Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an >Keilhauer Gemeinschaft< in Keilhau v.16.11.1834 (Willisau)


F. an >Keilhauer Gemeinschaft< in Keilhau v.16.11.1834 (Willisau)
(KN 49,6; Brieforiginal 1 B 4° 3 S. + Adresse auf 2R)

Willisau am 16en Novbr 1834.


      Herzinnigen Gruß der Liebe und Treue Euch Allen.

Mich dünkt es ist nichts erfreulicher als wenn man immer mehr die Gesetze des eigenen Lebens
mindestens einen bestimmten durchgehenden Charakter desselben erkennt weil man dadurch
hoffen kann dasselbe, so weit dieß überhaupt menschlich möglich ist, endlich zu überschauen
und zu überschauen beherrschen; So haben wir und besonders Du auch lieber Barop! schon seit langem
bnamentlich seit unsern Schweizerleben als durchgreifend in unserm Leben erkannt, daß
wie es nach der inneren Seite immer ein festeres und festeres werde, so nach der äußern
Seite hin ein immermehr schwankendes erscheine, oder anders ausgedrückt: man müsse
die Verhältnisse so behandeln als wären sie einzig und blieben sie wankellos, in sich aber
ihnen so gegenüberstehen als müsse man sie jeden Augenblick aufgeben. Ihr wißt
Freunde und Geliebte wie oft sich diese Ansicht unseres Lebens besonders während
der Begründung unseres erziehenden Wirkens in der Schweiz bewährt hat und Ihr
werdet Euch erinnern, wenigstens kann er es in Euer Gedächtniß zurückrufen
wie bestimmt sich vor fast 2 Jahren Barop darüber von hier oder vielmehr von Warten-
see aus uns darüber aussprach. Jetzt komme ich mit der Bestätigung dieser unserer An-
sicht unseres Lebens zu Euch und ich freue mich daß dasselbe immermehr mit seinem geistigen
Charakter und Wesen in Klarheit und Bestimmtheit hervortritt, damit wir endlich eben
so klar und bestimmt Eeinsehe[n] es ruhe in einem großen u ganzen Lebenseinen es ruhe im
Leben der Menschheit, im Menschheitsleben selbst. In meinem gestern an Euch abge-
gegangenen [sc.: abgegangenen] Brief schrieb ich Euch mit Bestimmtheit Woche und Tag wann meine
Frau mit Langethal nach Burgdorf gehen und wann man ihnen dort die Mädchen über-
geben und wie bis zum Neujahr alles erfolgen würde. Ein Schreiben welches ich heute
früh als ich noch im Bette lag durch einen Expressen von dem Bürgerrathe der Stadt
Burgdorf erhielt änderte unerwartet dieß alles: unvorhergesehene, mindestens unvor-
her bedachte Hemmnisse welche die Abfindung mit den Personen in den Weg legte denen
bisher die Pflege der Waisenkinder übertragen war stellten mir die Wechselwahl
entweder jetzt etwas Getheiltes und Unklares oder 3 Monate später das Geeinte
und Klare zu wählen und ich wählte natürlich das Letztere. So ist denn der ruhigen
Entwickelung unserer Lebensverhältnisse noch einige Monate Frist gegeben.
Ich kann Euch gar nicht aussprechen wie mir dieß lieb ist und ich hoffe es wird
bey Euch der gleiche Fall seyn; denn ich fühlte wohl obgleich die Entwickelung längst
vorbereitet, so mußte sie Euch doch jetzt etwas unerwartet und schnell kommen; allein
ich konnte es nicht ändern ich mußte strenges Organ der Forderung seyn und persönliches /
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Mißbehagen beym Aussprechen derselben ganz zurück drängen. Ebenso kam auch ich hier
mit meinen übernommenen Verpflichtungen gegen die 5 Berner sehr stark ins Ge-
dränge, obgleich wie ich Euch gestern schrieb mich das Erziehungsdepartement davon
persönlich frey gesprochen hatte, so konnte doch ich es nicht so in meinem Inner[n] so leicht
thun und um die Forderungen meines Innern zu befriedigen würde ich Geistes- und Le-
bensanstrengungen übernommen haben welche mir mindestens Schwächung in meinem
Körper gewiß zugezogen haben würden. Nun ist alles anders und nach diesen Seiten hin
gelöset. Zwar hätte ich meiner lieben treuen Frau, deren Körper die Unvollkommenheit
des hiesigen Hauses und namentlich dessen Zug sehr empfindet, und ich hätte ihr darum
je eher je lieber die Wohnung in dem schönen klaren so bequem geordneten zuglosen Wai-
senhausgebäude zu Burgdorf gegönnt; allein ich habe doch auch gedacht ob die Dunstig-
keit [sc.: Feuchtigkeit] welche bis jetzt noch in dem ganz neuen vielangestrichenen Gebäude sich findet
ihrem sehr reizbaren Körper nicht auch hätte schädlich seyn können, obgleich unsere beyden
Wohnzimmer nach schweizerischer Sitte ganz mit Holz getäfelt sind. So tröste ich mich
nun auch von dieser Seite, und ich habe heute schon mit meinen Freunden darüber gesprochen
ihr nach Möglichkeit hier in dem Hause ein schön zu durchwärmendes zugloses Zimmer zu
verschaffen. Eines muß ich Euch aber doch noch mittheilen damit Ihr mit mir das Leben
und mein Leben und mich in Mitte desselben stehend durchschauet: Ich ersehne und for-
dere im Leben ganz und gar nichts äußerlich Bestimmtes heiße es nun Ort, oder Person
oder Verhältniß, Wirkungskreis; sondern ich suche in Klarheit und Einfachheit das der
jetzigen Entwickelungsstufe der Menschheit völlig angemessene, von ihr gleichsam zu
ihrer Fortbildung mit Nothwendigkeit geforderte zu erkennen und es ebenso in Hinsicht
auf Mittel und Zweck mit Klarheit und Bestimmtheit in Einfachheit und unbeengter
Freyheit auszuführen. In dieser Beziehung erschienen mir nun jetzt noch die Burgdorfer
und Bernerverhältnisse für mich persönlich und überhaupt auch für uns etwas zu ver-
wickelt und besonders für mich persönlich fesselnd und beengend: Sehet da hab ich nun
von Morgen bis zum Abend einen Grundgedanken eine Grundempfindung - Gebet – in
mir getragen: Siehe alles Durchschauender, Vater, ich gehe mit Ruhe und Festigkeit den äußeren
Forderungen nach ja ich wirke sogar bestimmend wenn auch beydes mir Unangenehmes
bringe, allein, was und wie ich mich auch alles zu sehen bemühe, so durchschaue noch über-
schaue ich doch nicht das Ganze, darum bestimme Du ich werde mich treu bemühen diese Bestimmungen
zu vernehmen, und höre ich sie, ihnen augenblicklich Folge leisten. Schon mehreremale in meinem
Leben habe ich nun so die Erfahrung gemacht, wenn ich so treu und ruhig den äußeren Forderungen die
ich nun einmal nicht ändern noch sie umgehen konnte, so verwickelt und {bedrängend / beengend} sie für /
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mich persönlich auch waren, nachgieng, oft wie ich noch ganz allein stand so nachgieng, daß
ich glauben mußte die Gefahr sey für mich nothwendig unvermeidlich, so lösete es sich mir in
einem Nu und leicht wie einen [sc.: ein] Faden welchen man vielfach durch die Finger schlingt und scheinbar
recht verschürzt leicht aus denselben hervorzieht. Sehet dieß hat mir schon von langem
her und giebt mir bis jetzt für mich den unumstößlichen Beweis daß mein und unser
Leben als ein ächtes Lebensglied in dem großen Leb- und Menschheitsganzen ruhet und
von demselben so getragen und gepflegt wird wie unsere innern Sinne von dem einen Geiste
und unsere äußeren Sinne von dem einen großen Lebensorganismus {Leib / Pers} genannt, wo-
von der Nervenbaum wieder nur ein Theil ist. Ihr werdet nun finden, wenn Ihr einen prüfenden
Blick auf mein Handeln seit einer Reihe von Jahren werft, daß ich besonders seit der Geburt von
Wilhelm und der Verlobung von E. und B. Euch das Innerste meines und unseres Lebens nach
Möglichkeit aufgeschlossen und vorgelegt habe um Euch des Lebens Einheit und Zusammenhang
überhaupt die Einheit und den Zusammenhang meines unseres Lebens insbesondere und dessen
Einheit und Zusammenhang mit dem großen Lebensganzen und Menschheitsleben einsichtig
und anschaulich zu machen. Ich weiß ich bin dabey oft nicht verstanden und mein Ziel ist so oft
nicht erreicht worden, mich will es nun bedünken als wenn mir das Geschick in meinem Streben
helfend an die Seite trete – (:ich könnte Euch auch wohl beweisen wie dieß in der LebensEinheit begründet
ist:) – um die Wahrheit der von mir aufgestellten Lebenseinheit allen Gliedern des Kreises
offenkundig darzulegen, damit man durch das stets schwankende und unbestimmte der äußern
Erscheinung doch endlich auf das innere, feste und bestimmte des Lebens seinem Ziele und Zwecke, seinen
Mitteln und Wegen, seiner Einheit und seinem Zusammenhange nach doch recht aufmerksam
werde. Uns nun allen Zusammen als einem einzigen einigen Ganzen zu dieser Einsicht unserer
LebensEinheit zu erheben, uns diese LebensEinheit für das Leben und in dem Leben selbst zu geben, dieß
scheint mir der eigentliche Zweck des scheinbar äußerlich schwankenden unserer Lebenserscheinungen zu
seyn. Werden wir nun diese innere Lebenseinheit in der ächten und wahren Ansicht unseres Lebens er-
ringen, so werden wir auch gewiß erreichen wonach ich seit langem strebe, und was ich Euch nun
sogleich hier offen und bestimmt aussprechen will: die Ausführung einer reinen einer ächten
Menschenerziehungsanstalt. Seit langen [sc. langem] bearbeite ich dazu alle Bedingungen in mir und um mich und bin offen[e]n
Sinnes wo sich mir dazu auch äußerlich ein Punkt eine Aufforderung zeigen werde. – Elise
soll nun still und sinnig an ihrer Ausbildung, so lange ihr noch Zeit dazu gegeben ist, nach Möglichkeit fortarbeiten
und keine ihrer Anlagen ganz hintan setzen, so z.B. auch das Französische nicht. Ihr könnet, wenn Ihr sonst in
den Gedanken und Vorschlag überhaupt eingehet still alles zu ihrer Abreise mit dem Vater vorbereiten
und einleiten, in den ersten Monaten des künftigen Jahres die beste Zeit zur Reise aussuchen und so kann sie
was mir ganz besonders erfreulich ist unsere[r] Emilie, welche Gottes Schutz und Seegen sich stets erfreue, - in ihrer /
[Rand] durch Gottes Güte uns alle beglückenden Niederkunft noch hülfreich zur Seite stehen, wenn auch mittelbar durch die Mutter, und der
so wiederkehrend geseegnete Großvater kann vor Antritt seiner Reise sich erst noch der neuen Knospe seines Lebensbaumes erfreuen, und er
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kann sie vorher wieder dem Vaterleben, der Vaterliebe, der ewigen weyhen, aus welcher er sie und wir alle empfingen –
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Im Fall überhaupt eine Reise von Elisen und dem Bruder hierher möglich ist, so werdet Ihr wohl das Euch dazu angewiesene Geld
Euch dazu verwahren. – Schlafet, ruhet recht wohl; auch um mich ruhet alles. Es ist jetzt morgens 2 Uhr am 17en. Gott schütze Euer aller Leben. FriedrichFröbel.