Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 15.3.1835 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 15.3.1835 (Willisau)
(KN 51,10, Brieforiginal 2 B 4° 8 S., zit. Heerwart 1905, 132f. - Es handelt sich um den im Brief v. 28.3.1835 an die >Keilhauer Gemeinschaft< erwähnten "Einladungsbrief", beide wurden zusammen verschickt; dabei lag sicher auch der Brief an Elise Fröbel v. 28.3.1835.)

Willisau in der Schweiz am 15en Tage im Monat des keimenden Lebens (III:) 1835.·.


An die Glieder des engsten Kreises der Keilhauer Gemeinsamheit;
An die drey durch das Gemüthe, durch den Geist und durch das Leben geeinten Familien
FröbelMiddendorffBarop
Gott begrüße Euch
mit des Lebens Frieden und Freude!

*

Schon oft habe ich in wichtigen Lebensmomenten, sowohl nach der lebenvollen Aufforderung
meines Gemüthes als der klaren meines Geistes mich mit ganzer Seele an Euch gewandt
um Euch in die Mitte des gesammten Lebens zu versetzen wie es in seiner ganzen Wichtigkeit
vor dem ruhigen Blicke des innersten Auges sich entfaltete; doch fühle und erkenne ich, noch nie in
einem so wichtigen Lebensabschnitte als dießmal.- Wenn ich dieß vielleicht schon wieder-
kehrend beym Beginne innerster Lebesmittheilungen Euch ausgesprochen habe, so ist dieß ganz
natürlich, denn bey einem menschlich strebenden Leben, muß man zu immer größeren Lebenshöhen
emporsteigen, wo man das Leben in seiner Gesammtheit nicht nur immer mehr über, sondern auch kla-
rer um, ja wirklich durchschaut und so endlich wie des Lebens Ausgangs- und Schlußpunkt, so
auch des Lebens Mittelpunkt findet. Zwey Lebensmomente, zwey Knospenpunkte des Lebens stehen
mir besonders vor, in welchen ich mich, durchdrungen und überzeugt von deren hohen Lebenswichtig-
keit an Euch, als innig einige Gemeinsamheit wandte: Der erste war als ich Euch von Frankfurt/M
aus den Vorschlags Schnyders in Wartensee eine Erziehungsanstalt zu errichten und meinen [sc.: meine]
Ansicht desselben zur Prüfung vorlegte und der zweyte als ich Euch später von Wartensee aus auffor-
derte die dortmaligen Wartenseeer [sc.: Wartenseer] und überhaupt schweizerischen Erziehungsverhältnisse
einer persönlichen unmittelbaren Prüfung durch einen aus Eurer und unserer Mitte zu unter[-]
werfen. Was von dem was ich Euch in diesen zwey Zeitpunkten aussprach, mir jetzt vor der Seele
stehet, so hat sich dasselbe auch im Allgemeinen bestätigt: - Willisau, das verpflanzte Wartensee steht,
nun zwey Jahre und nicht unter geringen Kämpfe[n], aber mit nicht verminderter Festigkeit, sondern
im Gegentheil mit mannichfacher; auch sein ferneres Bestehen hoffen lassender innerer und äußerer
Ausbildung da; - und Keilhau steht nun seit den fast 4 Jahren, da ich nach Westen zog mit nicht nur
nicht verminderter, sondern vielmehr mit gesteigerter und befestigter Hoffnung da; daß es sich blei-
bend erhalten ja endlich seines äußerem [sc.: äußeren] Druckes entledigt werden [sc.: werde] und so mit der innern Freyheit
auch die des äußern Lebens {sich erfreuen / erringen} werde. Zur richtigen Erfassung und wahren Würdigung der Lebens[-]
thatsachen und Verhältnisse müssen wir aufrichtig seyn: Keilhau erhielt und befestigte sich nicht ohne
den bestimmten Einfluß von Willisau und der schweizerischen Verhältnisse, es bekam dadurch Zeit
und Muth und Kraft wieder selbstständig und frey in sich dazustehen, und sich immer mehr wieder selbst- /
[1R]
ständig und frey sich durch sich selbst zu erhalten.- In Beziehung auf die hiesige Anstalt, die wie ich so
eben aussprach auch beginnt immer mehr durch und in sich selbst zu bestehen hat Ferdinand
Euer Sohn und Bruder, Lehrer und Mitarbeiter an derselben, sich nun nach und nach zum Führer der-
selben heraufgebildet und wird hoffentlich nun auch nach und nach die geistige Kraft und Um-
sicht aus sich entwickeln bald selbstständig der Vorsteher dieser Anstalt zu seyn. Mehrere Lehrer und
Gehülfen stehen ihm zur Seite von welchen, auch nach einem klärenden Lebensmoment, welcher mit
dem kommenden Monat durch meinen und Langethals Austritt und durch Titus Abgang von
hier bewirkt werden wird - noch immer so viel ihm verbleiben werden, als das Fortbestehen
der hiesigen Anstalt fordern wird. Eines bedarf er nur nach dem Austritte meiner Frau und
der Frau Langethal, wieder eine Stütze zur Führung des Hauswesens; doch wird diese mit
meinem Austritte von hier zunächst wenigstens um mehr als die Hälfte erleichtern [sc.:erleichtert]
indem zugleich mit mir und Langethals auch die 5 Berner und Titus also wenigstens 10
Personen im Hause weniger werden werden; überdieß wird hier die Wäsche für die Lehrer und Zögl. nicht im Hause besorgt.-
Daher komme ich nun mit der schon längst vorbereiteten Aufforderung und Einladung zu Euch:
Elisen zur häuslichen Unterstützung Ferdinands, zur Führung des Hauswesens der
hiesigen Anstalt nun sobald als es nur immer angehet, hierher abgehen zu lassen.
So vorbereitet nun aber auch dieses Gesuch bey Euch erscheint, so ist mir doch dasselbe in Beziehung auf
die gesammten Lebensverhältnisse und in Beziehung was sich an dasselbe anknüpft das wichtigste
worüber ich mich je Euch als einem Ganzen mittheilte.
Ihr alle seyd durch Nachdenken und reiche Lebenserfahrung mit mir von der Wahrheit überzeugt,
daß keinesweges von äußern Lebensverbindungen, sondern vor allem von einer innern geistigen
Lebenseinigung so wie das Wohl jedes Lebensganzen, jedes Familien{[-]baumes / [-]kranzes[}] so besonders auch jedes ein-
zelnen Gliedes desselben abhängt; darum muß jede einzugehende äußere Lebensverknüpfung sich
um so mehr auf ursprüngliche innere Lebenseinigung gründen als jene Verknüpfungen
mit Bewußtseyn und Einsicht geschlossen werden. Denn das Bewußtseyn kann nur das schon
ursprünglich Daseyende mehr entwickeln, befestigen ausbilden, allein es kann nichts entwickeln
wo kein Keim und kein Herz dazu da ist. Diese Überzeugung lag all meinem Handeln unserm
Familienkreis zu einen in sich wahrhaft einigen Familienkranz, zu dem innigen Familienleben
eines Familienbaumes zu erheben - von je her zum Grunde. Da Lebenseinigung besonders
im Gemüthe erkannt und so vor allem im weiblichen Gemüthe so tief als lebendig und stark
empfunden wird, da wahrhaftes Menschheitsleben nur aus reinen Gemüthern geboren werden
kann, so gieng frühe meine Sorge dahin diese, zur Ausführung und Darstellung reinen Menschheits[-]
lebens so [{]nothwendige / unerläßliche} geistige Lebenseinheit besonders in den drey Schwestern unseres Familienkrei[-]
ses zu wecken und zu pflegen, wenn möglich zur klaren Lebenseinsicht zu bringen; dem gemäß
suchte ich auch unser ganzes äußeres Leben in diesem Geiste zu einer Einheit zu entwickeln. /
[2]
Auch Elisens Leben hoffte ich würde sich einst auf die einfache Weise, wie das ihrer Schwestern
entwickeln; doch die Vorsehung bestimmte es anders, darum erscheint mir nun aber auch Elisens
künftige LebensEntwickelung für die Entwickelung und Ausbildung eines ächten Familienlebens
um so wichtiger. Um es Euch offen wie es sich geziemet auszusprechen: ich muß in mir die Über-
zeugung heegen, daß es von Elisens künftiger Lebensentwickelung abhängt ob Keilhaus
Familienbaum sich auch zu einer unverkürzten und wahren innern Lebenseinheit zu einer Familien[-]
einheit in Gesinnung Denken und Handeln, kurz <in> Unverkümmert sich zu Einer ächten Menschheits[-]
familie erheben kann und wird. In Elisens Gemüth, Geist und Handeln, in Elisens Leben liegt nach
meiner Überzeugung (der Schlußstein) ob die Schlußbedingung ob der Keilhauer Familienbaum
als Ein Lebensbaum die gehofften Menschheitsfrüchte tragen wird. Es wird davon abhängen
ob Elise als inniges Glied Eurer Gemeinsamheit, Keilhau mit dem Bewußtseyn verläßt und
in sich die Überzeugung bewahrt und im Leben bewährt; - daß nur dann ihr, Elisens eigenes Leben
sich als ein rein menschliches möglichst unverkümmert und vollkommen sich entwickeln kann
wenn es sich stets in völliger innerer Übereinstimmung und Einigung mit Euerm Gesammtleben
als ein Ganzleben fortentwickelt. Es wird davon abhängen ob Elise nicht nur die natürlichen Grund-
sätze in sich anerkennt sondern sie auch im Leben festhält, aus welchen der Keilhauer Lebensbaum her-
keimte und auf dessen Grund und Boden er hervorwuchs die Grundsätze: - daß wahre Lebensei-
nigung <nicht> nur aus ursprünglicher und im Leben treu bewahrter Gemüths- und Geisteseinigung
hervorgehen, daraus entwickeln kann, daß es also da nie in Gemüthern und bey Menschen zu
einer ächten klaren Lebenseinigung kommen kann wo nicht zugleich auch reine Achtung deß
Gesammtlebens und dessen innersten Beziehungen statt findet von und an welchem sich das unsere
als Gliedganzes erkennt. Wo diese Lebenseinheit des Ganzen nicht achtend anerkannt, wo sie nicht mit
Treue des Charakters in Gesinnung und Handeln im Leben festgehalten wird, von daher
kann auch nie Seegen und Heil, nie Friede und Freude für das Ganze kommen. Einführung
der [sc.: des] Wankelmuth, der Charakterlosigkeit, niederer mindestens gewöhnlicher Lebensansichten
in den engern und engsten Lebenskreis, ja nur gleichgültige Dultung derselben muß nothwen-
dig, wenn auch nicht völlige Auflösung des Kreises wenigstens Lostrennung und so Schwächung
und Krankheit mindestens langsame Verkümmerung desselben herbey führen. Um die Wahr[-]
heit dessen was ich hier sagte in einem schlagenden Beispiele zu sehen: denkt auch einmal daß
eine dieser genannten Eigenschaften in euern [sc.: Euerm] engsten Lebenskreise Wurzel gefaßt habe
meynet Ihr daß Ihr und wir die Lebenskämpfe der jüngsten Jahre ertragen haben mindestens
aus denselben mit dem Seegen mit dem Frieden, der Freude im Gemüthe hätten hervorgehen
können, welcher [sc.: welche] wir uns jetzt erfreuen?- Gegründet auf diese Lebenserfahrungen hätte ich
Elisen schon gern auch nur für die Möglichkeit eines solchen Lebenskampfes sicher gestellt;
allein, wie früher und bisher scheinbar widrige Lebensumstände mich hinderten Elisen nach /
[2R]
und nach in den hiesigen Lebenskreis einzuführen, so muß ich jetzt was auch mein Gemüthe Unan-
genehmes dabey empfindet zu Elisens Eintritt in die volle hiesige häusliche Wirksamkeit
nicht nur meine wohldurchdachte Beystimmung geben, sondern ich muß sogar zu ihrem
baldigen Eintritt nochmals auffordern ob ich gleich fürchten muß ihr Gemüth in einen Lebens-
kampf einzuführen.-
Hierbey kann uns nur trösten, daß eine weise Vorsehung die Schicksale der Menschen lenkt,
daß der Mensch darum seinem Geschicke selten entfliehet, daß es ihm aber auch immer zum
Heile ist, wenn er nur den innern Geist desselben zu erforschen sich bemühet. So s ist viel[-]
leicht - und so muß ich es ansehen - Elisens bisher verzögerter Eintritt in den hiesigen Kreis
in doppelter Hinsicht gut - einmal wurde sie in Keilhau zu einem höhern Lebenskampf in die-
ser Zeit vorgeübt, zweytens entwickelte sich der Geist, der Charakter des hiesigen Lebens und
die Gesinnungen der Glieder der hiesigen Anstalt um so bestimmter, um so auch um so bestimm-
ter und klarer das Leben selbst festzuhalten und zu gestalten. Die Hauptsache bleibt hierbey
für Elise immer erstlich, daß sie sich in unmittelbar inniger so offenen als klaren Einigung
mit Keilhau, Euerm Gesammtleben, dem Herzpunkten [sc.: Herzpunkte] desselben und so besonders mit dem Leben ihrer
Schwestern erhält; zweytens, daß sie das hiesige Verhältniß als ein ganz neues auffaßt,
und keinesweges von dem Keilhauer Leben und dessen Verhältnissen gleich auf das hiesige
schließt. Das Landschaftliche, in welchem man gar kein Familienleben im deutschen Sinne kennt-
wirkte bis jetzt gar zu sehr auf den Lebenskreis ein; darum darf sie das eigentliche gemeinsa-
me gemüthvolle Familienleben welches sie in Keilhau verließ hier im Ganzen keinesweges er-
warten; ja sie würde Gefahr laufen sich auf das Nachtheilichste zu teuschen, wenn sie die in Keilhau
herrschenden Gesinnungen hier gleich auf alle Glieder des Kreises übertragen wollte; doch wird
sie immer irgend einen Herzpunkt rein menschlichen Lebens finden, welcher sich Ihrer Pflege erfreuen und durch wel-
chen auch Ihr Leben Pflege erhalten wird, wenn sie sich Ihr eigenes Leben bewahren wird.
Es ist darum gut, wenn Elise mit großer Ruhe hier eintritt, damit sie den ganzen Kreis und
die Stellung der einzelnen Glieder in denselben [sc.: demselben] erst kennen lerne und sich so besonders und vor
allem erst ihre hauswirthschaftliche[n] Rechte und Würde sichere. Sehr freue ich mich besonders
daß sie ein Mann aus Eurer Mitte in den hiesigen Kreis einführe, einen den wie Ihr ihm
alle so er ihr als Seelenfreund gleich nahe steht - Middendorff. Es ist dieß um so wichtiger wegen mei-
nes sich mit künftigen Sommerhalbjahr, mit den nächst kommenden Frühlingsmo-
naten entwickelnden neuen Verhältnisses zu hier und so zum Ganzen. Dieß ist nun der
zweytwichtige Punkt welchen ich mit Euch als Gemeinsamheit in dieser Zuschrift
noch zu besprechen habe.-
Wenn Ihr auf die ersten Gedanken zurücke geht welche meine erziehende Wirksam-
keit begründeten, so werdet Ihr Euch alle sehr gut erinnern, wie gleich vom ersten Beginne /
[3]
Beginne [2x] an mich der Gedanke belebte: jeden an dem Werke ächter Menschenerziehung freythätig
Mitarbeitenden sobald als möglich selbstständig im eigenen Kreise wirkend zu machen.
Ja dieser Gedanke war selbst eine Hauptgrundlage meines Wirkens, wie Gliedern aus Eurer
Mitte gewiß noch lebhaft vor der Seele stehen wird. Derselbe Gedanke belebte mich bey der
Gründung der Erziehungsanstalt in Wartensee, welche später nach Willisau versetzt wurde,
und so trug sich denn natürlich auch der Gedanke bey Wartensee's Gründung auf Willisau
über.- Lebensverhältnisse, welche dadurch, daß sie eingetreten sind, sich in ihrer Nothwendig[-]
keit dokumentirt haben, verhinderten, die frühe ich möchte sagen jugendliche Ausführung dieses
Grundgedankens; doch dieß klärte denselben in mir nur noch um so mehr und zeigte mir denselben
in seiner unerläßlichen Nothwendigkeit zur Begründung und Ausführung einer ächten Menschener-
ziehung zur Entwickelung der Menschheit auf s ihre nächst höchste Ausbildungsstufe. Jeder schwin-
dende Tag zeigt mir die Wahrheit dieser Lebensansicht klärer, jeder kommende Tag bringt mir
schlagendere Beweise dafür.- Ihr werdet Euch bey unseres seeligen Wilhelms Aufnahme
unter die Zahl der eigentlichen Mitarbeiter erinnern, wie gern ich stets jede Gelegenheit er[-]
griff diese freye Selbstständigkeit einzelner Glieder offen auszusprechen und allgemein anerkennend
zu machen. Wie sollte ich nun eine Gelegenheit zur Dokumentirung einer solchen freyen selbstständigen Wirksam-
keit in Beziehung auf Willisau verabsäumen, sobald sie sich mir dazu darbiethet
und diese zeigt sich mir jetzt bey meiner baldigen Übersiedelung nach Burgdorf. Also mit meiner
Übernahme der Burgdorfer Wirksamkeit und mit meinem persönlichen Austritt aus Willisau
tritt dasselbe ganz in dieselbe freye Stellung wie Keilhau ein, ja ich stelle es in Beziehung auf
mich persönlich ganz unabhängig hin, indem ich alle meine Rechte der Begründung in Hinsicht
auf die Leitung und Führung, die Vorsteherrechte auf Willisau, ganz auf Keilhau als die Mutter-
anstalt übertrage. Keilhau und Willisau hat sich wegen seiner künftigen wechselseitigen
Verbindung zu verständigen indem die Bande der hiesigen Anstalt durch Ferdinand, und wenn auch
wirklich nur auf einige Zeit durch Elise mit Keilhau unmittelbarer sind als mit mir. Dazu
kommt daß der ganze Charakter und Geist den Willisaus Wirksamkeit durch seine Gesammt-
verhältnisse bekommen hat - als ein mehr äußerer sich leichter von Keilhau dem Vater- und
Mutterhause, als von mir leiten lassen wird. Mir aber liegt und lag nie etwas an der Leitung
sondern nur daran lag und liegt mir daß das gemeinsame Menschheitsziel mit möglichster
Klarheit und Sicherheit erreicht werde. Mit meinem Austritt aus Willisau tritt dasselbe also
in seine natürlichen unmittelbaren Verhältnisse zu Keilhau zurück. Und meine Wirksamkeit auf Wil-
lisau wird also wenn sie nöthig werden sollte entweder durch Keilhau hindurch gehen, minde-
stens auf Keilhau ruhen, sich auf dasselbe als die entscheidende Mutter- und Vateranstalt zurück
beziehen.-
Diese Stellung meiner fordert die Wahrheit des Grundgedankens meines Lebens. Diese Wahrheit /
[3R]
tritt mir aber je länger je bestimmter und klarer, so wohl in Beziehung auf sich als in Beziehung
auf dessen Darstellung und Anwendung, wie in dessen Begründung, so in dessen Fortentwickelung
wie im Ganzen so in Beziehung auf das Einzelne entgegen, daß sie mich auf das bestimmteste
auffordert ihm diesen Grundgedanken, dessen Ausbildung und Darlebung auf das be ganz zu leben.
Diese tief gegründete innere Wahrheit des Grundgedankens meines Lebens, die steigende
unausweichbare Aufforderung ihm und nur ihm ganz zu leben ist aber auch der Ausgangs-
wie stets der Angel- und Wendepunkt all meiner so widrigen und schmerzlichen als auch
freudigen, friedvollen ja beglückenden Lebensschicksale, je nachdem ich entweder demselben treu
nachlebte oder mich mich in der strengen Erfüllung seiner Forderungen durch Umstände und Fremd[-]
willen beschränken ließ. Aber auch meine Verpflichtung gegen die mir und uns vertrauenden
Freunde und so auch ganz besonders gegen Euch und die mit mir hier Geeinten verbindet mich
{dieser / jener} Anforderung dem Grundgedanken meines und unseres Lebens ganz zu gehören um stets
möglichst frey, nach seiner innern Forderung und nach der Forderung der von der höchsten Lebens-
fügung, der weisen Vorsehung dargereichten Lebensumstände, dessen klaren Gestaltung in Wort
und That leben zu können. Denn auch Ihr fordert mit ihnen, den mir und uns vertrauenden Freund[en]
was der Grundgedanke an und in sich selbst fordert und was mein Geist und Gemüth ersehnt
daß endlich jener Gedanke in klarer Gestaltung sich in seinem ganzen in sich einigen Wesen und in der Mannich[-]
faltigkeit seiner Lebensbeziehungen kund thun könne. Gedanken sind ebenso wie unser Leben
selbst eine freye Gabe Gottes die wie sie sich auch aus unserm Gemüthe und Geiste wie die Knospen
und Blüthen aus unserm dem innersten Marke des Gewächses pp entwickeln, darum
sind wir Gott für die Pflege und reine Gestaltung unserer Gedanken vor allem des eigent-
lichen Lebensgrundgedanken eben solche Rechenschaft schuldig wie von dem Gebrauche
und der Ausbildung unseres Geistes und Gemüthes selbst, ja wie eigentlich jeder Ast
besonders die Endknospen jedes Astes und ganz vor allem die Gipfelknospe eines Baumes gleichsam die
Verpflichtung hat sich treu im Gesetz und Leben des ganzen Baumes zu entwickeln
so hat gleiche Verpflichtung jeder Mensch besonders aber der in Beziehung auf die ganze Menschheit
welcher das Wesen derselben mehr oder minder klar und vollständig in sich aufgenommen und erkannt
hat. Leider mußte ich zwey Drittheil meines Lebens kämpfen ehe ich mir hier-
über die so beglückende Lebensklarheit und Einsicht und besonders die sie fordernde Lebensselbst-
ständigkeit, Lebensfreyheit errang. Das Gefühl, das Wissen meines eigenen selbstständigen
Lebens und das Durchdrungenseyn von Einem Lebensgrundgedanken, dieß fällt in meinem
Leben so weit mein Bewußtseyn zurückzusteigen im Stande ist in Eins zusammen, nemlich
die Ahnung einer alle Widersprüche des Lebens auflösenden höchsten Lebenseinheit, höchsten Lebens
Wahrheit, höchsten Lebensgesetzes. Diesen Grundgedanken durch mein ganzes Leben hindurch
fest zu halten und ihn in Klarheit für höheres Bewußtseyn und als einen das Wesen und /
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die Bestimmung des Menschen und der Menschheit erfassenden auszubilden, dieß war meine besondere
persönliche Bestimmung, ich hielt sie so weit mein Leben mir es gestattete thatsächlich fest indem in
ich die freye selbstständige und selbstthätige Entwickelung meines Lebens frühe festhielt. Aber mit
dieser Bestimmung und mit diesem Festhalten, war aber auch, ohne daß es mein Gemüthe nur ahnete
frühe mein Kampf mit dem Leben in der Erscheinung als eines von außen formenden und von
außen formen wollenden gegeben, ja dieser Kampf meines Lebens wurde um so gewaltiger
als ich, eben um ihn aufzuheben und zu vernichten die Entwickelung und Gestaltung des innern
Lebens um so fester hielt. Dieser Widerspruch meines Lebens, meiner Bestimmung mit der äußern
Lebensforderung theilweise im Leben tief und schmerzlich empfindend, konnte ich demselben eben da
um so weniger lösen als er für mich und so auch wohl für andere schmerzlich war; denn meine Bestimmung forderte von mir
den Grundgedanken meines Lebens ganz und zuerst zu leben, und die äußern Lebensverhältnisse
forderten von mir ihnen zuerst und mindestens hauptsächlich zu leben. Ich fühlte den Grundgedan-
ken meines Lebens als einen allgemein menschheitlichen, zunächst deutschmenschheitlichen pp und hoffte
so von der deutschen Menschheit Theilen und Pflegen desselben und darinn hatte ich Recht, allein ich
setzte das Durchdrungenseyn von diesem Gedanken in ähnlicher Lebendigkeit, Stärke, Kraft und Bewußt-
seyn schon um und außer mich und darin hatte ich Unrecht. So mein, später unser gemeinsamer
Kampf mit meinen mit unsern Lebensverhältnissen, welcher mich und so später uns zwar
äußerlich vom Ziele entfernte indem er zunächst mich, in mir über dasselbe steigend aufklärte
und mich der Wahrheit desselben des Weges dahin und der Mittel dazu vergewisserte. Ich forderte
von den Menschen, daß sie sich einen Menschheitsgedanken, einen deutschmenschheitlichen Grundgedanken
ebenso unbedingt und mit allem hingeben möchten wie ich, diese Forderung aber, weil sie zuerst nur in
meiner Person erschien wie sie in und mit meiner Person und meinem Leben Eins war mußte durch
dieß Persönliche für lange eine gleichsam unversiegbare Quelle Gemüth- und lebenvernichtenden
Kampfes seyn. Nur hohe Gemüthsreinheit, Gemüthswahrheit, Kraft und Treue der Gemüther in
Vielen, selten schon an sich und noch dazu in mehreren zugleich vereinigte[n] Gottes Gaben konnten
hier zum Siege führen.- Ferdinand selbst gestehet daß sich solche Menschen wie in Keilhau selten zusammenfänden
aber er meynt der Zufall habe sie zusammengeführt und deßhalb müsse man gleichsam darauf ver[-]
zichten sie nochmals zufinden, sie gleichsam nochmals {zu sammen zurufen / hervorzurufen[}]; dieß dünkt mich aber sein Leben
selbst dem Zufall preis zu geben und zu einem Spielball des Ohngefährs zu machen: Doch es ist
Zeit, und undm eben dieser, gedachten sich wie es scheint befestigen wollenden Lebensansicht willen, ist es Zeit,
(damit sich das Daseyende in seiner ewigen innern, göttlichen Gesetzmäßigkeit um es der Will-
kühr, dem Zufalle zu entreißen, nochmals wiederhole) daß wie sich mir die Lösung des Lebens-
kampfes durch neue und völlige Hingabe meiner an den Lebensgrundgedanken, - zeigt, ich
dieser Lösung folge, damit der Preis mehr als eines Mannes und mehr als eines Menschen
Lebens nicht für die Menschheit verlohren gehe, sondern das Leben endlich dem sogenannten Zu- /
[4R]
fall entrissen und der höhern göttlichen {Gesetzigkeit / Gesetzmäßigkeit} zurück gegeben werde. Und so werde ich,
wie ich Willisau verlassen und in Burgdorf wirkend eintreten werde wieder in die Wahrheit
und Einfachheit des Geistes und Gemüthslebens zurück kehren, d.heißt ich werde treu mei-
ner klar erkannten Bestimmung mit völliger persönlicher Hingabe von nun an nur dem
Grundgedanken meines Lebens seiner Ausbildung und Gestaltung in mir und durch mich leben
ohne, besonders durch mir selbst gebende Fesseln mich an der klaren Ausführung desselben zu hindern
dieser Gedanke ist jedoch so groß, daß sogar sich Gebildetnennende sich beschweren wenn seine Forderung
ihnen angemuthet wird. Daß er aber zunächst mindestens ein deutschmenschheitlicher ist könnet
Ihr Euch, für Euch zum Überfluß nochmals überzeugen wenn Ihr mit meinem und unserm Streben
einen Ausspruch vergleichen wollt welchen kürzlich ein hiesiges Tagesblatt der Eidgenosse enthielt
Ihr werdet Euch dadurch überzeugen daß der Grundgedanke meines und nun unseres Lebens das
gesammte zum <mindesten> deutschmenschheitliche Leben in sich aufnimmt und aus sich zu gestalten strebt; Ihr
werdet aber auch zugleich einsehen wie es unerläßlich der klaren Ausbildung und Gestaltung
dieses Grundgedankens zu leben, denn was einem ganzen Volke kommen soll muß doch wohl
zuerst in einem und dann zunächst in einer kleinen Gemeinsamheit aber in so höherer Klarheit
und innerer Kraft leben. Die Worte selbst nun heißen: -
[*ab hier bis Absatzende besonders klein und eng geschrieben*]
"Wir haben nur noch in unserer allgemeinen Betrachtung
der europäischen Verhältnisse auf Deutschland einen Blick zu werfen.- Kein Land der Welt enthält solidere Elemente für ein reiches Leben
als Deutschland und kein anderes Volk hat eine so herrliche Geschichte durchlebt, wie das deutsche Volk, dennoch glauben wir, daß seine
eigentliche Bedeutung noch in der Zukunft liege. Die ganze deutsche Bildung ist eine Bildung von Innen nach Außen, vom Gemüthe
zum Verstande, von der Religion zur Politik und gelingt es nun erst den deutschen Stämmen den Widerstreit in ihrem Gemüthe
auszugleichen, so wird ihre politische Einheit von selbst erfolgen.- Vor der Reformation lebte in den deutschen Stämmen und Fürsten
Eine und dieselbe Idee - "Die Herrlichkeit des deutschen Reiches" - man stieß in Norden und in Süden auf Ein und dasselbe Gefühl - das
Nationalgefühl deutscher Mannheit und deutscher Ehre. Die Reformation zerriß das gemüthvolle Band und mit demselben zerfiel die
Einheit Deutschlands....... . Wir haben also beym Überblick des heutigen Europa vorzugsweise drey große Völkermassen gefunden
in welchen sich der Geist der Zeit entpuppt; einmal die französische Nation die über Barrikaden und unter dem Tumulte ihrer Natio-
nalGarden gleichsam in einer militärischen Parade zur Demokratie schritt; dann das englische Volk, daß durch ein radikales
Parlament sich als Demokratie erklärte; dann die deutschen Stämme, die im tiefern Bewußtseyn ihrer ursprünglichen Einheit
(:zum ächten menschheitlichen Volksleben:) zur Demokratie zusammensteuern werden.- Denn der Geist der Zeit ist Freyheit.-["]
Daraus werdet Ihr wenn es nöthig wäre noch mehr einsehen wie tief und allseitig begründet
mein Vorsatz ist mit größtmöglichster L persönlicher Hingabe nur der Ausbildung und Gestaltung
meines und unseres Lebensgedankens selbstständig und frey von Niemanden etwas erwartend
und noch weniger von Jemanden etwas fordernd zu leben; allein jedem der sich ihm zur Theilnahme
nähert aussprechen daß er nun dann den Preis ihres seines Lebens erringen werde, wenn er sich
ihm eben so uneingeschränkt hingebe als ich.
Und so empfanget Ihr denn als innig einige Gemeinsamheit in dieser Zuschrift, wie sie
Euch mein baldiges A äußeres Ausscheiden aus der hiesigen Anstalt anzeigt zugleich auch
meine letzten Willensbestimmungen als eines gleichsam Scheidenden.
Schreibt mir nun bald wenn Elise und Middendorff hier eintreffen können. Letzterem werde ich
mich dann weiter und so Euch allen mündlich aussprechen. Meine Frau und Langethals werden mit
den 13en April, ich mit den 25 May nach Burgdorf gehen. Gegen den Vor Wenigstens 8 bis 14 Tage früher
wünschte ich daß sie beyde hier wären könnte es früher seyn so dünkt es mich um so besser.
Was bleibt mir nun noch übrig als Euch auszusprechen, daß ich mich unendlich freue Euer aller
Leben als ein Ganzes und gegliedertes wieder von neuen [sc.: neuem] ganz in Liebe und Treue hingeben zu können. Euer
FriedrichFröbel.