur Klärung und Einung unseres Lebens im besonderen und Allgemeinen wichtig seyn.
„Nichts steht in dem All allein: jedes Ding ist auf seiner Stufe ein Ganzes in sich, allein zugleich wieder ein Glied in
Beziehung auf ein Ganzes höherer Ordnung“; - jedes Ding im All ist Zweck und Mittel zugleich – jedes Ding steht also zu-
nächst im All in einer doppelten Beziehung: übergeordnet zu einem Untergeordneten; untergeordnet zu einem
Übergeordneten; - jedes im All in der Welt ist zugleich erzeugt und erzeugend; - jedes Wesen als erscheinend
eint so in sich Abhängig- und Unabhängigkeit; Freyheit und Nothwendigkeit. Dieser hier vielfach gestaltete
Satz ist nun der welcher uns die Auflösung unserer vorliegenden Aufgabe reichen wird. - Denn: das
Nicht-ungestöhrt-in-sich-keimen-lassen, das Nicht-klar in sich-entwickeln, das Nicht-klar-Erkennen und das Nicht-allseitige /
[1R]
Lebenvolle-Anwenden dieser Wahrheit ist es, was statt innerer und äußerer Lebenseinung, innere und äußere Lebenstrennung bewirkt.
Frage Dich Barop mit Deinem Streben nach Darstellung der Wahrheit in Dir und außer Dir; frage Dich Middendorff mit Deinem Ringen nach Erreichung von Klarheit in Dir und außer Dir, fraget alle unser Lieben mit ihrem Mühen nach Ausführung des Besten in sich und außer sich wie sie es auch immer benennen mögen; -kommt Ihr zu Euerm vorgesteckten Ziele, kommen sie zu dem Ihrigen? – Ich bin überzeugt Ihr könnet eben so wenig als sie und als ich ein allgenügendes erschöpfendes Ja! sagen. Warum? - Der Grund liegt in dem Angegebenen.
Darum Barop, wenn Du nur Wahrheit in Dir, geschweige denn sogar außer Dir erringen willst, so mußt Du alles um Dir zur inneren und äußeren Wahrheit zu erheben streben, deßhalb Middendorff wenn Du nur Klarheit in Dir geschweige denn sogar außer Dir erringen willst, so mußt Du alles um Dir zur Durchdringung innerer und äußerer Klarheit erheben. Und so frage ein Jedes Eurer, unserer Geliebten und sie werden Euch von ihrer Ansicht aus dasselbe aussprechen müssen. Mit dem Arbeitenden, Schaffenden soll alles arbeiten und schaffen und habt Ihr nicht erfahren daß mit dem Liebenden alles lieben soll? – und da [er] dieß selten vom Menschen erwarten darf, so wendet er sich an die Blumen welche man das Gestaltete innerer Liebende
nennen könnte, von wo aus er also der Erfüllung seines tiefsten Herzenswunsches gewiß ist. In diesem Streben haben Tausen-
de von Erscheinungen im Leben ihren Grund welche uns oft mit Lilien- und Rosen- oft mit eisernen und Demantfesseln umschlingen.
Wir sollten nur schon längst mehr darüber nachgedacht haben, so würden wir schon längst weiter in der Lebenseinsicht und Lebens-
einigung vorgerückt seyn. Wenn der Mensch nur geboren wenn er nur eben erst Säugling ist, nimmt er nicht das Leben zunächst
der Mutter und endlich fast aller Familienglieder bis zu einem gewissen Zeitpunkt ganz in Anspruch? – Warum? – Nach
obigem Gesetze: - er kennt und will nur Leben, nun soll auch alles ihn umgebende im Lebenpflegen aufgehen? – Ist nicht
die Mutter mit All ihrem Leben mit allen Richtungen ihres Leben Empfinden und Denken wie an das Kind gekettet? –
Wie sind Maria und selbst Joseph mit all ihrem Denken und Empfinden ja mit all ihren Lebensbestimmungen in dem Leben
Jesu aufgegangen? – Wie setzte Jesus aber auch diese ungetrübte innere Lebenseinigung zwischen ihm und seinen Eltern voraus als
er der ihn gesucht habenden Mutter im Tempel antwortete, und wie nimmt sie nun in und mit diesen Worten wieder sein ganzes Leben
pflegend und bewegend in sich auf, aber nicht äußernd in und durch Empfindeley sondern sich dadurch stärkend zur Ausdauer in
dem widrigsten und härtesten Lebenskampf. – Darf ich es wagen an diese Edlen, Erscheinungen meines Lebens anzureihen? –
Erinnert Ihr Euch vielleicht manche noch jetzt schmerzende Wunde nicht wie ich für den Grundgedanken meines Lebens in dessen
Pflege mein eigenes Leben aufgieng und noch aufgehet, wie ich dafür auch die Pflege alles mich Umgebenden in Anspruch nahm,
ja ohne allen Zweifel erwartete und in dieser Hinsicht fast kein Hinderniß und Hemmniß nie erkannte und anerkannte? –
Das Leben ist sich in seinen Erscheinungen und in seinen Lebensgesetzen überall gleich in seinen Gründen. Laßt es uns auf einem
ganz anderen und ganz verschiedenen Felde sehen. In diesem Streben alles Umgebende innerlich und äußerlich in einem
Lebenszweck und Lebensstreben geeint zu sehen haben alle Zünfte, welche eben dieser erstrebenden innerlichen und äußerlichen
Einigung wegen recht entsprechend Innungen heißen, ihren Grund.
Du Barop, kannst Dir dadurch auch das Betragen Deines Vaters gegen Dich, erklären, welcher freylich von einem sehr beschränk-
ten und einseitigen äußerlichen Standpunkte aus Recht hatte. Eben so Du Middendorff Du kannst Dir dadurch noch mehr das
Betragen Deiner Schwester Maria Catharina (bey Deiner ersten Anwesenheit von Keilhau aus in Westphalen)
gegen Dich und mich erklären. Beyde hatten von sich aus Recht aber auch so entgegengesetzt Recht als sie in sich rein
entgegengesetzt sind. Ich will es gar nicht läugnen, denn es liegt klar am Tage und wird ewig merkwürdig bleiben
beyde Menschen haben mich ganz recht erkannt und ob sie mich gleich nie sahen doch mehr durchschauet als viele andere
welche lange Zeit mit mir lebten. Beyde hatten die große Lebens-Wahrheit erkannt und erfühlt beyde mit einer höchst
seltenen Um- und Erfassung: - Der Mensch ist Ganzes und Glied zugleich um als besonderes Ganzes in sich die Möglichste
Lebensvollkommenheit zu erreichen, muß er unverletzt und treu Glied des ihn umfassenden Allge-
meineren Ganzen seyn. - Dieß ist der einigende oder vielmehr schon in sich einige Punkt beyder. Nun aber kommt die Trennung
wodurch sich der eine zur Linken die andere zur Rechten und zum Rechten und ächten wendet.
Jener sahe daß mein Lebensganze[s] meine Lebenseinheit nicht das Ge- und Vereinte und so zerfallende Mannigfal-
tige sey – weil wir aber als irdische Erscheinung bis jetzt uns nur dadurch als Einzelne, und somit der Einzelne
erhalten kann, nur einzig erhalten zu können scheint, so forderte er von dem Einzelnen der ihn in dieser Beziehung
zweifelnd erschien und über welchen er wenn auch nicht durch seinen Willen doch durch sein Wollen bestimmen
konnte, daß er sich an das äußerlich sichtbar bestehendste als treues Glied anschließen möchte u. s. w.
Anders das weibliche Gemüthe M. C. Sie fühlte nur in dem Ganzen nur in der Einheit kann das Einzelne
lebenvoll bestehen aber alles Äußerliche ist vergänglich besonders in der jetzigen Zeit vergänglich und so forderte
sie das ihr nahestehende jugendliche Gemüthe auf sich dem bleibenden dem innern anzuschließen u.s.w.
Das Handeln beyder ist höchst wichtig muß für Euch durch die es hindurch gieng, die Ihr die Folgen davon traget
besonders wichtig seyn, denn dieß Handeln hat nicht nur besondere persönliche, sondern ganz Allgemeine
Bedeutung. Deines Vaters Handeln Barop gegen Dich und mich ist eigentlich das repräsentative Betragen
aller Männer und das von Maria Catharina das ausgebildete vollendete Betragen der Frauen gegen
mich mein Wollen und meinen Lebenszweck. Jene möchten mein Wirken und meinen Lebenszweck je mehr
und näher sie ihn zu erkennen meynen um so lieber vernichten und überall nur mit sichtbaren Wieder-
willen weil sie nun einmal nicht anders können fördern sie mein Werk aber gewiß nicht weiter als
ein gewisser unsichtbarer Zwang geht. Anders die Frauen, ich kann mich keiner Frau erinnern, welche mir eigent
entgegen gewirkt hätte bis und dieß umso weniger als sie mit meinem Streben bekannt wurde, und dieß bis in
die neuesten und jüngsten Erscheinungen hin. Übrigens gehört Maria Catharina mit zu den geist- und gemüthvollsten
Erscheinungen dieser Art.
Diese Darstellung kann in seiner Anwendung auf unser Leben großes Licht über dasselbe verbreiten viel zur
Vollkommenheit, zur Vervollkommnung desselben beytragen. –
Aus gleichen, wie den hier dargelegten Gründen, forderst Du Barop! in der Gesammtheit meines Lebens, in all meinen Empfinden /
[2]
Denken und Handeln Wahrheit und weisest sie nach; darum wirst Du sie auch immer mehr und mehr finden, je mehr
Du mein Leben als ein Ganzes überschauest wie die innere Wahrheit unter den gegebenen Bedingungen äußerlich rein erscheinen
kann. Du Middendorff wünschest volle Klarheit in der Gesammtheit meines Lebens meines Denkens Empfinden u Thuns
und es erheitert Dein Leben, wo Dein Blick sie schauet; deßhalb wirst Du sie auch immer mehr und mehr sehen je mehr
Du mein Leben in seiner Ganzheit durchschauest, je mehr Du selbst in Deinem Leben durch Denken und Erfahrung erkennst
wie die innere Klarheit unter den gegebenen Bedingungen äußerlich wirklich erscheinen kann. Ich weiß es recht gut und
weiß es lange, Andere wünschen das Hervortreten anderer Erscheinungen an und in meinem Leben, das Hervortreten
meines innersten Lebens nach anderen Richtungen z.B. der Arbeitsamkeit, dem Schaffen, der Mäßigkeit und Sparsam-
keit, der Pflege des besonderen Familienlebens, des Denkens, des Forschens u.s.w. Alle diese würden was sie suchen klar
und bestimmt auf das in sich geordnetste in mir ausgeprägt finden und in meinem Handeln wenn sie darüber nachforschten
und das Leben streng beachteten wie unter der Bedingung des Allgemeinen und der unter der Forderung des Ganzen das
Besondere und Einzelne hervortreten kann und darf. Früher – ich will es ganz und gar nicht läugnen – habe ich in mir
durchdrungen von der innern Klarheit, Wahrheit und Lebensbeachtung meines Lebens – dieß alles äußerlich nach zu
weisen mich bemühet; ich darf es gestehen ich habe mich darinn und darum abgemühet, seit ich aber wahrnahm daß ich schlech-
terdings nur Entgegengesetzte auf diesen Wege erreichte und man meinen reinsten Gesinnungen die trübsten Absichten
unterschob seit jener Zeit und jetzt immer mehr sehe ich von jeden äußerem Urtheil - außerdem daß es mich wohl
aufmerksam macht – gänzlich ab, ruhend auf und in meinem Bewußtseyn, überzeugt es wird – wenn mein Gesammt-
leben überhaupt in engern oder weitern Kreise einmal der Gegenstand der prüfenden Beachtung werden sollte - dann
auch die Zeit kommen wo mein Wesen und Leben wie in seinem Innern so in seiner äußeren Erscheinung klar erkannt und durch-
schauet werden wird; und man wird dabey wie die Erscheinung der Einheit und Allseitigkeit meines Strebens und meiner
Bestrebungen, so die Bedingung der Allgemeinheit der Allumfassenheit zum Grunde legen. Man wird mein unter den vernich-
tendtsten Kämpfen festgehaltenes Streben als Ganzes und als Glied, als ächtes Gliedganze nach allen Beziehungen zu
leben anerkennen und man wird darinn Weg weisend für die Entwickelung der Menschheit u die Ausbildung des Men-
schengeschlechtes u.s.w. zur Vollkommenheit und für Vollendung viel finden wo man jetzt nichts ahnet; denn derjenige Einzelne
oder das Ganze welcher jene Doppelseitigkeit in seinem Leben nicht erkennt, anerkennt und demselben getreu u gemäß
lebt arbeitet sich ohne Zielerreichung zu nicht, so wie derjenige Einzelne oder dasjenige Ganze bey dessen Beurtheilung seiner besonders selbst-
thätigen Lebensentwickelung jene Doppelseitigkeit als Gliedganze und jene auf- und absteigende
Verknüpfung nicht fest im Auge behalten wird - nothwendig in allen Theilen seiner Thätigkeit und Wirksamkeit
verkannt und mißverstanden werden muß.
Sehet nun da beyde den Schlüssel zu einer Menge Erscheinungen in unserm Leben so wohl in Hinsicht auf das und den Einzelnen
als in Beziehung auf das Ganze ganz besonders auch den Schlüssel zu der Erscheinung unseres Lebens daß unser Gesammtleben
noch in so vieler Beziehung mehr einem äußerlichen Verbande, einem Vereine gleicht als eine ächte Einung in sich
und durch sich erscheint. Man erfaßt mich mein Leben und unser Wirken einseitig als ein Ganzes aber man betrachtet
es nicht auch als ein nothwendiges lebendiges Glied eines größeren und des größten Lebganzen; man betrachtet es
höchsten so wie mich nur in absteigender nicht aber auch in Aufsteigender Verknüpfung, und darum die Lebenser-
scheinungen wie sie sind, denn selbst in unserm engeren Leben kann die letztere Erkenntniß und Anerkenntniß nicht allgemein
Kraft gewinnen, denn selbst da wo sie theoretisch und mit dem Munde als Wort ausgesprochen wird
bleibt sie doch in der Anwendung noch vereinzelt und schwach. –
Umso mehr nun dieß im Einzelnen und bey Einzelnen unter uns d.h. in unserm Kreise der Fall ist um so mehr müssen wir uns
selbst d.h. diejenigen die wir uns in unserm Empfinden Denken und Handeln am wenigsten miß- und uns am meisten darinn
verstehen zu immer größerer durchgreifender lebenvollen, innigen Einigung, vom Verein zur Einung erheben; – aber
hier ist so wohl das noch nicht klare und besonders lebenvolle Verstehen des Geistes und Zweckes des Ganzen, als aber
auch das, sich und seinen eigenen Lebensweck Nicht-verstehen des Einzelnen, sein eigenes Sich-Mißverstehen ein ganz wesentliches
Hinderniß dazu, denn - wir finden es bemerkt wir mögen uns hinwenden wohin wir nur
wollen zu irgend einem Einzelnen oder zu irgend einen Ganzen was ja doch immer wieder ein Einzelnes und Besonderes
ist, immer finden wir es bestätiget: - Das Ganze, kein Ganzes kann in seiner Entwickelung vorwärts wenn
das Einzelne welches ein Glied davon ist zurück bleibt in seiner Entwickelung, und das Einzelne, der Einzelne, welcher
Glied eines Ganzen ist kann nicht in seiner Entwickelung vorwärts, wenn das Ganze wovon er ein Glied
oder ein Theil ist in seiner Entwickelung und Ausbildung zurück bleibt
. Könnte dieser Satz und dessen durchgrei-
fende lebenvolle Wirksamkeit mit der ersten Muttermilch eingesogen werden, nein, nicht erst dann, sondern
schon dann wenn der erste Blick {der Liebe der Seele} aus der Seele des Geliebten und Liebenden durchs Auge Leben saugt, eingesogen
werden, so würde es bald mit der Ausbildung des Menschengeschlechtes der Entwickelung der Menschheit besser
und sicherer stehen. Ich bin mir bey jenen Blicken der Augen und bey jenen Empfindungen meiner Seele jener Stimmung klar be-
wußt, und ich zweifele keinesweges daß sie bey irgend einem Menschen dessen Gemüth und Leben nicht früher verrückt
sey, nicht statt finden sollte; allein von der unverrückten Festhaltung, von der lebenvollen Durchführung und allgemeinen Anwendung
im Leben hängt es ab, hängt davon ab das [sc.. daß] gegenseitig gleiche Rechte in dieser Beziehung anerkannt werden. Was eigentlich
auch nur die ungetrübte, reine Liebe will, deßhalb ist alle erste wahre u reine Seelenliebe mit Ernst, oft hohem Ernst ge-
paart u.s.w.
Doch ich kehre zurück zu der mir zur Lösung vorliegenden Aufgabe und knüpfe an das an was ich eben sagte: - „daß auch
das sich und seinen Lebenszweck Nicht-Verstehen des Einzelnen, sein eigenes Sich-selbst-Mißverstehen ein
ganz wesentliches Hinderniß zur stetig lebenvollen Fortentwickelung zur reinen Darlebung der Menschheit zur
vollkommenern Ausbildung des Menschengeschlechtes ist.“ Und so wende ich mich denn zuerst an Dich mein lieber
Middendorff, Du sprichst mir in Deinem jüngsten Deinem Reisebrief (vom 20n 7br bis 3 8br.) von „Deiner Sehnsucht nach thau-
heller Reinheit“. Doch ich will die ganze hierher bezug habende Stelle hier wieder schreiben es wird zur gegenseitigen Klärung
und Verständniß dienen. Du fährst fort: „Das leiseste Fehlen schmerzt mich tief. Wogegen ich es begangen damit muß
ich es löschen und sühnen. Ich denke oft Ihr fürchtet diese Weichheit oder wie Ihr es nennen möget; aber ich trete erst so
in mein Wesen. In dieser scheinbaren Aufgelöstheit fühle ich Felsenstärke, nichts als den Trieb in der ewigen Einheit
und Einigkeit zu leben, zu seyn, zu wirken. Darum hat es mich auch geschmerzt das [sc.. daß] Einzelnes von mir wieder das
Alte hervorgerufen.....Alles ist leicht gesagt wie es gekommen. Aber das Nicht Rechte weiß ich. Aber es kann
auch nur ganz von innen ausgehoben werden. Mein ganzes Leben und Streben war bisher mit seiner eigentlichen /
[2R]
Richtung zur Rückkehr gewandt zu dem völlig reinen Seelenzustand zurück zu kommen. Darum von allem Handeln zurück wie-
chend. Denn ein Handeln ohne aus dieser Einheit hat mir nie etwas gegolten. So nahe ich mich jetzt erst allmählig
und wohl noch langsam zu dieser zweyten Lebensgeburt: Handelnd mit dem All mit dem Leben zu gehen. Darum
mußtest Du auch immer unzufrieden mit mir seyn, wie ich es jetzt mit Johannes ähnlich aus ähnlichem Grunde
bin. - Aber Gott sey es ewig gedankt mit der immer vollendetst[er]en Rückkehr und Einigung wird das Handeln auch
immer bereiter.“ Zuerst sage ich daß ich diese Stelle deßhalb ganz herschrieb, damit das was ich hervorheben will nicht
aus dem Zusammenhang herausgerissen erscheine, und damit Du nicht in Dir in Ungewißheit seyest ob ich denn auch wirklich
bis zu Ende gelesen und Dein jetziges Stehen bey meinen Gegenmittheilungen beachtet habe. Nun aber zur Hauptsache.
Du hast oben gesehen daß {jedes Wesen jedes Ding} und nochmehr jeder vernünftige Geist, jeder Mensch ein Gliedganzes ist daß also
auch Du ein Gliedganzes bist, welches ohne Selbstvernichtung in sich oder ohne zerstöhrende Trennung nach
Außen aus dem Lebganzen wovon es ein Glied ist, sich nicht herausreis[s]en kann. Dieß liegt sowohl in der Sache - der
inneren Einung aller Dinge und Wesen an sich – als es zum Heil und Seegen jedes Einzelnen und des Ganzen, zum
Heile des Menschengeschlechtes und der Menschheit ist, denn bey dem unaufgehaltenen sich in sich selbst steigernden Fort-
schreiten und Ausbilden Einzelner, würde zuletzt die Mehrheit und Menge, das Volk wie eine träge wie und nicht zu
erhebende Masse zurück bleiben; wie uns dieß gar manche häuslichen oder vielmehr wirthschaftlichen Erschei-
nungen zeigen. – In dieser Erscheinung, in der Furcht vor dieser Erscheinung mein l. Middendorff ist das zweyfache
wenigstens fragend ausgesprochen worden: [1.] Ob denn geistige Reformationen wirklich zum Wohle des Menschenge-
schlechtes dienen, wie z.B. die durch Luther bewirkte. 2ns ob das Erscheinen großer geistiger und sittlicher Heroen
nicht wirklich mehr ein Nachtheil als ein Gewinn für das Menschengeschlecht sey, auch dann deßhalb, weil das
Menschengeschlecht dadurch in die Fessel der Authorität gerathe.
Jesus welcher sich selbst immer nur den Menschensohn nannte durfte sich auch in Gethsemane und am Öl Kreuz der Grenzen und Fesseln
der Menschheit des Menschseyns vielmehr nicht entschlagen als er sprach: „Ists möglich so gehe dieser Lebenschmerz bey mir vor-
über! und – Mein Gott! mein Gott! warum hast Du mich verlassen.“ – Doch bis dorthin hatte die Menschheit noch ihr eigenes
Wesen nicht erkannt: Gottheit in der Menschheit, doch ka bis dorthin hatte der Einzelne Mensch sich noch nicht erkannt wußte
noch nicht was er in seinem Wesen und durch sein Wesen zu erreichen zu leisten im Stande sey. Alles dieß hat
uns aber nun bis jetzt das christliche Märtyrerthum gezeigt und gelehrt auch das Heroenthum der Natureinigen
Menschen hat uns darein klärende Blicke thun lassen obgleich ihr Leben und Wirken von dem der christlichen Helden so weit
überstrahlt wird. Diese Zeit des Heroenthums und jene Zeit des Märtyrerthums ist vorüber. Jede Zeit hat aber wenn
es wirklich eine in sich abgeschlossene Entwickelungsstufe ist ihre Helden und ihre Märtyrerthaten. Wir haben
uns ja oft genug darüber ausgesprochen. Auch die jetzige Zeit hat ihr Heroenthum und ihr Märtyrerleben aber es ist
anders gestaltet als das frühere weil wir in einer anderen Zeit leben. Es besteht in einer gewissen Verzichtleistung auf die
durch Anlage und Umstände zu erreichende innere und äußere nur persönliche Vollkommenheit, damit unsere nächste Umgebung un-
sere Mitwelt in kleineren oder größeren Umfang zunächst nur {in Mehrheit in Vielheit} zu der Stufe der Menschheit erhoben werden
auf und in welcher die Menschheit in mehreren seiner [sc.: ihrer] Glieder jetzt schon steht. Das jetzige Heroenthum und Mär-
tyrerleben besteht nicht darinn nur dafür zu wirken daß nur etwas sey und daß allem vorerst wir es seyen, sondern dafür
zu wirken daß Andere es seyen und nach Lebensgesetzen es werden können, es kommt also vor allem darauf an jene
Lebensgesetze wie etwas und nach welchen etwas –höhere menschliche Vollkommenheit - seyn und erscheinen könne
aufzufinden und nachzuweisen damit die Menschheit auch die Wege dazu betrete und die Mittel dazu anwende.
Genug es handelt sich jetzt nicht mehr um die Erhebung und Vollkommenheit des Einzelnen und der Einzelnen Menschen, dieß
ist hinlänglich genug schon im Leben dagewesen wir wissen, die Menschheit, das Menschengeschlecht weiß oder weiß nicht
kann nicht einsehen was da gewesen ist, darum handelt es sich jetzt um die Erhebung des ganzen Menschengeschlechtes
eben deßhalb damit viele einsehen, viele erkennen und ausüben können was der Einzelne zu leisten im Stande ist.
Persönliche Vollkommenheit Einzelner soll nicht Zweck und Ziel dieser Einzelnen sondern soll nur Mittel nur Weg zum
Ziele und zum Zwecke dieser Einzelnen – zur Erhebung des Ganzen seyn.
[Rand*-*] *Persönliche Vollkommenheit nun nicht zum Selbstzweck, sondern zum Mittel zur Vervollkommnung anderer machen daß [sc.: das] nenne ich das jetzige Märtyrerthum. [*] Siehst Du lieber Middendorff so will
ich Dir auch ganz offen gestehen, denn Du weißt es ich liebe mit Dir Klarheit u Wahrheit, – Du hast es aber auch wohl
oft schon an mir zu Deinem Verwundern wie vielleicht zu Deinem Mißvergnügen bemerkt: Ein Leben und manches
Leben welches mir zu Zeiten wohl „als zu dem völlig reinen Seelenzustand zurück gekommen[“] gegeben und hingestellt
wurde, hat mir nie viel für das Allgemeine gegolten, wenn nicht aus diesem reinen Seelenzustand auch ein
für das Wohl des Ganzen hingebendes Handeln bewußtes Handeln hervorgieng. Sag lieber Middendorff achtest
Du Dich selbst nicht viel höher ja hast Du Dich nicht selbst viel lieber wenn Du in Gemeinsamheit mit Barop für
die Verbreitung von zwanzigerley nicht eben seltenen sondern wohl gar nur schönen Feldblumen in den Gärten
der Zöglinge Sorge traget ja wohl selbst zu diesem Zwecke Mist u Jauche herbey führet wofür Ihr Eure Nasen verschließen
möchtet u die Euern Körper beschmutzen, als wenn Du in Deinem {Fenster- und Stubengarten} die schönsten und seltensten Gewächse oder
gar nur eines mit solcher Sorgfalt pflegtest daß auch kein Spinnchen wagte sich im Verborgenen ein
Netzchen zu darinn oder daran zu spinnen und Fenster und Stube einen Weyheplatze glich[e] Siehe Middendorff wie
Du mit Deinen Blumen handelst handle mit Dir führe, verpflanze Dich in den Garten des Lebens, wenn auch das
Gewächs etwas härter etwas unvollkommener es bringt doch allgemeinere Erhebung und viel viel Lebenssträußer
können davon gepflückt, viele volle Kränze können davon gewunden werden und kaum bemerkt man den Mangel.
Persönliche Vollkommenheit nicht sich zum Selbstzweck, sondern zum Mittel zur Vervollkommnung und Erhebung des Ganzen
als einem Ganzen machen, dieß ist eines von dem was ich das jetzige Märtyrerthum nenne denn dadurch muß
ich in mir und für mich im Augenblick und d.h. für mein jetziges Menschenleben auf gar manche Stufen höherer
geistiger, innerer Ausbildung Verzicht leisten. Aber ich denke mir der Mensch ist seines Wesens ja eben ein Geist
also unsterblich darum für ein noch längeres Leben als 1000 x 1000 x 1000 x 1000 Jahre bestimmt, was kann einem
solchen Geiste der sich anders nun so erfaßt das Geistige Zurückbleiben in seiner Ausbildung von ein paar Lebensjahren zum Wohle seiner Mitmenschen ausmachen.
Ich denke mir einen rüstigen Fußgänger er versäumt sich
mit dem Schwachen, aber am Abend am Sammelort ist er doch auch bey den Übrigen. Was müssen Gattinnen
Mütter, Hausfrauen nicht alles in Beziehung auf geistige Ausbildung entbehren, welcher edelsten Lebensgenüsse
z.B. bey Gesellschaften bey Spaziergängen müssen sie entsagen; Aber ich bin überzeugt, eine Ewigkeit wird ihnen
dieß alles durch ein ewige Zinsen tragendes Kapital ersetzen. Denket nur an Maria und ihre jetzige Stellung zum
Menschengeschlecht zur Menschheit, was muß eine solche Stellung selbst die Seele eines Seeligen nach {unserer vieler} Ansicht ihres Antheils am Menschleben
beseeligen und doch kann muß und darf ich mir sie nur als eine ganz einfache werkthätige (praktische) Jungfrau denken. – /
[3]
Du schreibst wie ich schon anführte: „Mein ganzes Leben und Streben war bisher mit seiner eigentlichen Richtung
zur Rückkehr gewandt zu dem völlig reinen Seelenzustand zurück zu kehren. Darum vor allem Handeln zurück-weichend. Denn ein Handeln ohne aus dieser Einheit hat mir nie etwas gegolten.“ – Du hast in letzter Beziehung
recht allein das vorhergehende ist grundfalsch. Zuerst ist mit dem Menschen als solchen schon sein reiner Seelenzustand
gegeben und das Handeln aus dieser Einheit. Wäre dieser Zustand getrübt so kann er nur handelnd, nur allseitig
handelnd wieder errungen werden. In Handeln bey, durch und an dem Handeln und dem Nachdenken dabey und darüber
kommt die wahre Erkenntniß des Handelns Grundes seines Weges Ziel und Zweckes und der Mensch kommt in seinem Geiste zuletzt dahin, daß er noch vor seinem Handeln, den Grund,
den Weg und die Mittel, das Ziel und den Zweck künftigen Handelns
in sich wahrnehmen kann. Lieber Middendorff sey mir ja nicht bös, jener Ausspruch ist nicht anders als der nicht ins
Wasser gehen bis man schwimmen kann. Was würdest Du von Deinen Zeichenschüler oder Mahlschüler sagen
wenn
er nicht eher etwas Zeichnen oder Mahlen wolle bis er eine schöne Gestalt Figur Gebild in sich schauen könnte;
er kann es schon lang vorher aus dem schlummernden Schönheits- und Lebenssinn darstellen ehe er sich davon Rechen-
schaft geben kann; wollten wir bey dem Zeichen- Mal- und Gestaltungsschüler darauf warten würden wir wohl
stets auf schöne Gestalten, Gebilde u.s.w. umsonst warten. {Aus dem Handeln, Aus dem Schaffen Aus dem Thun} dieß ist der Keim von allem ächt
Menschlichen da soll uns alles Hohe und Höchste Erkenntniß, Reinheit, Weisheit rc, rc rc hervor-
gehen, darum läßt uns Gott die Folgen unseres Handelns und je strebender wir sind um so schmerz-
licher empfinden; deßhalb sollen wir nun aber wegen dieser Erscheinung unserer noch bestehenden Unvollkommenheit
nicht zu handeln und darüber zu denken es zu beobachten aufhören, nein! wir sollen um so emsiger zu handeln suchen
aber auch um so strenger in Beachtung des Grundes und der Ursachen, der Wege und Mittel, des Ziels und Zweckes unseres Han-
delns seyn. Welches Kind, welcher Knabe, welcher Jüngling ist Dir lieber der immer rege, das Leben treibende oder der träumende
siehe Deine, sehet die Knaben Wilhelm u Johannes an und entscheide wenn sie stille Schüler wären? – Doch Du
hast ja in Deinen Urtheile über Johannes und so über Dich und Dein eigenes Leben schon entschieden. – Doch Allein
mein lieber Middendorff da wir beyde aufrichtig ächte Klarheit und Wahrheit zwischen uns beyden wünschen so muß
ich schon noch einmal auf einen Punkt in unserm Leben zurück kommen welcher zwar schon oft besprochen aber nie
zum Entscheid gesprochen worden, und Du zogst Dich immer weil Du Dein reines persönliches Eigenstreben dabey nur im
Auge hattest auf den Ausspruch zurück, daß Du deßhalb keinen Grund finden könntest jenes Handeln zu mißbil-
ligen. Ich behauptete aber stets die Mißbilligung desselben. Jetzt wird Dir hoffentlich der Grund einsichtig werden[:]
Weil Du Dein Handeln einem höherstehenden Allgemeinen dem Du Dich doch als Glied geeint hattest entzogest.
Dadurch, das[s] zu verschiedenen Zeiten dem Allgemeinen das persönliche Handeln so eigenwillig und wenn auch wirklich unter
dem scheinbar edelsten Vorwandt, doch immer nur auf sich selbst selbst [2x] sehend – entzogen wurde; dadurch ist dem Ganzen als einen
rein darzustellen[den], gleichsam als Kindes- Knaben und Jünglingsleben gewiß unaussprechlich viel
geschadet worden, was hilft uns nun unsere dadurch errungene Einsicht und Klugheit. Ich kann persönlich in sehr
vieler Hinsicht sagen es war mir zum Heile, es riß mich nach Oben d.h. zur Erkenntniß, zur Erkenntniß daß ich in
all meinen Handeln und Forderungen ein tief begründetes menschliches d.h. einen jeden als wahren Menschen
ehrendes und – anerkennendes Recht hatte. Doch wollte ich gern, herzlich gern diese Erkenntniß aufgeben, hätten
wir nicht die Thatsache verlohren; denn wenn nur erst die Sache da ist – dann kann sie schon nach Grund u Folge
Ursache u Wirkung, Wesen und Zweck erkannt werden. Zu ändern ist nun freylich die Sache nicht; allein mein
lieber Middendorff zu rechtfertigen ist sie auch nicht und mich dünkt wenn wir recht klar und recht wahr in uns
seyn wollen so dürfen wir auch in unserm Leben nicht rechtfertigen was nicht zu rechtfertigen ist wir vermehren
sonst die widrigen Folgen unserer Verirrung; wir machen sie sonst im eigentlichen Sinne stehend. Eins nur sage ich
noch hab es zwar schon oft gesagt: - Das Kind, {der Knabe, der Jüngling, das Mädchen die Jungfrau} haben als haben als Menschen Gefühl des Mensch-
lichen und Ahnung des Menschheitlichen, und darum ergeht an sie ohne Einschränkung die Forderung
sie sollen es frühe im Leben unter allen Lebensverhältnissen, mindestens in den wichtigsten (doch wer mag zum Voraus
darüber entscheiden) – festhalten - Wer weiß ob Petrus und Paulus später durch all ihr Wirken dem Christenthum
der Jesuslehre ersetzt haben was sie ihr, jener durch seine Verläugnung dieser durch seine Christenverfolgung geschadet haben
wer weiß ob wir nicht jetzt noch gar dadurch die Fesseln Roms tragen welcher sich die Christenheit noch immer
nach länger als einem Jahrtausend nicht entwinden kann. Ich bin Wer weiß?! – Fast möchte ich so etwas ver-
muthen, was hilft es uns nun das[s] Paulus den Jesus durch alle Symbole des Judenthums, der MosesReligion hindurch
führt. – Ich bin bey der Geschichte Abrahams u seines ganzen Stammes, welche ich jetzt mit den Berner Schullehrern
lese, auf einen Punkt einen durch Jahrtausende hindurch gehenden Charakter u Zusammenhang gekommen, welcher
mich das Angedeutete sehr vermuthen läßt. Ich werde darauf hoffentlich noch in diesem Briefe zurückkommen.
Noch einmal ist es nöthig auf Middendorff u Barop auf Euer männliches so besonnenes als festes ausdauerndes Streben
der Nachweisung von schon daseyender Wahrheit und Klarheit im Leben zurück zu kommen auf Eurer Nachweisung
desselben in meinem Leben, woran sich auf das Bestimmteste Langethals männliches Ausdauern {zur Nachweisung zur Darlegung
der Durchdringung beyder im äußern Wirken u Schaffen, Lehren und Thun anschließt. Dieses Stre-
ben ist, abgesehen von aller Person in der jetzigen Stufe der MenschheitsEntwickelung tief begründet, darum aber auch
wieder so persönlich menschlich als menschheitlich wahr, damit die Welt, die Menschen in der Zeit wieder an Wahrheit
und Klarheit im Leben und an ein Schaffen und Wirken durchdrungen von beyden glauben, damit ihr und den Menschen
somit wieder eine höhere, und endlich die höchste die wahre und einzige Ansicht des Lebens komme. Deßhalb ist mehr als
felsenfestes ist männliches Festhalten dieses Strebens nöthig, denn einmal würde es keine Anstrengung kosten würden die Menschen
die sich selbst entfremdeten keinen Glauben daran haben, dann aber nur an das, was ihm da ist glaubt die jetzige
blöde Welt, gleichgültig ob es Wahrheit oder Gespenst sey, und so muß die Welt müssen die Menschen aus
und von der Wirklichkeit durch das Wahre, die Wahrheit die sich lebensvoll in ihr kundthut wieder empor gehoben
werden zum hohen unsichtbaren geistigen allumfassenden und allbelebenden einigen und einigenden Wesen.
Da nun aber die Wahrheit u Klarheit im Leben sich nur sehr langsam kund thut und noch langsamer möchte ich sagen
erkannt und später noch erst anerkannt wird. Da nun überdieß die Unwahrheit und Trübung sich schneller verbreitet
und fast <-> mehr festgehalten wird als die Wahrheit u Klarheit so kostet und fordert die Pflege eines wahren und
klaren Lebens – und welches Kinderleben sollte nicht der ersten menschlichen Bedingung nach ein solches seyn –
die größte und sorgfältigste Pflege. Und so komme ich auf das Leben Abrahams und besonders seines Geschlechtes
zurück. Es ist mir nemlich ganz merkwürdig gewesen bey Lesung von Schmids bibl. Geschichte zu sehen, wie der äußerliche Sinn
(Götzendienst genannt) um welchen willen Abraham doch eigentlich seine Familie verließ, wie dieser Sinn /
[3R]
später, besonders nachdem Isaac die Tochter Nohes geheyrathet hat - stets wie ein fressendes Gift in der Familie
und dem Geschlechte ja zuletzt Stamm u Volke fortschleicht besonders hervortretend von Jakobs Verhey-
rathung mit Lea und Rebek[k]a und seinem längeren Aufenthalte bey Laban. Leset die Geschichte selbst, Ihr habt
Christoph Schmids biblische Geschichte und so muß mir diese Andeutung genügen. Mich dünkt als habe sich der dort
im Beginne nur sehr schwach äußernde äußerliche Sinn durch das ganze Judenthum hindurch jetzt zu der voll-
kommenen Ausbildung entwickelt mit welcher der Jude und die Judengenossen, abgesehen von der vielleicht sehr gro-
ßen Moralität ja Menschenfreundlichkeit einzelner – jetzt vor uns stehet. Und dieß bedenket es, durch einen
Zeitraum von 4000 Jahren hindurch. Ich kann Euch gar nicht sagen wie mich diese Erscheinung welche mir wie ein Blitz
vor die Seele trat und welche ich sogleich durch eine ganze Reihe von Erscheinungen schauete und nachweisen konnte
und jetzt durch alle Erscheinungen hindurch nachweise – schlug. Die Erscheinung daß man in dem Leben Jesu auch immer
nur auf Äußerlichkeiten sehe, steht ganz damit in Verbindung, so wie daß man sich bis auf die geringste Mehrheit
von ihm zurück zog als sie zurücktraten oder keine erschienen. – An diese Erscheinung knüpfte sich mir aber im
Nu eine andere für uns fast noch Wichtigere: daß der in Jesu gleichsam empfangene, gereifte und von und
durch ihn ausgestreuete {reine ächte} Menschheitssaame, eigentlich nicht eher wahrhaft keimte, wuchs, blühte und
fruchtete als bis er wieder in einem natürlichen, ursprünglichen Menschenstamm, im deutschen Volke
und deutschen Gemüthe entsprechenden Grund und Boden fand. Ihr Geliebten, Theuren Freunde denkt dieß einmal
so unvollkommen ich es hier niederschreibe mit Euren geliebten Gattinnen und Müttern, um derent[-] und um Eurer Kinder
willen ich eigentlich dieß niederschreibe, denkt es einmal klar durch wie so hoch wichtig und bedeutungsvoll es ist
zum deutschen Volke zu gehören, ein deutsches Gemüth in sich zu tragen und so deutsche Kinder erzeugt, geboren, gesäugt, gepflegt, erzogen und gebildet, d.h. deutsches Gemüthe rein entwickelt zu haben. Empfindet die Wahrheit des hier
ausgesprochenen, laßt die Wahrheit davon den Gemüthern Eurer Gattinnen und Müttern empfinden, weiset
es ihnen im Leben in der Geschichte nach, daß wie das Christenthum den deutschen Grund und Boden betritt d.h. .das
deutsche Gemüthe trifft wie es dann auch sogleich in seiner ursprünglichen menschlichen und menschheitlichen Gestalt und
Wesen erscheint und auftritt. Laßt nun die Früchte davon Euern und unsern Kindern bewahren, laßt uns ihnen nicht ver-
scherzen was ihnen von Gott und Natur zugedacht u bereitet ist: Träger, Pfleger, Darsteller und Darleber reiner Mensch-
heit, reines Menschheitslebens zu seyn. - Grüßt Eure Kinder ihre Mütter, Eure Gattinnen und Frauen von mir, Gott seegne sie.
Nun endlich habe ich mich zum Ziele und Zwecke dieses Briefes an Euch durchgearbeitet.
Ihr sehet und verstehet es nun wenn ich sage: das Leben muß als ein großes Ganzes erfaßt und nach einem
großen klaren bestimmten Plane mit Festigkeit und Ausdauer zwar zuerst als persönliche, dann aber als Familien-
dann Stamm- und Geschlechtes-, endlich als Volks- und Menschheitsaufgabe gelöset und ausgeführt werden.-
Dieser Plan muß menschenwürdig mit Erfassung und Festhaltung des Menschheitswesens, in Übereinstimmung mit Natur
und Geschichte klar bewußt mit ruhiger Besonnenheit durchgeführt werden. Die Erziehenden müssen dabey durchdrungen und
überzeugt von der Ureinheit alles Lebens in der Mannigfaltigkeit seiner Erscheinungen in Beziehung auf das zu entwik-
kelnde Leben der zu Erziehenden mehr still und sinnig, beachtend und prüfend, pflegend und schützend nachgehend
als willkührlich und einzelbestimmend dastehen. Die Erziehenden müssen entweder mit dem Leben der zu Erziehenden
in Eines zusammenfallen; wie das in dem Leben der Mutter mit dem Leben der Kinder in der Säuglingsperiode
und noch weiter hin bis vor errungener Lebens Selbstständigkeit des Kindes der Fall ist; oder die Erziehenden müssen das Leben der zu
Erziehenden wie das Leben, dessen Bedingungen und Gesetze überhaupt, allgemein und im Besondern und ein-
zelnen
erfassend, überschauend und durchschauend in sich darleben tragen und darstellen; und so das Leben des zu Erzieh-
enden umgeben wie die strahlende, leuchtend und erwärmende, Leben weckende und Leben pflegende, bildende, gestaltende und färbende Sonne. Der Erzieher so aufgefaßt, kann das Leben gar nicht allgemein, nicht um- und er-
fassend genug, nicht zu viel überschauend in sich tragen. Ich will jene erziehende Person, die Mutter, die Natur
das Gemüthe, diesen Erzieher, den Vater, die Sonne, den erziehenden Geist u das Leben nennen, beyde in sich in und
eine höhere Einheit wieder einig in sich. In beyden ruht, gleichgültig auf welcher Stufe der Einsicht und des Bewußtseyns
die Ahnung oder das Wissen (wie in Maria und Joseph) der Pflege eines Wesens, welches zu so einiger als allseitiger
zu so bestimmter als unendlicher Entwickelung und Ausbildung bestimmt ist. In den Erziehenden liegt das mehr oder minder
klare Ahnen oder Wissen daß in der zu Erziehenden einer unbekannten unendlichen Zukunft entgegen gebildet werde
und daß er dazu eine noch unbekannte unendliche Mannigfaltigkeit von Anlagen und Kräften in sich trage, welche sich auf
eine ihm (: dem Zögling) und ihnen den Erziehern noch ganz unbekannte Weise kund thun können.
Da jedes Ding und Wesen das was es ist und werden soll durch seine Entwickelung, sein Schaffen und Thun zeigt, so
muß der Zögling keineswegs nicht sowohl einer Mannigfaltigkeit der Einwirkungen, sondern bey einer gewissen
einfachen, mindestens stetigen und gesetzmäßigen Einwirkung – einer Mannigfaltigkeit der schaffenden Thätigkeiten
einer großen Mannigfaltigkeit der Entwickelungen ausgesetzt werden, und zwar ganz besonders unter solchen Be-
dingungen der Zeit, des Raumes und der Ruhe, daß er nach und nach sinnig den innern wie den äußern
Zusammenhang von Ursache u Folge, Mittel u Zweck, Weg und Ziel erkenne und in sich aufnehme.
Ist der Zögling so dahin gekommen daß er, sey es auch noch so dunkel den Grund aller Lebens[-] und aller Segens Erscheinungen
in dem Einig Einen Urleben und Urseyn in Gott findet, auch nur erst leise in ihm ahnet. Ahnet der Zögling wenn nur
eben auch erst leise daß diese jetzige bestimmte ihn umgebende Gegenwart von welcher er selbst sich als ein lebendiges
nothwendiges Glied fühlt einer bestimmten Vergangenheit entwuchs, und ahnet er die ihn jetzt umgebende Gegen-
wart sich selbst mit eingeschlossen als den nothwendigen Grund einer ebenso bestimmten Zukunft; entkeimt
also seinem Gemüthe der Gedanke die Ahnung von innerm Zusammenhang der Einheit, Einzelheit u Allheit, von
Seyn, Erscheinung u Daseyn, von Gegenwart Vergangenheit u Zukunft; also das stetig Eine der Zeit u der Ewigkeit
von Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit so ist für den Menschen das Fundament der sichere Grundstein seiner
seegensreichen ich darf wohl sagen Selbst erziehung gewonnen. Dieser Grundstein aber wird auf die oben angegebene
Weise gewonnen daß der Mensch mit Selbstbeobachtung einer allseitig schaffenden entwickelnden Thätigkeit hingegeben werde
daß er von einer solchen Thätigkeit stets als mit einer Lebensathmosphäre umgeben sey. Wenig anderes vielleicht
gar kein anderes als den Zusammenhang deutendes Wort. Kein moralisiren, kein raisoniren, d.h. vernünfteln, kein
Hinweisen ja kein Hinweisen auf äußern besonders sinnlichen Nutzen; aber immer Schauenlassen also auch Nachweisen des innern
und äußern Zusammenhanges des Lebens u der Dinge, auch wohl des Geistes, der Gesinnung und
der Erscheinung. Vor allem einfache, ruhige sichere Einheit des Lebens nach Ziel und Weg, Mittel und Zweck umgebe
das Kind; es theile auf seiner jedesmaligen Stufe ohne lästiges Hervorgezogen werden das Allgemeine wie das besondere Leben /
[4]
das Leben der Menschen seines Kreises und ihres Berufes, wie das Leben der Natur ihrer Zeiten und ihrer Forderungen.
[Rand 3R*-*] [*] Hieran müßt ihr ein wenig studiren, denn ich habe es unter viel Störung niedergeschrieben
allein der Gedanke ist einfach: das Kind ist ein, eine Unendlichkeit noch unbekannter
Entwickelungen in sich tragendes Wesen. [*]
So dünkt mich, so sehe ich in mir, so weiß ich durch mich und aus meinem eigenen Leben wächst der Mensch
in Einigung mit Gott Natur u Menschheit in Übereinstimmung mit Mitwelt u. Vor- und Nachwelt, verstehend
sich mindestens auf seine Weise deutend das Einzelne und im Zusammenhang mit der Mannigfaltigkeit und dem
Ganzen zufrieden in sich und um sich einst ein nützliches Glied der ihn sein nennenden bürgerlichen Gesellschaft wie seegensreich
für die Menschheit zuletzt reich u seelig in sich herauf. Von allem diesen mag vielleicht dem Menschen die Ahnung schon
im 9en Jahre vielleicht früher kommen. Ich weiß nur von mir daß ich mich derselben nach meinem zurückgelegten
10en Jahre bis zu 10 ½ Jahr klar bewußt war. – Man gebe dem Kinde nur immer Thatsachen, Geschichten u Erzählungen
und lasse im ersten Fall den Zusammenhang im letzteren den Inhalt u Geist, das Leben finden. Geschichten u Erzählungen be-
sonders auch Mährchen wenn auch in harter, aber nur gestalteter Sprache, nicht süßlich u nicht weinerlich. Gott stellt
auch nur Berge u Felsen, Bäume u Sträucher, Flüsse u Ströme hin, Tiere der Erde u des Wassers u der Luft u läßt uns
den Zusammenhang erst ahnen, dann finden, dann nachweisen rc. So wird der Mensch ein Theil der Natur = ein Glied der
Menschheit u ein Kind und {Sohn Tochter} Gottes, was kann, was will, was soll er mehr werden? - Er ist Gottes, und mit Gott
und wie Gott ist [ihm] Zeit und Ewigkeit, Erde u Himmel seyn die Zeit ist ihm Anfang der Ewigkeit u die Erde ihm
Beginn des Himmels.
Was haben was sollen wir Erwachsene als Erzieher solcher Zöglinge u Menschen seyn? – Einig sollen wir seyn mit Gott
mit Natur und mit der Menschheit, einig, innig einig in uns bey aller äußerer Trennung. Diese Einung sey dem Kinde die
Eiche in deren Schatten das Sinngrün sich entfaltet, diese Einigung sey dem Kinde die Eiche an der der Epheu zum Lichte
sich emporrankt. Also zuerst: „Pflege des Menschen daß er die Einigung mit Gott Natur u Menschheit in sich finde,[“]
dann: „Schutz dem Menschen daß er diese Einung in sich aus und außer sich darleben könne[“]
kommt dazu noch „Lehre dem Menschen daß er diese Einung vielseitig gestaltet außer sich sehen und außer sich
gestalten könne; so kann man den Menschen ruhig sich, das heißt seiner
Dreyheit und schon vor der Lehre überlassen er wird sich selbst lehren[“] - (Dieß niederschrieben an meines Pathe Allwines Geburtstag.)
Zur Belebung und Durchführung des hier angedeuteten Lebensplanes bedarf es wieder einer persönlichen Zusammenkunft meiner mit Euch; ich hätte sie schon in diesem Herbste ausgeführt hätte mir es die Pflege des hiesigen
Lebens gestattet, künftiges Jahr aber muß sie nach meiner Überzeugung nothwendig ausgeführt werden, da ich
nun dem jetzt noch dämmernden Anscheine nach künftiges Jahr schwerlich werde nach Deutschland und Keilhau reisen
können, so muß wenigstens einer von Euch hierher kommen; da Du Barop nun schon hier warest, so wäre es eigentlich
ganz in der Ordnung wenn Du Middendorff nun auch die Schweiz, uns in der Schweiz besuchtest. Mich dünkt diese Reise
müßte in ihrer innern Nothwendigkeit auch von Euch fest gehalten werden. Ich dachte schon früher daran daß Du Middendorff
uns dann mit dem Eintritte der Osterferien besuchen könntest so daß Deine Abwesenheit von Keilhau das Sommerhalbjahr
nicht zu sehr stöhre. In 6 Wochen könntest Du zurück seyn, Christianfriedrich könnte Dich wohl begleiten, dieß wär
mir um seinet- und um meiner Frau willen sehr lieb. Das Leben wird dann vielleicht auch noch nach andern Seiten hin ein
Ganzes. – So hätte es uns große Freude gemacht wenn der Bruder uns in diesem Herbste, wozu er uns Hoffnung machte, be-
sucht hätte. Diese Reise und das Schauen des hiesigen Lebens hätte gewiß sehr wohlthuend auf ihn und sein ganzes Leben gewirkt.

Am 8en November 1834. So weit war dieser Brief vor meiner Reise nach Burgdorf und vor der Entscheidung, daß mir die /
[4R]
Leitung des Waisenhauses zu Burgdorf übertragen werden möchte. Ich weiß nun nichts
weiter mehr hinzuzufügen. Ich wollte diese Bogen weil die Sendung zu stark würde
Anfangs zurückbehalten, allein ich halte es für gut wenn das Ganze auch von Seite meiner
innersten Lebensansicht zur Prüfung vorliegt. Und so scheue ich das Postgeld nicht was dieser
Brief kostet. Du Middendorff kannst ihn überlesen und den Andern einen Auszug daraus vortragen.
Ich fühle in der Zukunft werde ich Euch nicht oft mehr solche lange Briefe schreiben, denn des Lebens
Forderungen häufen sich mir zu stark.
Leb wohl lieber Middendorff, lebe wohl lieber Barop. Gott schenke Dir am Tage Deines
Lebensfestes viele wahre unvergängliche Seelenfreuden. Lebet wohl mit all den lieben Euren.
In Gemüths- Geistes[]- und Lebenseinigung Euer       FriedrichFröbel

Leset zuerst den andern Brief.
Im Berner Volksfreund No 86. Oktober 26. S 693
steht folgender Artikel.
Zum Pfarrer von Münchenbuchsee ist Herr Seminar-
direktor Langhans
daselbst [ernannt worden] mit der Befugniß
bis zur Beendigung des zweyjährigen Kursus d.h. im
Herbst 1835 die Direction des Schullehrer Seminariums
unter Beyhilfe eines Vikars fortzusetzen. –

[5]
[Gedicht für Barop zum Geburtstag]
***
Im Gewühle
Seelenstille.
Schauen in die Weite
In die Zukunftauen-
Folgen Gottgeleite
Tief zu dem Vertrauen.
Ein Hauch durch das Ganze
Herz und Brust uns schanze;
Ein Licht uns beseele
Löse alle Fehle:
Mach als Einen Menschen uns erstehen
Und wie Menschheitstrahlen wirkend gehen.
18       34
     11
     29
[5R]
[vakat]