Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 4.4.1835 (Willisau)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 4.4.1835 (Willisau)
(KN 51,13, Brieforiginal 1 Bl 4° 1 S.)

Willisau am 4' Tage im Monat des prüfenden Wechsels / :IV: / 1835.


Grüße Dich Gott lieber Barop
Deine gesammte leben- freud- und friedvolle Familie und alle welche mit Dir und derselben ein innig einiges
Ganzes sind.

Nur weniges ist es zwar was ich Dir und Euch heut mitzutheilen habe, allein es trif[f]t so unmittelbar mein Gemüthe
und ganzes Leben, daß ich darum auch gern einem persönlichen Leben und bestimmten Gemüthe und doch auch
wieder einem Leben und Gemüthe ausspreche welches mein und unser gesamtes Leben in seiner Mannigfaltigkeit
und Einigung in sich trägt, und so wende ich mich denn mit dieser Mittheilung an Dich Du wirst sie dann schon wieder
unter Euch die Ihr ein Lebensganzes seyd auf die zweckmäßigste und wirksamste Weise zu einem Gemeingut machen.
L - - th hat vor ein paar Tage[n] unserm Langethal ausgesprochen und so angezeigt daß er zu Ostern aus der hiesigen
Anstalt und so aus unserm Wirken austritt. Du müßtest meinem [sc.: meinen] allgemeinen Lebenskampf seit L-s unseeligen Verhält[-]
niß [sc.:Verhältnisses] mit d. L.- H- und die dadurch im ganzen Kreise hervorgebrachten nachtheiligsten Stöhrung[en] welche wie ein Krebs mehr[-]
seitig um sich griffen mit durchlebt haben wenn Du mich in der Äußerung verstehen wolltest: - daß mir diese Nachricht, mehr
als eine äußerliche Last vom Herzen nein! eine Krankheit aus dem Herzen nahm. Doch dieß ist viel zu wenig ausgesprochen
weil es den Ausdruck der Persönlichkeit an sich trägt, allein was ich sage ist eine ganz allgemeine Wahrnehmung denn ich fühlte
wie das eigentlich innerste Leben des Ganzen, der verborgenste Herzpunkt dasselbe wie von einem lauen Frühlingshauch neu
belebt wurde; diese Bemerkung grenzte wirklich an das wunderbare <da> doch die Mittheilungen darüber nur persönlich und einzeln
waren aber sie erklärt sich doch auch auf das einfachste denn was ist der größte Seegen des Lebens? - stetige ruhige Entfaltung de[s]-
selben; und was ist das stöhrendste aller Lebensentwickelung?- Immer wiederkehrende[s] willkührliche[s] Unter- und so Ab-
brechen derselben!-
Wo ist aber hierfür in und bey dem Menschen der Sitz?- In der Laune, in dem Wankelmuthe
Wankelmuth vernichtet die unerläßliche Grundlage, den nothwendigen Boden, ja den wahren Keim innern und äußern Lebens-
friedens, denn wo sich in dem Leben eines solchen Menschen auf längere und kürzere Zeit ein Schein davon ausspricht, so hat
dieß wie der Mittelpunkt in einer von außen abgerundeten Kugel darinn seinen Grund: daß die einen solchen Men-
schen <schon> abwechselnd beherrschenden Lebens Neigungen längere oder kürzere Zeit von Außen sich befriedigt fühlen
und so, anstatt der Mensch in sich durch einen Lebensgedanken, ein durchgreifendes Lebensgefühl <gehalten wird> sich selbst
hält er dort nur von zufälligen günstigen persönlichen, äußerlich zusagenden LebensVerhältnissen, und also hier nur
so lange gehalten wird und sich selbst hält als diese äußerlichen Lebensverhältnisse ihr Bestehen haben . Wie kann
aber wahre Menschenerziehung oder gar Menschheitserziehung ja ganz persönlich ausgesprochen nur ein Leben
dessen Ziel und Zweck innerer und äußerer Lebensfreude ist sich von äußern Lebensverhältnissen abhängig
machen?- Ja wie ist es nur möglich, daß ein solches Leben jenem Leben ohne die empfindlichsten früheren oder späteren
Stöhrungen sich beygesellen oder sogar wirkend in dasselbe eingreifen konnte, und noch überdieß wenn zur [sc.: zum] Wankelmuth
sich eine gewisse Gutmüthigkeit gesellt. L - - th hat mir und durch mich uns abermals reiche Lebenserfahrungen gege[-]
ben und durch diese tiefe Lebensgesetze aufgeschlossen und kennen gelehrt. Ich werde mich daher über diesen Punkt Midden-
dorffen bey seiner Überkunft so klar als möglich aussprechen. Denn wir müssen die größte Sorgfalt haben, daß
das Leben in seiner innersten Gesetzmäßigkeit oder vielmehr die innersten Lebensgesetze, so weit es immer möglich
ist das ewig sich steigernd vergrößernde u steigend (bleibende) unvergängliche Früchte tragende Eigenthum und Erbe
aller der Unseren werde. Dieß sey der Seegen meines unter [sc.: und] unseres Lebens dem sich ewig Gottes Seegen einigen wird.
Meinen Brief von heut vor 8 Tagen werdet Ihr erhalten und daraus ersehen haben daß meine Frau und Langethals
den 13 oder 14 nach Burgdorf gehen, daß ich den 25 May von hier austreten werde, daß vorher noch Prüfung mit den Berner
Schullehrer[n] Zöglingen seyn wird, wozu ohne Zweifel eini[g]e Herr[e]n aus Bern kommen werden. Vor allem aber werdet Ihr er-
sehen haben, daß wir nun hier sehr wünschen daß die gemachte Hoffnung Elisen als Führerin des hiesig[e]n Hauswesen[s] hier zu sehen
bald in Erfüllung gehen möchte. Habt Ihr uns nun deßhalb noch nicht bey Eingang dieses Briefes bestimmt auch in
Hinsicht auf die Zeit ihrer Abreise von Keilhau geschrieben, so wiederhole ich hier im Namen unser aller die Bitte
es sogleich mit der ersten Post zu thun.
Die Stunden werden für die Zöglinge (aber nicht für die Schullehrer[)] Sonnabend den 11 Apr: geschlossen werden und Donners[-]
tag nach Ostern den 23 April wieder beginnen.
Ferdinand bittet mit zu bringen 1. eine Quantität gute GartenErbsen, ohne Zweifel Zuckererbsen zum Pflanzen
2. wenn es angeht den ersten Band von Noël Handbuch der franzö<sischen> Spra<che>
Langethal bittet mit zubringen: seiner Frau Exemplar der Stunden der Andacht ich glaube in 4 Bänden.
L - - th wird als 2er Lehrer an die Sekundarschule nach Langethal (an welcher Dr. Hollm angestellt wurde)
gehen mit jährlich 250 Rth. Rud: Whrg ohne Wohnung. Zwey Sachen sind hier merkwürdig die ich doch kürzlich bemerken
will erstlich wenn früher Frkbg zu seiner Reise sich nicht so viel Zeit genommen hätte (Du wirst Dich dessen noch erinnern)
so wäre Dr. Hollm hier nicht eingetreten u.s.w. u.s.w. Ihr sehet wie große Lebensentw[ic]kelungen von Kleinigkeiten
abhängen. Wäre in der Handlunggsweise [sc.: Handlungsweise] in Beziehung auf nur < ? > M - th - n (ich meyne aber nicht von ihr aus) mehr Lebens[-]
treue gewesen so wäre die L.-H nicht in unsern Kreis getreten. Sehet so hängt alles von
der innersten Lebenstreue ab O! mein Barop! möchte ich diese unsern Lieben in ihrem Innersten für ihr ganzes
Leben sichern können und die Geistes- und Thatkraft derselben stets gemäß zu leben.
Wenn der Mensch sich einmal in sich verlohren hat, aus dem Gleichgewichte gekommen ist, ich möchte sagen kein Gott
kann ihn retten. Ich habe den L - - th nach meiner besten Überzeugung mit der größten Geduld wiederkehrend getragen
nur dann streng seyend wo er sich gewiß unmittelbar ins Verderben gestürzt hätte, eingedenk meiner Verpflichtung gegen
den Vater, die Rechtfertigung seines Handelns dagegen wird gewiß nur eine überströhmende Klage über mich seyn. Jetzt
sehe ich auch in seinem Handeln nur große wiederkehrende Lebensgesetze. Nochmals: möchten sie zum Heil unser aller - den
Unsrigen einst Gemeingut werden.- Die herzlichsten Grüße von allen an alle. In treuer Liebe Dein, der Deinen, Euer
FriedrichFröbel.

Hier in d. Sch. artet jetzt alles Allgemeine gleich in häßliche persönliche Streitigkeiten aus. Auch viel daraus zu lernen. <Kein> Gesetz dabey. /
[1R]
[Adresse:]
Herrn Johannes Arnold Barop
in
Keilhau
     bey Rudolstadt in Thüringen