Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 25.4.1835 (Willisau)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 25.4.1835 (Willisau)
(KN 51,16, Brieforiginal 1 B 8° 2 S.+Adresse und Beilage. Dem Brief liegt als Bl 3 ein gedruckter Text / Zeitungsausschnitt zur Willisauer Erziehungsanstalt bei, der keinen Zusammenhang zum eigentlichen Brieftext aufweist.)

Willisau am 25n April 1835.


Mein lieber Barop.

Diesen Morgen 6 Uhr ist Titus von hier zu Euch nach Deutschland abgereiset
um dort seinen Bruder zur weitern Reise nach Polen abzuholen. Es wäre
gewiß ungerecht gegen ihn im Allgemeinen mit seinen [sc.: seinem] Betragen hier nicht zufrie[-]
den seyn zu wollen. In welches Menschen Leben giebt es nicht trübe Stunden und
Tage wo er weder sich noch das Leben versteht und die ihn mehr noch drücken als
andere. Zwey Erscheinungen waren mir hier besonders merkwürdig erstlich daß
der welcher in Keilhau so gern u viel spielte und die Spiele der Knaben anführte
sich hier als Führer der KnabenSpiele gern zurück zog. Nur unter Gewissen Umständen
Sonntags Nachmittags spielte er gern. Die ganz andere Natur der hiesigen
Knaben mag wohl wesentl. dazu gewirkt haben.- Überhaupt habe ich nun mehr[-]
mals die Bemerkung gemacht und Titus hat sie mir bestätigt, daß die veränderten
örtlichen u geselligen Verhältnisse auch die Menschen sehr verändert [sc.: verändern]. Es ist unglaubl[ich]
welche Einwirkung die äußere Lage und Umgebung auf den Menschen hat. Darum
kann man mit Menschen unter gef gewissen Lagen sehr zufrieden und in andern
sehr unzufrieden seyn müssen. Täglich sehe ich mehr ein daß man mit dem
Leben und dessen Erscheinungen nur ins Reine kommt wenn man es auf ganz
klare Gesetze u Grundsätze zurück zu bringen, d.h. sie als darinn waltend
zu erkennen sucht. Ich möchte uns alle vereinigen um von diesem Fundamente
aus das Leben gemeinsam mit Beachtung, Redlichkeit, Wahrheit und Offenheit zu
leben, mit stre[n]ger Aufsuchung der Ursachen u Gründe und mit Beseitigung alles
Ruhen[s] im Unbestimmten, in dunkeln Gefühlen u.s.w. Nur dieß allein kann
das Wohl unserer Kinder begründen u befördern und uns zum Ziel der Menschheit
führen.- Das zweyte Merkwürdige war mir eine ich möchte sagen unwillkühr[-]
liche, heftige und schneidende Opposition von Ferdinand aus gegen Titus, welche
sich in der letzten Zeit immer mehr entwickelte. Ferdinand rechtfertigte sein Betra[-]
gen besonders durch die Eitelkeit welche er in Titus Auftreten stark hervor
treten sahe. Ich konnte es nun nicht sehen; im Gegentheil glaube ich ist er für einen
jungen Menschen von Titus Alter sehr gut wenn er auch im Äußern etwas auf sich
hält.- Genug auf die Länge hätte es wohl zwischen Titus u Ferdinand zu einer
Trennung kommen müssen. Gut also daß es sich so löste. Auch meine Frau
meinte dem [sc.: den] Titus von Eitelkeit nicht frey; aber dagegen habe ich an Titus auch
nie bemerkt, daß er sich so gehen lassen kann wie K. Cl. und wie dieser
selbst in das Gemeine und Niedere zu fallen. Übrigens ist Titus in großen [sc.: großem]
Frieden u Theilnahme von hier geschieden und deshalb ist mir es sehr lieb daß Lggth [sc.: Langguth]
früher austrat sonst würde sein Scheiden den Charakter ein[er] Partheiung
bekommen haben. Wegen der E erwähnten innern Entgegnung Ferdinands gegen
Titus von der einen Seite, dann wegen der großen Anforder[un]gen welche jetzt
unsere Casse hier zu befriedigen hat, endlich und hauptsächlich aber weil Titus
schon in diesem Jahre einen neuen Leibrock nebst Beinkleider[n] u Weste bekommen hatte
konnte dessen Wunsch ihn [sc.: ihm] zu seiner | Heimreise einen Überrock machen zu lassen
von hier aus nicht entsprochen werden da überdieß wie Du weißt das Tuch hier
ungemein theuer und dennoch wenig tauglich ist.- Langethal welcher wenig-
stens zunächst mit mir Ferdinands etwas barsche Antwort auf Titus Gesuch nicht
billigen konnte theilte unmittelbar darauf auch meine Ansicht daß es vielleicht
gut wäre wenn Titus Wunsch bey und von Euch in Keilhau erfüllt werden
könnte da dort Material und Arbeit nicht so theuer [sind] als hier. Ich spreche Euch
hier offen unsere Ansicht aus Ihr werdet den Gesammtumständen nach bestimmen
und ob die Folgen nicht vielleicht nachtheiliger sind wenn Titus unzufrieden von
uns und Euch abreiset oder ob es angemessener ist diese Ausgabe noch zu über[-]
nehmen. Damit alles zur Prüfung Euch vorliege sage ich noch unsere Ausgaben[:]
1. Zur Herreise empfing er in Keilhau cca. 30 Frken (12 rth preuß) dieses und die Fracht
seiner Effecten kann man ihn [sc.: ihm] freylich nicht anrechnen. 2. Hier empfing er theils
baar zu Reisen rc. theils an Hemden, Kleider[n], Schuhwerk pp 124 bis 134 Frken ohnge- /
[2]
[fähr] 57 bis 60 Thaler. 3. empfing er jetzt zur Reise nach Keilhau 36 Franken = 15 Thlr
Nimmt man nun Nr 2 und 3 zusammen so hat Titus für 16 Monat[e] Hülfe
von uns ohngefähr <71 / 72> bis 75 Thlr oder 170 bis 180 Schweizerfrken also auf den
Monat ohngefähr 4½ Thaler Rudolstädtlich , nahe 11 Schweizerfrken erhalten, wofür
er wöchentlich eine namhafte Zahl Unterrichtsstunden gegeben hat, ohngefähr 24-27.
Dagegen hat er Unterricht im Französischen und auf der Flöte gehabt; auch hat er an
dem Unterrichte zum Theil Antheil genommen welchen ich den Berner Schullehrern gege[-]
ben habe. Dieß alles für Dich und auch zur Nachachtung und vielleicht zur gegen-
seitigen Verständigung. Später kann Euch alles bestimmter mitgetheilt werden.
Ihr werdet gewiß mit mir einsehen daß es nicht gut ist wenn ist irgend etwas Äußer[es]
und zu heben mögliches zwischen sie und uns trete.
Nun zur Hauptsache dieser Zeilen.- Deine Nachricht l. Barop wegen T-s möglichen
und baldigen Austritt[s] kam mir und uns aufs höchste unerwartet, und konnte
uns nur sehr unlieb seyn da Middendorffs und Elisens Abreise nun ohne Zweifel
aufs unbestimmte hinaus gesetzt ist. Ich kann dazu von der einen Seite nur
schweigen und von der andern Euch nur alles dasjenige mittheilen was sich mir zur
Hebung der Schwierigkeiten zeigt dieß ist nun für heute ein Zweyfaches
Frankenbergs haben mir schon früher für hier zwey junge Frauenzimmer als
Erzieherinnen und Gehülfinnen der Hausfrau empfohlen welche beyde sehr tüchtig
seyn sollen; bey der einen gieng es von Seite den [sc.: der] Verwandten rückgängig welche
das Mädchen nicht nach der Schweiz lassen wollten; bey der andern war
mir ihre Jugend (wie dortmals er hier stand) ein Hinderniß. Die erstere
heißt Bodensteins und ist aus Langelsheim bey Goslar; sie soll so alt seyn wie
Luise Frankenberg also hohe 20zigerin; sie soll da sie ihren Geliebten ich glaube
frühe verlohren hat jetzt den Vorsatz haben nicht zu heirathen, dage-
gegen [sc.: gen] große Liebe zur [sc.: zu] Erziehung und Unterrichten besitzen. Die zwey-
te heißt Krainer ist aus Göttingen und jetzt 21 Jahr alt. Von ihr
schreibt Ernst Frankenberg sehr viel Gutes, besonders daß sie sehr
ernst und doch rein weiblich seye und daß es somit ein Vorurtheil wäre
sich durch ihre Jugend von einer erziehenden Verbindung mit ihr zurück
halten zu lassen. Ich beeile mich Dir und Euch dieß mit der ersten
Post mitzutheilen. Besucht Euch, wie dessen Geschwister hier meinen
Ernst Frankenberg bald so sprecht mit ihm darüber; dauert Euch die Zeit
bis dahin zu lang oder ist Euch dessen Überkunft ungewiß und möchtet
Ihr doch von meinen Anträgen Gebrauch machen so schreibt ihm mit
nächster Post nach Göttingen; sonst ist auf dem Briefe nicht[s] zu bemerken.
Titus wird Dir einen Brief von Ferdinand bringen.
Titus wird vielleicht heut über 14 Tage bey Euch eintreffen; er denkt über
Bayreuth und Veilsdorf, z und Königsee zu reisen und 15 Tage zur Reise zu <gebrau[che]n>[.]
Deinen Am Mittwoch abgesandten Brief habe ich richtig nach dem gewöhnlichen
Postenlauf am verflossenen Mittwoch früh also am 8n Tage erhalten. Dieß zur Nachricht.
Reist [sc.: Reisen] Titus u Johannes über Gera so gebt ihn[en] doch Grüße an die Familie Schmid[t]
in Gera Lehrer an der dortigen Schule mit. Es ist dieß der kleine Mann welcher uns
einmal besuchte.
Künftigen Montag werden hier wieder unsere Stunden angehen.
Nach Bättwyl kommt ein ehemaliger Zögling aus der WehrliSchule zu Hofwyl[.]
In dem (zu Burgdorf herauskommenden) Berner Volksfreund steht daß die Sage gienge zu
Burgdorf sollte wieder ein Lehrcurs für Schullehrer gehalten werden. Ich höre aber,
es wollten sich wenig Lehrer zur Theilnahme daran melden, weil bey der Berathung
der neuen Schulgesetze ihr Gesuch um allgemeine Gehaltserhöhung nicht berücksicht[igt]
worden sey.-
Kürzlich las ich in einer Zeitschrift von de la Mennais folgenden Ausspruch:
"Hat man Vertrauen auf die gute Sache, dann überwindet sie immer, und
"der rettet sich, der bis an's Ende beharrt."
Dein lieber Brief und die frohen Nachrichten von Euern frischen Kindern und aller
Eurer Gesundheit lieber Barop haben mich innigst erfreut. Seelengrüße von
uns allen und besonders von Deinem FriedrichFröbel. Warum habt Ihr mir wegen Johannes Reise nichts geschrieben?- "Schreibt bald!" /
[1R]
[leer] /
[2R]
[Adresse:]
Herrn Johannes Arnold Barop
      in
      Keilhau
bey Rudolstadt in Thüringen

[3]
Gedruckte Beilage in französischer Sprache:
Zeitungsausschnitt zur Willisauer Erziehungsanstalt

[- Der Text hat den Charakter einer Werbeschrift und hat mit den im Brieftext genannten Publikationen ("Berner Volksfreund", "Zeitschrift von de la Mennais") nichts zu tun.
- Vorstellung der Erziehungsanstalt Willisau und der ihr zugrunde liegenden Erziehungsprinzipien Fröbels
- Darstellung der Vorzüge der Erziehungsanstalt und ihres Lehrprogramms
- Zitat aus dem Bericht des "Kleinen Rats" für den "Großen Rat" über die Erziehungsanstalt Willisau, in dem nach einer Prüfung der Anstalt die Verwirklichung ihrer Prinzipien und ihres Programms bestätigt wird
- Der gleiche Erfolg wird auch der Anstalt in Keilhau zugesprochen
- Gebühren der Anstalt und Angebot weiterer Informationen auf schriftliche Anfrage
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