Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 20.11./8.12.1834 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 20.11./8.12.1834 (Willisau)
(KN 49,7, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.)

      Willisau am 20en Novbr 1834.

Es grüße Euch Gott durch Wahrheit Licht Einsicht, und durch den Willen
      die Kraft und die Gelegenheit denselben getreu zu leben.
*
Da ich glaube, daß es Euch lieb seyn wird, doch auch wörtlich zu vernehmen wie
sich das Erziehungsdepartement über meine Führung des SchullehrerCursus
zu Burgdorf ausgesprochen hat, so hole ich hier die Mittheilung des dasfallsigen Er-
lasses an mich nach, er heißt: “Hochgeehrter Herr.
Wir rechnen es Uns zur angenehmen Pflicht, Ihnen nach Beendigung des diesen
Sommer zu Burgdorf abgehaltenen Normalcurses, dessen Leitung Ihnen über-
tragen war, Ihre vielfachen Bemühungen auf das verbindlichste zu verdanken, und
Ihnen als Zeichen unserer Anerkennung Ihrer Leistungen anmit eine Entschädigung
von Franken 400 zu übersenden.
Wir ersuchen Sie, Hochgeehrter Herr! die daherige Quittung unserer Canzley
zu übermachen.
   Mit Hochschätzung!
Der Präsident des Erziehungsdepartements
Bern den 26 Septbr 1834.        O. Neuhaus.
         Der erste Sekretär
         G. Hünerwadel“
*
Noch will ich Euch doch auch das Urtheil eines gewissen
Herrn Pfarrer Schnell aus Vinelz (: zwar ursprünglich auch Bürger von Burgdorf
aber kein Verwandter der jetzt vielgenannten Diplomaten Schnell :) - über die Menschenerz.[iehung] mittheilen
welches Urtheil er an Langethal unterm 26n Oktbr hierher geschrie-
ben hat. – Er schreibt: - “So viel mir meine unwillkührlichen Zerstreuungen
erlaubten habe ich mich mit Herrn Fröbels Menschenerziehung beschäftigt und habe
mich an der herrlichen Vorrede des Werkes - (: er meint damit den begründen-
den Theil :) - gelabt und gestärkt. So muß dem Lehrer Alles aus der innersten
Tiefe seines religiösen Gemüthes heraufsteigen, so muß Alles nur in einem
reinen heiligen Lichte betrachtet werden. Ich werde sie noch mehrmals lesen und
so das ganze Buch. Kennen oder haben Sie in diesem Geiste und dieser Kraft noch
etwas, so machen Sie es mir bekannt, besonders über die etymologische Sprach-
auffassung bin ich sehr begierig, weil ich in diesem Zurückgehen eine eben
so populär-elementarische, als philosophische Behandlung derselben zu
erblicken glaube, die uns im Unterrichte so viele verfehlte Definitionen
über die Bedeutung der Wörter ersparet.“
Es bedarf keiner Erwähnung daß ich diese Mitheilung an Euch nicht mache, weder
um mich und die Sache darauf zu stützen, noch um ihre Wahrheit dadurch zu beweisen
sondern um den Euch zukommen[den] Urtheilen und Meynungen besonders aus der philolo-
gischen und sogenannt philosophischen Schule auch andere Überzeugungen und Urtheile
entgegenzustellen; so gehört genannter Pfarrer Schnell zu den geistreichsten und
zugleich wissenschaftlichsten Menschen des Kantons Bern. – Ich weiß recht wohl
daß dem Grundgedanken, welcher meiner Erziehungsweise des Menschen, meinem
Streben nach Menschenerziehung [zu Grunde liegt], seine klare, so wohl historische als wissenschaftlich
klare und bestimmte Gestaltung und Darlegung, vielmehr Darlebung mang-
elt; dieß liegt aber – dieß sey hiermit als Denkstein für alle Zukunft ausge-
sprochen – nicht in dem Grundgedanken und nicht in den Gesetzen zur klaren
Darlebung desselben, welche eines mit ihm selbst sind; - sondern es liegt mir ganz
vor allem an dem dazu nöthigen Stoff und äußeren Verhältnissen und besonders an
angemessener eingehender Hülfe und Mitarbeitung. Da ich nun aber
einmal diese, zu klarer philosophischer und bestimmter gestalteter historischer
Darstellung nicht erlangen kann; so leiste ich lieber freywillig ganz darauf
Verzicht und suche mein Streben, nicht sowohl im allgemeinen, noch ungebildeten
Gemüthe und dem noch ungeklärten Leben zu begründen, als daraus, als seinem ur-
sprünglichen Quellorte hervorgehen zu machen. Jedes Ding hat - dieß bedenkt wohl /
[1R]
sobald es entstehet oder erscheinet, seine natürlichen Feinde (d.h. kurz und
allgemein ausgedrückt: sein rein Entgegengesetztes, Zuwiderlaufendes :) - Wer
glücklich-glückseelig seyn und leben will - (: vergleicht über diese Worte früh-
ere Briefe :) der muß frühe suchen, diese seine ursprünglichen Feinde, diese ursprünglichen
Feinde seines Strebens klar zu erkennen und dieser erlangten Erkennt-
niß und Einsicht getreu zu handeln. Auch ich und mein Streben hat seine ur-
sprünglichen und natürlichen Feinde. Gott sey Dank! ewig Dank! ich ahnete sie von
sehr frühe, ich möchte sagen zugleich mit meinem beginnenden Streben; Gott sey Dank
ich beginne ihn [sc.: sie] jetzt immer klarer zu erkennen und einzusehen. Es sind die Feinde
die sich zu jeder Zeit gefunden haben und sich wohl zu jeder Zeit, auch noch in Zukunft stets
finden werden, wenn das Menschengeschlecht oder vielmehr die Menschheit eine
neue Stufe der Fortentwickelung, der neuen Entfaltung erreicht hat. Diese
ursprünglichen Gegner und Feinde aller Fortentwickelung und Entfaltung sind dar-
um natürlich die Freunde alles Stehenden, alles Angeeigneten um des Stehens,
um des Aneignungs Ganges willen. Die natürlichen, oder vielmehr ursprünglichen
Feinde aller Fortentwickelung, Selbstentfaltung sind also nothwendig alles das 1) was man
Schule im strengen Sinne des Wortes heißt so z.B. philologische Schulen (philologische
Seminarien), philosophische Schulen (Systemenphilosophen) 2.) alles was Zunft- und Hand-
werksbestimmung und Gebrauch ohne Durchdringungen seines Grundes ist, also
alles, wo Ge-lehrtheit statt Selbstlehre sich ausspricht. Also sind Ge-lehrte; Ge-
lehrtheit; Ge-lehrsamkeit die ursprünglichen Feinde meiner rein entwickelnden
Erziehweise des Menschen, der Menschen, des Menschengeschlechtes und der
Menschheit. Leset das Ruprechtsblümchen, was ich vor so vielen Jahren nieder-
schrieb, und noch immer bleibt das höchste Lebensergebniß, dessen Ausführung stets
das Lebensziel seyn muß, das dort ausgesprochene: „und er gieng hin und lebte.[“]
Wie nun zwischen dem Erscheinenden und seinem ursprünglich Zuwiderlaufenden,
jedes als bestehend betrachtet, nie Friede, nie Ausgleichung nie Versöhnung statt finden
kann, es gienge denn eines in das andere über, oder sie erkennten sich gegenseitig sich gleich-
mäßig zum eignen Bestehen ganz nothwendig, so ist auch an keine Ausgleichung zwischen den
Ge-lehrten und mir zu denken und geschlossene Capitulationen und
Waffenstillstände sind entweder Schritte der Klugheit oder der List; dieß
wollen wir uns doch ja und ja nicht verhehlen, damit wir an dem uns von der
Vorsehung anvertrauten Entwickelungsgeschäfte und Entwickelungsgange der
Menschheit nicht zum Verräther werden. – Laßt mich offen mit Euch reden und
dabey nicht mich, nicht Euch als mich und Euch, von nicht die Gegenwart, Vergangenheit
und Zukunft als solche, sondern die Zukunft als eine Tochter der Gegenwart und
Enkelin der Vergangenheit vor Augen haben: - wo mich und mein Leben und
Streben die Ge-lehrsamkeit, oder das Gilden-Zunftwesen - oder auch die
Erfahrung (insofern sie nicht das Ergebniß, den Geist der Erfahrung, sondern das Erfahre-
ne selbst festhielt ) – berührte da verbrannte sie entweder meinem
Leben die Schwingen oder erfror die Herzblätter meines Lebens, oder
machte meine Lebenssaat faulend. Öffnet Eure Augen und commentirt
das Gesagte aus und durch die Einzelerscheinung meines und unseres Lebens.
Um der Zukunft und um Eure[r] und unsre[r] Kinder willen muß ich den
Vorhang vom Leben ziehen; vieles was Euch und mir bisher unerklärbar
war wird Euch nun leicht erklärbar und einsichtig so z.B. das Betragen
von Erfurth aus gegen mich, so das Betragen und die Handlungsweise
von Menschen gegen mich denen ich nie etwas zu Leide that, ja deren Bestes ich suchte
und förderte: - Sie sahen und meynten ihre stehende Lebensansicht durch mich ge-
fährdet. Was
Was sich aber auch ursprünglich entgegengesetzt ist, sucht sich aber auch gegen-
seitig bey einer bestimmten gegenseitigen Unklarheit; theils, um sich eines das
andere zu vernichten oder um gegenseitig zu benutzen theils aus einer ge-
wissen gegenseitigen Anerkenntniß <->. So erkennt z.B. Fries (und
gar manche andere [Profess]oren :) mein und unser entfaltendes Lebensprinzip
an - er nennt es instin[k]tartig – Innigkeit aber weder er noch seine Ge- /
[2]
sellen wollen diesem Lebensprinzip nicht als Gärtner zur Seite stehen, sondern
sie wollen es in ihre längst ausgehölten Glockenformen leiten, damit
das Werk möge den Meister loben; doch der Seegen (den sie nicht anerkennen)
kommt von Oben, von welchem sie ganz recht ahnen aber nicht wissen
das[s] es ein Innen ist; Was sie Wissenschaft {Geschichte, Philologie, classisches Studium und Sprachen u.s.w.} nennen
das ist eben die Form in welche sie unser Leben
so gern gießen möchten; darum hüten wir uns vor ihrer Hülfe so weit als nur
möglich
; sie ist nie reine uneigennützige Hülfe; hüten wir uns, ihnen die Hand
zu weit zu geben, damit sie uns nicht den Arm ausreißen. Mich dünkt sie
möchten ihre todten Eyer gern von uns ausbrüten lassen; aber hüten wir
uns, daß sie uns wenn wir sie wenigstens mit Wärme durchdrungen
haben, daß sie uns dann nicht vom Neste jagen.
Rand 1R *-*] [*] Es ist ganz merkwürdig wie mich diese Herren, oder vielmehr wie sehr sie mein Wirken ignoriren; mit Euch, so auch mit Langethal meinten sie bald fertig zu werden. [*]
Hüten wir uns, daß uns
die Fremden, Eingewanderten nicht vom eignen Herd und eignen Haus, Hof
und Land treiben denn – nicht zu beleben, nicht geistig zu entwickeln, sondern -
in Besitz zu nehmen das ist ihr letzter Zweck, darüber sollten wir nun klar
seyn
; wie man einmal Pestalozzi[s] Idee, so z.B. N.M. [Niederer Muralt] rc, in Besitz nehmen, nicht
aber sie in Gestaltung erscheinen lassen wollte, ging die Idee unter und
Pestalozzi hat sich als Märtyrer zu todt gekämpft im Besitz derselben zu bleiben
und sie zu einer Gestalt zu einer Lebgestalt zu erheben. Ebenso mit der Zunft-
Gewerbs- und äußern stehenden Erfahrungsansicht, welche uns so gern zu sich, die
Idee, den Gedanken zu sich herabziehen möchte damit {er sie wir} ihre Einzelnheiten zu-
sammenleimen möchten.
Umgekehrt wird aber auch, und wurde leider nur zu viel von uns von mir ganz namentl. die
Wissenschaft, die Erfahrung gesucht, allein nicht um ihrer
Formen nicht um ihrer Regeln, sondern um ihres reinen Wissens, ihrer
reinen Lebensergebnisse willen; aber die Scheidung zwischen dem Gesetz und
den Trägern des Gesetzes, zwischen dem Leben und dem Lebensträger, Lebenskörper
zwischen Regel und Gesetz ist schwer, und so wurde ich ehe ich es mich versah
bald mit Fesseln umschlungen wie bey spätem Frühlings- oder bey frühem Herbst-
froste die Bäume, die Gewächse vom Glatteise.
Darum war es schon seit sehr langem mein Wunsch und Streben, daß sich der Gedanke
wahrer Menschenerziehung wissenschaftlich bestimmt hervorbilden, lebenvoll und
klar gestalten, und historisch stetig und wahr nachweisen möchte; - doch wo ich mich
dazu nach Hülfe und Theilnahme von Außen umsahe, so war ja auch alles was mir
in dieser Beziehung begegnete durch die Schulen, durch das Zunft- und Gildewesen
und durch die Erfahrungsansichten der Zeit hindurch gegangen und was davon
selbst, persönlich mehr oder minder davon unbefangen war, wurde nun um
so stärker von Andern darinn gefangen und so - waren die Resultate
nun eben die, welche sie waren und – welche offenkundig vorliegen. Öffnet
darum Freunde! Öffnet die Augen und das Herz und schließet Euern Geist
auf, um so klar als fest zu sehen, in welchem vielfachen Netz mein und unser Leben ein-
gewoben ist. Nur diese Klarheit und Festigkeit des
Blickes kann uns und mindestens die Unsern und deren und so unsere
Nachkommen retten; Nur die feste Entschließung rein und frey das Leben
in uns sich entwickeln zu lassen und es als Wissenschaft und Kunst, Ge-
staltung, als Lebensthatsache aus uns und außer uns selbstständig
darzustellen, und diese Entschließung alle Hindernisse beseitigend durchzu-
führen. Also, Befreyung von Schulwissenschaft und Ge-lehrsamkeit, von Philologisch-
grammatikalischem Sprachwissen von den verknöcherten Lebensformen können wir uns
ihr Wissen und ihre Erfahrungen dem Geiste nach, nicht unbeschadet unserer und
der Menschheit freyen Entwickelung aneignen, nun! so laßt uns dieses Wissen
diese lebenvollen Lebensgesetze frey und selbstthätig aus uns entfalten, aus
uns selbst
sich entfalten. Ich will Euch bey dieser Gelegenheit auch etwas über die
Führung und besonders den Unterricht Eurer Kinder sagen, was mir gar
sehr am Herzen liegt und was ich Euch gar sehr zu bedenken bitte. –
Doch ich will erst noch etwas Allgemeines sagen, und dann darauf zurückkommen. /
[2R]
In einem der vorigen Briefe schrieb ich Euch über mein Verhältniß zur Männer[-]
und Frauenwelt. Die Ergebnisse der jetzigen Betrachtung werfen auf die
der früheren Betrachtung ein noch mehr erhellendes Licht: - Der männ-
liche Geist, der männliche Charakter, das männliche Leben muß seiner Bestim-
mung nach z.B. als schützend, mehr im Äußern, in Formen, in Gewordenen, im
Festen leben. Das Weib lebt mehr im Innern, im Leben selbst, im Werdenden
im Beweglichen, denn seine Bestimmung ist: - Leben pflegend. Darum erscheinen
Männer so sehr häufig gegen junges zu pflegendes, erst keimendes Leben gerade
zu feindseelig und vor allem die Männer von der Schule, der Gilde, der Zunft
der bestimmten festen Lebenserfahrungen; denkt nur an die mannigfachen Lehrlinge pp.*
[Rand *-*] *und deren Geschick besonders in der eigentlichen Zunft- und Gildezeit. [*]
Denkt an das so verschiedene Betragen der Männer und Frauen gegen die von Jesu
hervorgerufene, neue und junge Entwickelungsstufe der Menschheit; ich machte
Euch schon im vorigen Briefe darauf aufmerksam wie Paulus – (: Ein Schüler
aus der strengen Pharisäerschule :) wie dieser den Geist und das Leben Jesu in Sym-
bole in alte abgelebte Symbole zwingt, und darum eigentlich zuerst Hand
daran legt, das Leben Jesu, die Lehre zu einer Mumie zu machen; was auch den
Männern, den Priestern Roms ganz Recht war und so ist denn der christliche
Gliedermann, Knochenmann Sensenmann entstanden, welchen wir Kirchen
nennen und den wir {nicht kaum } wieder zu einen Menschen noch weniger zu
Gottesgeschöpf beleben können. – Wie mein Leben mindestens schon
von meiner Taufe, also vom 3n Tage nach meiner Geburt an (: - so weit liegen
die Dokumente vor mir: ) – in dem Leben Jesu ruhet und später auf- und
absteigend, sich durch und aus und {in an demselben emporentwickelte so glaube
ich es, wie viele Andere in dieser Beziehung, an dasselbe, ja weil es daraus hervor-
ging, unmittelbar an dasselbe anschließen und auch mit demselben ver-
gleichen zu dürfen: ich suche den von Jesu geweckten und gezeigten Lebenspunkt
und Lebenskeim der Menschheit und jedes einzelnen Menschen, in jedem
einzelnen Menschen und so in der ganzen Menschheit mit klarem Bewußtseyn
zu pflegen und so den Einzelnen Menschen wie {das jedes} Menschengeschlecht und
die Menschheit zur Lebenseinheit, also zum Leben an sich mit Selbst-
willen und Selbstbestimmung, Selbstthätigkeit zu erheben; außer dem Entge-
gengesetzten und Ungleichen unseres innern und äußern Lebens und dessen Schicksale was ich schon
oft andeutete und auch an sich schon offenkundig genug
vorliegt hat unser beyderseitiges Leben das Eigene, die gleiche Art wie unser
beyderseitiges Leben von der Männer- und der Frauenwelt angeschaut und be-
handelt worden ist. Ich weiß recht gut, daß es gar viele Männer gab und
giebt, welche eben in dieser Theilnahme der Frauenwelt eine Ursache fanden,
die Sache selbst herabzuziehen, wie sie gleichsam jede Sache als klein,
unbedeutend, niedrig und über die Achsel ansehen, welcher die Frauenwelt
ihre pflegende Theilnahme schenkt; ja jede neue Lebensentwickelung zu verdäch-
tigen suchen, sobald sich die Frauentheilnahme dahin wendet. Ich gestehe selbst offen, daß
mich dieß solange, bis ich die Sache zu durchschauen begann, bey Frauentheilnahme
auf die Prüfung des innern Werthes der Sache, und die Ursache und den Zweck
der Theilnahme sehr aufmerksam machte. Jetzt muß ich {es sie in ihrer Bestimmung
in ihrem Berufe, in dem leisen Vernehmen, in dem Durchlebt seyn von dem
inneren Rufe: leben zu pflegen, zu entwickeln rc rc rc finden.
Recht charakteristisch ist in dieser Beziehung die Ansicht der Männerwelt
von der ersten Handlung des Frauengeschlechtes, welche uns die heiligen Sagen
aufbewahrt haben. Was ist für das Leben des Einzelnen Menschen, als der Men-
schengeschlechter, und vor allem für das Leben der Menschheit und so für das
Leben, die eigentliche Pflege und Entwickelung des Lebens wichtiger, als das
Gute von dem Bösen zu unterscheiden
, als die Erkenntniß des Guten und
Bösen. Die erste Frau, das erste Weib wagte es den bedeutungsvollen Apfel,
die geheimnißvolle Kugel in deren Innern der Schlüssel zur großen Lösung
der Lebensaufgabe lag zu ergreifen. Warum beurtheilen wir diese erste Handlung
unserer UrUrMutter so schief, durch welche wir – Geistige Freyheit errangen?! – - 2. [Bogen] /
[3]
2) [Bogen] Die Verirrung des männlichen Geschlechtes, der Männer ist in ihren Folgen gar nicht auszu-
denken, daß das männliche Geschlecht, die Männerwelt, dem weiblichen Geschlechte, der Frauen-
welt {als Ganzem als solchem} [gegenüber] nicht durchweg die Gesinnung bethätigt, welche man {ihm ihr} als Gebärerinnen und Pflegerinnen des ganzen Menschengeschlechtes schuldig ist.
Es spricht sich in Beziehung auf die Fortbildung Fortentwickelung der Menschheit auch
hier aus, was einst in Beziehung auf Jesu ausgesprochen wurde: - „Der Stein welchen
die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“ - Bey der bisherigen Aus-
und Fortbildung des Menschengeschlechtes, der Menschheit sahe man allem zuvor auf
die Ausbildung des männlichen Geschlechtes, der Männerwelt; - die Ausbildung des
weiblichen Geschlechtes, der Frauenwelt überließ man sich selbst - und bey der Männer-
welt sahe man vorwaltend ja fast einzig auf die Ausbildung des Geistes, des Verstan-
des, also auf den betrachtenden, anschauenden Theil, also die nach Außen hin
(selbst bey dem Denken) gerichtete Thätigkeit des Geistes. Die Gemüthsregungen dagegen
hemmte trübte, ja unterdrückte, mindestens verkrüppelte man frühe; wenig-
stens von dem beginnenden Jünglingsalter, aber gar häufig schon von dem Knaben-
ja Kindes-, sogar Säuglingsalter an. Wir sind bisher mit und bey der Erziehung des
Menschen so verfahren wie ein Gärtner oder Landmann verfahren würde, welcher
zur Erzielung einer guten Frucht schon genug gethan zu haben glaubte, wenn er
den Samen in gut bereiteten Boden in einem guten, angemessenen Clima
und in ein gegen die Sonne in eine angemessene Lage säete, ohne zu bedenken, daß
zur Erziehung eines gewissen guten Gewächses die Hauptsache das Innerste des
Kernes ist, und daß ohngeachtet des guten Grund und Bodens, der Lage und des Climas
rc doch aus dem Distelsaamen nie eine Lilie wird. Dazu kommt noch, daß wir auch
bey guten Boden rc rc und guten Saamen das Gewächs dann doch nach nach [2x] äußern
Bestimmungen, als Zwerg- Spalierbaum rc erziehen, und unsere unnatürliche Gewächs-
pflege zum Bilde einer natürlichen Menschenerziehung machen. Wie wir
uns also bemühen das Innerste, das Gemüthe bey der Erziehung des männlichen
Geschlechtes in seine Rechte einzusetzen, so müssen wir uns auch bemühen das
Innerste des Menschengeschlechtes, das Weib und seyn Gemüthe in seine Rechte
einzusetzen. Ohne dieß dreschen wir gewiß in der Menschenerziehung leeres Stroh,
wir dreschen Stroh, welches gut ge- und zerdroschen um so leichter Feuer fängt
um so geschwinder fault. – Man hat das Leben die Lehre und das Beyspiel Jesu wie man meynt wohl nach
allen Seiten gekehrt und gewendet, allein
sein innerstes, hochachtendes, anerkennendes Verhältniß zu dem zweyten Theil
des Menschegeschlechtes hat man gewiß noch nicht in seiner Tiefe erördert; so dünkt
mich ist es höchst merkwürdig, daß Er, welcher allem Übel bis in die Wurzel, auch
in seiner äußern Erscheinung nachgehet – so viel mir bekannt ist und ich mich in diesem
Augenblick erinnere – nie der ersten Handlung der Mutter aller, noch weniger der-
selben zurück setzend erwähnt. Dünkt Euch dieß nicht höchst wichtig[?]; Er, der die Ge-
schichte seines Volkes und die Geschichte der Menschheit aus den heiligen Schriften seines
Volkes - namentlich auch ganz besonders in Beziehung auf seinen Menschenerlösenden
Beruf so durch und durch kannte, so, daß er zur Erforschung und Erfassung seiner,
zur Erforschung der heiligen Bücher auffordert. In seinem ernsten Verhältnisse
zu den Schwestern [des] Lazarus, wo er so lang säumt ihren Wunsch zu erfüllen, was
will er anders, als sie auf sein, auf ihr eigenes Gemüthe und Innerstes und
das Wechselverhältniß zwischen beyden hinführen. Ebenso in dem ernsten Ver-
hältniß zu seiner Mutter, bey der Hochzeit zu Cana. Wir sehen Ihn, den großen
Menschen- und Menschheitserzieher, dem die Menschen- und MenschheitsErziehung einzige
Lebensaufgabe war, welcher deßhalb in ihre ersten Keime hinabstieg – wir
sehen ihn nie auf den Schwächen des weiblichen Geschlechtes ruhen, noch weniger ir-
gend wo im Leben blos stellen. Die Lebenseinheit, die Lebenseinigung welche die
Frauenwelt tief im Innersten trägt - die Liebe - ist ihm der Stütz- und Wendepunkt
seiner Beurtheilung ihrer, und so kommt er besonders da ihren Wünschen so willig
entgegen, als sie sich, in der höchsten Äußerung der Frauenliebe, mit ihren Kindern, sie
zu seegnen, zu Jesu wenden.
Aus allem diesem, was ich einfacher und schlagender gedacht habe, als ich es unter
Stöhrungen und Unterbrechungen von Stund- und Tageszeiten niederschreiben konnte – geht /
[3R]
Mehrfaches hervor. Erstlich. Da die richtige und rechte Auffassung der ursprünglichen Lebens-
verhältnisse tief in das Menschengemüthe gegründet sey und sich darum dem Wesen
der Sache nach auch sehr früh äußern muß: - Die frühe Pflege der Achtung
des weiblichen Wesens in dem Kinde, und besonders diese frühe keimende
Achtung und Anerkennung vor früher Vergiftung – Verweichl[ich]ung – vor
früher Verkörperung zu hüten, frühe davor zu hüten daß sie sich nicht aus dem
Gebiete der Sinnigkeit in das Gebiet der Sinnlichkeit verirre, noch weniger
daselbst heimisch werde. Drey Mittel giebt es dafür: [1)] Stete {rege schaffende} und auch allseitige
Körperthätig[kei]t, und so 2). Stärkung, Abhärtung des Körpers. 3. besonders
Bewahrung vor Umgang mit Personen bey welchen, obgleich sonst nicht schlecht, doch die
Sinnlichkeit vorherrschend ist. Dieß alles ist längst bekannt und ist es eigentlich nicht was
ich hier hervorheben wollte; ich führte es blos der Vollständigkeit wegen auf.
Was ich wollte ist etwas ganz anders; und nun knüpfe ich wieder an das
an, was ich auf dem vorigen Blatte 3e Seite am Ende abbrach. Es bezieht sich
zunächst auf die zu frühe Veräußerlichung des Innersten, des Gemüthes durch und in
zu geschieden, zu getrennt, zu gesondert gegliederter Gestalt. Ich beschäftige mich
jetzt täglich e1 oder 2 Stunden mit einem kleinen 6-7 jährigen Italiäner [Raimondo] von sehr seltenen
Anlagen wie es scheint. Er bildet sehr häufig bey mir Figuren aus rechtwinklich
gleichschenklichen Dreyecken. Merkwürdig ist es, er liebt hier immer stetig zusammen-
hängende Formen z.B. [Zeichnung von 3
  Figuren]; aber Figuren mit vielen Durchbrechungen
liebt er gar nicht; auch fängt er, wenn er die Figur erfassen
kann, gern von der Mitte an. Hier habe ich zum Öftern bey Kindern die
Bemerkung gemacht: daß ihnen das Figuren Legen aus einzelnen Stäbchen,
selbst nicht aus Linearflächen wie z.B. die aus Hölzchen und Erbsen sind,
so viel Freude macht, als das Figurenlegen aus stetigen vollen Flächen
dann haben sie es aber lieber mit der Form allein zu thun. Farben[-] und
Formenzusammenstellungen machen sie lieber aus einfachen Runden [Zeichnung von 3 Figuren]
z.B. geglätteten feinen Oblaten. Ich halte es für höchst wichtig diesem zarten Kinder-
sinn nachzugehen, damit die Einheit des Kindergemüthes nicht so frühe getrennt
und so geschwächt werde. Dieses gehört zu einem von den mir sehr wichtigen Punkten
der ersten Kindererziehung über welchen ich mich so gern Euch jungen Vätern zunächst
mittheilen und darüber einigen möchte. Denn ich muß, je länger ich mich
mit Menschenerziehung mit Erziehung der Jugend zu wahrhaften Menschen beschäftige
zu der sich immer mehr klärenden und befestigenden Überzeugung kommen: daß
das Fundament, der Eckstein der Menschenerziehung in der allerersten
Kindererziehung von den ersten Lebensjahren bis in das 6e bis 8e Jahr
liegt; alle spätere Erziehung ist nur, im strengsten Sinn, Aushülfswerk, Stück-
und Flickwerk. In diesen Jahren scheint mir das Innere, der eigentliche Charak-
ter, die künftige Person ganz entscheiden[d], die Zukunft giebt nur die Entwicke-
lung und Ausbildung des schon bestimmten Charakters. – Will man auch unter
sehr günstigen Umständen bis zum 10n bis 12en Jahre zugeben; doch kann von
da an nur möglichst klare Darlebung und Ausbildung des schon Vorhandenen
d.h. schon gestaltet (nicht blos der Anlage nach) vorhandenen eintreten. –
Wie das, was ich so eben in Beziehung auf die Pflege der Kinder bis ins 6 u 8e Jahr
für Euch als Väter aussprach, so spreche ich dieß Euch als Menschenerzieher und
Menschheitserzieher aus. Das Fundament der Menschenerziehung geht nicht über
das 14e Jahr hinaus. Wir sollen uns mit der Erziehung der Menschen
bis in dieses Alter zunächst beschränken, denn später treten an den Zögling
zu viel äußere und vereinzelnde Verhältniß- und Berufsforderungen hervor,
wogegen wir mit unsern Grundsätzen der Menschenerziehung nicht mehr
die Wage halten d.h. welche wir mit dem Geiste und den Forderungen der
Menschenerziehung nicht mehr durchdringen können; da ist es dann überwiegend
besser, statt den jungen Menschen in ein getrenntes Verhältniß zu bringen
ihn lieber mit seinem einigen, ganzen Gemüthe und innern Leben auch
einzig und ganz der Welt hinzugeben. * [Rand] so scheint z.B. unser Titus in einem
solchen getrennten Verhältniß zwischen uns und seinen Familienverhältnissen zu stehen;
mit Übergewicht zu letzteren umgekehrt bey andern. [*] Darum thut ihr [sc.: Ihr] wohl über
das 13e Jahr hinaus keine Zöglinge mehr anzunehmen; stellt Euch lieber
so daß ihr sie mit dem 13-14[ten] Jahre abgebt, dann habt ihr sie bis dahin mehr ganz. /
[4]
Ihr sehet daraus, daß ich mich nicht nur bemühe die Erziehung tief und sicher zu begründen, sondern auch die
ausgeführte Erziehung in ihren Wirkungen und Folgen so sicher als fest zu stellen. In
dieser Beziehung wünschte ich gar sehr mich Euch einmal persönlich mittheilen und dagegen
Eure Lebenserfahrungen vernehmen zu können; so giebt es Erscheinungen in der aus-
übenden Erziehung welche den obwaltenden, oder vielmehr obgewalteten Umständen nach
ganz anders seyn sollten. So dächte ich, daß unsere Schüler durch unsern stetig vom einfachen heraufsteigen-
den Unterrichtsgang so wohl im Zeichnen als in der Musik als in der Sprache, nicht so
wohl weiter, als fester und sicherer darinn, bey weitem mehr eigentlich zu Haus
seyn müßten, wenn ich mich so ausdrücken darf. Ich meyne darum wir müßten
dem Unterrichte unserer Kinder noch bey weitem mehr ungegliedertentrennten Grund und
Boden ungegliedertetrennte Masse geben, sie in derselben gleichsam einwurzelnd zu machen.
Die Kinder, dünkt mich müssen darum – um ihrer eigenen Einheit, um der Dinge, und wenn ich
mich so ausdrücken darf um der Welt, des Welt- und MenschheitsGanzen morali-
scher Einheit
- sollte wohl heißen: Lebeneinheit willen – überall ein Ganzes sehen,
und so aus einer bestimmten Anzahl von Gliedern immer neue und andere Ganze durch Umwandelung zu
entwickeln z.B. aus vier rechtwinklichen gleichschenkl. Dreyecken folgendes 1 [1.Figur]; dann 2 [2.Figur]; dann
3. [3.Figur] dann 4 [4.Figur] dann 5 [5.Figur] dann 6 [6.Figur] ; dann rc rc rc oder auch 8.-16. [Zeichnung von 6+3 Figuren] [Rand 4V*-*] [*] Aus den Formen A.B.C. oder aus 16 [Dreyecken] welche ich erst aus einfachern,
zu 4 u 4 zusammensetzte habe ich heute, nach einfacher Fortschreitung manches Duzzend
von Figuren immer eine aus der andern entwickelt. Es machte dem Raimonde viel Freude [*]
[Rand 3V *-*] [*] zu einer anderen Zeit macht es ihm viel Freude bestimmte Gegenstände jeden oft zu legen z.B.
Haus Thurm Tisch Säule Kirche [Zeichnung dieser 5 Figuren] zu leben pp. [*]
[4]
Ich hoffe und glaube das KindesGemüthe bleibt dadurch mehr in sich
geengt und seine gliedernde Kraft wächst dadurch; auf diese
Weise bekommt das Kind wieder Ganze die es als Glieder eines
größeren Ganzen als Gliedganze betrachten und so verbinden kann
so z.B. oben 1. und 2 verbunden in [Figur] u.s.w. Es liegt mir, wie Ihr ja
Euch leicht sagen könnet ganz ungemein unaussprechlich am Herzen die innere
und Lebenseinheit unserer Kinder als ein stetiges Ganze unzertrennt und
unzerstückt zu erhalten. Mein Herz umfaßt ihre Pflege mit der zärtlichsten und männlichsten
väterlichsten Sorgfalt. Das Spiel mit den Linien und Stäbchen ist zu geistig; sogar die Brett-
chen sind schon zu geistig die Bausteine und die würflichten Bauklötzer sind und bleiben
das erste. – Ein zu geistiges zu vereinzelt gegliedertes Leben darf gewiß die Kinder,
den Menschen in seiner Kindheit nicht umgeben; dieß schwächt gewiß, dieß sehen wir [daran], daß
aus zu und überfeinert gebildeten Lebensverhältnissen selten oder wohl nie kräftige Lebens- wie
kräftige, Thatkräftige Menschen hervorgehen sehen; aber ein klarer Geist, eine lebenvolle Einheit,
ein ordnender gliedernder Verstand mag über das Ganze sich ergießen mag das Ganze umge-
ben [Rand*-*] [*] wie die gliedernde Sonne die Erd[-] und ElementenMasse [*]
Lernen wir vom Kinde: es braucht zu seiner Beschäftigung nicht vierlerley [sc: vielerlei], allein
es macht aus einem Vieles; das Bänkchen ist z.B. bald ein Bett, bald ein Pferd, bald ein
Schlitten, bald ein Korb, bald ein Tisch, bald sogar ein Mensch u.s.w. und was macht es nicht alles
aus einem und ebendemselben Stückchen Holz. Ich fürchte mich ganz ungemein dafür [sc.. davor]
die ursprüngliche Lebenseinheit unserer Kinder zu frühe zu vereinzeln, zu zertheilen
zu vergeistigen und so die Gestaltungs- und Belebungskraft zu schwächen. Allein die
Mutter muß ein vielgestaltendes, reichbegabtes lebenserfahrenes klar ordnendes Gemüthe in sich
tragen, der Vater muß einen viel und klar erkennenden alles nach
Theil u Ganzen Ursache u Folge, Grund u Zweck in sich durchschauenden gliedernden Geist
in sich tragen. Das Kind sey es Knabe, sey es Mädchen wird dieß leicht u bald durch-
fühlen. Wir müssen uns bey der Erziehung unserer Kinder ja vor allem hüten was ihren Geist
ihre Thatkraft schwächen könnte; beachten müssen wir worauf ich schon oben hindeutete, daß Kinder
mehr Achtung gegen ihre Eltern und Väter empfinden welche sie streng ja hart hielten - wenn
sie später die Strenge ja Härte in Beziehung auf der Eltern letzten Zweck das Wohl das blei-
bende Wohl zur Einheit, bleibenden Einheit ihrer Kinder durchschauen und hingegen Geringschätzung gegen Eltern fühlen welche
aus Gutmüthigkeit und eigener Schwäche auch ihrer Kinder Geistes- und Körperkraft schwäch-
ten.
Wenn ich nun das Wichtigste was Erziehung für die Fortbildung der Menschheit thun kann,
in das Alter bis zum vollendeten Knabenalter ja das Wesentlichste schon bis zum
begonnenen Knabenalter setze, und ich darum Euch vorschlage, ja Euch darum bitte,
ja fordere, daß ihr Euer erziehendes Wirken nicht mehr in dem Jünglingsalter fort-
führen sollt, es sey denn daß es möglich wäre in großem Einklang mit Eltern und Sohn zu wirken
weil Ihr sonst der stehenden Lebensansicht, der Gelehrsamkeit
und all den abgeschlossenen und vereinzelnden Lebensansichten die Einmischung
die Eingreifung in Euer Leben gestatten müßt, ja Ihr Euch noch anderen beengenden
Beobachtungen aussetzen müßt: ob Ihr nicht für gewisse einzel Lebenszwecke er-
ziehet – so [wenig] wünsche, noch weniger fordere ich, daß Ihr Eure und unsere Kinder Eurer /
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elterlichen Sorgfalt zu früh und vor dem kräftigen Jünglingsalter - wenn es anders
möglich und sonst thunlich ist, entlassen sollet; nein! wie ich wünsche, daß sie an Leib
und (Geist) Seele, Herz u Kopf rein, gesund und kräftig in das Leben treten
sollen, so wünsche ich auch gar nicht, daß Ihr sie Lebens- und Weltklug machen sollet
nein! ihr sollt sie durch Anschauung der Lebenseinheit u Lebensreinheit in der
Natur in der eigentlichen innersten Menschheitsgeschichte - frühe weise machen.
Laßt sie immer die Welt nicht kennen – sie weit, weit, weit besser halten als sie ist;
sie werden dann später um so kräftiger für ihre Erhebung wirken und thätig seyn. Ich halte
es zur Fortbildung und Fortentwickelung der Menschheit, oder jedes Menschengeschlechtes
zum Ziele der Menschheit für höchst wichtig und wesentlich: daß in dem Menschen
in seiner Jugend das Ideal der Menschheit, die Willens- und Thatkraft für Darstellung
desselben auf das kräftigste ausgebildet werde, und dieß ganz an und für sich,
ohne Rücksicht auf den bestehenden Zustand des Menschengeschlechtes, besonders
rücksichtlich seiner Unvollkommenheit d.h. nicht um die Welt um sich besser
zu machen, sondern um das Ideal durch und an sich in seinem eigenen Leben und
durch sein eigenes Leben selbst darzustellen. Der Blick in die Schlechtigkeit
der Welt für Klugheit und zur Klugheit schwächt. Bey dem jugendkräftigen Stre-
ben für Darstellung reiner Menschheit muß ihm zwar später die reifere Lebenser-
fahrung und gebildetere Thatkraft helfend und schützend zur Seite stehen. Doch
ist es - da sich keine Lebensverbände auf Zeiten und Jahre verbürgen lassen – vor
zugleich mit der Erhebung zum Idealen nöthig, auch den bestimmten und sichern
Weg, und die besten Mittel d.h. überhaupt die nothwendigen Gesetze zur
Darstellung desselben kennen zu lernen, zum Ausüben anzueignen.
Erhebung, Entwickelung zum Idealen, Durchglühen von Liebe zu demselben, Willens-
und Thatkräftigen für Darstellung deselben und zugleich {befähigen ausstatten} mit der
Kenntniß der Mittel und der Wege, der Gesetze der Hindernisse und der Gegner zur Darstellung
desselben, dieß müssen die Ergebnisse einer so naturgemäßen als menschenwürdigen
Erziehung unserer Jünglinge seyn; durch gesetzmäßige Natur- Gestaltungs- Lebens-
und Geschichtsanschauung muß der Mensch dahin gelangen; welche 4 in sich eine Ein-
heit machen, deren Glieder sich nicht rangordnen lassen in Hinsicht auf ihre
Folge. Genug! Laßt Eure Kinder im Vertrauen auf den in ihnen wir-
kenden Gottesgeist im Leben und Thun so viel als möglich gewähren; wollt
nichts aus ihnen machen, auch nicht Menschen nach Eurem Bilde, noch we-
niger auf Eure Weise; macht und laßt sie sich selbst finden, daß sie Göttli-
ches und der Erscheinung nach noch nicht Dagewesenes, aus sich darstellen also
so die Menschheit fördern - wie jede Mutter die Menschheit in ihrem Kinde
neu und eigenthümlich gestaltet gebieret und so die Menschheit in ihrer Un-
endlichkeit zeigt. [Rand*-*] [*] Erzieht Euren Kindern dafür überwiegend mehr
das Gute mit Kraft, in und um sich darzustellen, und so das Schlechte zu bekämpfen,
als zuerst gegen das Schlechte um sich zu Felde zu ziehen. – [*]
(: Es thut mir sehr leid daß das klar Gedachte so zerstückt zu Papier kommt. :)
Deinen Brief und den von E-e [Emilie] vom 12en d.M. habe ich am 19n erhalten, er war
mir ganz außerordentlich lieb; möge E[mili]e in dem vorstehenden meinen Dank an sie für den ihrigen
finden, so wie Du Middendorff den Deinen für Deinen Brief. - Merkwürdig war es daß
wenige Stunden nachdem ich Deinen Brief empfangen hatte ein gewisser Gascard ein junger
Franzose (d.h. französischer Schweizer) aus Neufville (Neustadt) am Bielersee, schon
früher von dem HErrn Pfarrer Schnell uns für Willisau als Sprachlehrer empfohlen
zu mir trat. – Da der hiesige Platz schon besetzt und er d[urc]h ganz vorzügliche Zeugnisse em-
pfohlen war, so hatten wir bey ihm angefragt: ob er wohl nach Keilhau gehen möchte,
und auf diesen Fall ihn ersucht, uns zu besuchen. Hierzu hatte sich nun zufällig ei-
ne Gelegenheit gefunden; aber leider konnte er nur ohngefähr 4 Stunden bey uns
bleiben; er ist 23 Jahr alt ist von gesetztem dabey angenehmen Äußern, scheint
sehr bescheiden und gemüthvoll, so wie auch für seine Stufe kenntnißreich zu seyn.
Genug, er scheint ganz den ihm gegebenen Zeugnissen zu entsprechen und wir
alle Base u Ferdinand mit eingeschlossen HErr (u ich glaube auch Frau) Langethal
haben ihn mit mir für Keilhau sehr angemessen gefunden; um so mehr haben
wir ihn beachtet, als der junge Rapin, durch seiner Mutter Sorge abgehalten, auf
meinen Antrag nicht eingeht. Ihr bekämet aber auch an diesem jungen Menschen
eine wirkliche Hülfe, da jener nur 18-19 Jahr alt ist u was sind in diesem Alter 4 Jahr!
[Briefschluß fehlt, dafür zwei weitere Randnotizen]
[1V]
Beginnt zuerst auf dem zweyten Bogen auf der letzten Seite unten bey [3 horizontale Striche] zu lesen;
wegen des Lehrers der französischen Sprache.
[2V]
Wenn Ihr so etwas leset, und es entweder abgerissen oder gedehnt findet, müßt Ihr nur bedenken,
daß ich es unter steten längern und kürzern Unterbrechungen niederschreiben muß; oft schon nach wenigen Minuten die Feder wieder hinlegen muß. -