Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 29.4.1835 (Willisau)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 29.4.1835 (Willisau)
(UBB 6, Bl 11-14, Brieforiginal 1 ½ B 4° 5 S. + Adresse, ed. KG 1883, 130-134; zit. Pösche 1887, 25)

Willisau am 29en April 1835.


Gott zum Gruß Euch allen:
Dir, den lieben Frauen, unsern Pfleglingen und den Hausgenossen.

So eben habe ich Deinen lieben Brief vom 26en d. M. erhalten. Ich hoffe der meinige vom
gleichen Tage, mit Nachrichten aus Keilhau, wird nun bey Dir eingegangen sein; so
wie Dir ohne Zweifel gestern oder heute ein thüringscher Landsmann (aus Meuselbach)
einige grüßende und empfehlende Zeilen von mir überbracht haben wird.
Nun sogleich zur Beantwortung des HauptInhaltes Deiner Zuschrift. Du weißt
daß ich mir mein Leben und das unsrige in all seinen Beziehungen Zwecken, Ziel und
Mitteln lang vorher klar zu machen suche ehe die entscheidenden schnell fordernden
Lebensbestimmungen eintreten und so bin ich denn auch im Stande Dir sogleich und mit
Festigkeit und Klarheit auf Deinen Brief zu antworten im Stande.
Erstlich ist mein Entschluß fest oder vielmehr der Gedanke mit mir Eins, daß zunächst
mein eigenes Gesammtleben, mein innerer und äußerer Lebensberuf und - in so
weit es von mir abhängt - auch das Ganzleben und der Doppelberuf aller mit mir
wahrhaft Einigen und somit Meinigen der, ächter Menschenerziehung, entwickelnder
Menschenerziehung sey; die hervorfördernde Ausübung und Begründung der Erziehung des Menschen
ist, welche in seinem Wesen und zugleich mit seinem Erscheinen als Geschöpf und
als Erdner in aller Nothwendigkeit und Klarheit u.s.w. gegeben ist.
Zweytens ist aber auch ebenso unwandelbar fest und klar mein Vorsatz, daß ich schlech[-]
terdings von nun an keine Unternehmung mehr beginne, in keine Wirksamkeit ein[-]
trete, in und durch welche ich nicht nach einer sich in mir so klar als lebendig aussprechenden
Überzeugung mit Sicherheit und stetig wenn auch noch so langsam zu dem so eben
angedeuteten Ziele gelange. Mein Entschluß ist in mir ganz unwiderruflich daß ich von
nun an nur dem klaren Grundgedanken meines Lebens dessen klaren Entwickelung
einfachen Darlegung und vollkommenen Ausführung desselben angehören, nur
einzig ihm leben will, darum geht mein ernstes unausgesetztes Streben dahin
mich immermehr von jeder hemmenden Äußerlichkeit wie sie auch nur immer Na-
men haben mögen gänzlich frey und ledig zu machen. Wie ich in mir frey bin
will ich auch äußerlich in meinem Leben frey seyn. Mein Streben geht größten Ernstes
dahin die Widersprüche zwischen meinem Seyn und meinem Erscheinen zwischen meinem
innern und äußern Leben nach und nach aufzuheben, nicht als Werthlegung auf die
oberflächlichen und einseitigen Beurtheilung[en] sondern um das mir in meinen Jünglingsjahren
mit klaren bestimmten Worten Ausgesprochen: "nur in der Vollendung liegt mein Ziel" /
[11R]
mindestens anstrebend zu erfüllen und so mein Wort gegen Verstorbene zu lösen.
Bist Du nun hierinn ebenso mit mir einig als Barop welcher schon im vorigen
Jahre von Keilhau aus mir aussprach; ["]all unser Streben müsse nur dahin gerich-
tet seyn nur etwas Gründliches und Vollkommenes auszuführen" - so müssen wir
beyde gemeinsam die ausgesprochenen beyden Punkte als ein unveräußerliches
Gemeingut festhalten und das möglichst innige Gleichdenken und Gleichhandeln
muß in dieser Beziehung zwischen uns stattfinden. Ein Schwanken hierinn wäre
in Beziehung auf die endliche Verwirklichung rein entwickelnder Menschenerziehung
nachtheiliger als selbst Trennung, ja nachtheiliger als selbst Trennung in und mit Opposition
denn endlich muß auch die Ausführung wahrer Menschenerziehung in des Menschen
und sey es auch zu allernächst nur eines Einzigen freyen Willen, Selbstbestimmung
und so Macht der Ausführung kommen. Verstehe ich aber die Erscheinungen der Zeit
anders recht zu lesen so vereinigen sich hierzu jetzt nicht nur die Umstände für
Einzige, sondern für Einige d.h. für solche, für alle solche welche in sich einig sind.
Diese Zeit muß pflegend beachtet werden, jetzt oder nie d.h. für uns nie oder we-
nigstens in langer Zeit nicht wieder. Und somit das Vorstehende die Grundlage
unseres Handelns in Beziehung auf die Theilnahme an den abzuhaltenden Wie-
derholungscursus in Burgdorf. Dieß nun bestimmt mich auf den Antrag des
Erz.Dep. durch He. H. M. einzugehen nicht aber eine Äußerungen wie die d[es] He. Pf:
Bitzius
; denn dem He. Fbrg auf HW [sc.:  Fellenberg auf Hof-Wyl] Spielraum geben wäre in der Hand der Vor-
sehung noch keinesweges ihn den Sieg über Güte und Wahrheit in die Hand geben,
vielleicht nur um sich so unbedachter und schneller des Ruhmes und des Wirkens
Grab zu graben.-
Also unter der ausdrücklichen Bedingung: daß man es sich zum ernsten Ziele
mache bey dem dießjährigen Kursus in Burgdorf möglichst das Beste und Tüch-
tigste zu leisten, werde ich mich dazu verstehen und bestimmen an der Ausführung
desselben Antheil zu nehmen; ja ich bin unter Erfüllung dieser Bedingung es ent[-]
schlossen, in Gemeinsamkeit mit Dir zu thun.
Um nun diesem Bildungskursus die möglichste Vollkommenheit zu geben - (:was ich
doppelt nöthig achte weil man sagt daß sich wegen des neuen Schulgesetzes so we-
nige besonders angestellte Schullehrer dazu melden würden:) - halte ich nachsteh-
endes für wesentlich zu bestimmen für nöthig.
1. der Bildungskurs muß nothwendig in sich in zwey Abtheilungen zerfallen;
(auch wenn sich blos schon angestellte Lehrer melden sollten) wovon die eine
Abtheilung mehr einem Vorbildungs- und die andere aber einem eigentlichen
Fortbildungskurs entspreche. Dieß ist aus doppelter und mehrfacher /
[12]
mehrfacher [2x] Rücksicht nothwendig einmal da unter den schon angestellten Lehrern der Bildungs[-]
grad sehr verschieden ist und darunter sehr sehr schwache Subjecte sind, die man doch
unmöglich zurückweisen kann; dann weil sich noch sehr wenig gebildete junge Menschen
die sich erst dem Schulwesen widmen wollen melden werden, welche man eigentlich
(um endlich Einheit in das ganze Schul- und Unterrichtswesen zu bringen diesen Grund behalte aber zunächst für Dich) - auch nicht
zurück weisen sollte und wovon mehrere viel fähiger als die schon angestellten Schullehrer
sind; dann könnte es wohl möglich seyn daß sich auch zu diesem Kursus wieder mehrere
Schullehrer meldeten welche schon dem vorigjährigen Kursus mitgemacht haben und
welche eine besondere Berücksichtigung nöthig machen und wohl auch fordern würden.
Um nun für diese so weit verbreitete Thätigkeit die nöthigen Kräfte und Mitarbeiter
zu gewinnen halte ich es für nöthig, daß außer den mir angedeuteten Lehrern,
eben für die Abtheilung der eigentlich erst Vorzubildenden Staub und Lehner als Lehrer
bey diesem Cursus unter der klaren und festen Übereinkunft angestellt würden, daß sie
ihren Unterricht in klarer voller Übereinstimmung mit uns betrieben. Ohne diese Be-
stimmung lieber Langethal arbeiten wir uns beyde entweder müde und wirklich zu-
nichte oder wir müssen bey der Aufnahme sehr streng wählend seyn, was zu Irrthü-
mern und Mißgriffen führt und auch die Theilnahme an den Kursus zu sehr beschränkt.
Im Gegentheil sollte man das ganze zu seiner innern Entwickelung, mehr erweitern als
beschränken, Du solltest dazu den Gedanken aufnehmen, welcher in einem der letzteren
Stücke des Volksfreundes stand und welchen ich Dir schon mittheilte: "man vermuthe-
te oder erwartete daß dieß Jahr wieder ein Bildungskurs in Burgdorf allein ausge[-]
führter
als der vorigjährige gegeben werde.["] Diesen Gedanken solltest Du als in der Sache selbst
liegend aber als einen fremden Gedanken besonders hervorheben und Anerkenntniß verschaffen.
Wenn dieser Punkt klar bestimmt ist, so muß
2, nach gemeinsamer Rücksprache im Allgemeinen ein klarer Plan entworfen werden
so wohl in Beziehung auf die Lehrgegenstände als als [sc.: auf] die Lehrer. Dieser Plan muß
möglichst bald ausgefertigt und zur öffentlichen Kenntniß gebracht werden, damit
die sich Meldenwollenden wissen was sie zu erwarten und was sie zu wählen haben.
3. darf die Beendigung des Kursus nicht zu früh festgesetzt werden.
Dieß in Beziehung auf das Allgemeine. In Beziehung auf das Besondere nun
4. daß Du den Gesangunterricht übernehmen würdest freut mich sey's allein oder mit He. <H. / G.>
gemeinsam, was zum Vergleich auch sein Gutes hätte.
5. Ebenso hätte ich auch gar nichts dagegen wenn Du eine elementarisch (methodisch) geogra-
phische Klasse übernehmest z.B. das Emmegebiet, oder Aargebiet.
6. Auch für das Lesen und gelegentliches Erklären der biblischen Geschichten bin ich; allein
7. für allen positiven und kirchlichen Religionsunterricht, Catechisation rc. da hüte
Dich wie für das Feuer; das überlasse den hierinn Eingeweihten. Ich wünsche <Steinhäusling> käme /
[12R]
wieder, dieser ist hier ganz an seinem Platze. Nochmals hüte Dich für eigentlichen Religionsunterricht das
ist Scylla und Charybdis zugleich. Könntest Du Dich dafür bestimmen, so könnte es mich bestimmen
gar nicht an dem Kursus Antheil zu nehmen. Das Wagniß ja die Gefahren eines solchen Un[-]
ternehmens sind zu groß, ja ehe es noch beginnt ist schon viel verlohren.
8. Wegen des Sprachunterrichtes würden wir uns beyde verständigen, Du äußerst
vor der Hand über diesen Gegenstand ebensowenig etwas, als ich jetzt etwas darüber
bestimmen kann. Wir wollen uns ernstlich darüber berathen, denn ich wünschte wohl
das Ganze endlich zu einem bestimmten Abschluß zu bringen.
9. In die Bestimmung auf das Mathematische, worunter hoffentlich auch das Zeichnen
begriffen seyn wird gehe ich ein[.]
10. In Beziehung auf die eigentlich Fortzubildenden wäre dann eine bestimmte Zeit
für allgemeine Übersicht des erziehenden Unterrichtes zu bestimmen.
11. Mein völliges Wohnen auf dem Schlosse ganz wie im verflossenen Jahre müßte
ich mir ganz ausdrücklich vorbehalten, nur einzig unter dieser Bedingung kann ich
das mich zur Theilnahme an dem Ganzen verstehen, denn ich werde viel zu leicht von
dem häuslichen Leben und Erscheinungen ergriffen und gestört, so daß ich mich lieber
gleich vom Anfange an, wenn ich mich nicht an Geist Gemüth und Körper zerbrechen
will, für diese Arbeitszeit davon lossagen muß. Ich werde bey dem dießjährigen
Kursus in mir noch bey weitem mehr erregt als bey dem vorjährigen seyn, weil die [sc.: das]
Ganze der Menschenerziehung im Allgemeinen und im Besondern in mir vor- und angeregt liegt
und ich es sowohl im Allgemeinen als Besondern gern nun einmal außer mir vollständig
und klar darlegen möchte. Denn wie Du weißt, ist mein nächster Lebenszweck mehreres wenn auch nur in Umrissen auszuarbeiten. Darum wäre ich äußerlich schon so frey als ich wünschte und eigentl[ich]
für mein inneres Leben bedarf, so könnte man mir für diese wenigen Monate Tausende
biethen ich würde sie nicht annehmen um mich wieder in eine solche par force Schule und
Treibhausbildung zu versetzen welche noch überdieß ohne alle organische Lebensverknüpfung
ins Leben fällt wie ein Meteorstein auf die Erde und in dieselbe.
Vertraute ich jedoch Gott nicht der alles fügt und verfügt so könnte selbst keine äußere
Forderung des Lebens stark genug seyn mich zu bestimmen wieder an einer so zerstückelten Wirksam-
keit Antheil zu nehmen als die seyn wird welche mich dann nächstes ¼ Jahr wieder
erwartet. Ich bedarf u suche endlich wenn auch eine noch so kleine allein sich in inniger Lebens[-]
einigung mit mir fortentwicke[l]nde Wirksamkeit. Doch wenn diese Wirksamkeit mir wieder
vom Schicksal bestimmt ist, so wird es mir ja auch Kräfte pp geben solche durchzuführen.
Eine Hauptsache ist aber noch diese Welches ich Dir auf das höchste mindestens von meiner Per-
son
anempfehle: Ehe Du weißt ich habe jetzt Pflichten gegen eine Gemeinsamheit übernommen. Ehe Du also
weiter mit He. M. sprichst mußt Du vor allem mit einem der beyden He. Schnelle [sc.: Schnell] sprechen und sie
gerade zu fragen: ob die betreffende Behörde es gestatten würde, daß ich auf den Antrag
des Erziehungsdep: unbeschadet des Waisenhauses eingehen dürfe pp[.] Fast wollte ich man schlüge es mir ab. /
[13]
Meine und unsere Theilnahme an dem Bildungskurse muß mindestens mit freudiger Zustimmung
von Seiten der betr. Waisenhaus behörde in Burgdorf geschehen, lieber Langethal! sollte
sich von dieser Seite die leiseste Trübung oder Abgeneigtheit zeigen, so trete ich mit wahrer
Freude sogleich von der Theilnahme an dem Schullehrerbildungskurse zurück und suche
dann von dem kleinen Punkte der Waisenhaus Wirksamkeit aus ein stetiges Erzieh-
ungsleben zu entwickeln. Wie ich Dich nochmals verpflichte mit einem der Herrn Schnell, am
besten mit d[em] He[rrn] Prof[essor] hierüber Rücksprache zu nehmen, so erlaube ich Dir auch von dem
hier von mir Ausgesprochenen Gebrauch zu machen.
Meine Grüße an He. Helfer Müller, an die Herrn pp Schnell, Stähli u.s.w.
Auch von unserm Leben wünscht Du mehreres zu hören[.]
Verflossenen Montag hat eigentlich unser Halbjahr hier begonnen.
Die Zahl der Zöglinge und Schüler welche jetzt eingetreten sind mögen [sc.: mag] 33 bis 34 seyn[.]
Unter den Abgegangenen befinden sich die beyden Siedler, Spöri, wie es scheint auch Lisibach
Xaver Walther - Joh Kaiser, Vinzenz Hecht - der kleine <Niffler> und - Heinrich Weber.
Dann die 4 Mädchen pp. Stürty und Bugy rc[.]
Ins Haus ist eingetreten wie Du weißt Joseph Haber.- Bärembold wohnt auch im Hause.
Die französischen Anzeigen der hiesigen Anstalt sind im Nouvellist Vaudois und in der Gazette
de Lausanne
erschienen.- Heute haben wir aus der Gegend von Lausanne eine Anfrage
wegen eines 13jährigen Knaben erhalten.- Die Anstalt von Kullm in Kornthal
bei Stuttgard hat sich aufgelöst; daher kam an uns gedachte Anfrage.-
Im Hause hier ist alles wohl.- Heute hat der He. Dr mir seine sehr billige Rechnung einge[-]
reicht welche durch Abrechnung berichtigt ist - Der kleine Raimond sagte für sein
Baseler Weckely schönen Dank.- Der Herr Dr liefert von nun an die Milch ins Haus.
Wir nehmen jetzt das Brod aus dem Stern.
Titus hat von Zürich an Karl in Begleit von Grüßen geschrieben, daß der russische
Gesandte nicht zu bestimmen gewesen ist seinen Paß zu unterschreiben, er soll ihn
in Dresden unterschreiben lassen.
Wir sind hier wieder ganz im Winter.- Dieß ist wohl so ziemlich von hier alles.
Noch eins wegen des Bildungskursus. Künftigen Sonnabend werde ich nach Keilhau
schreiben. Will und kann Middendorff noch kommen wo wäre es gut wenn er spä[tes]tens
vor Beginn des Kursus käme, er könnte dann uns in Burgdorf wenigstens beauf-
sichtigend unterstützen. Doch nochmals, sieht die Behörde unsere Wirksamkeit an dem Kurse
nicht gern fühlst Du leise daß sie lieber das Waisenhaus als Erziehungshaus gepflegt und
gehoben wünsche so giebt [sc.: gieb] diesem Wunsche sogleich nach und gieb die Theilnahme an dem Kurs
wenigstens von meiner Seite auf. Herzliche Grüße von allen hier im Hause an Euch alle.
Besonders herzinnige Grüße meiner lieben Frau und der Deinen von Deinem
FriedrichFröbel. /
[13R/14V]
[leer] 
/
[14R]
[Adresse:]
Herrn Heinrich Langethal
Erzieher,
      in
      Burgdorf,
      Kanton Bern.