Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johann Arnold Barop und die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 12./13./14.2.1835 (Willisau)


F. an Johann Arnold Barop und die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 12./13./14.2.1835 (Willisau)
(BlM F 588, Mappe VI/7, Bl 2V, 1R, 2R u. 4V, 2 Bl fol 3 ½ S.: Entwurf v. 9./10./11.2.1835;
KN 51,2, 2 B + 1 Bl 8° 10 S: Brieforiginal v. 12./14.2.1835; ed. Hoffmann 1951/I,95-109)

a) Entwurf

[2V]
An Barop zu schreiben Febr. 9 –35.
1. Die neue Arche.
2. Die Familie im Johannistags Auge des Rosenstrauches am Menschheitsbaum[.]
3. Das erfüllte Sehnen die Stufen der Menschenentwickelung von einem höhern Punkte
aus zu finden, die Stufen der Geistes- der Seelenentwickelung im Menschen; ver-
gleiche den Knaben im Garten, den Knaben im Frühling.
4. Ich habe Euch schon so viel über den Namen unseres Engels gesagt und doch bleibt mir
immer noch zu sagen übrig, was ich nachzuholen bitte; denn wegen der Menge des Stoffes
wegen der Kürze der Zeit u des Dranges der Umstände bleibt immer noch viel zu
sagen übrig - der Name Liebetraut ist g[an]z besonders deßhalb wichtig weil
er dem Keim, den Grundstein und ich möchte sagen die g[an]ze Geschichte unserer
Einigung und meines Wirkens in sich enthält. Im Vorausgesetzten u darum still
schweigenden Liebtrauen löst sich alles auf.
5. Die Kinder kennen keine Grenzen zwischen einem irdischen u einem himmlischen Leben, die Kinder
kennen keine Grenze zwischen Zeit u Ewigkeit, irdisches u himmlisches Leben, Zeit u Ewigkeit
fließt ihnen in einander über wie Himmel u Erde an den Grenzen des Gesichtskreises.
Diese äußere Verknüpfung scheint sich zwar später aufzulösen und eine Kluft zwischen Erde
und Himmel zu wälzen; allein die innere Ahnung der Verknüpfung zwischen beyden muß immer mehr um so mehr im Leben von den Erziehenden
festgehalten und ausgebildet werden. Bildet man die innere Ahnung der Stetigkeit des Erden-
und Himmellebens, der Zeit u Ewigkeit, des zeitl[ichen] u ewigen Lebens nicht stetig aus
und läßt in diese Ahnung den leisesten Ritz kommen so ist es - bey des Menschen sich später
immer mehr ausbildenden starren, krystallinischen Ansicht der Dinge - wie bey dem Glase
der Sprung wird immer größer zuletzt geht aus ihm völlige Trennung hervor.
Also stetige Aus- und Fortbildung immer größere geistige Entwickelung, Ausbildung und Anschauung
der Kinderahnungen, als die Grundbedingung eines rein menschlichen, ächt menschheitl[ichen]
wirklich himmlischen u wahrhaft göttlichen Lebens des Menschen, des Menschengeschlechtes
der Menschheit[.]
Daß die sinnlichen Naturvölker ein gesteigertes irdisches Leben auch nach dem Tode u in dem Tode
fortsetzen, heißt gewiß in ihrem wenn auch dunkelstem Gefühle nichts, als das menschliche
Leben was hier auf der Erde in bestimmten äußeren Erscheinungen hervortritt, wird nicht abgebrochen, sondern
vielmehr erhöhet gekläret auch in einem folgenden Menschlichen Leben fortgesetzt werden[.]
Geisteskraft, Seelenstärke, Lebensüber- und [-]durchsicht; Anerkennung, Liebe
Wahrheit, Dankbarkeit wird sich auch dort in Bestimmten Formen der Erscheinung
aussprechen. Und? - haben sie nicht recht? –
6. Die sogenannten besonders Reinlichkeits Gewohnheiten der Kinder z.B. Abhaltung
das Kind freut sich zur Überwindung dieser Massenhinderniß eine äußere Hülfe zu bekommen
u fühlt ich <wi[ll]> /
[1R]
Fortsetzung von No 6 rechts unten.
Auch in spätern Zeiten ja fast d[urc]h das g[an]ze Leben hindurch findet ein solches Verhältniß, der
Schwierigkeits Überwindungshülfe von andern z.B. Vorahnen pp. statt. – Nur muß
die Hülfe nicht noch die Last erhöhen, die Schwierigkeiten vermehren wie z.B. an dem Gängel[-]
band d[urc]h den Laufw[a]gen.
Was ich in meinem Leben hoffe daß mir Leben[-] u Schwierigkeitsüberwindungshülfe seyn u werden sollte
ist mir größtentheils Last- und Schwierigkeits Erhöhung geworden warum? -
weil die mir Helfenden zum großen Theil selbst nur Massen ohne selbstthätiges Lebensprincip
mindestens nicht von Selbstthätigkeit des Herzens u Gemüthes aus waren; höchstens von der
äußern Lebenserfahrung oder von dem äußern Wissen u Verstande aus.
7. Monat Februar – Monat der Klarheit – Monat der höchsten regsten Lebensahnungen[.]
8. Mit dem schnellen Finden der Gedanken selbst bey einem sich eigens wendenden Gespräche geht es wie
mit dem schnellen Finden der Zahlen nur zum Theil gegebener Proportionen; - wie bey dem Finden und
Greifen der Töne sowohl auf einem Instrumente als in der Kehle des Menschen
selbst, besonders und im höchsten Grade bey dem was man Phantasiren nennt. - Es liegen
zwar g[an]z einfache allgemeine Gesetze zum Grunde, welche aber im Laufe ihrer Combination
und Übertragung - oft höchst schwierig, ja auf unserer noch bis jetzt noch in den Verfolg von
g[an]zen Denk-, u Lebens-, u Anschauungsreihen so höchst unvollständigen Bildung gar nicht nachzu-
weisen - nur zu ahnen sind d. h. der Sache unmittelbar nahe gebracht werden
können.-
9. Auch das Ahnungsvermögen das Empfindungs- das Gefühls-Vermögen soll zu g[an]zen Ahnungsreihen verzweigt u ausgebildet werden wie das
Anschauungs-, wie das Leb- und Denk- das Erkenntnißvermögen in Beziehung auf das Überblicken g[an]zer Reihen.
Ebenso das G[an]ze Thatvermögen [.]
10. Mein bisheriger Lebenskampf war wie ein Kampf gegen mein Herz u Gemüthe, dessen Reinheit
Würde rc. man von so allen Seiten in Zweifel zog; so g[an]z besonders ein Kampf gegen
mein Ahnungsvermögen (Und so gegen das Ahnungsvermögen des Menschen an sich, des Menschengeschlechtes, der Menschheit, dessen Begründetheit, Gesetzmäßigkeit pp pp-
und dessen Begründetheit Gesetzmäßigkeit [.] Nur jedes Mittel zur Ausbildung festgehalten und sey es ein Nichts ein Schatten <wie Bildung> dem <Mühe> der Hoffnung, der Wahrheit - <?> Mittel vermittelt die Sache selbst zu finden. /
[2R]
11. Die Kunst Ahnungen zu entwickeln setzt die Kunst voraus: Ahnung in dem Kinde, in dem
Menschen in der Jugend fest zu halten. Um Lebens Ahnungen fest zu halten muß man
viel in Verhältnissen leben wo sich Leben still ruhig u stetig zu beachten beachtbarlich gestaltet kund thut, also in der Natur,
in der Stille, Ruhe, Stetigkeit, Anschaubarkeit des gestalteten Naturlebens.
12. Die Ahnung muß zuerst in Einzelnen festgehalten ausgebildet nachgewiesen werden Abraham
dann in der Familie einer höhern sich vielfachen Einheit (Familie Abrahams[)]
dann im Geschlechte (Geschlecht David) Stamm (Stamm Juda) dann in einem G[an]zenVolke (z.B. Juden)
dann von dem Menschengeschlecht (Christen), dann der Menschheit (ein Hirte) [.]
13. Anschauung = umgekehrt = Ahnung
14. Die von mir aufgestellte Unterrichtsweise Zeichnen, Formenbetrachtung, Pflanzen
Stein, Schnee auch die Zahl- die Farben- und Ton- g[an]z besonders aber die Sprachbetrachtung weckt nicht nur die Ahnung, das Ahnungs-
vermögen sondern es entwickelt dasselbe g[an]z vor allem
aber giebt sie die zweckmäßigsten Mittel zur Festhaltung der verschiedenartigen Ahnungen
ihrer innern Beziehung u lebenvollen Zusammenhang.
[15.] Sie erhebt Ahnung zum Erkennen, Erkennen zum Wissen, Wissen zum Schauen[.]
16. Also Schluß wie in der 1809 also vor 25 Jahren an die Fürstin geschriebenen Abhandlung
nirgends eine Grenze[.]
17. Also wieder Rückkehr zu einen noch frühern Anfang[.]
18. So bekommt aber der Mensch in seiner Ahnung - denn der Mensch, das Wesen des Menschen
ist aber nur Ahnung – so bekommt der Mensch eigentlich u wahrhaft sich selbst
also Rückkehr zu ein[em] noch frühern Anfang <Frühling> 1805 May = 30 Jahre[.]
19. Aufgabe, Hingabe des Einzelnen, der Einzel<liebe> in das Ganze Cassiopeia 1800. Also noch
frühere Rückkehr bis 1800 also 3X [.]
20. Ja Rückkehr zu einer der frühesten Knabenahnungen (bey Gel[egenheit] des prophezeiten Weltunterganges) Nicht wird die Welt, die Erde untergehen bis ihr Wesen klar erkannt ist 1792 also 43 Jahr [.]
21. Zuletzt Rückkehr zu den unbestimmten Kinderahnungen> bey Mährchen Pflege, Gesang, Kirche u Natur
50 Jahr?
22. Ahnung aber wohnt besonders im Weibl[ichen] Herzen Gemüthe also muß auf den 2n Theil des Menschen<geschlechts>
Ihre die Bildung des weiblichen Geschlechtes - welches der Liebe <traut> - besondere
Sorgfalt verwand[t] werden - Liebe, Liebetrauen ist die erste Wahrnehmung
die Ahnung des Herzens und Gemüthe, - darum trennt Frauen u Liebe Frauen u Vertrauen} nur der Verst[an]d.
23. Fällt Zusammen mit mehr Pathinnen als Pathen um dieß anerkennend zu machen. Frauen Rettung [.]
24. Die Deutschen achteten besonders die Ahnungen, das Ahnungsvermögen der Frauen, <Dräten; Drüben> meines
Lebens[.]
25. In meinem Leben in unserm Leben habt Ihr die durchgeführte Geschichte einer Ahnung die sich schrieb ehe sie wußte
was sie schrieb darum das hochwichtige denselben, die innere Wahrheit, welche überdieß
noch mehrere verschieden an Alter an Bildung an Lebenszielen u LebensBerufen zugl[eich] mitlebten.
Unser Leben unsere Kinder sind Erzeugnisse dieser
Ahnung sie werden die Wahrheit derselben einst am
sichersten verkünden, Ihr Innerstes kund thun - /
[4V]
26. Ahnung geht aus dem Leben hervor. Wie so? Leben sucht Lebensausgleichung
daraus geht die Ahnung hervor daß ein Leben an das andere angrenze. Ahnung
zeigt überhaupt das Aneinandergereihete alles Lebens, Leben und Ahnung sind darum
eigentl[ich] ganz unzertrennl[ich] eines in dem Andern. Leben aber u Liebe ist so wieder
innig in sich einig u darum ist Ahnung u Liebe wieder eben so unzertrennl[ich]; und sie
wecken u nähren sich gegenseitig. Liebe aber zeigt Glauben u Hoffen, so ist also die Ahnung
der Einigungspunkt für Glaube, Liebe u Hoffnung;
     [Schema]
       Leben
        Ahnen
Glauben Lieben Hoffen;
längst suchte ich für diese 3
die Einheit. Also Glaube L.[iebe] u Hoffen aber sind das Symbol die 3einigkeit
der Jesuslehre; so sind wir auch in den Kreis dieser getreten, so hat sich auch diese
von der Ahnung aus mit uns geeiniget. Ahnung = Verheißung.
27. Rückkehr zur A[r]che von vielen Seiten ihr Bau auch lag Verheißung Ahnung zum Grunde
Ahnung = angeistig ( Krause) Ahnung = Wahrnehmung des innern Lebenszusammenhanges.
28. Kinderleben = Garten, Gärtner, Bauern, Sammler, Anreichnerleben. David. Joseph.
Wiederzusammenfallen des Lebens, der Lebensübersicht mit dem Sprach[un]terricht; mit dem Lehr-
und Erziehungsgang überhaupt.
29. Mensch = Leben = Liebe = Ahnung[.]
30. Ahnung = Gottesstimme im Innern. Gott = Leben = Liebe. Gott ist die Liebe.

Am 11en Febr.
31. Bey den Hebräern stieg die Ahnung erstl[ich] von Einzeln auf zum Volk, dann vom Volke abwärts zum
Einzelnen; jedoch ging die Ahnung der Menschheitl[ichen] Erhebung zuerst auf das G[an]ze Menschengeschlecht
dann auf ein Volk dann auf einen Stamm endlich stieg sie d[urc]h[s] Geschlecht herab zur Person[.]
Jetzt scheint die Ahnung der Menschheitl[ichen] Er<hebung> den entgegengesetzten Weg nehmen zu sollen.
32. Barop über Concordia. Du schreibst fast in Keilhau fast zu gleicher Zeit darüber was ich hier in W.
33. Gleichzeitige Gedanken Fall-am-berg es fällt der Berg angedeutet[.]
34. zwey Seiten des Unterrichtes angedeutet[.]
35. Seelea[b]bild Gebot wegen begonnener Einheit in der K. z.E.
Alle diese Andeutungen zum Theil ausgeführter an Barop übersandt am 14n Febr.

b) Reinschrift

[1]
Willisau am 12en Tage im Monat der Klarheit 1835.


Es begrüße Dich Barop und mit Dir alle unsere Geliebten in der
Klarheit dieses Monats und dieses Tages auch äußere und innere
Lebensklarheit.
Aus Lebensklarheit aber entwickelt sich Lebensahnungen;
denn klares Leben schließt sich leicht und innig an klares Leben an;
darum begrüße Dich Barop und Euch alle Ihr theuren Lebensgenossen
in diesem Monate und Tagen der Ahnung, auch hohe Ahnungen im
inneren und im äußeren Leben.


*

Zuerst den herzinnigen Dank für Deine gestern erhaltenen lieben,freundlichen Zeilen welche uns
nun den Tauftag unserer klaren Tochter, den Weyhetag ihres ganzen Lebens bestimmt auf den
18en Tag dieses Monats der Klarheit und der Ahnung festsetzt[en]. Auch ich freue mich über die
Wahl dieses Tages; warum? -Weil ich bey jeder Lebenserscheinungen, je klarer und voll-
ständiger sie schon an sich ist auch Klarheit und Übereinstimmung bis ins Kleinste hin, sei
es auch nur leisem Gefühle nach wünsche, obgleich dem Ganzen dadurch keinesweges ein
wesentlicher Eintrag [geschieht], wenn auch eine solche Vervollständigung und Vollkommenheit im
Kleinen mangelt; auch giebt es für die verschiedenen äußeren Lebenserscheinungen auch
verschiedene äußere und innere Lebensanschauungen, wodurch sie sich jedenfalls immer Leben[-]
erhöhend und Lebenweckend einordnen. So sind also kleine vollkommenere Lebenserscheinungen
schon ohne daß ihr Mangel darum stöhrend auf das Leben selbst einwirkt; so waren mir
auch die beyden ersten Tage als Sonntage und Auferstehungsfesttage sehr lieb. Jetzt sage
ich mir, oder vielmehr jetzt tritt mir das Ganze so entgegen: Möge die Woche gleichsam das
Sinnbild ihres ganzen Lebens seyn; möge sie, die geliebte Seele! durch und an dem Weyhetage
ihres Lebens gleichsam in die Mitte desselben, in ihres Lebens Mittelpunkt eingeführt werden,
möge sich dadurch sich in ihr die Kraft entwickeln, ihr Leben aus dieser Mitte nach allen
Seiten, aus der Einheit (I) nach allen Lebensrichtungen hin - sinnlich anschaubar in dem
gleichmäßig allseitig gebildeten Raum, dessen einfachster Ausdruck der Würfel ist (8) ist
- zu entwickeln; denn [Zeichnung: ganzer
  Würfel] oder [Zeichnung:
  geschnittener Würfel] = 2x2x2 = 8 = 23 Weiter ist 18 = 1 + 8 = 9
9 ist aber = 3x3 [Zeichnung: Quadrat mit 9
  Unterquadraten] so ist also Vollständigkeit nach jeder Seite.- (1 = Eins = Einheit; 8 = Achten, beachten; 9 = Neuen = neu machen) - Würde
der Tauf- und Weyhetag ein anderer gewesen sein, so würde sich mir ohne Zweifel eine
andere innere Ansicht mir davon gezeigt haben, welche auch zu einem klaren Ergebniß ge-
führt haben würde. Denn die Klarheit durchdringt alles zur Klarheit. Ich halte es für
das Leben auf das höchste wichtig, daß das Leben wieder sinnbildliche (symbolische) Be-
deutung bekomme; denn Alles was uns zunächst als Naturerscheinung umgiebt, dann auch
Alles was aus dem menschlichen Geiste, Gemüthe und Leben hervorgehet hat sinnbildliche
Bedeutung; durch die Wiedereinführung des Sinnbildlichen im Leben, bekommt das
Leben für das äußere und innere Auge wieder Klarheit und Durchsichtigkeit; so-
mit seine wahre Bedeutung, der Geist desselben
dess wird unmittelbar so vom
Geiste erkannt; ich möchte sagen angeschauet
; denn es lehrt die Gleichgesetzigkeit kennen;
darum wage ich es, sooftwohl in Beziehung auf das Urtheil der Gegenwart; als das der Zukunft, so
oft und bey so verschiedenen Lebensansichten; diese sinnbildliche Ansicht des Lebens
anzudeuten und durchzuführen. Bemerken will ich für jeden der davon Gebrauch
im Leben machen [will], daß sie zwar auf einfache[r], aber immer auf gründliche[r], das i[st]
den Gegenstand erfassende[r] Kenntniß beruht z. B. im obigen Fall: Kenntniß
des Raumes an sich, der Form, Größe, Zahl und ihres Wesens rc. rc.
So habe ich mir denn ohne daß ich es wollte, so wohl von Deinem lieben Briefe als
von meinem jetzigen Denken aus den Weg zu dem gebahnt was ich Dir jetzt zu sagen
habe. Dein Brief schließt mit der Wahrnehmung des Gleich- und Mitherzigen, der
Concordia des Lebens und aller Lebenserscheinungen dieser Brief beginnt wieder damit
und hat sich zum Zwecke sich unmittelbar an den letzt, jüngst an Dich geschrieben[en] und
dadurch wieder an das gesammte Leben Einzelner und des Menschengeschlechtes an-
zuschließen. Doch in Beziehung auf den Werth und die Bedeutung des Sinnbildlichen
noch die Bemerkung: daß der Mensch durch die sinnbildliche Ansicht des Leben[s], zu einer
sinnigen, bedeutungsvollen Ansicht des Lebens, zur Beachtung der einzelnen Lebens- /
[1R]
erscheinungen, der einzelstehendsten Lebenserscheinungen, als Glieder eines
großen Lebensganzen zu betrachten lernt. Mein ganzes Leben liegt in dieser Hinsicht zur
Prüfung vor: denn als ich die zum ersteren male in einer Natur-
erscheinung, es war die Blüthe und zwar die Haselblüthe ein Lebenssinnbild
fand und erkannte, so begannen sich von diesem Augenblicke an die Widersprü-
che des Lebens und meines Lebens zu lösen, wenn sie auch später durch noch größe-
re Irren und Wirren des hindurch giengen.
Dieselbe sinnbildliche Ansicht nun welche es in Beziehung auf Naturerschei-
nungen statt findet giebt findet auch in Beziehung auf die Geschichtlichen Erscheinungen
und Thatsachen statt. Das Sinnbildliche in der Geschichte namentlich in der Jüdischen
Geschichte - (: um so mehr als hier ein Gemüthsleben und Gemüthsentwickelung zum Grunde
liegt, welches Gemüthsleben eigentlich das Charakteristische und darum menschheitlich Wichtige
sogenannt Heilige der Jüdischen Geschichte ausmacht :) - ist schon seit Jahrhunderten von den Menschen, von so denkenden als gemüthvollen Männern erkannt worden; allein
sie fehlten in der innern und äußern Nachweisung dieses Sinnbildlichen
und vergaßen so von der allgemeinen Ursache dieser Erscheinung auszugehen und stellten
so als einzige Erscheinung hin was doch nur einzelne Erscheinung eines allgemein Be-
gründeten ist. - Nun
zur Feyer der festlichen Tage die Mittheilung der Gedanken, welche sich an die
Worte des Festes und an den sie begleitenden Brief anschlossen.
1. Auf jeder neuen Entwickelungsstufe eines Gegenstandes eines Lebens, theilt sich die
neue Entwickelungsstufe nicht dem schon daseyenden Entwickelten mit, sondern
die neue Entwickelungsstufe tritt auch in einer ganz neuen Lebenserscheinung
hervor; das schon entwickelte Alte sinkt fast augenblicklich von der Zeit an da
die neue Stufe der Entwicklung eine Gestalt, eine selbstständige Gestalt
für sich gewinnt; wenn nun alles - zur Zeit ihrer beginnenden Selbstgestaltung
ganz hingesunken ist, steht das neue Leben in gewonnener Selbstkraft da.
Ein Anschauungsbild sey die Johannisknospe am Rosenstrauch; d. i. die Knospe
in den Blattwinkeln welche sich um Johannistag am Rosenstrauch zeigt.
Die beginnende Johannisknospe fordert nicht von den Blättern, welche sich schon
am Rosenstrauch entwickelt haben, daß sie wieder wirkliche Rosenstrauchknospen
werden sollen; allein sie fordert durch Art, Ort und Zeit ihrer
Erscheinung, daß sie von den
daseyenden Blättern ihrer höheren Entwickelung entgegen gepflegt werde. Die
unbedeutende Johannisknospe am Rosenstrauch (auch wohl an jedem Obstbaume)
entwickelt sich nun von dem g[an]z Unscheinbaren in Stille und Zurückgezogenheit
am Rosenstrauch aus. Der Sommer kommt, das Laub erhärtet; der Herbst
erscheint, das Laub welkt u fällt; der Winter ist da Laub u Rosen sind ge-
fallen; doch die Knospe hat in Stille, Zurückgezogenheit, Liebe, Vertrauen
das Leben in sich aufgenommen bewahrt und gepflegt; der Frühling durchlebt
die erneute, verjüngte Welt und die Johannisknospe am Rosenstrauch
entfaltet sich zur Pracht des Garten[s] zur Lust u Freude aller Lebenden.
Eine eben solche Lebensanschauung, ein solches Lebensbild, ist von Blüthe zu Kern.
So meyne ich denn soll auch Keilhau eine Johannisknospe des Rosen-
strauches am Baume der Menschheit seyn und werden; unbesorgt um sich,
Leben und Lebenskraft in sich steigernd und sammelnd; nicht sorgend wenn auch
Laub und Blüthen am Lebensbaume welken und kommen. Ein Frühling höherer
Lebensentfaltung wird auch ihr kommen, wo sie in höherem Bewußtseyn, das Mensch[-]
heitswesen Liebe aus sich hervorblühe.
2. Was hier die Natur zeigt, zeigt sich auch in der Geschichte in der Geschichte uns
von Israeliten und Juden aufbewahrt, in ihrer Urgeschichte und zwar in
der Geschichte von Noë (Noah) und der Arche. Die Noësche Familie
in ihrer Arche gleicht der Knospe an der Rose zur Johanniszeit; das hin[-]
sinkende Menschengeschlecht gleicht dem fallenden Laube am Rosenstrauch.
Darum ist meine bestimmte Lebensansicht und Lebenserwartung: Keilhau
sey gleichsam die Arche zur Rettung höheren, des höchsten, reinen Menschheitsleben
in der jetzigen das Menschengeschecht darnieder und mit sich fortreißenden
Lebensfluth. Keilhaus erziehende Familie gleiche in ihrem Dorfe und Thale
der Familie Noë (Noah) auch sie rette in und durch sich das höchste reinste Menschheit- /
[2]
leben, damit einst wenn sich der Menschheit vernichtende Zeitenstrom ver[-]
laufen hat, durch sie, sich über die erneuerte Erde ein neues Menschenge[-]
schlecht verbreite und wie dort das Leben erhöhende Gewächs den Wein,
so dann das Leben erhöhe klärende, den Lebensbaum pflanze, und daß dann,
wie dort am Himmel Friedensbogen, nun Friedenskreise, Familien u.s.w.
auf der Erde erscheinen.
Ich <-> zweifle nicht Ihr werdet diese sinnbildliche Lebensanschauung mit
mir für unser Leben und besonders zu dessen Gestaltung nach Außen, und zu
dessen Ausbildung gleich wichtig halten. -
3. Ihr werdet Euch erinnern, daß [ich] Euch oft mit wirklich großer Sehnsucht in meinem
Innern ausgesprochen habe: Wenn nur erst ein bestimmter Anfangspunkt
der Menschenentwicklung und klar die Stufen derselben gefunden sind, be-
sonders klar die Stufen der Gei Seelenentwicklung im Menschen, so ist das
wichtigste zur Selbst- und Anderer Erziehung des Menschen gefunden; dann
begleitet, wie Klarheit u Sicherheit so Freudigkeit und Erfolg sein Geschäfte.
Wenn ich nun mit dem, was ich Euch in den Blättern zum Weyhetage unserer
geliebten Tochter geschrieben habe, die Geistes- und Gemüthsentwickelungen in meinem
Kindes- und Knabenalter vergleiche, die Gedanken und Gefühle im Garten und
Frühling; so glaube ich daß das Euch Mitgetheilte als die bestimmter Geistesent-
wickelungs<maß>stufen [sich] auch in der äußern Erfahrung bestätigt finden
, so muß ich
das, was ich von der Betrachtung des Wesens aus niedergeschrieben habe, auch
mit meiner wirklichen Lebenserfahrung völlig übereinstimmend erkennen; ja, ich
muß in mir die Überzeugung halten, daß der junge Mensch: Kind, Knabe, Jüngling rc
in seiner Seelenentwickelung nach den in den Blättern angedeuteten Gang geleitet,
später zu völlig klarer Einsicht der verschiedenen Entwickelungsstufen seiner Seele und
der Zeit ihres Eintrittes komme; was ich für den Menschen einen großen Lebensgewinn,
ein großes Lebensglück halten [würde]. Ich möchte nemlich im Bilde gesprochen, dem Menschen
in Beziehung auf seine Seelenentwickelung gern dieselbe Freudigkeit machen,
verschaffen, welche der Mensch in einem reinen Wintertag; in einem klaren Frühlings[-]
tag, in einem heiteren Sommertage; und in einem durchsichtigen Herbsttage sich haben
kann, nemlich das Kommen der Sonne von dem ersten Grauen des Morgens
durch die Morgendämmerung und Morgenröthe hindurch bis zum ersten Heraufblitzen
des ersten Sonnenfunkens, dann den Lauf der Sonne von ihrem reinen Aufgang
bis zum höchsten Stand am Himmel und wieder zum duftigen und doch klaren Untergang
zu beobachten; - dann das erste Flimmern des Abendsternes als der Bothe des bald
erscheinenden durchsichtigen Sternenhimmels; Schon das Leben nur in diesem Bilde ge-
schauet, giebt schon dem Leben große Einheit und Klarheit; welche Durchsichtigkeit muß
erst und welche Einigkeit muß das Leben erhalten, welches in diesem Leben Bilde sein wirk-
liches Leben findet. Möchten alle Eure Kinder, Allwina, Wilhelm, Johannes
und unsere jüngste Tochter und alle die Engelsleben, die sich noch daran anschließen
werden, [es] darinn finden. -
4. Ich habe Dir und Euch schon viel über den Namen unseres lieben Engels gesagt
welcher mir wie ein schöner Traum mit einemmale vor meine Seele trat und
immer noch bleibt mir etwas darüber auszusprechen übrig, weil ich bey der
Kürze der Zeit und im Drange der Umstände nicht gleich alles aussprechen und ent-
falten konnte, was auf einmal wie ein G[an]zes vor meiner Seele stand. Deßhalb
erlaubt mir folgendes nachzuholen. Der Name “Liebetraut“ erschien und erscheint mir
ganz besonders wichtig in Beziehung auf unser aller einiges Gesammtleben,
der Name “Liebetraut“ enthält nemlich den Keim so wie die ganze Geschichte
unser aller Einigung und zugleich meines und unseres Wirkens; denn -
im vorausgesetzten und darum im stillschweigenden Liebetrauen, löset sich
ja die ganze Geschichte unserer Einigung und unseres Wirkens mit all seinen
Freuden und all seinen Leiden auf. So ist denn unserer geliebten Tochter zugleich
mit diesem Namen die ganze Geschichte unserer Einigung und so auch der voll-
kommene Geschichts- und Entwickelungskeim ihres Lebens als Eigenthum gegeben
worden. Dieß dünkt mich aber eine außerordentliche Gabe; im Namen der Geschichte!!I
5. Was ich hier zu sagen habe schließt sich an No.3 an. Ich habe keine Zeit diese innere /
[2R]
Verbande nachzuweisen sie ergeben sich aber von selbst; ich muß froh seyn wenn
nur die Gedanken abgerissen wie Denksteine oder Saamkörner da sind.
Die Kinder, der Mensch als Kind kennt keine Grenzen zwischen einem
irdischen und einem himmlischen Leben; die Kinder, der Mensch als Kind
und vielleicht ziemlich weit hinauf in seiner ersten Entwickelung kennt keine Grenze
zwischen Zeit und Ewigkeit. Irdisches und himmlisches Leben, Zeit und Ewigkeit
fällt, fließt ihnen in einander über, wie ihnen und dem einfachen Naturmen[-]
schen Himmel und Erde an den Grenzen des Gesichtskreises. Wir solIen den
Kindern mit der größten Sorgfalt den Schleyer lüften hinter welchen ihnen noch die
scheinbare Trennung zwischen Himmel und Erde verborgen ist. Überhaupt dünkt mich sollen
wir in unsern Kindern mit der größten Sorgfalt aus der und durch die scheinbare
Naturanschauung die wahre Naturansicht entwickeln und nicht sogleich mit unserer
Cathederweisheit ins junge Leben hineinkanoniren: z. B. die Erde ist eine Kugel, der Mond
ist eine Kugel und die Sonne ist eine Kugel. Doch läßt sich das Mittlere als wirkliche
Anschauung wirklich erkennen, wenn man nur das Kind erst selbst zur Anschauung einer
schwebenden Kugel und zwar möglichst groß bringt u.s.w. u.s.w.
Die kindliche, von ganz einfacher erster Lebenserfahrung oder vielmehr Lebensan-
schauung ausgehende äußere Verknüpfung zwischen Himmel und Erde scheint sich zwar
später aufzulösen und so eine Kluft zwischen Himmel und Erde, diesseits und
jenseits zu walzen; allein die innere Ahnung der Verknüpfung zwischen beyden
muß nun um so mehr im Leben des Kindes von den erziehenden Personen festge-
halten und ausgebildet werden. Bildet man die ursprüngliche innere Ahnung der Stetigkeit
des Erden- und Himmellebens, der Zeit und Ewigkeit, des zeitlichen und ewigen
Lebens nicht stetig in dem Kinde dem jungen Menschen aus, nährt sie wenig-
stens nicht hinlänglich - (: z.B. in Sagen, in Fabeln, Mährchen welche eben in dieser Be-
ziehung wichtig sind -:) hauptsächlich durch stille Frömmigkeit - sondern läßt vor
gewonnener Ahnungsfestig- und Ahnungsselbstständigkeit in diese Ahnung den
leisesten Ritz kommen, so ist [es] - bey des Menschen sich später ausbildenden
starren, krystallinischen Ansicht der Dinge - wie bei dem Glase der Sprung wird
immer größer zuletzt geht aus ihm völlige Trennung hervor.
Also stetige Aus- und Fortbildung immer größere geistige Entwickelung, Ausbildung und Anschauung der Kinderahnungen als die Grundbeding-
ung eines rein menschlichen, ächt menschheitlichen, wirklich himmlischen
und wahrhaft göttlichen Lebens des Menschen, des Menschengeschlechtes
und der Menschheit
- dieß müssen wir nothwendig bey der Erziehung fest-
haIten. Denn -was sind denn Ahnungen ? - wie und woher stammen sie? -
Daß die sinnlichen Naturvölker, besonders die älteren ein gesteigertes irdisches
Leben auch nach dem Tode und noch ins Jenseits fortsetzen heißt gewiß in
ihrem, wenn auch dunkelsten Gefühle bei ihrer begriffsarmen sinnlichen
Sprache in der Ahnung ihres Gemüthes nichts als -- das eigentliche innere
wirkliche menschliche Leben, was hier auf der Erde in bestimmten äußeren
Erscheinungen hervortritt, wird in und durch den Tod nicht abgebrochen,
sondern vielmehr erhöhet gekläret auch nach dem Tode in jenem folgenden
menschlichen Leben fortgesetzt werden: - Geisteskraft, Seelenstärke,
Lebensüber- und Lebensdurchsicht; Anerkennung, Liebe, Wahrheit, Dank[-]
barkeit Männliche Tugend - (freylich alles beschränkt in der Gestaltung durch
die Armuth ihrer Begriffe) wird sich auch dort in bestimmter aber voll-
kommeneren Erscheinung des Lebens, besonders in einer gewissen ewigen
Jugend aussprechen. Und? - haben sie denn Unrecht? - Und was
will ich anders damit sagen als in dem Menschen als eine[r] endliche[n] Erscheinung
als eine[r] Erscheinung im Endlichen liegt unmittelbar die Ahnung des Unendlichen.
Ja! diese Ahnung des Unendlichen ist das erste Dokument seines Wesens.
6. Die Weckung, Stärkung, Pflege, Entwicklung, Ausbildung und zur Erkenntniß, zum
Bewußtseyn und zur innern Anschauung Erhebung der KindesAhnung, der
Ahnungen eines kindlichen Menschengemüthes ist also die allergrößte
allerwichtigste, wohl allerschwerste, aber auch allerseegen[s]reichste Erzieh-
er-Aufgabe. Ahnung wird also aber überall geweckt, wo ein Einzelnes /
[3]
annähernd, verknüpft besonders mit einem großen, oder zusammengesetzten,
oder unsichtbaren Ganzen vermuthet, erkannt, wird. Ahnungen wecken
also in dem Kinde, das würdevolle Zusammenseyn und Zusammenwirken einer
Mehrheit von Menschen so z. B öffentliche Volks- wie öffentliche (auch nur häus[-]
liche) Religionsversammlungen. Solche Gemeinsamheiten müssen aber je mehr
sie wirken sollen den Ausdruck der Einheit haben. - Es kann die Ahnung in dem
Kinde wecken in dem jungen Menschen wenn er daran Antheil nimmt; aber
auch die Ahnung, wenn er davon entweder ganz, oder Bedingungsweise
ausgeschlossen ist. Diese Verzweigungen zu beachten, bleibt dem denkenden
und sinnigen Erzieher überlassen. Die Ahnung kann in dem Kinde, in dem
jungen Menschengemüthe auch geweckt werden durch Anschauung öffent[-]
licher Gebäude, Werke, öffentlicher Kunstwerke u.s.w.
Ahnung wird besonders in dem Kinde in dem Menschen durch die sinnbildliche
Betrachtung der Naturerscheinungen auch der Erscheinungen der Geschichte und des
Lebens geweckt, gepflegt, gestärkt rc. Denn hier erscheint immer das Einzelne in
Verknüpfung in innerer Einigung mit einem geistigen, nur geistig zu erfassenden
Ganzen. Die Ahnung bringt jedes Einzelne einem großen Ganzen durch innere Verknüpfung
nahe. Die Ahnung findet jedes Einzelne als ein geistiges Gliedganze.
Die Ahnung wird in dem Kinde und jungen Menschen somit durch die Gesammtheit unserer Erziehungsweise und Erziehungsmittel, aber auch durch die Gesammtheit unserer
Lehrweise und Lehrmittel geweckt ausgebildet u.s.w. wenigstens ist es die
bestimmte Aufgabe unserer Erzieh- und Lehrweise[;]
   in diesem Ahnung-weckenden, pflegenden rc. rc. unserer Erzieh- und
   Lehrweise liegt das allgemein Anziehende, das Festhaltende dersel-
   ben wer sie einmal in dieser Eigenschaft in sich, in seinem Herzen, Ge-
   müthe wahrgenommen und erkannt hat;
   in diesem Ahnungweckenden, Ahnungaufnehmenden, Ahnungklärenden
   rc. rc. liegt wenn es einmal von Einem Menschen in seinem Umfange
   und in seiner Allerfassendheit erkannt worden ist - das allgemein Mensch-
   heitliche, das nur mit der Menschheit, wenn dies möglich wäre - nur Ver-
   nichtbare derselben.
[Randnotiz*-* Textzuordnung unsicher:]
[*] Nach diesem allen muß aber der Unterricht selbst bis in die
untersten Volksschulen herab doppelseitig aufgefaßt
werden, einmal zwar als Mittel zur Ernährung u.s.w. des Leibes, dann aber
besonders als Nahrung für den Geist; letzteres aber zuerst u.s.w. [*]
Dieß alles bitte ich die erziehenden Glieder der Keilhauer Familien sich
alle unter sich und gegenseitig aus den Erfahrungen und Anschauungen
des eigen- und Fremdlebens, der Naturbetrachtung und aus dem Unter[-]
richte recht klar zu machen. - Dieß gilt auch <für> meine - von so vielen
so grimmig angefochtene Sprachansicht. <[*]>– Aber diese Menschen haben sich
die Ahnung im menschlichen Gemüthe, wenigstens nicht einmal als empfundene
Thatsache ihres eigenen Lebens zum Bewußtseyn gebracht; so achten und ehren sie [diese] auch in andern nicht und noch weniger erkennen sie solche als den Keim[-]
punkt aller ächt menschheitlichen Menschenbildung und Erziehung.
7. Krause hatte sich durch die Eigenthümlichkeit seines Selbststudiums, vielleicht
durch frühe Erziehung zur Ahnung und zur Würdigung der Ahnung erhoben,
daher seine Würdigung meiner Erzieh- und Lehrweise, meiner Lebens-
und Sprachansicht u.s.w. Ja seine Ahnung gab ihr einen noch weit größern
Umfang als ich mir erlaubte denselben auszusprechen. Allein Krause
hatte den Zusammenhang, die Stufenfolge von der Ahnung zum höchsten
Denken noch nicht thatsächlich also in der Erfahrung und Anschauung noch
nicht durchgearbeitet; sonst hätte er sich mit all seinen Kräften und Mitteln
der Pflege, der Entwickelung und Ausbildung meiner Erziehungszwecke hingeben müssen.
8 Ernst Frankenberg ist, wie ich von seinem Bruder Adolph Frankenberg höre
ein sehr Ahnungsvoller, kräftiger Mann; Er hat besonders viel Zutrauen zu
Dir Barop; er will Keilhau vorher besuchen ehe er Willisau besucht.
Pflege also seine Ahnung Du Barop, bringe sie wenigstens zu einer Lebens-
kraft
; Zeige ihm Krauses innerstes Stehen zu mir und uns; entwickele
ihm sein Verhältniß, seiner Familie Verhältniß zu Krause; zeige ihm so den
Umriß meiner Mens Erziehungs- und Lehrweise - meiner Menschenerziehung
damit Ih Wir, Ihr mit mir vielleicht durch ihn ein klares, bewußtes Le- /
[3R]
[bens-] Erzeugniß, Lebensprodukt, Lebensergebniß [be]komme[n]. Denn das Leben muß
sich endlich von einem willkürlichen, unbewußten, instinktartigen zu einem
bewußten und freyen zu einem Leben der Selbstwahl und Selbstbestimmung er-
heben.
9. Bey dieser Gelegenheit will ich besonders Dir Barop noch folgendes zur ernsten
Prüfung und Beachtung mittheilen. Im Verlaufe der in sich selbst ruhenden und
geschlossenen Denkergebnisse der letzteren Tage habe ich mich auch daran er-
innert daß Fries sein philosophisches System von der Ahnung aus entwickelt
und von da aus zum Wissen rc. emporsteigt. Die beyden Doctoren
Leizm[ann] und Triest sind nun doch Schüler und Jünger des Fries; sie ahnen nun
zwar beyde ein höheres Lebensvolleres Princip im unsern Leben als solchen
(: Ich habe hier das Wort ahnen unwillkührlich nur als das der zu bezeichnenden
Stufe angemessen, gebraucht :) Vielleicht ließ sich so von ihrer eigenen Ahnung
aus und von der Denkform ihres Meisters aus eine Vermittelung zur Durch[-]
schauung zur eigenen prüfenden Durchlebung unseres Lebens in sich vermitteln.
Freylich muß man dabey sehr sorglich seyn, damit diese Menschen nicht glauben
man wolle sie für seine Zwecke auf eine listige Weise gewinnen. Statt die[-]
sen Glauben in ihnen zu wecken ist es besser man überläßt sie sich selbst.
Dieß zur Andeutung genug.
10 So viel bitte ich Euch bis jetzt nur als ganz allgemein wahr; allein für
das Leben nach jeder Seite hin als höchst wichtig zu beachten: -daß sich
jetzt ein Focus (: Du als Physiker wirst es erklären :) Ein Licht- Wärme-
und Brennpunkt, Ein Entwickelungs-, ein Herz- und Lebenspunkt
in der Gesammtheit unserer Verhältnisse im Einzelnen und kleinern
und größern Ganzen: in den Personen, in den Familien, in dem
ganzen Lebenskreis, selbst in seiner Verknüpfung nach Außen hin -
in unserm Leben zu bilden anfängt.
Wie ein Samenkorn wenn es von Licht Wärme und Feuchtigkeit
durchdrungen wird - Wie ein Ey, wenn es durch Ausdauerndes
Bebrüten von Lebenswärme durchdrungen wird.
Wiederkehrend spreche ich es aus, es bedarf nun zu allernächst der
höchsten ausdauernden ruhigen Pflege unseres eigenen und eigensten
Lebens.
11. Bey dieser Pflege des innern Lebens überhaupt, tritt mir das entgegen was man
bey Kindern, des besonders bey noch ganz kleinen Kindern schon in den allerfr[üh]sten
Wochen ihres Lebens das Gewöhnen, Angewöhnen namentlich die Rein[-]
lichkeitsgewohnheiten der kleinsten Kinder nennt z. B. das sogenannte
Abhalten. Ich sage mir darüber folgendes: - das Kind hat schon ganz klein
ein gewisses Gefühl ich will es {die äußerste Spitze / das äußerste Ende} der Ahnung nennen,
daß körperliche Reinlichkeit sein Leben, sein Wohlseyn beför[-]
dern würde; allein, es hat noch nicht die Kraft, seinem Empfin[-]
den, Willen, Wunsch - (: Alles auf der Stufe des Fastnichts :) Gestalt, Aus[-]
führung zu geben, die Körpermasse ist noch größer als die geistige
Kraft (man erinnere sich dabey mathematischer Bewegungsgesetze) - da
freuet sich denn das Kind gar sehr zu dieser Überwindung äußerer
Massenhinderniß eine äußere Hülfe zu bekommen und folgt ihr
willig. Jede erste ursprüngliche Idee, jeder erste Gedanke, jede erste
Ahnung im KindesGemüthe des Menschen (der Menschheit) gleich[t] der noch
schwachen geistigen Kraft des Kindes und freut sich von Lebenser-
fahrenen
, Lebenskräftigen Menschen von Außen her Unterstützung
und Hülfe zur Überwindung der ihm in {seiner / der} Ausführung von außen
her entgegentretenden Massenhindernisse zu finden. –
Unsere eigener Menschenerziehender Grundgedanke, theilte und theilt
vielleicht noch das Schicksal des kleinsten Kindes: - er sucht und er-
strebt die reinste Darlebung seiner selbst; allein er kann noch nicht
alle Massenhinderniß überwinden, allein jedoch erfreut er sich innig und dank[-]
bar der mütterlichen Pflege welche ihm von der größeren Kraft und reicheren Erfahrung wird. /
[4]
12. Nur muß aber diese Schwierigkeitsüberwindungshülfe Anderer, die Last selbst
nicht noch erhöhen, die Schwierigkeiten vermehren; wie dieß z B beym
Gängelbande oder beym Laufwagen rc. der Fall ist.
So ist sehr vieles in meinem Leben wovon ich hoffte, es würde mir Last- und Schwierig[-]
keitsüberwindungshülfe seyn; Last- und Schwierigkeits-Erhöhung
geworden. Warum? - - Weil viele der mir scheinbar Helfen wollenden zum
großen Theil in einer gewissen geistigen und Lebensbeziehung, selbst nur noch
Massen ohne selbstthätiges Lebensprincip, mindestens ohne wahre Selbst-
thätigkeit vom Herzen und Gemüthe aus waren; höchstens von der äußern
Lebenserfahrung oder von dem äußern Wissen und Verstande aus.
Zu wahrer Last- und Schwierigkeitsüberwindungshülfe gehört nothwendig
Aufnahme der Last und Schwierigkeit ins eigene Herz ins eigene Gemüthe
sonst tritt statt Last- und SchwierigkeitsÜberwindung Last- und Schwierigkeits
Erhöhung ein, wie es sich z. B. zeigt wenn man das Spiel und die Beschäftig[-]
ung mit den Kindern solchen überträgt die das Leben des Kindes nicht theilen
z. B. Mägden, Wärterinnen rc. Das Leben der Kinder wird dadurch mehr
niedergedrückt als erhöht, mehr beschwert als erleichtert, mehr zurück ge-
halten als befördert denn diese Personen betrachten das Kind als ein Mittel
sich selbst Lebensangenehmes zu verschaffen, oder Lebenswidriges von sich
selbst
zu entfernen. - Mir und uns ist es viel so gegangen. Überdenkt
dieß zu Unserm, Eurem und der Kinder Wohl vielseitig. -Besser ins eigene
ganze Herz und Gemüthe die ganze Last der Schwierigkeitsüberwindung zu
höherer und der höchsten Lebensdarstellung genommen als - in das durch Hoffen u
Erwarten zu geschwächte halbe Herz und Gemüthe, die doppelte Last und Schwie[-]
rigkeit.
13. Mit dem schnellen Finden der Gedanken, selbst bey einem sich höchst uner[-]
wartet ganz eigens wendenden Gespräche, geht es wie dmit dem schnellen Finden
der Zahlen nur zum Theil gegebener Proportionen; - wie bey dem Finden und
Greifen der Töne und Intervallen sowohl auf irgend einem besondern Streich
Instrumente, als in der Kehle des Menschen selbst; im höchsten Grade ausgebil[-]
det geschiehet es selbst bey dem so, was man Phantasie nennt: - Es liegen zwar
ganz einfache allgemeine Denk- und Lebgesetze dabey zum Grunde, welche
aber im Laufe ihrer Combination besonders Übertragung oft höchst schwie[-]
rig, ja auf unserer - bis jetzt noch in dem Verfolgen von ganzen
Denk-, Lebens-, Auffaßungs- und Anschauungsreihen - so höchst un-
vollständigen Bildungsstufe, gar nicht nachzuweisen, - sondern nur
zu ahnen sind d. h. der Sache unmittelbar durch die innere Wahrnehm-
ung nahe gebracht werden können.
14. Auch das Ahnungsvermögen (: das Empfindungs- und Gefühlsvermögen ebenfalls :) soll
zu ganzen Ahnungsreihen verzweigt und ausgebildet werden, wie das
Anschauungs-, wie das Leb-, wie das Denk- und Erkenntnißvermögen
in Beziehung auf das Überblicken ganzer Reihen. Ebenso soll das ganze
Thatvermögen nach und in ganzen Reihen überschaut werden.
15. Wie die Lehre von den Negativen Größen und andere Mathematische
Wahrheiten und Sätze in das Leben u zur Erforschung des Lebens aufgenom[men]
worden sind, so sollen wir ganz besonders die Lehre und Gesetze der
Reihen in das Leben einführen und zur Erforschung und Erkenntniß
der Lebgesetze benutzen. -
16. Mein bisheriger Lebenskampf, war wie ein Kampf gegen mein Herz und Ge-
müthe, dessen Reinheit Würde rc. was man von so vielen Seiten als zu
bezweifeln hinstellte; so ganz besonders gegen mein Ahnungsvermögen
und dessen innere Begründetheit und Gesetzmäßigkeit, und da ich es als
Grundlage der Menschenerziehung faktisch hinstellte, so war mein Lebenskampf
bisher zugleich ein Kampf gegen das Ahnungs-Vermögen des Menschen
an sich, des Menschengeschlechtes und der Menschheit, dessen Begründetheit
und Gesetzmäßigkeit. - So kämpfe ich und wir für eine wichtige mensch-
heitliche Angelegenheit. - (: Denkt und lebt dieß ganz in Euch durch! /)
[4R]
11. Die Kunst Ahnungen zu entwickeln, setzt die Kunst voraus, Ahn-
ungen in dem Kinde, in dem Menschen, in der Jugend fest zu halten.
Um Lebensahnungen fest zu halten muß man viel in Verhältnissen
Leben, wo sich Leben ruhig, und stetig beachtbar, (sich) still gestaltet kund
thut, also in der Natur, in der Stille, Ruhe, Stetigkeit, Anschaubarkeit
des gestalteten Naturlebens. Vergleiche oben No 6 und folgende No 20.
18. Fortentwickelungsgang der Ahnungsausbildung.
a. Die Ahnung muß zu erst in Einzelnem, im Einzelnen festgehalten und ausge[-]
bildet zu werden, wie z. B. in der Geschichte der Hebr[äe]r bey Abraham
b. dann in der Familie, einer höheren in sich vielfachen Einheit; dort die Familie Abrh:
c. dann in dem ganzen Geschlechte und Stamm der Abrahamiden
d. endlich in dem ganzen Volke Jacobs oder Israel.
Fassen wir die Ahnung auf wo sie zuerst dem Menschengeschlechte erscheint
als (das was sie ist als Gottesstimme, als) Verheißung so umfaßt sie zuerst
zuerst: das ganze Menschengeschlecht. (Einer aus dem Menschengeschlechte wird das Böse vernichten),
dann: das ein ganzes Volk (einer aus dem Volke der Hebr[äe]r)
weiter: einen ganzen Stamm (einer aus dem Stamme Juda [)]
endlich: ein ganzes Geschlecht (das Geschlecht Davids. [)]
endlich: eine einzige Familie (die Familie Marias u Josephs [)]
zuletz[t]: die einzige Person (Jesu [)].
Diese beyden Fortentwickelungsgesetze sind wichtig mit einander verglichen
und verbunden erscheinen sie wie das Auf- und Abwogen; wie
die Pulsschläge am und im großen Menschheitsherz (Vergleiche
die Blätter zum Weyhetage der geliebten Tochter :)
Jetzt scheint wieder, (so wie das Leben in mir und vor mir, wie das Leben
in uns und vor uns liegt) der erstangeführte Entwickelungsgang der
Ahnung einzutreten.
Fast will es mir erscheinen als zeigte sich der zu zweyt aufgeführte
Entwickelungsgang im Christenthume. Ich überlasse es der Ausführung
eines Jeden um der Auffindung der Wahrheit kein Hinderniß in den Weg zu legen
durch Stufen welche nicht scharf genug wären. (: Mündlich einst oder später schriftl. <darüber>)
19. Die Ahnung liegt eigentlich der von Pestalozzi aufgestellten Anschauung als
Grundlage des Unterrichts zum Grunde, und so bekommt eigentlich die sogen.
Pestalozzische Lehrweise in so fern sie Wahrheit in sich hat, durch {das die} von mir auf[-]
gestellten Erziehung des Menschen erst ihre Begründung d. h. sie bekommt
dadurch erst ihre Stelle als ein Glied in dem Gange der Menschheitsentwickelung.
Dieß mußten wenn auch auf ihre Weise und in Beziehung nur auf einzelne Fächer
sogar Gegner meines Wirkens Dr. Niederer zu Iferten und Decan Sigrist
zu Wohlhausen beydes Pestalozzianer, zugestehen.
Ohne Ahnung überhaupt ganz und gar keine Anschauung.
Anschauung ohne Ahnung, ist leere Hülle, ist ein Strohmann. Vieles in
der Geschichte auch der neuesten Erziehungs- und Lehrweise läßt sich da-
durch nachweisen.
20. Die von mir aufgestellte Unterrichtsweise im Zeichnen, in der Formen[-]
betrachtung, Farben[-] und Tonbetrachtung und Entwickelung; besonders aber
auch Natur- und Sprachbetrachtung - weckt nicht nur die Ahnung
das Ahnungsvermögen in dem Kinde, jungen Menschen und Menschen
überhaupt, sondern sie entwickelt auch dasselbe; ganz vor allem aber
giebt sie die zweckmäßigsten Mittel zur Festhaltung der verschieden[-]
artigen Ahnungen, ihrer inneren Beziehung zu einander und zur Festhal-
tung ihres lebensvollen Zusammenhange[s].
Sie diese Erzieh- und Unterrichts-Lehrweise erhebt die Ahnung zur
Erkenntniß; das Erkennen zum Wissen, das Wissen zum Schauen und
dieses steigt zurück und thut sich kund in einem klaren bewußten, sich
selbst durchsichtigen Leben.
21. Also der jetzige Schluß des Erkennens wie der in der dortmals 1809 der Fürstin[-]
Mutter überschickten Abhandlung = nirgends eine Grenze = So nach 25 Jahren Sin auf
erhöheter Stufe der Einsicht Rückkehr in einen Ausgangspunkt. /
[5]
22. Diese jetzt vielseitige und vielartige Rückkehr zu verschiedenen Lebens-
anfangspunkten mit erhöheter Geistes[-] und Lebensklarheit ist gewiß
auf das Höchste wichtig und muß auf das sorglichste beachtet werden
vergleiche oben No. 40 [sc.: 10].
23. Durch dieses öftere Rückkehren des Menschen mit erhöhetem Bewußtseyn zu den
früheren und frühesten Ahnungspunkten seines Lebens - gleichsam in seine
Ahnungen bekommt der Mensch in seiner Ahnung sich eigentlich und wahr-
haft „sich selbst“. Denn man kann den Menschen, das Wesen des Menschen
sehr erfassend nur Ahnung, die Ahnung, das Ahnen an sich nennen.
24. Durch diesen Gedanken: daß der Mensch durch Entwickelung und Pflege seiner,
Ahnung - gleichsam in seiner Ahnung (indem man das Wesen des Menschen als Ahnung
an sich bezeichnen könne :) - sich selbst bekomme; - ist also wieder eine Rück-
kehr zu einem noch früheren Ahnungspunkte gegeben. May 1805.
Also eine Rückkehr in einen Lebensanfangspunkt nach einem 30jährigen
Lebenskreise.
25. So kann ich einen noch größeren Lebenskreis zu der und in die Lebensahnung
1800 nachweisen. wo ich in dem Hingeben des EinzeInen an das Ganze, das Einzelne
in höherer Bedeutung wieder zu finden ahn[t]e. Ahnung des Findens des Einzeln-
Lebens im Ganzleben. Lebenskreis Klärung und Bestätigung dieser Ahnung
von höherer Lebensansicht aus. Lebenskreis 35 Jahr[e] (Vergleiche Brief
an die Keilhauer Frauen von Wartensee.)
26. Ja jetzt Rückkehr zu einer der frühesten Ahnung[en] meines Knabenalters
(bey Gelegenheit eines dortmals prophezeiten Weltunterganges: die Welt, die Erde
wird nicht untergehen bis ihr Wesen klar erkannt ist; (spätestens 1792; also 43 J.)
27. Zuletzt Rückkehr zu den zwar weniger bestimmten aber immer lebenvoll
Leben einenden Knabenahnungen. welche nie Zweifel und Widerspruch in das Knaben
Gemüthe eindringen ließen, sondern für den eigenen Geist alles in und zur Klarheit Ordnung
und ganz besonders zu gegenseitiger Entwickelung durchdrang. Dieß bey Anhörung von Sagen
Mährchen, Geschichten; in Schule, Kirche, Natur und Leben (Vergleiche hierüber
meine Andeutungen in meinen Grundzügen der Menschenerziehung. Sursee 1832.[sc.: 1833])
So kehre ich nach jeder Seite hin zu allen meinen Lebensahnungen in erhöheter Klarheit
zurück ihre Wahrheit wie ihren Zusammenhang erkennend.
Also Ahnung, Lebenseinheit als Erscheinung.
28. Ahnung aber wohnt besonders im weiblichem Herzen, weiblichen Gemüthe.
Darum muß auf diese zweyte Hälfte der Menschheit auf die Bildung des weib-
lichen Geschlechtes - welches der Liebe (die in der Ahnung gegründet ist) traut
besonders Sorgfalt gewandt werden. Liebe, Liebe-trauen ist die erste
Wahrnehmung der Ahnung des Herzens und Gemüthes, im Herzen und Ge-
müthe; - darum trennt - um mit Schillers Worten zu reden, Frauen und
Liebe, Frauen und Vertrauen nur der Verstand.
29. Dieß anerkennend zu machen [ist] vielleicht der unbewußte Grund so viel empfangen[er]
reiner Frauenachtung, so wie daß mir fast einzig nur Pathin[n]en wurden.
30. So habt Ihr, so haben wir denn in meinem und unser aller Leben die voll-
ständige Ges[ch]ichte durchgeführter Lebensahnung, welche sich selbst schrieb
ehe sie wußte was sie schrieb; welche noch überdieß so Viele, verschieden
an Alter an Bildung an sich selbst gesteckten Lebenszielen zugleich mit lebten
darum das hochwichtige derselben die - innere Wahrheit. Unsere Leben
selbst unsere Kinder sind ja die Blüthen dieser Ahnung; sie werden noch be-
sonders, sie werden besonders die Wahrheit derselben einst am klarsten
verkünden durch ihres Lebens Früchte.
31. Ahnung geht aus dem Leben als Erscheinung an sich hervor. Wie so? - Leben sucht Lebens[-]
ausgleichung; daraus geht die Ahnung hervor, daß ein
Leben dem andern nahe sey, ein Leben an dem andern gleichsam angrenze.
Ahnung zeigt überhaupt das Aneinandergereihete oder vielmehr das
in sich stetige, ununterbrochene alles Lebens. Leben und Ahnung sind
darum eigentlich ganz unzertrennlich eines in dem andern. Leben und Liebe
aber ist wieder innig einig in sich, und darum ist Ahnung und Liebe wieder /
[5R]
eben so unzertrennlich; und sie wecken und nähren sich gegenseitig. Liebe
aber zeigt, gebiert gleichsam aus sich Glauben und Hoffen; so ist also wieder
die Ahnung der Einigungspunkt für Glaube, Liebe und Hoffnung
Leben
Ahnen
Glauben Lieben Hoffen
Lange suchte ich für diese drey die Einheit.
Glaube. Liebe und Hoffnung aber sind die Dreyeinigkeit der WeIthei-
lands-, der Jesuslehre; So sind wir nun auch in den Kreis dieser getreten,
so hat sich auch diese von Ahnung aus auch in der äußern Erscheinung mit
uns geeint, so wie eigentlich die höchste Lebensahnung vom Kinde an
von ihr und durch sie, die Religion Jesu gepflegt worden ist.
32. Ahnung = Verheißung (vergleiche frühere Nummern)
33. Mensch = Leben = Liebe = Ahnung } Ahnung weckt und nährt daher
34. Ahnung = Gottesstimme im Innern } daher ächte Begeisterung.
35. Gott = Leben = Liebe.
36. Gott ist das Leben; Gott ist die Liebe. - - -
*

Am 13en Februar. Nimm diese Gedanken als ein großes Lebensganzes welche ich so niederschrieb wie sie sich in mir hervordrängten zur Nachfeyer des Weyhetages unserer gel.[iebten] Toch[-]
ter nachsichtig auf; sie enthalten Eine begründete Wahrheit so unvollkommen
ich sie auch nur wiedergeben konnte, denn ich mußte froh seyn wenn sie nur
eben auf dem Papiere stand. Ich muß sie für das Leben für hochwichtig erkennen
darum konnte [ich] es nicht über mich gewinnen sie Dir, und durch Dich allen den lieben
unsern vorzuenthalten. Wie hätte ich mich auch dazu entschließen können
da Du mir unbewußt in Deinem Brief eine Aufforderung dazu schreibest
Du schreibst mir nemlich gerade von Keilhau über den Einklang, die Concordia, des Lebens
und über die gesteigerte Rückkehr zu früheren Lebenspunkten zu
höchster Lebenseinigung, eben da ich mich von hier aus Dir fast mit denselben
Worten ja wenigstens mit Gebrauch desselben Wortes darüber mittheile,
sollte dieß nun nicht ein Beweis durchgreifender Lebensahnung seyn? -
Sollte ich mich nun so entschließen können Dir das in diesen Tagen in mir
über diesen Gegenstand Durchlebte vorzuenthalten, so unvollkommen ich es
auch nur niederschreiben konnte um so mehr als es durch die klare, frische
neue Lebensblüthe an Euerm, an unserm Lebensbaume in mir geweckt wurde.
Du hast uns liebend alle zur Theilnahme an dem Weyhetage Deiner Tochter
eingeladen. Sey fest versichert daß wir alle und besonders ich mit stiller Samm[-]
lung und seegnendem Gebete im Geiste bey der Handlung gegenwärtig seyn werde[n].

Am 14en Februar. Dir und Euch allen für die vielen Beweise der Liebe und Treue welche
Ihr mir wie zwar immer doch in der jüngsten Zeit wieder so reichlich gegeben habt
die Mittheilung eines zwar kleinen aber klaren Seelenbildchens welches vor einigen Tagen
eines Morgens frühe meine Seele erfüllte, Euch zum redenden Beweise, daß mei-
ne Seele auch dann friedig und freudig und in Seegnungen für Euer Wohl mit Euch
beschäftigt wenn sie ohne unmittelbare Willensanregung in sich selbst ruhet: -„lch
befand mich in einer Kirche, ja in der bestimmten Kirche von Eichfeld als eben die Predigt voll[-]
endet und das allgemeine Gebet gesprochen wurde, der Prediger fuhr in demselben wört-
lich fort: ‚auch die Erziehungsanstalt von Keilhau laßt uns in unser Gebet einschließen,
daß die Gesinnungen inniger Lebenseinigung, welche sich in der jüngsten Zeit in derselben wieder
so schön entwickelt haben, in derselben für immer sich befestigen und die schönsten seegens-
reichsten Früchte für das Leben bringen mögen.‘ - Indem mein Gemüthe über das
Gehörte Freude empfand, zerfloß das Seelenbild. Möge aber die Seegnung des
Gebetes unvergänglich seyn.[“]
Du, mein Barop schließest Deine jüngsten Zeilen an mich mit dem Wunsche: „Möchten diese
innern Melodien Kraft haben auch das Leben zu gestalten!“ -lch schließe diesen Brief
der mir des Lebens Einheit und Ganzheit zeigt mit der Überzeugung: Sie werden
es, denn wir sehen ja wo tiefe Lebensahnung ist, ist wahre Begeisterung, wo ächte Begeisterung ist,
ist aber auch That. Wie ja auch in Gott Leben, Liebe und That Eins ist. In treuer Liebe Euer
FriedrichFröbel.

(: Nun bekommt Ihr aber in Langer Zeit keine solchen Mittheilungen von mir, bearbeitet diese :)
[Rand:] Die herzlichsten Grüße von allen an Alle, besonders an Deine Frau und Middendorff. –
[Rand S. 1]
Grüße herzinnig Deine theure Emilie und meine geliebte Pate. -