Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johann Arnold Barop in Keilhau v.25.1./27.1./31.1.1835 (Willisau)


F. an Johann Arnold Barop in Keilhau v.25.1./27.1./31.1.1835 (Willisau)
(KN 50,10, Brieforiginal 1 B 8° 4 S. und KN 50,11, Brieforiginal 1 B 8° 4 S. Briefliste Hoffmann und KN-Findbuch führen beide Briefteile als zwei Briefe, aber deutlicher mehrfacher Bezug des zweiten Briefteils auf den ersten Bogen.)

Der gegenwärtige Augenblick ist zu wichtig, als daß nicht alle Sorge ge-
tragen werden sollte ihn seegensvoll und früchtebringend für unser Leben zu erfassen. -

Willisau am 25en Tage im M. d. Dppbl. [sc.: Monat des Doppelblicks] 1835.


Gedanken bey und nach Lesung des Briefes Barops, geschrieben
im Januar und am 16en Januar 1835.

1. Alles neue reine Leben muß aus einem in sich einigen Punkte
in welchem alles sich gegenseitig durchdringt und innig ungestöhrt
durchdringen kann hervorgehen; es muß in einem solchen Punkt, her-
vor ge-funkt werden, es ist nöthig daß es in entgegengesetztgleicher
Richte sich hervor lichte, wie so, durch einen solchen ächten pikk mit
dem Stahl an dem Stein – mit dem in sich gleichsam stetigen All an dem
gleichsam in sich stetigen Ein – ein Funke ein Licht sich entwikkelt.
(:Man erinnere sich der Hervorrufung der Entwickelung des heiligen
(unverletzten) vestalischen, keuschen Feuers:) Darinn nun wird mit
jedem neu geborenen Kinde, die reine Menschheit neu verkündet,
von neuen [sc.: neuem] erhalten die Menschen, die verirrten von der reinen vestali-
schen himmlischen Jungfrau – Menschheit dadurch Kunde, um so von
dem ewigen – stets in sich selbst gleichen, sonst wie (je) künftig
gleichen ehe wie je, in sich gleichen Bunde des Einen und des
All Kunde, daß er endlich zu aller Menschen Kenntniß komme
von ihnen allen erkannt, ihnen allen bekannt werde; und man
so endlich einsehe, in sich und außer sich nach allen Richtungen und Lebens-
erscheinungen hin finde den Man nahm als Mensch die Einheit das
Eins als Ens (Volkssprache) Ens (Wesen) – Eins = Sein in sich auf und stellte sie in der Erscheinung
als Mensch dar. pp. pp. pp.
2. Der Mensch soll als Kind, sein en, sein Wesen, sein Ens, sein Eins, sein Ens
in sich finden. Da das Seyn und Wesen des Menschen zuerst als Herzpunkt
als Pulsschlag, als Heraus und zurücktreten im Herz erscheint, so soll das
Kind diese Gesetze der ewigen Ausgleichung, des ewigen Ebnens der Ebbe
und Flut (durch das Blut) diese L-ebe-ns-Gesetze erkennen. Das
Kind soll diese Gesetze des stetig laufenden Ebnens, des Lebens finden
und erkennen 1. durch frische, frohe, freye, frühe fromme Entwickelung seines
Lebens zuerst im Schoos, dann auf dem Schoose, erst unterm Herzen dann
am Herzen einer Frau, die selbst immer eben als eine Frau alles um
sich her froh machende fromme Frau, das Leben früh, frey, frisch, froh
in sich trägt. Und diese Frau seine Mutter weckt zuerst seinen Muth und
in ihm sein Ge-Müth-, denn bey der Mutter, mit der Mutter, an der
Mutter, durch die Mutter (wenn es an ihr getrunken hat, wenn sie es getän-
zert [sc.: mit ihm getändelt/gekost] hat wird das Kind Muth willig) es will soll nun auch seinen Willen
der Muth nach dem Willen seines eigenen ich hervortreten; der Mutter [sc.: Muth] der
durch die liebe, lebende, lebenvolle, lebendige
Leben hingebende Mutter (in dem Kinde, in ihm geweckt worden
ist. Also kurz das Kind soll sich nach seinem eigenen Lebgesetze in
sich entwickeln, das Kind soll durch sein eigen Leben die Lebgesetze
an und in sich erkennen und finden und davon später jetzt durch die
unmittelbare That, später wohl durch Beachtung davon Kunde geben.
3. Doch das Kind (besonders der Knabe, der sich alles durch eigene spondane [sc.: spontane]
Kraft K nahe bringen soll, welcher alles g’nauere (thüringisch) [sc.: genauer]
betrachten soll) soll von dem Vater pater, welchen den Faden des Ganzen
vielseitig in seinem Geiste und von seinem Pathen in das All einge-
führt, nach den Gesetzen des Alles entwickelt und gepflegt, darinn gleichsam
gebatet worden; darin im Ein und All, im ewigen Fluß (wie Herkules)
untergetaucht, darinn, damit, im Wasser (dem in sich selbst klaren einen
einigen dem sichtbaren Wesen, dem Wasser) getauft worden
(bâtisser [sc.: baptiser=getauft?], bâteme [sc.: baptême=Taufbecken]) das Kind soll von dem Vater pater, nach den Gesetzen
des All und Ganzen der Umgebung entwickelt pp. werden, damit das Kind /
[1R]
einst der Knabe, der Jüngling der Mann die Gesetze des All auch in sich
finde, damit er die Übereinstimmung der eigenen Lebgesetze mit dem [sc.: den]
Lebgesetzen des Ganzen, des All in sich finde und erkenne
[links Zeichnung (Doppelkreis) mit
  Text:]
(: Kind in
Sohn on
Jüngling Jungling un
Man an (:na Knab:)
Mensch en:)
[rechts Text:] Der Mensch soll die Gesetze des Innern
auch außer sich und die Gesetze des Äußern
auch in sich finden [darunter zwei Zeichnungen des
  Sphärischen A und B]
Beyde Anschauungen A und B zeigt [sc.: zeigen] uns
die Umgebungen z. B beym Thautropfen
oder beym Fettauge oder bey den Wasserblasen auf Flüssig-
keiten, sehr schön wenn eine luftreiche Masse z.B. Zucker in eine Flüssig-
keit Wasser, Thau, Kaffee geworfen wird. Beyde Anschauungen fallen
in eines zusammen wo die umgebenden Kreise immer kleiner werden
und so alle Kreise oder Kugeln zuletzt nur als Punkte und somit
wieder als Linie erscheinen.
Die zweyte Art B wo der Mensch das Mechanische Innere, das Selbsti-
sche Innere durch Einwirkung von Außen findet ohne dafür das Ge-
setz dafür in sich zu finden nennt die Welt abgerieben werden in der
Welt wie ein Kieselstein im Waldstrom.
4. So muß alles Leben zuerst seine eigene Mitte, sein eigenes Herz, sein
eigenes Gemüthe finden; also muß sich eine Welt Zeit, ein ZeitAlter
ein Menschengeschlecht zuerst in einem Volke – ein Volk aber zuerst
in einer einzigen Familie finden. Ehe also ein Volk sich finden kann
muß Eine Familie seinen eigenen Lebens- und Herzpunkt in sich
finden und erkennen.
Diese Familie muß in Einem seiner Glieder zuerst diesen Herz-
punkt in höchster nicht zu vernichtender Einigkeit, Selbstständigkeit
Freyheit Lebhaftigkeit und voller Lebensfülle in sich trage[n]. Durch
dieß eine Glied muß dieser Menschheitliche Lebenspunkt in den übrigen
Gliedern geahnet, erkannt, gepfleget, entwickelt und gestaltet
werden; so müssen alle Glieder das Leben an sich als ihren allen
gemeinen und jedem einzelnen angehörigen Lebenspunkt erkennen.
Wie das Eine Glied als Eine Person sich gestaltet, so muß nun
die ganze Familie in Einheit sich durchdringen und gestalten in
zu einer Person in voller Klarheit Er- und Anerkenntniß der
allen gemeinen und alle einigenden Lebensgesetze, zu einer
hohen einigen Lebensgestalt = einer hohen Kunstgestalt des
Volkes der Kunst der Griechen.
5. Dahin zu wirken ist das unerläßliche was wir jetzt alle thun
und was besonders so bestimmt, kurz und Lebenvoll auch Barop
thut alle und jede unserer innern und äußern, einzelnen und
allgemeinen, frühern und spätern, angenehmen und unange-
nehmen Lebenserscheinungen
auf ganz allgemeine auf die mannigfachste Weise
in Kunst, Wissenschaft und Leben Natur und Mathematik
anschaubare Lebensgestze zurück zuführen darinn nach
zu weisen
.
Fahret in dieser Art fort Ihr Lieben allen und Ihr macht mein
Leben für mich selbst zum Seegen pp.
6. Ein Beleg zum vorigen ist gleich daß Fellenberg gegen Pestalozzi
sich früher ganz, wie jetzt gegen mich betrug erst anlockend und dann
abstoßend. In ersterer Hinsicht schrieb Fellenberg Briefe an mich und zeigte
mir nicht nur in blauer Ferne durch seine Gunst Zöglinge aus allen Enden
der Welt jeden zu 100 Ldor [sc. Louisd’or], sondern er sendete mir sogar einen sogleich zu
wie früher Teske den Leopold; da ich dort nicht in die Falle gieng, nun will
er mich statt mit List durch Macht vielmehr durch Gewalt darnieder drücken.
Fellenberg hat früher den Pestalozzi ein[-] ja ich glaube 2 mal, wie wir selbst in /
[2]
Keilhau in einer Schrift des letzteren ic[h] glaube sie hieß “An mein Haus”,
gelesen haben – fast von Sinnen gebracht; jetzt – vergöttert Fellenberg
fast den Pestalozzi; allein Schmid, Joseph nemlich hat ihn von Paris aus
jüngst in dieser Beziehung öffentlich abgeführt; wir haben es jedoch noch
nicht gelesen
7. Auch in den Briefen Fellenbergs an mich liegt wieder ein Wiederkehrendes
gesetzmäßiges in Vergleich mit den frühern Briefen des Decan Siegrist.
Wie Siegrist sagt, daß er mir seine PrivatAnerkennung meines Wirkens
ausgesprochen, allein, öffentlich gegen mich seyn müsse. So schreibt Fellen-
berg er nähme, im Interesse Luzerns, großen Antheil, an meinem Wirken
wünsche dessen Bestehen und wolle mir daher zu den dazu nöthigen
Mitteln “von Außen her” behülflich sey[n], indem die Schweiz an Mitteln
zu solchen Unternehmen in sich zu arm sei. Also im Interesse des Kan-
tons Bern muß aber Fellenberg gegen mich seyn. Vergleichet erst
dessen Briefe, und Handeln.
8. Auch ist wiederum ein Gesetz in dem Angriffe Fellenbergs auf mich
und mein Wirken durch die Art der sogen.: Beurtheilung meiner Erziehungskunst verglichen mit dem der Angriffe im Luzernschen und
namentlich wieder
durch den Dekan Siegrist in Wohlhusen. – Du Barop wirst Dich erinnern durch
den Herrn Pfarrer Stähli in Huttwyl von dem sogenannt[en] Heidelberger Cathe-
chismus gehört zu haben. Du wirst Dich erinnern daß dieß Buch in altem
orthodoxen Dogmatismus geschrieben ist. Du wirst Dich erinnern daß
der größte Theil der Bernschen Pfarrer [sich] aber fest an die Form dieses
Buches halten, Du wirst Dich erinnern durch diese natürlich der größte
theil des Landvolkes, denn die Geistlichen im Kanton Bern stehen zum
Volk großen Theils auch noch auf eine ähnliche Weise wie ein großer Theil der Geistlichen
im Kanton Luzern zu Volk und Regierung.
Hiernach heißt eigentlich die sogenannte Rezension oder Stellen-
aushebung aus meiner Schrift: - seht die Religion ist in Ge-
fahr, also Fellenberg will die Orthodoxen Geistlichen und durch
diese das Volk gegen mich aufhetzen, oder mindestens einnehmen
um dadurch meiner Wirksamkeit in Bern Grenzen zu setzen.
Wie denn schon vor dem Normalkurs in Burgdorf verbreitet
worden ist – ich sey catholisch – weil ich im Kanton Luzern
wohne und – die Religion sey deßhalb in Gefahr; auch haben
wirklich Geistliche ihre Schullehrer abgehalten an dem Burg-
dorfer Normalkurs Antheil nehmen zu dürfen.
So also überall Gesetzmäßigkeit, nur bald ist weiß
schwarz und bald schwarz weiß. Und diese Gesetzmäßigkeit in mei-
nem Sinn [in] unserm Leben und so nach und nach im ganzen Leben selbst,
nachzuweisen um dadurch Klarheit und durch Klarheit Einigung und
Einheit hervorzubringen, Klarheit und Einigung, Einheit im Bewußt-
seyn
hervorzubringen, das muß uns erste Lebenssorge und zu lohnende
Lebensaufgabe seyn: Denn Kunst u Wissenschaft soll[en]
sich wechselseitig zu einem Leib, Lebenskunst und Lebenswissen-
schaft zu einem Menschen d.i bewußten Leben durchdringen.
Denn das Leben soll ein mit möglichst freyer Selbstbestimmung und Selbstwahl
nach erkannter Gesetzmäßigkeit mit Bewußtseyn Gestaltetes werden.
Allein ein solches sich gegenseitig klar durchschauendes bewußtes und doch
so persönlich als schöngestaltetes Leben muß sich zuerst in einer innig
einigen Familie kund thun. Das höchste schönste reinste Beste was
der Mensch die Menschheit auf ihren früheren Bildungsstufen und in Ein-
zelrichtungen war, das soll der Mensch wieder werden allein auf der
Stufe d. klaren Bewußtseyns.
9. Du hast ganz recht Barop wenn Du sagst, und es in einem Beyspiele
nachweisest – der eigentliche Ziel- und Quellpunkt unseres Lebens
ist ihnen Unklarheit pp pp sie müßten auf ihr eigen Leben in sich
und um sich nach Quelle u Ziel, nach Ursache und Wirk[un]g, Gesetz und /
[2R]
Zusammenhang, Individualität und Universalität, Einzel- und
Allgemeingültigkeit so aufmerksam gewesen seyn wie ich und wir
wenn sie mich und uns verstehen wollten. Eine Bil Erscheinung auf
unsern [sc.: unserm] Spaziergang welchen ich eben jetzt mit Langethal und seiner Frau
Frankenberg u seiner Schwester gemacht habe zeigt mir was ich sagen
will im Bilde. Wir sahen farbige Wassertropfen und farbige Schnee-
punkte, wollte einer aber dieselbe farbige Erscheinung sehen, oder die Er-
scheinung an demselben Orte so mußte er sich genau in dieselbe Richtung
stellen in welche[r] der andere stand. Hatte einer aber nun sein Auge
und seinen Blick so entwickelt so konnte er nach verschiedenen Richtungen
hin und in verschiedenen Punkten und Orten nacheinander ja vielleicht
fast zugleich mehrere derselben Farben sehen welche der andere sahe.
10. So also müssen wir bey unsern Kindern und bey denen mit welchen
wir uns zu einigen mindestens uns zu verständigen wünschen dahin
wirken, daß sie nach und nach auf den verschiedenen Lebens- und Ent-
wickelungsstufen dieselben Lebenserfahrungen machen, mindestens
machen können.
Hierin in diesem Streben ist eigentlich mein Verfahren so wohl als
Erzieher als Lehrer ganz wesentlich gegründet. Ich fordere z.B nicht
du sollst diesen Thautropfen oder Schneepunkt roth sehen, sondern ich sage
wenn dein Auge überhaupt noch allgemein unverdorben ist, so stelle dasselbe
genau in dieselbe Richtung pp zu diesen [sc.: diesem] bestimmten Punkte, so wird dir
derselbe roth erscheinen. Ich sehe jetzt ein diese beyden Forderungen hat
man bey mir sehr häufig verwechselt und mir die erste in den Willen
und den Mund gelegt, da nur die Zweyte meine Absicht war. Da
nun jede solche Forderung eine gewisse logische, mathematische
Strenge in sich trägt, so hat man jenen Forderungen willkührliche
tyrannische Strenge, untergelegt. Jetzt empfinden andere junge
Männer (Ihr selbst) und sogar eine sich selbst treue, also in sich folgerechte
Jungfrau dasselbe.
11. Noch eine Gesetzmäßigkeit – welche überhaupt in großer Allgemeinheit
begründet ist, ist diese, daß die von Hofwyl ebenso schimpfen
wie früher die Appenzeller Zeitung. Allein höchstmerkwürdig ist,
was ich Dir Barop und Euch überhaupt aufzulösen überlasse -
daß die Catholiken in ihren Streitigkeiten und Streitschriften gegen
mich (ausgenommen den H-g [sc.: Herzog], welcher nicht das ein u nicht das andere ist)
nie meinen Charakter angegriffen noch weniger herabgewürdigt
haben.
12. Darin Barop hast Du auch im höchsten Grade recht, daß Du dem Lei[t]zman[n] und
Triest zeigest, daß unsere Lebenserscheinungen nicht erst von gestern und
heute sind, sondern daß wir ein und ebendasselbe nun schon mehr[-]
malen erlebt haben, ja daß andere Lebensverhältnisse wie die
unseren u ähnliche Personen z.B. Iferten u Pestalozzi, ja
früher Dessau und Basedow pp pp dasselbe erlebt haben was ich
und wir. -
13. Bey Gelegenheit der verschiedenen Ansicht Deiner Barop u Deiner Middendorff
von Seite Lei[t]zmanns und Triest muß ich Euch doch eine eigene
Ansicht meines eigenen Lebens und meiner eigenen Person und meines
eigenen Wirkens sagen, welche mir vor einigen Tagen gekommen
ist. – Man kann nemlich einen Menschen und sein Handeln wie ein
Kunstwerk von außen ansehen; er der handelnde kann die umge-
bende Welt so ansehen, - dann ist alles klar, abgerundet pp pp pp.
alles liegt offen vor Augen. – Du Barop erscheinst so mehr so[.]
Man kann aber auch einen Menschen und sein Handeln wie ein ana-
tomisches Präparat gleichsam von innen heraus sehen, dann deckt
eines das andere eines ist durch das andere u in dem andern, so
kann man auch die Menschen und Dinge aus sich und noch dazu lebendig
sehen. Ich setze mich jetzt oft in beyde Ansichten. Middendorff erscheinet mehr so. /
[Rand, neben Punkt 13:] Dieß erscheint mir wichtig.
[]

[Rand 1R]
[neben Punkt 3:] des Wechselverhältnisses zwischen Mitte u Umkreis
[Rand 1V]
Dieß zum Schrekken und Grauß der Rezensenten von Hofwyl denen es doch zu kraus!!

[3]
[KN 50,11]
2.[Bogen]
Am 27en (Jan.) Tag im Monat des Doppelblickes 1835.·.
Langethal, welchem ich das vorgehende Blatt wie mehrere der jüng-
sten zur Durchsicht und Einsicht gegeben hatte, giebt mir so eben das-
selbe zurück und bemerkt dabey, daß ihm meine jüngste Mittheilung
über die innere und äußere Ansicht der Dinge nicht ganz klar gewesen
sey. Wenn ich ihn anders recht verstanden habe, so meint er daß die
innere Ansicht, die Ansicht der Dinge von Innen heraus sollte es wohl
bestimmter heißen, dem Menschen näher liege und ihm so wenig er
in derselben schon vorgeschritten sey, doch (dem Menschen) mehr zusagen
ihm lieber seyn müsse, als die Ansicht von Außen. Dieß brachte nun
mehrere Halt- und Beziehungspunkte in unserm Gespräche hervor, von
welchen zwey wegen ihren Folgen und wegen der Art wie sie im Gesprä-
che aufgefaßt, von mir hingestellt wurden, auch für Euch und für
das für Bilden Eure[r] Kinder – für unsern Johannes dessen Lebensfest
wir heute zum 2en oder wollt ihr [sc.: Ihr] lieber zum 3en male feyern - einst
wichtig scheinen; darum wollte ich sie Dir Barop und Euch Barop zur
Feyer dieses Tages mittheilen. Diese zwey Gedanken waren:
    die nothwendig einigende Mitte, die nothwendig klar erkannte
         Einheit eines gemeinsamen, einigen Lebens; u
    das eigentliche Wesen, der eigentliche Zweck, das Ziel der Erziehung.
Doch ehe ich darauf eingehe, will ich aussprechen, daß mir das unter No 13 zu-
letzt ausgesprochene selbst nicht genügte, auch allein der Raum erlaubte
die weitere Ausführung nicht. Was ich noch sagen wollte ist dieß:
Wenn man ein plastisches Kunstwerk, eine Marmorstatue aus der höchsten
Blüthe der Kunst, der griechischen Kunst schaut, so bietet das Ganze dem Auge
zwar nur eine stetige Oberfläche dar, dennoch glaubt man durch diese eine
Oberfläche den ganzen Gliedbau des Menschen nach all seinen Verzweig[-]
ungen und seinen verschiedenen Theilen wahrzunehmen; ja man glaubt
sogar in der starren Form, das reine ungehemmte Leben im Innern
ja ich möchte sagen im Innersten wahr zu nehmen, ja die Lippe haucht war[-]
mes und erwärmendes Leben das Auge strahlt Gedanken und weckt
Gedanken. Wie man den Nerv [Sehne/Ader] in dem Arme und der Hand siehet, so spiegelt
sich die Empfindung auf dem Antlitz ab.
Dieß fast Unglaubliche ist die Wirkung der reinen plastischen schönen Kunst.
Also ist am plastischen Kunstwerke – im belebten Marmor möchte ich sagen –
durch die vollendete Darstellung der wellenförmigen, vielmehr {lebigen welligen Ober-
fläche, selbst bis in das Innerste hin der ganze Gliedbau auf
das vollkommenste angedeutet; so angedeutet daß man es im Inner-
sten ausgebildet glaubt. – So sahe ich jüngst eine Oberleibs<hö[h]lung>, Brust-
und Rippenwölbung der Venus von Medici in Vergleich mit den
Rippenbau einer geschnürten Zierpuppe der jetzigen Zeit.
Ohngeachtet nun dieser gedachten unglaublichen Wirkung und fast wunder[-]
baren Vollkommenheit schöner Lebensdarstellungen, gingen sie und ihre
Wirkungen für Lange für das Leben, für die Fortbildung, Fortentwickelung
der Menschheit gleichsam verlohren. Es muß also auch für den Menschen
für das Menschengeschlecht, für die Menschheit eine höhere Lebensdarstellung
geben als die Lebensdarstellungen der Griechen auf dem Gebiete der Kunst.
Das ist wo der Mensch wie die Verzweygung so den Zusammenhang des innern
Gliedbau[s] durchschaut, wo er nicht nur die äußere Einigung desselben
sondern die innere Einheit, die Seele, das Leben, die Lebensquelle desselben
ahnend erkennt. Wo das Leben nach allen Seiten nach Seyn und Erscheinen
hin sich im klaren Selbstbewußtseyn durchdringt.
Die Folge davon ist daß dann das Leben sich auch wieder als ein vollende[-]
tes Kunstwerk gestaltet, aber nicht nur nach empfundenen, sondern
gedachten Gesetzen, nicht von Außen, sey es auch durch die Hand und den
Meisel des größten griechischen Künstlers, sondern von Innen nach Lebgesetzen. /
[3R]
Aber auch dem Kunstwerke muß dadurch eine Änderung kommen, sie läßt sich
vielleicht so aussprechen es muß nicht nur von Seite seiner Schönheit sondern
auch von Seite seiner innern Wahrheit angeschaut werden.
Diese Gegenseitige Durchdringung von Gestalteter Wahrheit und Schönheit
in Leben und Kunst, welche geahnet wird und angestrebt werden muß
und die Mittelstufe auf welcher wir uns jetzt dahin befinden, und
die Wirkung davon aufs Leben und im Leben, dieß war es was ich oben
unter [Lücke, sc.: No 13] andeuten wollte. Im Wechselgespräch möchte dieß wohl
noch leichter werden und klarer geschehen als durch das vorstehende, be-
sonders wenn dabey fast in jedem Satze gestöhrt wird, wie ich durch
die Unterhaltung der Umgebung. –
Nun zurück auf das Gespräch mit Langethal. Durch eine Wendung desselben
trat mir wieder der Gedanke entgegen, welcher mich schon zum öftern
in seiner Wahrheit und Allgemeinheit beschäftigt hat. Der, daß über[-]
all wo Zusammenwirken, ächtes wahres Zusammenwirken Statt findet,
daß dieß überall unter der Bedingung eines einenden Grundgedanken
geschiehet, und daß also der Unterschied zwischen der Republik und
Monarchie, beyde ideal aufgefaßt gar kein wesentlicher Unterschied
ist; denn daß sich hier der eine Grundgedanke in einen [sc.: Einem] und dort der
eine Grundgedanke in Vielen ausspricht, dieß kann keinen wesentlichen
Unterschied ausmachen. Darum vielleicht findet es sich so häufig, daß sich
Republiken auf gewissen Bildungsstufen so schnell in Monarchien um-
wandeln.
Darum handelt es sich überall wo es um Lebenseinigung zu thun ist um so
klare Gestaltung als gemeinsame, wahre Erkennung und Anerkennung des
einigenden Grundgedanken, und der wechselseitigen Durchdringung des
Gedanken[s] und der Gestaltung, der wechselseitigen Erklärung des Ge-
danken[s] und der Gestaltung.
Ohne einigenden Grundgedanken ist also in keinem Lebensver-
hältnisse an Lebenseinigung, also überhaupt nicht an eigentlich und
wahrhaft menschliches noch weniger menschheitliches Leben zu denken.
Diese so klar erkannte als lebendig empfundene als wahr und schön dargestellte
einigende Einheit ist es welche der Familie, dem Familienleben seinen un[-]
nennbaren Reiz, seine unaussprechliche Wirkung und seinen unvergänglichen
Seegen von Geschlechtern zu Geschlechtern giebt, und dieß um so mehr als
der einigende Gedanke ein menschheitlicher Grundgedanke ein
Quellgedanke des Lebens ist.
Weiter trat mir der wichtige Gedanke im Fortgang unseres Gespräches entgegen:
Bey aller Erziehung setzt man so weit mir jetzt bekannt ist, setzt man
immer ein äußeres Ziel einen äußeren Zweck der Erziehung, und sey
es auch blos ganz allgemein der:
das Kind gut machen zu machen zu wollen,
das Kind zu einem guten Menschen machen, zu einem solchen bilden zu wollen.
Dieß dünkt mich aber schon einer der gefährlichen Mißgriffe in der Erziehung
um so gefährlicher als er nicht nur unschädlich sondern sogar lebenswerth
erscheint. Nein der Mensch hat [sc.: soll] um keines Zweckes außer sich erzogen werden
der Mensch soll rein um sein[er] selbst willen erzogen werden, um auf eine
auffallende, oder vielmehr eindringliche Weise zu sagen was ich meine:
wir müssen das Kind weder durch unsere Erziehung ebensowenig gut als
bös oder schlecht, überhaupt zu gar Nichts machen wollen, auch nicht
zu einen Menschen machen, wir können, sollen und müssen durch Er-
ziehung nur dahin streben zu bewirken zu befördern, daß das
       Kind, der Mensch werde, was er ist – ein Mensch.
Denkt Euch einmal den Gedanken: Maria wollte ihren Jesus zu einem guten
Kinde, guten Knaben, guten Jüngling, guten Menschen machen. Könnt Ihr ihn
ertragen nur denken? – Und Jesus nennt sich doch immer den Menschensohn. /
[4]
Allein Vater und besonders die Mutter hatte gewiß die größte Sorge daß nichts
Jesus stöhre ein Gutes Kind pp pp pp zu bleiben, als solches immer mehr zu
erscheinen.
Dieser Gedanke hängt mit einem [Satze] meiner Erziehungslehre zusammen.
Man soll die Kinder nicht durch Lockbeere[n] die man im Jenseits aufhängt
zum Guten zu bewegen glauben.
Ich sage man soll nur bewirken (ohne auf gut u bös zu sehen) daß
das Kind Mensch werde; wird es Mensch werden, so wird es als
solcher wenn er wirklich wirkt wird auch gut werden.
Sollten wir von unsern Kindern, wenn wir wahrhaft unser d.i.
einig mit der Einheit sind fürchten daß sie bös und schlecht würden, wenn
wir sagen daß es unsere Kinder sind. Sind wir nicht noch über-
dieß alle Kinder des in sich Einigen – unseres väterlichen Gottes.
Wir setzen den Eichkern und es wird eine Eiche (Ein Baum, ein Gewächs pp pp)
Wir setzen den Liliensaamen und es wird eine Lilie (Eine Blume, ein Gewächs pp)
Wir machen jenen nicht zur Eiche und dieß nicht zur Lilie; allein
wir bringen beyde unter die angemessensten äußeren Bedingungen
daß sie beyde, was sie beyde aus sich werden können vollkommen aus sich
werden, jener eine Eiche, dieser Eine Lilie. Sollte es mit dem
Menschen anders seyn? – diesem Saamen, diesen Kern von dem der
Lebens Eichbaume, dem Lebensbaume Gottes, von der Lilie der
Lebensblume Gottes? - -
Ihr werdet mich hoffentlich verstehen und nicht mißverstehen.
Ihr werdet zwar keinen Gebrauch von diesen Mittheilungen machen wo
man sie mißdeuten wo man mir und Euch erwiedern könnte: „Dann
verwildert ja das Kind“ [;] sagte es Jemand so zeigt ihm die herrliche
Lilie vom Berge und fragt sie ihn – wo sind hier der Verwilderung
Spuren? – u.s.w.
Um möglichst klar mich Euch auszusprechen füge ich noch folgendes hinzu,
als Erziehungsgesetze.
1. Man befördere im Kinde das [sc.: daß] es ein einiges klares bestimmtes Leben
    führe, bewirke hemme es wenigstens nicht daß es auch dieses Leben
    in Einigkeit wie in Reinheit in sich (empfinde) fühle, gestatte
    ihm daß es dieses Leben als sein eigenes erkenne und darlebe.
2. Wie das Kind aber als Mensch sein Leben als ein einiges in sich findet
    findet es dasselbe auch als eine Knospe, als ein Auge, als eine Seh
    eine Seele an dem allgemeinen Lebensbaume es findet und erkennt
    sich zuletzt wie [als] Kind seiner Eltern, dieses Vaters, dieser Mutter so
    als Kind Gottes, des väterlichen Gottes. Man trübe dieses Finden
    nicht pflege nähre es still und dem Kinde selbst unbewußt.
3. Wie es sich als Einig ich in sich und in Einheit mit Gott fühle und finde
    und immer mehr erkenne, so finde und fühle es sich auch als Glied
    und Theil der umgebenden Welt. Durch die Eltern Vater u Mutter
    gehe wie die Einigung mit Gott so das sich finden als Glied u Theil
    des All[s] hindurch.
4. Wie das Kind sich einig in sich, in Einheit mit Gott u als Glied der
    Natur finde fühle u erkenne und darlebe, so finde fühle und
    erkenne es und stelle es im Leben dar die Gesetze seines Lebens;
    es finde sie als Gotteslebgesetze, es finde sie so in der Natur u
    dem All; das Kind lebe so in gelebter, gefundener gefühlter
    und erkannter Gleichgesetzigkeit, in Einigkeit u Einigung in sich
    und mit Gott u Natur, All herauf und es wird sich zum
    Frieden und Freude und der Welt zum Seegen heraufleben.
Diese unvollkommenen Andeutungen, wohl höchstwichtiger Lebenswahrheit
meinem und unsern Johannes bey Eintritt in sein so höchstwichtiges
drittes Lebensjahr, damit er es in Lebenstreue beginne und durchle-
be, und durch ihn zur Geburtstagsfeyer all unserer Lieben Alt u Jung. /

[4R]
*
Am 31en. Ich konnte auf Eure Freudenpost vom 22sten
kaum ein Wort antworten, indem ich
Euch doch gern alle die Sachen abschriftl[ich]
mittheilen wollte die bis jetzt in Beziehung auf
Fellenbergs Angriff erschienen sind.
Herr Gascard wird am 23 Febr über
Frankfurt zu Euch abreisen.
Des kleinen Mädchens Geburt hat uns <hier>
eine aufblühende Rose von höchster Reinheit
und schönstem Gebilde verkündet.