Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 12./14./15.11.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 12./14./15.11.1834 (Willisau)
(KN 49,4, Brieforiginal 1 B 4° 4 S.)

Willisau am 12en Novbr 1834.


Herzinnigen Gruß.

Am verflossenen Sonntag und Montag bin ich mit meiner Frau und Ernestine in Burgdorf gewesen. Nun ist
alles so klar und fest bestimmt als jetzt nur möglich. Am 12en künftigen Monats wird ein Wagen von Burgdorf kommen
und unsere Effecten dahin abholen. Am 13en Tags darauf wird meine Frau mit Ernestinen dahin abgehen. Ich und viel-
leicht auch Langethal werden sie begleiten. Am Sonntag wird sich die Frau etwas einrichten, und Montag am 15en
werden ihr die 8 Mädchen, wovon das älteste, aber nicht fähigste, 15 Jahr alt ist, - zugeführt ist [sc.. werden]. Sobald das Ganze
etwas eingerichtet ist, vielleicht schon Montags, kehre ich nach Willisau zurück. Langethal bleibt ohne Zweifel
gleich dort. Zwischen Weihnachten und Neujahr werde ich wieder nach Burgdorf gehen um auch die Knaben zu übernehmen.
Am Neujahrs Morgen werde ich, mit Gott, völlig eingetreten in meinen neuen Wirkungskreise aufstehen, doch
werde ich, wenn alles meinem vorliegenden Plane nachgeht [sc.: nach geht] dann wieder auf unbestimmte Zeit nach Burgdorf Will-
lisau zurück kehren, hier meine Pflicht gegen die Schullehrerzöglinge erfüllen und während dieser Zeit meine Wirksamkeit
in Burgdorf an Langethal abtreten. So ist vorläufig das Ganze geordnet. Ende dieses Monats wird dann auch der französische
Sprachlehrer hier eintreten.
Heute hat auch Frankenberg Briefe aus Göttingen von seinem Bruder Ernst bekommen. Dieser ist nemlich durch Familienver-
hältnisse noch nicht nach Amerika gegangen, obgleich seine übrigen Brüder jetzt schon in Amerika leben und außer
einen, dem Otto, sich dort schon dicht bei Columbia im Staat Ohio angekauft haben. Dieser noch zurück gebliebene
Bruder scheint ein sehr eigener, kräftiger, rein menschlich gesinnter Mann zu seyn; er läßt durch seinen Bruder A-
dolph hier auch Euch in Keilhau namentlich Dich Barop grüßen. Dieser Ernst schreibt nun daß Schäfer es nicht länger
in seiner jetzigen Hofmeisterstelle aushalten könne und wolle, daß aber seine Hoffnung auf eine Predigerstelle ver-
eitelt worden sey, und daß er wenig Hoffnung habe eine andere Prediger Stelle zu erhalten zu welcher er sich abermals
gemeldet und schon die Probepredigt deßhalb gehalten habe. - Darum hat sich nun Schäfer entschlossen künftiges
Frühjahr oder Ostern seine Verlobte hier in Begleit[ung] von seiner Schwester zu besuchen und dann sehen, wie es hier
stehet, ich habe nichts dagegen, denn ich kann nicht voraus sehen was unsere Verhältnisse künftiges Frühjahr
fordern werden. Auch Ernst Frankenberg will uns in diesem Jahre oder Winter hier noch besuchen; ich wollte
er führte
den Vorsatz aus, denn ich möchte ihn gern persönlich kennen lernen, hätte auch wohl wenn wir uns gleich auf den ersten
Blick fänden und verständen und dieses Finden und Verstehen [sich] in der Dauer bewährte manches mit ihm zu bereden.
Auch von einer anderen Person schreibt er welche vielleicht, aus Theilnahme an meinen Erziehungsbestrebungen, Herrn Schäfer
und dessen Schwester nächstkünfig hierher begleitete. –
Von Bern aus ist von einem unserer Freunde heut auch die Anfrage an mich ergangen eine 18jährige Tochter aus
Frankfurt a/m auf ein Jahr zur weiteren Aus- und Fortbildung in meinen erziehenden Kreis hier aufzunehmen, in Be-
ziehung auf Willisau mußte ich es ablehnen, obgleich nicht in der Sache, sondern in der Gesinnung, dem Willen und
vor Allem in der Schwäche und in dem nicht Erfassen und noch weniger Festhalten des eigentlichen Erziehungszweckes
der Grund ist. Jetzt bin ich bey solchen Erscheinungen ruhig und schweigend, denn ich kann die Menschen doch nicht überzeugen
wie viel von dem Adel und der Reinheit ich möchte sagen von der Schönheit der Gedanken, wenigstens von der Wa[h]rheit
derselben im Leben abhängt,
kurz wie groß der Einfluß einer höheren, dem Menschen würdigeren Lebensansicht auch – bey ernster durchgreifender Festhaltung derselben, - auf die äußere Gestaltung des Lebens ist. -
so muß ich denn ruhig ansehen, wie sie als blinde und taube nach Zielen streben, die wenn
sie ihre Gemüths- und Geistes Augen und Ohren öffneten so nahe vor ihnen stehen daß sie ihnen die Hand reichen
könnten. Aber nur wer klaren und reinen Geistes und Gemüthes ist, dessen Empfindungen u Gefühle u Gedanken leicht
That werden nur der siehet was dem Geiste u Gemüthe Bedürfniß ist, findet die Mittel zu deren Befriedigung und führt sie aus.
Wann und wo werden einst wenige Menschen solchen Sinnes einträchtig zusammen leben? - Dann wird die Mensch-
heit jubeln und wie Gesang wirds ertönen: “hier ist meine Pflanzstätte, hier ist Gottes Garten!“ –
Welch’ ein schöner und zugleich mehrfach entsprechender und genügender Wirkungskreis würde sich hier für Mathilde
Sch.- [v. Schönfeld]
entwickelt haben; aber so geht es wenn der Mensch nicht innerlich {sehen kann sieht} ehe und bevor er schon äußerlich
sehen kann; so geht es wenn der Mensch nicht innerlich zu glauben und seinen Glauben in sich festhalten
kann, ehe er auch äußerlich ergreifen kann. – Wir reden und träumen so viel von unserer geistigen Würde,
unsern geistigen Kräften und Anlagen, unserm geistigen Blick, und wollen doch unsere geistigen Sinne, unsere
geistigen Augen Augen und Ohren nicht gebrauchen und nehmen doch täglich und stündlich wahr: - daß wir unsere
äußeren, leiblichen Sinne nur ganz in dem Maaße gebrauchen können, als wir unsere inneren Sinne in
ungetrennter und ungehemmter Einigung mit den äußeren Sinnen entwickeln und gebrauchen.
Wenn wir uns bemühen würden ehe und mehr (innerlich) zu sehen, ehe wir (äußerlich) zu sehen glauben, und das innere
Sehen nicht trübten, läugneten und so vernichteten; so würden wir auch (äußerlich) mehr (gestaltet und gestaltend) sehen.
Sehen = Lugen; Ein Gesehe = ein Geluge; ein allseitiges Sehen der Sache Seele = ein Geluge der Seele, ein solches Sehen der Seele
das, wo sie sich auch mit ihrem Sehen hinwendet gleichsam eine Lücke zum Durchschauen darbiethet, so daß nach allen
Seiten hin alles klar und durchschauend vor liegt = Glückseeligkeit. Wann werden wir uns zum wahren
Gebrauch unserer inneren, unserer Seelenaugen erheben, die Kraft und Wahrheit der inneren Augen bey uns und
bey anderen und so zur wahren Glückseeligkeit erheben?! – Wir reden viel von der Unsterblichkeit und so
von der Vorzüglichkeit unserer Seele, unseres Geistes und dagegen von der Sterblichkeit unseres Leibes, der Unvoll-
kommenheit unseres Körpers, dennoch geben wir alle dem was sich auf unsern Leib unsern Körper bezieht großes
Übergewicht und legen ihm in der Erscheinung vorwaltende Wahrheit bey; ob es gleich der eigentliche Zweck der
Lehre Jesu ist uns darüber auf das vollkommenste aufzuklären; deßhalb sage ich immer, wir schmeicheln uns Christen, Jünger, Anhänger, Nachfolger Christi zu seyn ohne daß wir es in der That und Ausübung wirklich sind. –
Dadurch daß wir das Sehen und Schauen des innern, Seelenauges, nicht – durch Durchschauen des Äußern - zunächst
wenigstens im engsten Lebens[-] und Familienkreise, im engsten Lebensbund – zu einem Gegenstand gegenseitiger
Belehrung erheben – dadurch haben öffnen wir eben dem After-, Aberglauben Thür und Thore, und auf
tausend Wegen schleicht er sich durch die Porösität des Lebens möchte ich sagen, in das Innerste des Menschen
denn der Mensch muß als ein Geist an den innigen innern Zusammenhang alles Geistigen glauben, /
[1R]
kann er nun nicht die Einheit, das Seyn, den Geist und Gott schauen, - so glaubt er die Vielheit und der
Vielheit, dem Scheine, dem Teufel und den Götzen. Ich dächte das wäre doch klar und fern von Mystizis-
mus und Schwärmerey. Wahrlich der ächte Glaube und das rein Geistige, das Bedürfniß der Seele, des
Geistes im Geiste zu leben muß sich in den Aberglauben flüchten um nur nicht aus dem Leben, fast möchte
ich sagen ganz von der Erde vertrieben zu werden. Darum ist der Aberglaube rein unvernichtbar - und zum
Wohle der Menschheit unvernichtbar bis wir uns zum ächten Glauben, zum Sehen und Schauen im Geiste
und durch den Geist erheben. Darum sehet warum Gott – als Vater – unter den Menschen – seinen Kindern, zu ihrem
Wohle - um ihrer Schwachheit willen – die Unvollkommenheit duldet. Sehet da einen Beweis einen so großen und weit
greifenden als schlagenden, daß die Unvollkommenheiten in der Erscheinung des Menschenlebens ihren Grund
in der Vollkommenheit – in der Einheit, dem Seyn des menschlichen Wesens haben. –

Am 14en Nov. Ihr habt mir früher einmal geschrieben: HE v. Wedemeyer auf Anrode wollte Euch seinen Sohn zur Erziehung geben.
Ist dieser lange Vorsatz endlich ausgeführt worden? - Es ist uns so doch wissen wir es nicht mit Bestimmtheit. Der Grund warum
ich Euch frage und weßhalb ich wünsche daß Ihr mir die Antwort darauf nicht schuldig bleiben möget ist dieser: Ich
habe Euch nemlich in meinem jüngsten Briefe vom vorigen Sonnabend, welchen Ihr hoffentlich richtig erhalten haben werdet, in
der Auffassung meiner und unserer Lebenserscheinungen und deren Verknüpfung nachgewiesen: wie ich zu jeder geistigen, also wahren
innern Lebenseinigung eine lang und weit hinaufsteigende Vorbildung gleichsam Schicksalserziehung voraussetze und ein
in sich – (entgegengesetzt) - gleiches Lebensziel, Lebensstreben. Die Wahrheit dieses Satzes ist nicht nur der Grund, die Quelle
aller nicht nur ächten sondern auch sich zu Menschenwohle lebendig fortentwickelnden Lebensverknüpfungen, Lebensbünde,
Lebenseinigungen. Allein dasjenige was auch als Natur- oder Lebens- oder Wesensbederscheinung bedingt ist, geht sowohl
in diesen seinen Erscheinungen als in seiner Fortentwickelung aus diesen bestimmten Erscheinungen im Leben des Menschen unter, wenn der Grund
die Bedingung dieser Erscheinungen und die Gesetze ihrer Fortentwickelung nicht zum Bewußt-
seyn gebracht, der Mensch sich derselben nicht klar bewußt wird. In dem Erkennen, Festhalten, <-> Anwenden,
also in dem bewußten Nachleben nach den (erkannten) Natur- und Lebensgesetzen, das ist der Charakter der Zeit,
dieß bezeichnet die Stufe der jetzigen Menschheitsentwickelung. Also – jeder bleibende, sich zu gegenseitigen und
Menschenwohle fortentwickelnde Lebensbund setzt – (entgegengesetzt) gleiche Lebensrichtung ein solches Lebensstreben
und die gegenseitige Erkenntniß und Anerkenntniß, also das gegenseitige Bewußtseyn desselben voraus.
Wenn nun wahr ist, wenn man nun annehmen muß was man annimmt, daß das gegenwärtige Streben des Menschen-
geschlechtes besonders der europ das erziehende, das sich selbst erziehende, also das Streben ist sich mit klarem Bewußt-
seyn selbst zu erziehen, so muß sich dieses auf der Erde auch irgendwo mehr als anderswo aussprechen, und so
ließe sich wohl zuerst sagen, daß dieses sich selbst erziehende Streben der Menschheit sich vorwaltend auf der
nördlichen Halbkugel der Erde ausspreche. – (Allein es findet auch schon auf der südlichen Halbkugel statt, z.B. auf
Neuholland, in den engl. Verbrechercolonien u.s.w.) Allein auf der nördlichen Halbkugel muß es sich in einem großen
Erdstrich wieder überwiegend aussprechen und daß dieser Erdstrich Europa ist läßt sich bald nachweisen; Aber
auf diesem Erdstrich wird es sich wieder besonders rein und innerlich, bewußt und verknüpfend in einem
Lande aussprechen, und wir stehen nicht einen Augenblick an als dieses Land die Länder deutscher Zunge
besonders Deutschland zu bezeichnen. – (Die Schweiz hat wohl auch im Allgemeinen nicht minder Anspruch auf
das Prädikat eines mit und für Bewußtseyn erziehenden Landes, der Unterschied dünkt mich zwischen Deutschland
und der Schweiz der zu seyn, daß dort die Erziehung mehr in die innere Entwickelung in das Wesen, hier mehr in
die äußere Bildung in die Form in das Erscheinen wie dort mehr in das Seyn gesetzt wird. Da nun die Form nie
über das Wesen, die Erscheinung schwierig über das Seyn urtheilen kann, so wird es auch sehr schwer halten von
Seite der Schweiz und der Schweizer ein richtig anerkennendes Urtheil zu erhalten, man muß die Sache bis auf
eine, bis zu einer höheren Stufe der Entwickelung auf sich beruhen lassen. Sie finden sich beide an, verfol-
gen sich auch wohl in ihren einzelnen Gliedern – (: wie es z. B. in diesem Augenblick hier und namentlich im Kanton Bern zur
höchsten Betrübniß statt findet :) – weil sie die Einigung ihrer Entgegensetzung nicht erkennen. Es geht ihnen wie manchen
Eheleuten die sich zu Zeiten wacker keifen und kneifen und doch zu einer anderen Zeit wieder in inniger Einigung der Naturen
gesunde und kräftige Kinder erzeugen. – Daß meine Ansicht von dem Wechselverhältniß zwischen der Schweiz
und Deutschland die richtige ist glaube ich auch aus dem Erziehungsverhältnisse beyder Länder zu einander nach-
weisen und beweisen zu können: Pestalozzi der einen Real- u Sach- einen formalen Unterricht hinstellte wurde
besonders in Deutschland gewürdigt: – der deutsche Geist erhielt dadurch Körper. – Meine und unsere Erziehungs-
Ansicht scheint in der Schweiz besonders Anerkenntniß zu finden. Die Form, der schweizer Leib erkennt dadurch
findet fühlt dadurch ihren Geist seine Seele.
In diesem hier angedeuteten Gesetze mag auch die Redensart: „Kein
Prophet gilt in seinem Lande“ – seine eigentl[iche] Begründung haben u.s.w.
Auch das Verhältniß Rousseaus zu Deutschland wodurch
die Spekulation sich mit der Natur zu vermählen suchte – läßt sich hierdurch nachweisen. -Aber auch in
die Zukunft läßt sich dadurch blicken und jetzt schon künftig eintretende Verhältnisse schauen: so z.B.
wird jetzt in Deutschland und in vielen Ländern deutscher Zunge, die Erziehung wie der Unterricht wieder mehr
äußerlich, wieder überwiegend Form und als Körper immer fester und massiger, wenn auch gegliederter aber
nicht als ein Lebganzes sondern als ein Gliedermann. Dadurch kann der deutsche Geist, welcher sich zwar auch
nach Körper und Masse und Gliederung sehnte, nicht wegen der eintretenden Einseitigkeit nicht lange befriedigt
fühlen und er wird sich wieder nach dem Leben, der Natur, dem Geiste, dem Gemüthe sehnen, er wird sich
wieder nach den blauen (treuen) Fernen, den klaren Bergen, den Quellen und Thälern seines Stromes wenden und
so wird das jetzt entfernte, aber nicht entfremdete deutsche Gemüth, der wanderte [sc.: wandernde] deutsche Geist als kräftiger
Jüngling und lebensklarer Mann wieder in sein Vaterland zurück, in seine Heimath zurück kehren und
von derselben als ein längst Verlobter und geliebter Bräutigam wieder empfangen werden. –
Nur klare Über- und Durchsicht nur Ausdauer in der Erfüllung der erkannten Forderungen kann uns, kann
nur klarer besonnener, bewußter Geist sich kund thuend in fester sicherer, bestimmter That u Leben kann uns
kann die Menschheit, kann jedem Einzelnen von uns zum Ziele führen. – Das Verhältniß von Europa
zu Amerika, das Wechselverhältniß namentlich auch zwischen uns und Amerika und die Zeit der her-
vortretenden Wirksamkeit desselben im Leben kann und muß wohl eben so nachgewiesen werden. :)) -
Nach diesem großen Zwischensatz, den auszuführen mir aber sehr nothwendig erschien kehre ich zur Hauptsache zurück. /
[2]
Ist nun Erziehung bewußte Erziehung wirklich das Streben und der Charakter der Zeit, so muß es sich vor allem zuerst in den Familien
dem Sitz und der Quelle aller Selbsterziehung aussprechen: Denn das kleinste
Kind strebt schon sich selbst nach seinen eigenen dumpfen, dunkeln unbestimmten Gefühl nach Ahnung, nach Selbstbe-
stimmung und zuletzt nach eigenem Willen zu erziehen. Thut sich nun Erziehung in einem bestimmten Lande z.B. Deutschland
in mehreren Familien kund, so wird und muß sie dadurch nothwendig in einigen und einzelnen Familien
ganz besonders, und hier wieder in einigen seit kürzerer in anderen seit längerer Zeit, bestimmt hervortreten.
Wo nun Erziehung ich verstehe darunter allemal bewußte Erziehung, Erziehung mit Selbstbestimmung nach den Entwicklungsgesetzen in einer Familie eines Volkes am längsten, am bestimmtesten also annähernd am bewuß-
testen festgehalten worden ist und zwar in
Beziehung auf Erziehungsfrucht, da ist der Quellpunkt zur Erreichung des Zeit-
und Volksstrebens. Dieses Streben muß aber - wenn auch in sehr vielen Abstufungen so wohl in Hinsicht auf
Stärke, als Bewußtseyn, als Dauer und Ergebniß – wie schon ausgesprochen in mehreren wenigstens einigen
Familien sich zugleich wenn auch in kurzer Zeitfolge aussprechen. Soll nun aber das Familien- das Volks-
das Zeit- und das Menschheitsstreben als Form zu einem Familien- Volks- Zeit und Menschheits-
Ergebniß kommen, so müssen die Einzelstreben sich erk finden und erkennen und wenn sie sich finden und
erkennen so müssen sie sich einigen mit Bewußtseyn einigen und in dieser Einigung für Ausführung und Erreichung
des gemeinsamen Zweckes ausdauernd und treu beharren. Zu diesem Zweck ist es nun nöthig daß das
Streben wenigstens der Sache nach als ein dauerndes, durchgehendes Familienstreben anerkannt d.h. sowohl der Form, der Erscheinung
als dem Geiste nach, nachgewiesen werde. Erklärende Beyspiele hierzu habe ich
Euch nun in meinem jüngsten, obengedachten Briefe gegeben in Beziehung auf die Nachweisung des erziehenden
Strebens in der Fröbelschen – wie in der Fröb BaropMiddendorffschen Familie - Gestern habe ich auch mit im
Gespräche mit Frankenberg einige solche prüfende und einigende Blicke in dessen Familie gethan, welche wir
auch schon von seinem Vater an mit Ausdauer als eine erziehende Familie erkennen und anerkennen mußten, wor-
inn auch ihr früheres Verknüpftseyn mit Krause sein[en] Grund hatte. – Deßhalb und in dieser Beziehung nun fragte
ich oben: ob der kleine Wedemeyer bey Euch sey – weil ich in HErn v. Wedemeyer auch eine praktisch, durch
die That erziehende Natur erkennen und anerkennen muß. Es wäre gut wenn diese Streben zur Erkenntniß
Anerkenntniß, Festhaltung und besonders treuen Fortbildung festgehalten werden. – Ebenso wäre es wohl
recht gut nach diesen Rücksichten einmal die Martinsche Familie in Jena sich vorzuführen und käme
es zu einem entsprechenden Resultat, dasselbe zur gegenseitigen Erkenntniß Anerkenntniß und vor allem
zu einer treuen Fortbildung zu bringen. – Frau v. Ahlefeld, Frau v. Arnim gehören auch zu solch erziehenden
Naturen und ihr Leben zu einem solchen Leben. Darinne der Grund ihrer Verknüpfung und festen Verknüpfung
mit uns. Dieser Gegenstand sollte gegenseitig recht klar behandelt werden, damit das Unbewußte sich
zum Bewußtseyn – das Unbestimmte zum Bestimmten, das Ungewisse, Zufällige sich zum Gewissen bleibenden
erhöbe und sich so endlich wahre durchgreifende, verständige Menschenerziehung verwirkliche. - Vielleicht
an Mathilde [v. Schönfeld], wie gelegentlich bey der Frau v. Ahlefeld ließe sich dieser Gedanke von mir als historisch zunächst
mittheilen. Oder vielmehr müßte man damit beginnen: der mehr oder minder unbewußt erziehenden Person
ihren eigenen erziehenden Charakter und Erziehungsstreben zur Selbstanschauung und so nach und nach zur Einsicht
und zum Bewußtseyn zu bringen. Dann müßte man ihr dieses ihr Einzelstreben in dem allgemeinen Zeit-, Volks- und
Menschheitsstreben anschauen und darinn begründet erkennen lassen. Dann müßte man ihnen mein und unser
Streben ebenso in dem allgemeinen Zeit- , Volks-, und Menschheitsstreben finden und erkennen lassen und ihnen
ebenso die Übereinstimmung die Gleichartigkeit die Einigung ihrer und unseres Strebens finden lassen, finden machen
ihnen wahrnehmen und einsehen machen wie nur durch Förderung und Pflege des allgemeinen Streben[s] auch das be-
sondere und Einzelstreben gefördert und zum Ziele geführt werde. – Auch die Muh[m]e Hoffmann [sc.: Friederike Schmidt] ist eine solche erziehende
Natur, daher ihre frühe Pflege meines und unseres Lebens in Keilhau, und besonders ihr erziehendes Streben in Beziehung auf so
viele Glieder ihrer Verwandtschaft z.B. auch ihre Sorgfalt für Adolph. - Weil überhaupt mit den Frauen
als den Gebärerinnen der kommenden Menschheit und als ihrer Pflegerin der Erziehungssinn, das
Erziehungsleben innig
verwoben seyn muß, darum auch von ihnen das so häufig Achtende, Anerkennende und Pflegende unseres Lebens!
Welt (Werlt) Werden, Erde, Leben als Erscheinung und Erziehung trennt eigentlich nur die
Unkunde; darum war der erste Akt nach der Menschenerscheinung ein Erziehungsakt, und die
folgenden
Verheißungen waren steigende Erziehungsakte und steigende Versicherungen, daß die Menschheit
ihr Erziehungsziel - ErziehungSelbsterziehung einst erreichen werde. – Alles was den Menschen,
das zum Selbstbewußtseyn bestimmte Wesen umgiebt, auf ihn einwirkt ist – Erziehungsaufforderung,
Erziehungsaufgabe, ist ErziehungsMittel.
Nach obigen müssen sich also allem zu vor mehrere Einzelnerziehungsstreben in Familienerziehungsstreben einigen
dazu erheben und ausbilden; mehre[re] Familienerziehungsstreben müssen sich als Volkserziehungsstreben finden und einigen,
in den Volkserziehungsstreben muß das Zeit- und das Menschheitserziehungsstreben [sich] anschauen, erkennen, aus- und fortbilden.
Zu dieser Ansicht müßten zunächst die Frauen v.A. [Ahlefeld] u v.A.[Arnim] mit ihren Pflegekindern erhoben werden und sich erheben
dadurch würde sich besonders die Fr.v.Al-d [Ahlefeld], welche durch ihr Handeln den Frauen des classischen Alterthums schon so sehr nahe
steht sich nicht nur innig an dieselben anschließen, sondern sich vielmehr über dieselbe noch erheben.
Madame Fillion, Eugens Mutter war es die schon vor mehreren Jahren dieß Allgemeine meines Strebens auf-
faßte und sich mir bestimmt darüber aussprach.

Sonnabends am 15en Nov. So wie ich sehr ersehnte mit der heutigen Post Briefe von Euch zu erhalten, so erwartete ich sie auch
gewiß; doch die Post brachte abermals nichts ob gleich heut 6 Wochen sind daß Ihr uns zum letzteren schriebt (nemlich am 4n 8br.)
Ihr habt doch meine Briefe in der jüngsten Zeit regelmäßig erhalten? – Besonders auch den mit der Anweisung auf Rth 95.? –
Ich glaube ich habe Euch seit Michaelis wenigstens in der Zeit jüngsten Zeit bestimmt jede Woche geschrieben.-
Zu dem was ich Euch im vorigen und in dem heutigen Brief über geistigen Lebensverband im Leben, besonders auch in meinem Leben und über Verknüpfung durch Erziehung
niederschrieb, habe ich so eben einen sehr schlagenden Beweis erhalten. – Ich schlug Euch doch in einem der vorigen Briefe
einen jungen Menschen aus dem Waadtlande (Pays de Vaud) zu einem Lehrer der franz Sprache vor. Wie Ihr wißt war
er mir durch Niederer in Yverdon (also durch eine Fortentwickelung von Pestalozzis Wirken und meinem Leben bei diesem) bekannt geworden. – /
[2R]
Schon früher und noch bey Barops Hierseyn haben wir bemerkt, wie mein Leben bey Pestalozzi und dessen Lebensverband
mit mir in mein Leben und dessen Fortentwickelung und Zielerreichung eingreife. Der Pater Girard - der HE. Pfarrer Siegrist
der Amtsschreiber Kilchmann, - der Prof. Ruckstuhl (Schwager vom GroßR. Wechsler). Selbst Nägeli in Zürich sind Bekanntschaften
von Pestalozzi her und wirkten bestimmend und am Ende fördernd in mein schweizerisches Wirken ein. Irre ich nicht so
hob ich Euch auch schon in einem meiner jüngsten Briefe heraus: wie es merkwürdig werde daß sich nun sogar meine persön-
liche Bekanntschaft nach Yverdon (dem Örtlichen Zusammenleben zwischen Pestalozzi und mir) hinwende; denn eben der
Euch vorgeschlagene junge Mensch wurde mir ja von Yverdon aus bekannt, lebt jetzt in Yverdon und der junge Mann
welcher als Lehrer hier eintritt ist ganz dicht bey Yverdon zu Hause. Doch heute tritt nach dem Briefe des Euch vorgeschla-
genen jungen Rapin (nicht Papin wie ich schrieb) aus dem äußerlichen örtlichen Verhältniß auch wieder ein innerliches
Gemüthsverhältniß hervor. Er fragt mich nemlich ob ich der Fröbel sey welcher einst in Yverdon gelebt dort einigen jungen Frauen-
zimmern Unterricht in der deutschen Sprache gegeben habe nennt die eine dieser Frauenzimmer und sagt daß diese seine Mutter sey. –
Und so ist es, es ist dieselbe Person. Sie bestimmte sich der Erziehung besonders g[an]z junger Kinder, wünschte in dieser Beziehung in Deutschland
eine Stelle zu erhalten; bat mich bey meiner Abreise um Berücksichtigung ihres Wunsches in Deutschland, doch wurde mir nie
möglich zur Erfüllung desselben etwas bey zu tragen und seit 24 Jahren haben wir gegenseitig nichts von einander gehört. -
Der Bruder dieses Frauenzimmers ist Stadtschreiber in Yverdon und Gatte der Freundin seiner Schwester, einer Pflege-
tochter
aus Pestalozzis Töchteranstalt (irre ich nicht einer gebornen Pariserin). Seht Freunde! so wirkt gemeinsames
vom Gemüthe aus innig einiges Zusammenleben – (wie es wohl zwischen Pestalozzi und mir [im] Innern Statt fand) –
dem Orte - der Person - dem Geiste – dem Streben und hier ganz namentlich gemeinsamer Erziehung. Ihr sehet
daraus wie wahr meine wiederkehrende Aufforderung ist und wie tief begründet [in] der zarten sinnigen aber gestaltenden
Pflege des Gemüths und geistigen Lebensverband[es] und wie wahr der Göthesche Ausspruch ist: - Die Stätte die ein guter Mensch betrat ist eingeweihet noch nach Jahrhunderten wirkt sie seegensreich fort. So z.B. Luther u Luthers Leben auf der Wartburg,
dessen Eingreifen in mein Leben: Laß mich küssen die Erde pp. und so dessen Eingreifen zur Erziehung
der beiden Luther. - So lebte und wirkte ja auch Pestalozzi im Schlosse zu Burgdorf. Darum stille und sorgliche
Beachtung aber angemessene und kräftige Beachtung der zarten geistigen Lebensfäden. – Denn der Ort und das äußere
Lebensband macht es nicht, sondern der Geist u das Leben welches in und durch dieselbe kund thut. Aber umgekehrt
der Ort ist und bleibt wichtig, wirkt in seiner Wichtigkeit fort wo das Tüchtigste mit Vollkommenheit, mit Ausdauer
zugleich aber auch mit Klarheit und Bewußtseyn, mit dem Bewußtseyn das [sc.: daß] es eben das Tüchtigste und in der Zeit Nothwendigste ist –
geschiehet; sey es dann auch das Kleinste, sey es nur der Gedanke wie man das Leben des kleinsten Kindes auffaßt und pflegt. –
Ich bitte Euch doch alle und alle verständigt Euch doch nur einmal und einiget Euch; einiget Euch in Euch und in Eurem Leben endlich
mit gegenseitigen ganzen Vertrauen über diesen Punkt.
In Beziehung auf die Fortwirkung des Geistes muß ich Euch noch das Eigene sagen: Meine Erziehungsweise wird besonders von vielen mehreren
jungen Männern am Bieler See, in welchem die Rousseaus[-]Insel ist – festgehalten; mir war es immer wenn mir der rege Geist
dieser jungen Männer entgegentrat, als rege sich Rousseaus Geist wieder. – Doch dieß Lebensspiele. Zurück zum Leben selbst. –
Nach obigen Mittheilungen von und über den jungen Rapin thut es mir nun sehr leid, daß er nicht wie ich hoffte in meinen
Vorschlag nach Keilhau zu gehen, eingehet: wegen dem erregten Zustand in welchem sich Deutschland sowohl in sich als gegen die Schweiz
befände würde sich seine Mutter (einen Vater scheint er also nicht mehr zu haben) schwer entschließen ihn nach Keilhau gehen zu lassen. In dieser
Beziehung könntet Ihr doch gelegentlich und unter der Hand erkundigen z.B. bey dem Polyzeisekret[är] Röhler: ob es Schwierigkeiten haben
könne einen jungen übrigens ganz unbescholtenen u politischem Treiben ganz fernen jungen Menschen aus dem Pays d’Vaud mit gutem Paß versehen in Keilhau
als Lehrer anzustellen? – Sollte jedoch Keilhau einen jungen Mann als Lehrer der französischen Sprache
welchem dieselbe Muttersprache sey, mit Vortheil anstellen können, so habe ich ja in meinem vorigen Briefe Euch schon von einem andern
jungen Manne gesprochen, welcher uns g[an]z besonders von d.HE. Pfarrer Schnell in <Vinelz> empfohlen wurde. – Nun, es wird
sich ja das Beste wohl finden. –
Obgleich Ihr Euch wohl schon wegen Elisen oder sonst bestimmt entschieden haben werdet, so will ich Euch doch die Erklärung
von Luise Frankenberg mittheilen, welche mir ihr Bruder aussprach, daß sie sich nehmlich auch getrauet
die hiesige Wirthschaft allein zu führen, besonders wenn es ihr möglich gemacht werden könnte daß eine Köchin aus
Eddigehausen zu ihrer Hülfe hierher käme. Es ist mir lieb Euch dieß aussprechen zu können damit es nicht erscheine als träte von hier aus in Beziehung auf Elise ein Zwang ein. Nein! die Bestimmung liegt in Eurer Hand, Eurem Urtheile.
Von Bern habe ich – in Beziehung auf die mir anvertrauten Schullehrer Zöglinge die Zustimmung erhalten die
Führung des Waisenhauses in Burgdorf zu übernehmen.
Die Herzlichsten Grüße von Allen. – Morgen Abend ist hier große Musikalische Abendunterhaltung
wozu alle Eltern der Kinder eingeladen sind. Erste Abtheilung derselben. Erster Satz der Symphonie von Küffner
- Gesang für 3 Soprane, Terzett. Gesungen von 3 Schülerinnen. - Gesang für 2 Soprane und Clavierbegleitung – gesungen
von 2 Schülern. – Divertissement für Pianoforte und Flöte – (Flötist ein Schüler Ferdinands) – Männerchor. –
Zweyte Abtheilung: Adagio und Allegro der Küffnerschen Symphonie. – Gesang für gemischten Chor - Roda con-
zertirt auf dem Violoncello – Serenade für 3 Flöten (2 Schüler Ferdinands und er selbst) – Männerchor
– Letzter Satz aus Küffners Symphonie. – Der Beginn ist 7 Uhr. –
Mehrere der gebildeten jungen Männer in der Stadt haben sich jetzt vereint um den früher schon einmal be-
gonnenen Beobachter an der Wigger unter dem Titel „Der Abendstern“ zu ihrer Bildung u Belehrung fortzu-
setzen. Auch von dem Lehrerpersonale erhalten sie Beyträge u.s.w.
Nun lebt recht, recht wohl; für heute ist es leider wieder nur zu viel geworden.
Schreibt uns ja mit der nächsten Post wenn es noch nicht geschehen ist damit es mir möglich ist das Leben
äußerlich bestimmt zu ordnen.
Gott segne und behüte [Euch] und alles Leben des Kreises. In Liebe und Treue Euer
FrFr.