Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 3.1.1835 ( Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 3.1.1835 ( Willisau)
(KN 50,3, Brieforiginal 1 B 8° 4 S. Der anfangs erwähnte beiliegende Brief dürfte der v. 1.1. oder v. 8.1./10.1.1835 sein.)

Willisau am 3en Tage
im Monat des Doppelblickes 1835:.


Nun nochmals meinen herzinnigen Seelengruß im - nun schon seit
3 Tagen gelebten neuen Jahre
Euch Allen!

Euren Briefe vom 3 x 3 x 3 Tage, vom 27en Tage des letzten Monats im
eben verflossenen Jahre habe ich zu meiner und unser aller Freude
heut Morgen zur gewöhnlichen Zeit erhalten. Ich erwartete ihn und es ist
mir um des ganzen willen sehr lieb, daß diese Erwartung mir nicht ge[-]
teuscht worden ist; denn nun liegt doch das Ganze zum Überblick vor mir.
Was mir in Betreff der hiesigen Verhältnisse zu wissen nöthig und zu wissen
möglich seyn wird werde ich wohl auch in den nächsten Tagen erfahren, so daß
ich vielleicht heut über 8 Tage über das Ganze bestimmt und entscheidend spre[-]
chen zu können hoffe. Was mir jetzt und heute darüber zu sagen möglich seyn
wird enthält bekommender [sc.: beykommender] Brief an das Ganze. Der Inhalt und die Folge
desselben wird nie durch das Besondere Abänderung erhalten, sondern er wird
wie auch dieß beschaffen sey, jedenfalls nur bestätigend seyn. Heut nur kurze
Andeutungen.
1. Ihr habt auf das Vollkommenste Recht, wir, das heißt unser gesammter
Erziehungskreis lebt jetzt in einer Zeit der wiederkehrenden Lebenserscheinungen
auch ich empfinde es hier auf das eindringlichste im Innern und Äußern. In letz-
terer Beziehung treten jetzt hier im Allgemeinen nur in diesem und jenem Cantone
mehr oder minder dieselben Verhältnisse ein, welche uns umgaben als die bekannte
Prüfung in Keilhau statt fand; nur jetzt sagen wie dort Einzelne so Regierungen
mit oder ohne Zwang: Pater peccari. Wie es sich dort hier und da mittel- oder un[-]
mittelbar um das Bestehen von Erziehungsanstalten handelte, so möchte ich sagen han[-]
delt es sich jetzt um das Bestehen von Regierungsanstalten. Berns Handlungswei[-]
se besonders mit seinem früheren Auftreten kommt mir fast wie dort Bunsens Handlungs[-]
weise verglichen mit seinem früheren Auftreten vor. In Bern selbst glaubt man
wie ich höre z. Beyspiel selbst nicht mehr an das geistige Bestehenkönnen d.h. an die Wirksamkeit
der dort neuerrich[te]ten Hochschule. Alles Leben was sich zur Zeit Deiner Ab[-]
reise hier so rasch bewegte Barop ist ins Stocken gerathen; nichts ist zur Entwickelung
gekommen die Armenerziehungsanstalten sind ein Bild vom Ganzen. Viel Declama-
tion, selbst die feindlichste, aber wenig ächte That; viel selbst gedruckte Bestimmungen aber wenig
Leben. Doch warum über diesen einzigen Gegenstand so viel Worte; allein Ihr seht daraus
wie mich die Sache nahe drängen muß ob ich gleich immer gleich still und ruhig in
mir abgeschlossen mein Leben wie immer lebe. Ich kann der Vorsehung für diese Führung
nicht genug danken - so hoffe ich denn auch zu Gott meine menschlich selbstständige
Wirksamkeit zu erhalten.
2., Daraus seht Ihr aber auch wie es nöthig ist daß wir endlich anfangen uns
in uns zu verstehen, und als Folge dieses innersten Verständnisses auch immer mehr
vertrauensvoll an einander anzuschließen; ist dieß nicht so müssen, müssen wir
auch im Weltkampf mit untergehen. Ich komme hier auf das zurück was ich in
den anliegenden Zeilen an das Ganze sage: - ich bitte Euch, erhebt, verstärkt
belebt Euch gegenseitig das Vertrauen zu mir, und hütet Euch es Euch gegen[-]
seitig zu schwächen oder gar zu vernichten, sonst gelangt in einigen Jahren ehe
wir es uns alle versehen das Ganze an den Rand des Verderbens. Was
ich sage und fordere ist rein unpersönlich, wie könnte ich als Person als Einzelner
um meinet als Einzelner willen nur so etwas ruhig und mit solcher Bestimmt[-]
heit aussprechen; allein es ist in dem Ganzen in dem Bestehen des Ganzen
bedingt: - ein Lebganzes besonders ein moralisch, intellectuelles religiöses Glied und
Lebganzes fordert für Darstellung dieses innern Lebganzen auch
einen einigen und einigend geistigen Herz- und Lebenspunkt. Darum
entkleidet mich in meinem Denken, Empfinden und Handeln, in meinem Reden
und in meinem Thun von allem was Euch auch nur leise nicht Stich hält
oder was Ihr nicht glaubt in Euch oder für andere behaupten zu können /
[1R]
es wird sich ja doch zuletzt unter irgend einem Ausdrucke irgend etwas
gemeinsam und allgemein Gültiges Gute an mir finden und gliche es
einem Schatten z.B. nur den guten Willen; sey es ein Spinnengewebe
ein Haar, haltet es fest, bildet es gemeinsam aus und es wird Euch bald
unter einander zu einem festen Bande werden; denn Menschen welche
in gemeinsamer Liebe fest verknüpft geeint zuseyn und zu bleiben wün[-]
schen müssen auch etwas gemeinsam lieben, achten, gestalten, für Gestal[-]
tung pflegen. Denkt doch an den Vater welcher seinen Kindern einen Wein[-]
berg zur Bearbeitung hinterließ, mit der Forderung darinn den Schatz zu
suchen welchen er dahin verborgen; sollte der Mensch geringer seyn als ein
Weinberg?- Denkt an die Sage von dem Ruthenbündel:- Hat man
in einem Kreise einmal das Zutrauen zu einem vernichtet, so vernichtet
sich auch leicht das Zutrauen zu den übrigen und dieß um so mehr, als der
dessen Zutrauen, dessen Vertrauen, der eine gewisse allgemeine Anerkennt[-]
niß genoß. Reißet Euch doch endlich vom äußern und einzelnen los, und
dieß um so mehr als
3ens Ihr und mehrere von Euch ganz dasselbe Schicksal erfahret was
ich so lang getragen habe. Siehe Middendorff - der Du mir - und mit vielem
Rechte wegen Deiner Milde, Deines eingehenden Charakters, besonders Deiner
Pflege u.s.w. des fremden Lebens - immer als Muster vorgestellt wurdest
siehe jetzt wirft man Dir vor was man mir vorwarf und vorwirft
man nennt Dich abgeschlossen und stolz u.s.w. pp. in Dir mit demselben Unrecht
denn Deine Seele denkt so wenig an Überhebung u.s.w. als die meine dachte
und denkt.
4. Außerordentlich lieb ist mir Elisens Brief; ich hatte zwar schon auf Leizmanns
Brief der Sache nach so weit sie durch denselben vor mir lag richtig und recht
geantwortet, nun werde ich aber den eigentlichen Hauptpunkt noch bestimmter
hervorheben. Meine Zeilen an Elisen zu ihrem Geburtsfest waren gestern
schon also ehe ihr Brief ankam geschrieben die mit Gänsefüßchen ange[-]
führten Worte sind Ausdrücke in Leizmanns Brief, was sich Euch nun
von sich selbst erklärt. Meine Zeilen, wenn sie verstanden werden enthalten
zugleich so meine Ansicht der Handlungsweise der 3 Schwestern und besonders
Elisens. Früher klagte man bey Euch über mich, jetzt klagt man bey mir
über Euch.-
5., Was mich betrifft so denke ich immer der auch schon oft gegen Euch erwähnten
Worte Pestalozzis, welche derselbe zu mir sprach als ich Yverdon 1810
verließ: "- Glaube mir, es geht Dir einst wie mir!" - Ich suchte die Klippen
zu vermeiden, ich suchte nicht zu wanken in der Festhaltung der reinen Idee
aber das Schicksal ergriff mich doch; ergriff mich wiederkehrend, wird
mich lebe und wirke ich noch länger noch öfter wohl ergreifen; es liegt in
der Natur der Sache; machen wir daß wir uns befestigen, mindestens
durch Einigung jeder in sich wir alle in uns wenn auch die anstürmenden
Wellen nicht schwächer werden sollten.
6., Was nun Leizmann und H.- betrifft; daß eines von beyden möglichst
schnell aus dem Kreis trete würde ich gleich heute mit Bestimmtheit aus[-]
sprechen; solche Verhalten wenn ich Euch gleich heut den Eintritt Gascards'
mit Bestimmtheit melden könnte; doch muß ich - durch Voreiligkeit meiner
Mitarbeiter hier herbey geführt - nun erst nochmals seine Erklärung abwar[-]
ten; - allein dieß ist, so schwierig es ist immer darnach zu handeln doch un[-]
umstößlich gewiß, man soll [s]ich solchen Verhältnissen die auch nicht
durch den leisesten Blick auf das was im Äußern gereicht oder verlohren wird wird [2x] und
um sich dasselbe zu sichern, von den strengen Forderungen der Pflicht
abweichend machen lassen. Die Folgen davon treffen einem
zuletzt gar zu hart; ich habe sie nun schon mannigmal empfunden;
solche Verhältnisse wirken wie der giftige Hauch der Schlange.
Was hilft es wenn später solche Menschen, wenn es zu spät ist, auch ihr Unrecht
einsehen; wie ich das auch mehrmal gehabt habe: Fast dünkt mich das Beste
Leizmann aufzufordern, wenn er das Betragen von Elisen gegen Hedwig fehlerhaft /
[2]
fände daß er sich dann ganz frey und offen der Pflegerin der letztern
der Frau von Fischer (v. Arnim) aussprechen möchte. Überhaupt
hielte ich es für das gerathenste daß ihm so von dorther eine Art
Weisung ankäme sich in die Erziehung des Mädchens gar nicht einzumischen
wenn ihr [sc.: Ihr] das nicht von Euch mit Bestimmtheit aussprechen wollt und in
Ausführung bringen könnt. Doch dieß fließt mir nur so eben in die
Feder. Sollte er sich vielleicht gar erlauben, im persönlichen Verkehr mit
Hedwig dieselbe gegen Euch in Schutz zu nehmen, Euer Betragen gegen sie
ihr als fehlerhaft hinzustellen so halte ich das Kürzeste daß auch bey Euch
eintrete was auf längere Zeit auch hier bey L-e in Beziehung auf G.-
eintrat, daß sie nämlich gar nicht das Zimmer verlassen durfte, was ja
bey Euch als einem getrennten Hause um so leichter ist.
7. An Gascard werde ich mit der morgenden Post schreiben.
8. Unser französischer Sprachlehrer Georges Audemards ist seit ohngefähr 14
    Tagen eingetreten; bis jetzt können wir nicht anders als mit ihn zufrieden seyn.
9. Heut ist unser ältester Zögling, noch ein Unterbrecher Jacob Vonwyl aus[-]
    getreten um auf das Gymnasium in Luzern zu gehen. Auch zeichnete er schön.
10. Plötzlich ist vor dem Feste Eduard Pfiffer, der erste Beförderer mei[-]
    nes erziehenden Wirkens in der Schweiz, gestorben; seine Stellen sind
    noch nicht besetzt. Casimir Pfiffer der Bruder hat alles ausgeschlagen.
11., Pater Girard ist schon längst nach Fryburg zurückgekehrt um dort still zu leben.
    Dieß, als sich eingedrängte Einschiebsel. Nun zu Euch zurück.
12. Herrn Triest könnt Ihr wenn Ihr wollt mit meinem herzlichen Gruß
    aussprechen, daß ich gleich von der ersten Begründung Keilhaus und später
    mit noch größerer Bestimmtheit den Gedanken und Plan gehabt habe und im
    Allgemeinen immer noch festhalte mit meinen Erziehungsanstalten
    für Vollsinnige, wenigstens mit der durchgebildetsten derselben zugleich
    Anstalten nicht vollsinnige also für Blinde und Taubstumme zu verbinden
    und zwar außer den sich schon von sich selbst verstehenden Rücksichten,
    - weil dadurch dem Erzieher für Vollsinnige nach gar vielen Seiten
    hin das Innerste und Geistige des Menschen aufgeschlossen werde.
    Wegen einer Anstalt für Taubstumme stand ich schon mit unsern Kosel
    in Mittheilungen. Was die Zukunft noch wird verwirklichen lassen
    und wo, wer kann es wissen.
13. Was Du [sc.: Ihr] mir über Friedrich und dessen Vater hinsichtlich dessen Verhältniß
    zur Anstalt schriebt, ist mir höchst erfreulich und höchst wichtig. Saget
    Vater und Sohn meinen achtenden Gruß und daß ich ihren Vorsatz oder
    Entschluß auf das höchste billigest; nur möge Friedrich sich bemühen
    immer thatkräftiger zu werden und was er lerne, besonders gründlich
    um es einst in Klarheit und Bestimmtheit wieder in andern hervorrufen
    und ausbilden zu können. Daß er der Ausbildung seines Sohnes keine
    Grenzen setze freue mich besonders; daß [sc.: das] Leben würde einst derselben
    und ihrer Anwendung wenn er sonst Kraft und Willen dazu habe
    auch keine Grenzen setzen.- Vor allem aber möge er sich gründlich in
    Musik namentlich in Gesang, als Unterricht, dann Clavier und Violine (?) ‑
    d.h[.] wenn er Anlage dazu habe üben, doch wenn auch nur Gesang und
    Clavier. Außer dem Deutschen soll er sich auch mit dem Französischen be[-]
    kannt machen, sich im Zeichnen und Schönschreiben üben, genug machen
    daß er wenigstens den Elementen nach nach jeder Seite hin fest auf
    sich ruhe, die Fortentwickelung führe dann schon das Leben herbey.
    Ich würde, wenn ich fortdauernd Gutes von Friedrich höre, nie
    aufhören an das künftige Wohl desselben, wie an des meines ei[-]
    genen Sohnes zu denken und - wenn sich mir anders Gelegenheit dazu
    zeige dafür zu wirken. Auch mit Kinderbeschäftigung, Papparbeiten
    mit Säge, Hobel soll er sich etwas, wie es die Gelegenheit herbeyführt
    beschäftigen, aber auch die lebendige Natur, Garten Feld und Bäume
    nicht vergessen um einst dieß alles wenigstens als Erzieher zu wecken
    und in den ersten Keimen zu nähren. Die Wirksamkeit eines /
[2R]
erziehenden Lehrers wäre freylich hiernach groß deßhalb könne freylich
auch I ihr Ziel und Zweck nur in angemessener Verbindung und inniger
Vereinigung erreicht werden. Freuen sollte es mich wenn sich so viel[-]
leicht bald die Möglichkeit zeige, daß mein langer langer Plan
eines erziehenden Hauses, einer erziehenden Familie, eines erziehenden
Kreises, eines erziehenden Dorfes eines erziehenden Thales und
Umgegend durch die drey Clemense, durch Adolph Schepß, durch Friedrich
Bock
, Bernhard Bähring und ihre Väter und Verwandten in Aus[-]
führung gebracht werden könnte. Ich meyne nun nicht daß Ihr
eben alles so aussprechen sollt, nur mit der größten Sorgfalt
das Kleinste gepflegt so auch Königsee. Aber
14. nur alles an Einigung, Einheit, Verständniß und Vertrauen an[-]
    geknüpft und daraus fortentwickelt. Elise und durch sie und
    mit ihr empfindet jetzt daß das Vertrauen der Anker in den
    Stürmen des Lebens, der Grund- und der Schlußstein desselben
    ist, darum wollte Herzog das neuerrungene Vertrauen mir
    in der Schweiz vernichten sobald er davon Kunde hatte, indem
    er darüber spottete, daß ich es einst von ihm wie von Euch gleich
    dem größten der Menschheitserzieher gefordert hatte.
15. Christians und Wilhelms Briefe und Zeichnungen haben mich sehr ge[-]
    freut obgleich ChristianFriedrich viele unverzeihliche Schreibfehler
    in denselben gemacht hat. Zeigt ihm was ich jetzt <wieder / nieder> geschrieben
    habe, also meine Finger nicht verbrannt hätte, doch waren zwischen
    ihm und mir jetzt der beste Briefwechsel unsere Thaten so z.B[.]
    auch seine Zeichnung. Ich hoffte im Laufe meines Lebens noch manchen
    schon freundlichen Brief mit ihm zu wechseln. Gern schickte ich
    ihm jetzt als Brief ein Finkenpärchen für seinen verlohrenen
    Stieglitz, zwischen zwey Fenstern und an dem sich darin be[-]
    findlichen eisernen Gittern turnt es wacker auf und
    ab, ruft fink und wink wie der kleine Johannes: sieh. Ja
    diesem besonders wünschte ich die Freude das lustige Paar
    zu sehen. Schon hat einmal der Fink mir schon ein ganzes
    Liedchen gesungen.
16. Macht doch dem Johannes zu seinem Geburtstag in meinem Namen
    Legebret[t]chen von dieser Größe.
17. Auch Allwinen danke ich für ihr liebes Briefchen[.]
18. Wollt Ihr dem [sc.: denn] Henrietten zu Ostern gehen lassen?- Ich
    höre ja, sie soll so gut zur Wartung kleiner Kinder seyn.
19. Wann sieht denn unsere E.B. Ihrer Weyhnacht entgegen?-
Herzinnigst grüßt Euch alle und alles von Euch gepflegt
werdende Leben
Euer
        FrFr.