Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 24.1.1835 (Willisau)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 24.1.1835 (Willisau)
(KN 50,8, Brieforiginal 1 Bl 8° 2 S. Der Brief zeigt keinen Zusammenhang mehr zum langen, vorherigen Brief vom 14.1.-24.1.1835 an Barop. Er wurde also offenbar erst nach dessen endgültiger Absendung am 24.1. begonnen. Allenfalls handelt es sich um den Auftakt einer neuen, größeren Briefsendung.)

1835 Willisau am 24 Tage im Monat des Doppelblickes.


Mein lieber Barop


Dir und den geliebten Deinen und durch Dich und Euch allen unsern
Lieben des ganzen Kreises die herzinnigsten Grüße
zuvor!

Du hast mir schon zum öfteren ausgesprochen wie meine Briefe, die Mit[-]
theilungen aus meinem Gemüthe und Geiste an Dich und Euch sehr oft gleichsam
oft das Echo und die Bestätigung dessen sind <von [sc.: was]> in Deinem
Gemüthe und Geiste lebt. Wie es nun schon gar oft auch der Fall
war, daß von Deinen Mittheilungen an mich ganz dasselbe statt <fand>
so ist dieß besonders auch mit Deinen am heutigen Tage erhaltenen und,
in Rudolstadt am 17en abgegangenen Briefe der Fall.- Was Du uns in dem
"Zur nähern Übersicht einzelner Lebensbeschreibungen" Mitgetheilten
in der zweyten Hälfte aussprichst ist mir aus der Seele gesprochen. Ich
freue mich immer innigst solcher klaren Gegenbilder; es ist mir dann
immer als sähe ich die sich wunderbar durch- und ineinanderdrängende Leben-
volle Umgebung eines Schweizerseees (gleichsam das thal- und hügel[-], berg[-] <und>
Wald pp reiche meines innern Lebens:) in dem krystallklaren Spiegel desselben.
Nichts ist zum Sterben, Nichts ist zum Verderben noch weniger zum Tode, alles
zum Leben. Tausendmal denke ich der Worte des so tiefen als hohen allumfassenden
Schillers in seinem Taucher: - "Es war mir zum Heile es riß mich nach oben"[.]
Leben aber ist Einigung, in Liebe, in Vertrauen, in Treue und Wahrheit. Diesen
Leben- und Herzpunkt in uns als eines in sich innig eigen Ganzen nun wol-
len und sollen alle diese uns so drückenden pp Lebenserscheinungen in uns hervorrufen,
(:Ich denke dabey immer ans die Kompressionswirkung welche aus
der uns umgebenden Luft den Funken hervorruft:) Wie viele Mühe habe
ich mir als noch unser seel. Wilhelm lebte um die Zeit der Geburt Wilhelm[s]
im Untern hause gegeben diese alles erleuchtende Lebensansicht hervorzurufen
Du warest dort abwesend. Middendorff kann Dir davon die Beweise geben.
Nun in [sc.: ich] bin glücklich daß Du erreichest was ich begonnen, mögest Du noch in
recht vielen ja in allem von mir begonnenen Guten und Wahren und Schönen
so glücklich seyn.
Aber nun noch Eines - diese Einigung, Vertrauen, Liebe und Treue und
Wahrheit darf nicht nur als ein Geistiges im Gemüth, Herz und Geist leben
sich darinn bewegen und ruhen, nein!- sie muß auch im Leben eine
Gestalt gewinnen. Dieses Gestalt gewinnen dessen was im Innern als
rein Menschheitliches lebt dieses ist die Hauptsache. Siehe mein Barop
seht Ihr beyde in Liebe Einigen immer klarer und klarer wird mir mein
und unser Leben! - das ist ebe es eben was Ihr beyde jedes auf seine
eigene Weise und Ihr wieder beyde geeint meinem Leben gabt: - die
allgemeine menschheitliche Liebe meines Herzens, Gemüthes und Geistes
konnte und durfte sich in meiner Liebe zu Euch gestalten d. heißt ich
wagte das große Wagestück - mir meiner Reinheit tief bewußt -
meine Liebe zu Euch zu jedem von Euch außer mir zu gestalten,
gestaltet außer mir hinzustellen. Das war das Große daß in meiner
Seele auch nicht einmal die Annah Ahnung kam Ihr oder auch nur eines von Euch
könnte einen trübenden Blick auf meiner Liebe Ge-
staltung werfen. Seht Ihr beyden hochgeliebten an dem Tage Eurer Ver-
lobung - an Wilhelms Geburt dort begann mein innerstes Leben äußere
Gestaltung zu gewinnen, es gewann wenigstens Gestaltung in mir.
Vieles Große, durchlebte ich dort in mir, gestaltete ich mir, die Zeit war
zu kurz es auch außer mir zu gestalten; doch hoffe ich noch manches zu
vollenden[.] So die Lebensdarstellung: "der Söhne Geburt". Anderes war
zu Groß um es schon gestalten zu können. Der Grund war dazu noch nicht
breit genug; seine äußere Gestaltung würde mich in den Abgrund geriss[en] haben,
doch gestaltete ich es in Umrissen, Skizze, in mir: - Seit jener Zeit
[1R]
begann ich von neuem auch das Leben um mich, auch mein Inneres in
meinen Umgebungen zu gestalten; allein die Einheit, die Liebe, das Vertrau[en]
die Treue und die Wahrheit meines eigenen Innern, scheint dazu noch nicht genug
sames Ruhen in sich, Freyheit und Unabhängigkeit von Außen u.s.w. gewonnen
zu zuerst hinlänglich die vorher nothwendige klare Gestaltung in sich gewonnen zu haben. Seit einiger
Zeit arbeitet nun mein Gemüth, Geist und Leben
diese klare Gestaltung in mir zu gewinnen und ich ahne daß mir das
Ziel davon nicht mehr fern seyn wird. Möchtest Du möchtet Ihr gleiche
Überzeugungen aus meinen Mittheilungen an Euch an Dich zu ziehen im
Stande seyn. Ist dieser Augenblick klarer vollendeter Gestaltung in
mir erschienen dann ahne und glaube ich, dann bin ich überzeugt, dann
wird sich auch Licht und Klarheit, Leben und Gestaltung Friede und Freude
wie im Frühling und wie bey der Geburt eines neues [sc.: neuen] lebenden Wesens über
unser ganzes Leben verbreiten. Wie sich dann nur dadurch noch das
Leben einiger zuerst der geringsten Zahl unseres Kreises zu einer
Lebensgestaltung, zu einer in sich einigen Lebensgestalt einigen, so
ist das Leben so ist [{]hohe / reine[}] Menschheit in unserm Kreise als Gestaltung
erscheinen [sc.: erschienen]; kaum Minuten, kaum Stunden nochweniger Wochen
und Monden werden dann die engern Glieder, des Kreises diesen Einwir-
kungen der Einen Lebgestalt wirkungslos ausgesetzt bleiben. nein! -
als eine hohe reine Menschheitsgestaltung wird unser ganzer
Kreis in allen seinen Gliedern erscheinen. Dafür Ihr drey in
Liebe Licht und Leben, in Treue innig Einigen dafür laßt uns sorgen
damit unser[e] Liebe und unser Leben in seinem wahren menschheit-
lichen Lichte erscheine. Um was ich sage Deiner Emilie und Deinem
Johannes klar zu machen erinnere erstere an die Wirkung eines
kleinen Zinkstückchens in einer sehr verdünnten Auflösung sofg
essigsauren Bleyes; zeige sie Deinem Johannes wenn seine Auf-
merksamkeit und <sein> Auge schon kleine blinkende und blitzende
Punkte und Flimmern festhalten kann. Erkläre was ich sage so,
dem Bruder, der Schwester den mir beyden herzinnig Geliebten <p[p]>[.]-
- Man kann vielleicht im weitern Verfolg dieser Ansicht der Lebensge-
staltung sagen: daß eine Erscheinung dieser Gesammtlebensgestal-
tung als eine Gestaltung menschheitlicher Freundschaft die Erklärung
gewesen
sey welche Keilhau, welche Ihr dreye Du Middendorff und Lgethl
der Welt gabt bey Gelegenheit des Angriffes in der Appenzeller
Zeitung und später von Herzog. Jetzt - fast unter ähnlichen äußern
Umständen, auch bey Gelegenheit der möglichen Verbreitung meines
und unsern Wirkens - kommt ein gleicher sich stärker l dünkender
Angriff von Fellenberg oder der äußern Erscheinung nach von Hofwyl im Allgm.
also wieder wie dort ohne eigentlichen Kopf
ohnen Einen der für den Riß rc steht;
vielleicht ist dieß vom Schicksal eine
Aufforderung daß nun
abermals das Hoh Ge-
sammt
Keilhauer Leben
als eine höhere rein Menschliche Gestaltung erscheine.
Du Barop, Ihr die Ihr alles aus dem Lichte der Einheit pp
ansehet könnet ausführen prüfen was ich sagt[e]; -
Langethals baldiges Hervortreten in einer Entgegnung die Ihr hier in der
Anlage bekommt, und die auch in dem berner Volksfreunde erschienen
ist, ist wohl auch ein Beleg zu dem Gesagten so wie Ferdinands <Entrüstung>.
Von Eurer heutigen Briefsendung habe ich Allgemein noch gar keinen Gebrauch
gemacht. Nur Eines erwähne ich in Beziehung auf Ch. L. Ich hatte dem Lgthl auf das Gewagte
des Schrittes seines Br[u]d[er]s aufmerksam gemacht,
es kam so daß mehrseitig hier darüber gesprochen wurde, man stimmte
mir bey; ich bat ihn dieses seinen [sc.: seinem] Bruder zu schreiben, daß er bestimmt
die Stelle ausschlüge; ob es geschehen weiß ich nicht aber Du siehst hier
Barop und ich bitte Dich es allem [sc.: allen] zu zeigen, welchen richtigen Sinn mir die
Vorsehung auch in der Erfassung des Lebens einzelner gab. Wird <Chr l>
Lebensentwickelung nun reiner, klarer werden als wenn er mir ge-
folgt hätte [sc.: wäre]?- Hat unser Leben nicht Beweise dieser Art genug?!- Bin ich's der mir diesen Sinn gab[?] Middendorff soll sich schonen. /
[Ränder 1V]
[Nachschrift:]
Wie freue ich mich der ungetrübten Gesundheit Deiner unserer Emilie. Gott seegne sie ferner daß sie Viele, Viele durch ein neu geschenktes reines
Menschenleben beglücke. Ich schweige, den[n] Schweigen ist die vollkommenste Rede!
Euer Friedrich Fröbel