Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 1.1.1835 ( Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 1.1.1835 ( Willisau)
(KN 50,1, Brieforiginal 1 B 4° 4 S. Briefkopf: Lithographie mit Bildunterschrift "Keilhauer Erziehungsanstalt")

Willisau am 1en Tage im Monat des Doppelblickes 1835.·.


Gottes besten Lebensseegen Euch zu gleichem Menschheitsziele in Gott Geeinten
auch im neuen Jahre des Heiles.

Wie ich und wir alle, besonders auch Eure Euch allen mit unaussprechlicher inniger Liebe
Euch zugethane Mutter, Eurer aller mit der seelenvollsten Liebe gedacht Eure Nähe
an unsern Herzen gefühlt und uns des Bewußtseyns hoch erfreut haben, daß Ihr
am Schlusse des alten und beym Beginne des neuen Jahres unserer in Liebe und Treue
gedacht habt, so komme ich auch jetzt mit dem schönsten Gruß des milden Neujahrsmorgens
zu Euch ob ich gleich schon seit der frühen Morgenstunde im Geist und Gemüth
nur mit
Euch gelebt habe.
Ich habt mir am Schlusse des nun verflossenen Jahres besonders mittel- und un-
mittelbar viel freundliches und liebes, Inniges und Einiges als Ausdruck der Gesinnungen
Eures Herzens und Gemüthes zukommen lassen; gern gestehe ich es daß es auch in meinem
Herzen und Gemüthe die wohlthuende beglückende Morgendämmerung eines so tief begrün-
deten als alldurchdringenden menschenwürdigen, gotttreuen und so naturgemäßen Lebens
zunächst unter und von uns allen, heraufgeführt hat. Zwar sind mir auch die Nebel
nicht unbekannt geblieben, die für manche Eurer Blicke noch auf meinem Leben be-
sonders in Beziehung auf die erste und mittlere Zeit unseres gemeinsamen Zusam-
menwirkens zu einem Ziele, zum Ziele der Menschheit ruhen; was mich betrifft
freue ich mich ja ich bin dadurch beglückt Euch sagen zu können, es sind Nebel die sich
auch für Eure Blicke zerstreuen werden, wenn die allerleuchtende und erwärmende /
[1R]
Sonne höher steigen wird und wir Höhen mit größern Um- und Fernsichten erreicht haben werden[.]
Ich spreche dieß nicht um meinetwillen, ich spreche es um des Gesammtwohles, um Eures innern
Friedens um das Wohl und des Seegens der Euren willen aus; denn warum sollte ich es denn
aussprechen, wenn es nicht wahr wäre denn nun würde mich ja die Zukunft erst noch Lügen
strafen, während wenn ich schwiege in der Zukunft alle Seelenleiden überstanden wären.
Allein die Folgen eines unbegründeten aber doch den Charakter und so die ganze Wirksamkeit
eines Menschen in seiner Quelle und Keim vernichtenden Urtheil sind für jedes einzelne
Glied und die Gesammtheit eines so innig geeinten mindestens vielfach lebensverschlung[-]
enen Kreises wie der unsere ganz unberechenbar. Ihr wißt nicht was Ihr Euch, jedem Ein-
zelnen von Euch und Euch als Gesammtheit vernichtet wenn Ihr das Zutrauen, das Vertrauen
zu mir Euch vernichtet. Wer wird einen besäeten Acker gleich niedertreten, wenn die Saat nicht gleich aufgeht?-
G Das Schicksal, die Vorsehung, Gott, nennt es wie Ihr wollt alles
gleich hat mich nun einmal in die Mitte Eures Kreises unseres Kreises wie den Stamm
an einem Baume gesetzt. Nehmt, obgleich er selbst keine Blätter, Blüthen und Früchte bringt, für
die äußeren Güter die er Euch verzehrt und seine Wurzeln in Nacht gezogen haben, die
innern Güter die er Euch dagegen reicht vertrauend auf, warum zweifelt Ihr daß
die Säfte der nächtlich liegenden Wurzeln und des rauhen Ast- Blätter- Blüte- und Früchte[-]
losen Stammes Fülle des Laubes, duftige Blüthen und reiche Erndte der Früchte reichen werde?
Nehmt die höhern wenn auch einfacheren unscheinbaren Stoffloseren Güter und gestaltet sie
zu Laub, Blüthen und Früchten, warum vernichtet Ihr durch gestörtes Vertrauen ihre Umwand-
lung?- Jede Zeit jede Menschenentwicklungsstufe hat Ihre eigene Lebensaufgabe zu lösen,
ich habe es Euch oft gesagt und darinn oder daran zweifelt Ihr hoffentlich so wenig als ich.
Die Aufgabe der jetzigen Menschheitsentwickelungsstufe ist, daß alles was für die, von der und durch
die Menschheit und ihre Glieder die Menschen geschehe mit klarem Bewußtseyn nach sichern
einfachem Gesetze geschehe. Unbewußt nach Art der Stoffe, Steine, Pflanzen und Thiere
soll von dem Menschen von nun an so wenig als möglich geschehen, er soll frey seyn we-
nigstens stetig immer mehr frey werden d.h. er soll das an sich Gute mit Selbstbe-
stimmung wählen. Jene Gesetze finden sich nicht leicht, jenes Bewußtseyn wird nicht
schmerzenlos errungen; es sind geistige Empfängnisse und geistige Geburten, meynet
ihr [sc.: Ihr] etwa sie seyen an minder lebensgefährliche Bedingungen geknüpft als die leiblichen[?]
Ihr irrt dann sehr, ununterbrochen fast in einem unnatürlichen Zustande lebend, sind
die Geistes- und Seelenleiden fast unaussprechlich und ein höheres als leibliches Leben
ist dabey oft auf dem Spiele. Wie so, da Ihr wenig davon vernehmet?- Habt Ihr je
eine Mutter über Schmerzen der Geburt und bis zur Geburt pp laut klagen gehört?-
- Doch das war es nicht was ich Euch eigentlich heut sagen wollte, wenigstens nicht so ausgeführt
die weitere Entwickelung des Tages - wie es oft geschiehet unerwartet ein eigen schmerzvolles Neujahr führte es so herbey. Was ich Euch dagegentlich eigentlich mittheilen wollte waren die ganz einfachen Andeutungen /
[2]
des Menschenlebens als eines zum Ziele der Menschheit erziehenden[:]
1. Die Schöpfungs- und Entwickelungs Gesetze der Welt, Erde und der Menschen, insoweit sie
    unser Gemüth und Geist in ihrer Nothwendigkeit erkennt, sind auch, allgemein gültig und all-
    gemein verständlich ausgedrückt, die Entwickelungs- und Erziehungsgesetze des Menschen
    zum Menschheitsziele.
2., Ehe Gott Menschen schuf, schuf er Stoff, Pflanzen, Thiere; den zum Ziele der Menschheit zu Er-
    ziehenden soll zur Umwandlung Stoff zur Pflege und Lebensentwickelungs Beachtung Pflanzen
    und Thiere umgeben.
3., Wie Gott darum den ersten Menschen gleichsam in eine Gartenartige Natur setzte, oder
    der erste Mensch sich von einer solchen umgeben fand, so soll auch der zum Ziele der Mensch-
    heit zu Erziehende in den verschiedenen Graden und gleich im ersten Beginne seines Bewußt-
    werdens von Gartenartigen Umgebungen umgeben finden. Wie auch die heiligen Orte
    der Naturvölker von heiligen Bäumen, heiligen Hainen umgeben waren, denn der
    Erziehungsort des Menschen zum Ziele der Menschheit ist ein heiliger Ort.
4. Schon der Anblick der reinen klaren freyen Natur erhebt und veredelt den Menschen
    darum soll der sich dem erziehende[n] Orte nähernde beachtende pp Mensch schon durch den
    Anblick und die Wirkung der reinen frischen kräftigen Natur, besonders der Pflanzen-
    welt für Menschheitserziehung gewonnen, dafür empfänglich gemacht u entwickelt werden.
    Denn auf den Menschen als ein selbstschaffendes, selbstschöpferisches Wesen, macht die
    Kunstwelt, namentlich die räumlich (plastisch:) gestaltete lebenvolle besonders Eindruck
    weckt und entwickelt so seine eigene schaffende, schöpferische Kraft, und führt ihn
    so still und sich selbst unbewußt also ohne innere Entgegnung dem Menschheitsziele entgegen.
[Am Rand neben Nr. 4:]
Die Natur soll, wie von Gott zur
ersten und Miterzieherin - gleichsam
als unser aller Mutter - bestimmt so vom
Menschen wieder mit Bewußtseyn als solche erkannt, geachtet u geliebt werden, dazu mit Bestimmtheit wieder erhoben werden.
5. Wie der Mensch, so soll auch die Natur ein höheres bewußtes Kunstwerk werden
    d.h. es soll alles für Entwickelung, Gestaltung und Durchdringung, Erfassung des Lebens geschehen.
6., Der Mensch erscheint sogleich dadurch - weil so zugleich sein Unterhalt gesichert ist - weniger
    ein bedürfnißvolles, von der äußern Natur abhängiges, sondern vielmehr ein freyes
    also ein edleres Wesen. So wird also auch der Mensch nicht nur von und für die
    Erziehung zum Ziele der Menschheit angezogen, sondern auch durch die Anschauung und
    Einwirkung intuidiv [sc.: intuitiv] dafür gewonnen und festgehalten.
7., Jede ächte Familie, die unsrige muß dieß mit klarem Bewußt[sein] auf sich und im
    Einzelnen anwenden; dadurch wird sie erst zu einer Erziehungsanstalt zu einer
    bewußten also kunstmäßigen Veranstaltung zur Bildung und Erziehung des Men-
    schen, zum Ziele der Menschheit der entgegen.
8., Wie so [{]der Mensch für seinen / die Familie für ihren[}] Zögling für sein Bildungs- und Erziehungsgeschäfte zum
    Ziele der Menschheit allem zuvor gleichsam die ihn umgebende Natur erzieht, wodurch
    er eigentlich als Zugabe, und nicht als Haupt- sondern als Nebensache seinen Unterhalt bekommt /
[2R]
so soll auch jede Familie und so vor allem auch unsere Familie für die ihr besonders zum Ziele
der Menschheit zu führenden eigenen Zöglinge, Kinder zugleich die mitumgebenden Menschen
und so vor allem zuerst die mitumgebenden ohngefähr gleichaltrigen besonders die eben als eine Art
Muster und Vorbild durch Alter vorstehenden dem Ziele der Menschheit entgegen erziehen.
(:Vergleiche damit die Briefe besonders einen Brief an d[en] He. v. Wedemeyer in Beziehung auf
seinen Sohn welcher sich unter meinen zurückgelassenen Papieren finden und wohl der letzte an ihn sein wird.[)]
9. Ich meyne also gerade zu daß es höchst ersprießlich und weit verbreitend und zunächst es see-
    gensreich wäre wenn man einige Kinder aus dem Dorfe z.B. von den Dienenden des
    Hofes so heranziehen könnte, daß sie kleine hauswirthschaftliche und ländliche Arbeiten
    besonders zur Erhebung und Veredelung des umgebenden Naturlebens (Steine ablesen,
    Unkraut ausjaden [sc.: ausjäten], Hof- und Gartenreinigen, Holztragen, rc rc. rc.) verrichteten, und zwar
    unter solcher Begleitung und Aufsicht, welche den zu bearbeitenden Gegenstand zugleich
    mit als Lehrgegenstand als Bildungs- und Erziehungsstoff und Mittel behandelte.
    Diese geistige Darreichung wäre der eigentliche Lohn doch könnten auch einige Kreuzer
    nach Umständen verabreicht, oder vielmehr gesammelt werden um dagegen später
    ein Kleidungsstück oder ein Lehrmittel anzuschaffen. Man müßte ganz im Kleinen
    beginnen und fast ohne daß man es selbst geschweige denn andere wüßten. Sollte
    man nun meynen daß hiermit, das heißt mit dem nächsten Ergebniß und Folge ja
    der Aufwand an Zeit und Kräften in gar keinem Verhältnisse ständ, so muß man bedenken
    und berechnen, welches Unschätzbare dadurch gewonnen würde, wenn nur eine wie vielmehr gar
    einige <G? > Kräfte aus der schaffenden Klasse als künftige schaffende und wirkende Genossen
    dem Zögling der Familie in der umgebenden Welt gebildet würden; wer weiß nicht
    wie nur schon das gleichaltrige zusammenheraufwachsen ohne besonderes und höheres
    geistiges Lebensband Menschen, Gemüther und Geister festzusammenknüpft.
So könnte endlich eine lebenvolle, vertrauens[-] und liebe- muth- und kraft- so wie mittel-
volle Gemeinsamheit für Erziehung zum Ziele der Menschheit heraufwachsen;
Ja eine solche Erziehungsanstalt würde wie ein Leuchtthurm da stehen zu leuchten beym
Sturm und Dunkel während der Schifffahrt auf dem Lebensmeere. Eine solche Erziehungs[-]
anstalt würde wie ein von heiligen Heinen [sc.: Hainen] umgebener heiliger Ort seyn, welcher erhebet,
veredelt, weyhet, begeistert indem man in ihn tritt; Eine solche Erziehungsanstalt
würde wie ein heiliges Kunstwerk seyn, welches dem Menschen die Würde seines
Wesens im Bilde zeigt und ihn begeistert ermuthiget und bekräftiget solche auch durch
eigene Kraft zu erringen. Eine solche Erziehungsanstalt würde endlich nicht nur
ein Mittelpunkt ächter Volks- sondern Menschheitsbildung für Geschlechter u Zeiten seyn.
Dieß war es was ich Euch Ihr Geliebten als eine jener höheren und unscheinbaren Geistes
Gaben zum 1' Tage des Neuen Jahres zur Beachtung für Bildung zu Holz, Laub, Blüthe und Frucht mittheilen wollte.
Auch sollen wir ja unserm Vaterlande treu zu seyn und für dasselbe so anspruchs- und
[Briefende auf 2R/1R/1V:]
geräuschlos zu wirken suchen als möglich. Denn wenn der Edle und der Edelmuth das Vaterland verläßt, woran soll es sich halten?-
Aus all diesen Rücksichten dünkt mich werdet Ihr in Beziehung auf Keilhau die Überzeugung mit mir theilen: Nicht leicht ein Stück zum Ankauf mögliches Land, weggehen zu lassen, wenn
man nemlich mit Bestimmtheit sieht, wie es sogleich verbessert werden kann; denn nicht der Besitz, sondern der Gebrauch giebt den Werth; dieß gilt von äußern, wie von den Gemüths- und Geistes Gütern[.]
Vielleicht ist auch in dieser Beziehung Adolph Schepsens längeres Verweilen bey uns nicht bedeutungslos; und er, eben in seiner großen Unscheinbarkeit
ein Mittel und Band für Höheres.- Nun zum Anfang zurückgekehrt wünsche ich Euch Allen und Allen ein glückseeliges neues Jahr. Euer FriedrichFröbel.