Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Dr. Gaerth in Bern v. <nach 11./vor 16.>11.34 (Willisau)


F. an Dr. Gaerth in Bern v. <nach 11./vor 16.>11.34 (Willisau)
(BN 448, Bl 4, hier: 4V Mitte- 4R oben auf Eingangsbrief v. 9.11.1834, 1 B 4°2 ½ S., hier: 3-4V Mitte geschriebener undat. Entwurf mit Bleistift. Der Entwurf ist frühestens nach Eingang des Schreibens von Gaerth [am 11.11.?] und vor dem 16.11.geschrieben worden. Am 16.11.1834 stimmt F. dem Vorschlag der Berner Regierung zu, die Eröffnung des neuen Waisenhauses in Burgdorf unter Leitung F.s um drei Monate auf Anfang April 1835 zu verschieben. Im Brief an Gaerth hingegen geht F. noch von den ursprünglichen Umzugsplänen aus, die er im Brief v. 12./15.11.1834 an die Keilhauer Gemeinschaft darstellt.)

Sehr werther Herr Dr Gaerth

Es hat mich ungemein gefreut wieder einmal schriftl etwas
von Ihnen zu hören, zwar wurde mir Ihre Anstellung in Bern schon früher im Allgemeinen bekannt und ich hoffte daß Ssie Ihnen einen Wirkungs-
kreis gewähre, welcher Ihren Wünschen angemessen sey, doch ist es mir sehr lieb zu hören daß ich mich darin nicht
ganz geteuscht habe. Denn unsere Freunde in der jetzigen Zeit auch nur in einer Lage zu wissen wo es ihnen ziemlich wohl
geht und sie auch nur eigene Erfahrung für <Wirksam[keit]> finden ist schon sehr viel werth u ich habe Ihrer in dieser Beziehung seit
Sie uns hier in Willisau besuchten sehr antheilnehmend oft gedacht.-
In Beziehung auf Ihre zutrauensvolle Frage nun muß ich Ihnen zu erst in Rücksichtl auf mein amtliches u erziehendes Verhältniß sagen,
daß dieß eben auf dem Punkte steht sich in etwas zu verändern. – Ich persönl werde nemlich Vorläufig auf ein Jahr
und von meiner Seite (um zu sehen ob sich überhaupt für Anerkenntniß , Anwendung u Verantwortung
rein menschh[ei]tlicher Erziehungsgrundsätze in der Schweiz u ganz namentlich in dem Kanton Bern nun von Burgdorf
aus etwas zum Ziele Führendes hoffen u thun läßt [)] – die Leitung des neu errichteten Waisenhauses in Burgdorf
übernehmen. Meine Frau wird zu diesem Ende schon am 12‘ kommenden Monats von hier häuslich dahin abgehen.
Anstatt HE Barop welcher nun schon seit fast 1 Jahr von hier nach Deutschland zurück gekehrt ist – ist Herr Langethal
mit seiner Frau in verflossen[em] Frühling zu meiner u meiner Frau Unterstützung aus Keilhau hierher gekommen
weil wir das hiesige Leben <vor>ab der Erziehung u Pflege g[an]z junger Kinder nicht angemessen finden u Middendorf Barops Gattin Hoffnung
hat bald zum 2‘ male glücklicher Vater zu werden. – Die Frau Langethal wir[d] nun meine Frau auch nach
Burgdorf als treue Hülfe begleiten. Ob nun gleich die hiesige Anstalt ununterbrochen fortbestehen
und der Abgang anderweitig ersetzt werden wird, so ist doch Willisau gar nicht im Stande
junge Töchter zur Erziehung in sein Haus aufzunehmen obgl Töchter aus der Stadt an dem Unterricht Antheil nehmen. –
Nun sind hierdurch freylich die innern Verhältnisse in Burgdorf wohl so, daß Ihrem Zutrauen
zu unserm erziehenden Werk gerechtfertigt in <bestimmter Hinsicht> entsprochen werden könnte auch das Häusliche derselben sehr edel und angemessen ist so z B das Wirken der Knaben <im Waisenhause> in Beziehung auf die <Erfordernisse> von den der Mädchen getrennt ist
doch sich jene Anstalt (obgleich auch ein allgemein erziehendes
Wirken verknüpft werden soll) jene Anstalt unter dem Namen eines Waisenhauses Anstalt, und läßt sich
nicht voraussetzen daß dieß Ihrem Frankfurter Freund gleichgültig seyn möchte, doch wollte ich Ihnen
dieses wenigstens mittheilen; da übrigens die Aufnahme von Zögl[ingen] dort nicht allein von mir abhängt
so könnte ich dies auch ohne bestimmte Rücksprache nicht unbedingt zusagen, doch zweifle ich nicht daran.
– Ihnen andere Anstalten vorzusch[lagen] bin ich selbst in der Schweiz zu unbekannt - als sehr oft gewöhnl wird
mir die <Töchter> Erziehungsanstalt von HE u Frau Niederer in Iferten oder
Yverdon [genannt] –Sollte Ihnen /
[4R]
H Blaise in der Nähe Neufchatels vorgesch[lagen] werden so muß ich Sie ersuchen sehr <sorgs[am]> zu seyn weil ich von dort Gerüchte gehört die einen deutschen Vater bestimmen können keine
18jährige Tochter dorthin zu geben.
In Iferten bey Niederer höre ich ist außer manchen andern Ausgaben die jetzige Pension
30 Louisd’or o 114 Rthaler oder 16[0] Sch Fr. In Burgdorf würde das jährl Erziehungsgeld
vielleicht 25 L‘dor seyn. Wenn Sie wünschen daß <?>
<? Behörde noch> darüber mittheilen soll, so bedarf es
eines Wortes v[on] Ihnen.
Von Keilhau habe ich fortgehend gute Nachricht
[Die] Freunde Barop u Middendorff führen mit seltner Ausdauer von den Grundsätzen einer freyen Menschen[-]
erziehung aus so viel aus als eben mögl ist. Ich hoffte hierfür wohl manches in der Schweiz
ich hoffte es besonders auch im Canton Bern , allein wenn ein Nebel zerstreut ist, steigen neue
auf; doch halten <wir sämtl in Entwicklung unsern> Zweck eine menschenwürdige Erziehung zu Darlebung, einer Einigung zu einem menschenwürdigen Leben fest.
Die Ihnen bekannten Glieder meines Hauses erwiedern herzl Ihren freundschaftlichen Gruß.
<Ihnen [mit Freundschaft von]
Ihrem herzl Ergeben[en] FriedrichFröbel

<Wäre> suchte Ihr Freund nicht besonders eine Schweizer Anstalt, so würde ich Ihnen u Ihm Keilhau vorschlagen
ob sich gleich dort jede Gelegenheit zur Aus- u Fortbildung der Tochter wie Sie dieselbe zeichnen, zeigen möchte