Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 21.4.1835 (Burgdorf)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 21.4.1835 (Burgdorf)
(KN 51,14, Brieforiginal 1 B 4° 2 ½ S., tw. ed. Heerwart 1905, 133f.)

Burgdorf im Kanton Bern am 21 Tage im Monat d[es] p[rüfenden] W[echsels] (IV) 35.


Aus dem Herzpunkt
eines neu begonnenen und neu beginnenden Lebens
Euch allen die herzlichsten Grüße von allen
hier von neuem Geeinten, von mir und meiner Frau und von Langethal und dessen Frau.

*

Am 14en war der Überzug der letztgenannten drey von Willisau nach Burgdorf und Tags darauf der
Einzug derselben in das so solide als klare, so neue als bequeme Waisenhaus. Die Frauen sind darüber
ganz glücklich ob sich gleich versteht daß im übrigen die innere Einrichtung ganz einfach ist. Die mir
vorausgereisten fanden in dem Waisenhause schon 7 Töchter die Köchin und Hausmagd vor. Die
Mädchen haben wir bis vielleicht auf eine oder zwey die aber auch eine schwierige Aufgabe seyn werden über alles Erwarten gutartig und die meisten sehr frisch aussehend, ja blühend
und klaräugig gefunden. Schon sitzt abwechselnd meine Frau und Frau Langethal oft auch beyde
in dem muntern Kreise und stricken oft schon mit denselben in [sc.: um] die Wette. Doch darüber werden Euch
schon die Hausmütter selbst so bald schreiben als es ihnen ihre Zeit erlauben wird, welche freylich jetzt
ziemlich beschränkt ist. Ich freue mich nur daß wie es bis jetzt scheint Mütter und Töchter sich gegen-
seitig gut in ein ander finden werden. Die Frau Langethal ist im hohen Grade sorglich und mütterlich.
Künftigen Mondtag werden auch die noch gegenwärtigen Waisenknaben übergeben werden; zu
nächst nur 3 4. Einige sind jetzt Ostern ausgetreten. Im Laufe des Sommerhalbjahres werden so
wohl wieder Knaben als Mädchen eintreten. Ihr wißt daß ich verpflichtet bin 25 im Ganzen
in Erziehung und Unterricht zu nehm[e]n.- Ihr werdet aus dem vorigen sehen daß man das Ganze lang
sam und nach und nach herauf wachsen lassen will was auch recht gut ist. Die Zahl der Kinder
welche zunächst unserer Pflege anvertrauet werden ist freylich gering allein Ihr dürft nach
dieser Zahl nicht unsere Geschäfte abmessen, denn je kleiner die Anzahl ist um so größer
sind die Erwartungen vom Ganzen, dazu kommt daß alles erst neu herauf gebildet werden muß
und darum alles vorläufig nur versuchsweise ist was um so mehr die prüfenden Blicke auf sich
ziehet. Morgen frühe gehe ich nach Willisau zurück wo ich dann bis zum 25' May verbleiben
werde. Gegen Pfingsten werde ich dann erst so wohl in erzieh[e]rischer als lehrender und ökono-
mischer Hinsicht meine Ansicht vom Ganzen der betreffenden Behörde zur Prüfung vorlegen.
Bis dahin ist alles uns frey gegeben, so wie wir uns dagegen in ökonomischer und diätetischer
Hinsicht ganz an die bestehende bisherige Hausordnung anschließen. Hieraus könnet Ihr nun schon er-
sehen welche angespannte und besonders prüfende Thätigkeit hier ununterbrochen statt findet. Lei-
der liegt auch das Waisenhaus nicht ganz glücklich sondern durch Umstände sehr nahe der Straße
wodurch die Aufsicht auch sehr erschwert wird, so daß eine Person ununterbrochen an die Kinder
geknüpft seyn muß. Ebenso wenig nun wie hier in Burgdorf, ebensowenig dürft Ihr in Willisau
unsere Thätigkeit nach und unsere Arbeit nach der Personenzahl messen, sondern nach unserer
Stellung, wir haben es eigentlich dort wie hier, so wie überhaupt in der Schweiz nicht so wohl
mit Regierung oder Behörden sondern mit dem Volke zu thun; es kommt nämlich jetzt
alles darauf an ob es möglich ist die Stimme des eigentlichen Volkes für unser Wirken
zu gewinnen, wozu sich besonders im Kanton Luzern aber auch wohl im Kanton Bern
diese Hoffnung zeigt. Diese leise, wenn auch kaum bemerkbare Volkstheilnahme muß
aber mit der größten Sorgfalt gepflegt werden, denn nur von diesem einzigen
Punkte aus ist auch in der Schweiz etwas für Volks- und somit Menschenerziehung /
[1R]
zu hoffen. Von Regierungen oder Behörden aus will es auch in der Schweiz und namentlich in
unsern beyden Kantonen nicht vorwärts gehen. Ursachen davon aufzuführen wäre thöricht,
denn es ist wenn das Volk nicht unmittelbar gehoben und erhoben werden kann, nicht möglich
jene Hemmnisse zu heben, darum versuchen wir auch jetzt zur Verallgemeinerung wahrer
Volksbildung in der Schweiz das letztere Mittel unmittelbar im Volke Theilnahme dafür zu
wecken und zu pflegen. Die Ergebnisse unserer Bemühungen dafür müssen sich binnen hier und
Michaelis zeigen. Daraus könnt Ihr nun aber auch abmessen wie unsere Kräfte unglaublich
in Anspruch genommen sind. Ich glaube unsere Aufgaben in Deutschland und der Schweiz halten
sich jetzt so ziemlich das Gleichgewichte, und ich getraue mir nicht zu entscheiden welche die
schwierigste und die beschwerlichste zu lösen seyn wird. Dieß kann Euch nun einen Beweis
geben wie ich im [sc.: in] mir oft auf das höchste abgespannt bin da mein Geist und Gemüthe nun
diese drey Kreise und Leben Keilhau, Willisau u nun Burgdorf in sich trägt, eines durch
das andere und doch keinesweges auf Kosten des andern zu fördern sich bemühet um wo
möglich im Menschengeschlechte einen allgemeinen Lebens- und Herzpunkt für alle
zu wecken.
In dieser Beziehung macht mich die treue Vorsorge Langethals nun besonders darauf
aufmerksam, daß wir - wegen den [sc.: des] unerwarteten Austritts Leizmanns - doch ja die
größte Sorgfalt haben möchten Keilhau nicht etwa durch eine zu sehr beeilte Über-
kunft Elisens und besonders auch durch Middendorffs nothwendige Begleitung nicht
in seinen Grundfesten d.h. im Zutrauen der Eltern zu erschüttern. Langethal
meynt daher, daß die Abreise dieser beyden wohl so lange auszusetzen wäre, bis
das neue Unterrichts und Erziehungshalbjahr bey Euch angefangen wäre hätte und so viel als möglich Ersatz eingetreten wäre. Ich er-
wiederte ihm, das Ganze läge ja eben so vor Euch wie vor uns und ich wäre über
zeugt daß Ihr keinen Schritt thun würdet, welcher Keilhaus bestehen gefährden könne
Er antwortete mir aber: Ihr seyed jetzt mit dem inner[n] Leben in Keilhau so sehr
beschäftigt, daß es leicht möglich sey Ihr überschauet darüber die äußere Stellung
des Ganzen zum Zutrauen der Eltern und des Publikums; unsere Sorgfalt für das
Ganze erfordere es wenigstens Euch darauf aufmerksam zu machen. Und so wollte ich
denn seiner Mahnung und meiner Pflicht durch Vorstehendes genügen.
Solltet Ihr aber nicht vielleicht von Döllstädt aus durch Malchen oder Luisen <zu> wenigstens
einige häusliche Hilfe bekommen können?- Wenn mein lieber verst. Bruder in StadtIlm mich mehr
verstanden hätte so könnte vielleicht zum Wohl einer seiner Mädchen jetzt eine nach Keilhau
kommen; darum ist es gewiß wesentlich gut das Leben niemals in zu engen Kreisen Grenzen
anzuschauen.- Diese Zeilen habe ich unter ununterbrochenen Stöhrungen niedergeschrieben
Und in diesem Augenblick tritt Titus in die Stube und sagt mir daß er seinen [sc.: daß sein] Paß angekommen
ist, allein zunächst nur vom österreichischen Gesandten unterschrieben; er wird nun hoffentlich in den
nächsten Tagen über Zürich abreisen und dort seinen Paß vom russischen Gesandten unterschreiben[.]
Er denkt von Willisau bis Keilhau in 15 Tagen zu reisen.- Warum habt Ihr meine Bitte
nicht erfüllt und mir wegen Johannes Abreise etwas geschrieben??--
Middendorff für die vielen Beweise der Liebe und Treue von mir und der Frau herzinnigsten /
[2]
Dank. Meine Frau trägt mir an alle tausend Grüße auf. Sie befindet sich nach
Ihren Umständen jetzt über Ihr Erwarten gesund und wohl und es ist Gott für dieß
Himmels Geschenk jetzt besonders gar nicht genug zu danken.
Aus diesem Briefe werdet Ihr ersehen daß ich heute in ein sehr erwartungsvolles
Lebensjahr eingetreten bin.
Noch nie erinnere ich mich an diesem Tage in einem solchen Lebensgetriebe gewesen zu
seyn wie heute.
Wir alle grüßen Euch mit herzlicher Liebe und Treue; ich bitte noch ganz besonde[rs]
mir doch ja so bald als nur möglich das von Euch Erwählte mitzutheilen. Ihr
werdet Eure letzten Briefe an mich so einrichten daß ich sie bis zum 23en May in
Willisau in Empfang nehmen kann. Dann bitte ich sie, wenn ich nicht es anders bestim[men]
muß, mir solche nach Burgdorf zu senden.-
Herzinniges Lebewohl. Die Nachricht von Euer aller und besonders der kleinsten
Wohl hat mich sehr erfreut. Mit Liebe u Treue
Euer
FriedrichFröbel

Die Vergleichungen der gleichen Geschicke zwischen
Willisau und Keilh liegen Euch gleich nahe.
Leizm wollte bis Mich bleiben eben so Lggth
beyde treten jetzt unerwartet aus; beyde
treten aus gleichen Motiven aus u.s.w.
Felix wurde d[urc]h Leizman[n] gestöhrt
Carl d[urc]h Lggth. Karl scheint sich aber wieder ge-
funden zu haben; wir haben uns sehr kindlich u
treusinnig getrennt sein tiefer <Fond> in [sc.: im] Herzen
scheint ihn gerettet zu haben. Ich bitte der Fr. v. A.
dieß zu schreiben so wie, daß sie ihm nur im festen
Zutrauen zu uns befestigen möchte, sonst fürchte
ich für den armen Jüngling. /
[2R]
[Adresse:]
Herrn JohannesArnoldBarop
        in
Keilhau
      bey Rudolstadt in Thüringen.