Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 30.4./1.5./2.5.1835 (Willisau)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 30.4./1.5./2.5.1835 (Willisau)
(KN 51,18, Brieforiginal 1 B 4° 3 S. In der Adressierung ist die Erziehungsanstalt in Keilhau genannt, angeredet wird zunächst Barop.)

Willisau am 30en Tage im Monat des prüfenden Wechsels (:IV:) 1835.·.


Grüß Dich Barop
und alle mit Dir in Liebe Geeinten.

Gestern habe ich von Langethal aus B[u]rgdorf nachstehenden Brief vom 26en dies. Mon: erhalten.
"Ich eile, Dir sogleich heute zu schreiben, weil man eine möglichst schleunige Antwort wünscht. Gestern Abend war
"Herr Helfer Müller bey mir und sagte: was er vor einigen Tagen bey Deiner Anwesenheit in B[u]rgdorf von seiner Person
"aus in Beziehung auf den Wiederholungskurs gefragt, ob Du wieder daran Theilnehmen werdest habe er jetzt im Auftrag
"vom Erziehungsdep: in Hinsicht auf Dich und auch auf mich zu fragen: ob wir beyde uns nicht dazu bestimmen wollten daran theil
"zu nehmen, in dem das Erziehungsdep: hier in B[u]rgd[o]rf wiederum einen Wiederholungskurs anstellen wolle. Er fragte: ob Du nichts
"Bestimmteres darüber geäußert hättest. Ich sagte: nein, fügte aber hinzu: die Meynung des Herrn Pf: Bitzius müßte ich billigen;
"denn man dürfe der bösen Anfechtung kein freyes Feld gestatten. Ich fragte weiter: wie das Departem: denn die Sache näher sich
"gedacht?- Er antwortete: Du möchtest das Ganze Gebiet der Mathem: übernehmen, ferner Du allein, aber mit mir gemeinschaftlich oder
"ich allein, die deutsche Sprache, ich die Religion und den Gesang, das Letztere wäre bes. ihm lieb, er wünsche in den Unterrichtsst[un]den
"mit zugegen zu seyn, wäre auch bereit wenn vielleicht 2 Classen gegeben werden sollten, besonders wenn in einer mehr Einübung
"bezweckt würde diese zu übernehmen. Der Wunsch daß ich den Gesangsunterr: übernehmen möge, schien vorwaltend von ihm
"persönl. auszugehen. Außerdem, sagte er, wolle das Erz. Dep. für dieß Jahr mehr nur schon angestellte Lehrer annehmen, um <eine>
"größere Gleichheit der Theilnehmenden zu erzielen. Überhaupt glaube er nicht, daß in diesem Jahre so viele sich melden würden, weil
"unter den Schullehrern durch die fehlgeschlagene Hoffnung einer durchgehenden Verbesserung ihrer Lage eine Entmuthigung und auch eine
"Entgegensetzung gegen das Erz. Dep. eingetreten wäre. Ich sagte: um so mehr wäre es Bedürfniß, sie geistig zu heben pp. Ich wolle
"Dir alles mittheilen und nach gemeinsamer Überlegung wollten wir ihm Antwort sagen. Er bat, dieß so viel wie möglich zu beschleunigen,
"da der Anfang dieses Cursus schon mit dem Anfange des Monats Juny seyn sollte, um früher als das vorige Mal schließen zu können.-
"Was mich betrifft, so ist mir die Ertheilung des musikalischen Unterrichtes sehr recht, und für das Gesammtleben auch gewiß v. Wichtigk[ei]t
"um dem erwachenden Volks- und Familienleben eine Hebe zu geben. Sehr lieb wäre mir auch der Religionsunterricht, es traten mir
"sogleich die beyden natürlichen Seiten desselben entgegen; einmal: das religiöse Fundament in den an dem Unterrichte Theilneh-
"menden pflegend zu beleben u. erstarken zu machen - ein ähnl. Gang wie ich in Willisau gethan; dann, wie sie es in den Kindern pflegen
"u. stärken können, ein Nähren des innern Sinnes der Kinder bey allem Daseyenden und Erscheinenden, an das einfachste, unmitt[el]bare
"Leben anknüpfend und von Stufe zu Stufe weiter führend, dann von dem besondern und gegenwärtigen Leben übergehend zum allgemeinen,
"als dem Spiegel des besondern, so wie es in der biblischen Geschichte uns gegeben ist, in Jesus der Vereinigungsp[a]kt des Allgemeinen und
"Besondern: es ist geschehen, was das Menschenherz suchte und bedarf, und es ist eine neue Entwickelung in Ewigkeit angebrochen. Jetzt
"Beginn einer neuen Epoche dieser Entwickelung. Damit in die Gegenwart zurück geführt und so der Kreis der innern
"Betrachtung geschlossen zur wirklichen Ausführung.- p p p Aber dieß gehört ja nicht hierher.-
"Ich seh nur gar nicht ein, wie mir hinlängliche Zeit dafür kommen soll. Darum beschränke ich mich jetzt wohl nur auf den
"Gesangunterr[icht], damit wir nicht durch Zersplitterung unserer Kräfte der Sache mehr schaden als nützen.- He. Helfer Müller
"schlug auch die Saite der Geogr: an; aber ich lehnte diese sogleich aus dem selben Grunde ab; doch wenn Du wolltest, so könntest
"Du sie leicht wieder aufnehmen. Übrigens erkennt man an, daß Du im vorigen Jahre überladen gewesen. Endlich wünscht
"man daß einer von uns oben auf dem Schlosse wohnen, wenigstens schlafe. Ich gab dazu ziemlich bestimmte Hoffnung,
wenn einmal das Ganze von uns, namentlich von Dir übernommen sey.
"Gestern habe ich das Inventarium der Knaben übernommen u. morgen werden sie bey uns einziehen; 2 Mädchen sind schon
"zum Eintritt angesagt, die mit dem Anfange des Unterrichts in dieser Woche eintreten werden.
"Du wirst nun so gut seyn und mir über alles dieß Deine Ansicht mittheilen; ist es möglich bis Ende dieser Woche, so wird
"es ihnen natürlich um so lieber seyn. Zugleich ist es mir lieb, wenn Du mir auch schreibst, wie alles mit dem neuen Halb-
"jahre dem beginnenden neuen Leben in Willisau steht.
"Von uns allen an Dich, wie an die Freunde und an die Bekannten die herzlichsten Grüße. Wir sind alle wohl. Dein
HLgthl.
["]NS. Noch bevor ich den Brief abschickte, sprach ich noch einmal H[e]rrn Helfer Müller: er sagte mir in Beziehung
["]auf den Religionsunterricht, daß man doch wohl besser thue, wenn man es erst dem Herrn Pfarrer Stein-
["]häusly[n]
antrage, er möchte es sonst übel nehmen. Ich unterstützte diese Ansicht sehr, sagte auch, was der Sache
["]noch mehr Gewicht gab, die Schwierigkeit, wenn ich diesen Unterricht erteilen sollte, so daß es mir un-
["]möglich schien. Er läßt Dich freundlich grüßen. Aus dem Ganzen: - daß das Departem: gewähren läßt, nur im
["]Allgemeinen bestimmend.["]

*
So weit Langethals Brief.
*
Meine Antwort darauf war (einzelne Bemerkungen hier nicht weiter erwähnt) unter der unerläßlichen Bedingung beystimmend,
daß man zum Voraus überzeugt sey, das Erz. Dep. wolle etwas Tüchtiges; dann ganz vor allem, daß unsere Theilnahme
an diesem Normalcurs auch im Wunsch und Willen unserer Burgdorfer Stadt- und Waisenhausbehörde liege. Wenn diese wünsche
daß wir all unsere Kräfte auf die erziehende Ausbildung des Waisenhauses verwenden möchten, so stehe ich gern von der Theilnahme
an dem Schullehrerkursus ab. Weil das Ganze in dieser Beziehung immer Stückeley und so Hackeley bleibt.
Vor dem dogmatischen und kirchlichen Religionsunterricht habe ich den Langethl noch besonders gewarnt.
Ich muß mir, um das Ganze durchführen zu können, die Wohnung auf dem Schlosse vorbehalten.
Mein Grund der Theilnahme <an> diesem Kurs ist nicht der v.  Btzs angegebene: dem Bösen nicht das Feld zu räumen und ihm so gleichsam
Recht zu geben - dieß ist Äußerlich und kann mich jetzt wenig rühren, meine Gründe dazu sind tieferliegend sind für mich von mehr
Gewicht.
Wenn sich nun erstlich dieser ganze Plan verwirklichen sollte, wenn zweytens es noch möglich werden könnte daß Elise
hierher käme und daß Middendorff sie begleitete, so wünschte ich freylich gar sehr daß dann Middendorff be-
stimmt
in den ersten Tagen des Monats Juny und wo nur immer möglich vor dem Beginne des Kursus hier einträfe[.]
Ich wünschte dieß um meinet- seinet- und um des Ganzen willen. Es würde mich um dieser aller Willen freuen wenn ich
bey dieser Gelegenheit meinen lang gewährten Entschluß ausführen und Ihm und Langethal das Ganze des entwickelnden Unterrichts
vorführen, vielleicht bey dieser Gelegenheit wenigstens in Übersichten sogleich zu Papier bringen ja vielleicht für die Zuhörer
sogleich als einen Leitfaden drucken lassen könnte; auch für die Prüfenden zur Ahnung wenigstens des stetigen innern und lebenvollen
Zusammenhang des Ganzen.- Dieß nun ist die wesentliche Ursache der Mittheilung des vorstehenden Briefes an Dich u. Euch. /
[1R]
Habt Ihr mir nun bis jetzt noch nichts bestimmtes wegen Elisen und Middendorffs Ab- oder Nichtabreise schrei-
ben können, so bitte ich gar sehr es sobald zu thun als es nur immer möglich ist.
Das Kommen oder auch das Nichtkommen der genannten beyden greift gleich lebendig und bestimmend in das hiesige
Leben ein und darum ist es wenigste sehr zu wünschen, daß wenigstens ich in ba so bald als möglich weiß was in
dieser Hinsicht zu hoffen oder nicht zu erwarten ist. Sollte Middendorff noch kommen so wird es wegen des angedeutet[en]
Plans gut seyn, wenn Middendorff während der Zeit seiner [sc.: seines] schweizerischen Aufenthalts - (:Reisen abgerechnet)
vorwaltend in Burgdorf wohnt.
Sollte nun Elise und Middendorf[f] nicht vor dem 26en May hier eintreffen jedoch zu Pfingsten hier seyn können, so würde ich dann fast rathen,
daß sie sogleich auf der ganz geraden Straße von Zürich - über Lenzburg - Zofingen - Herzogenbuchsee - nach
Burgdorf kämen damit wir wenigstens das liebe Pfingstfest noch in Ruhe und Gemeinsamkeit feyern könnten.
Den Ort Langenthal, Dr. Hollmanns und Lgg. jetzige Lebensstation ließen sie dann links zur Seite, was mir auch sehr
lieb wäre.
Nun werdet Ihr wohl auch gern wie Langethal von dem Bestande des hiesigen Hauses Nachricht haben wollen[.]
Hier ist sie.- Das Hauspersonal besteht jetzt aus mir und ich füge sogleich die 4 Berner hinzu, weil diese
zugleich mit mir am 26 May abgehen. Weiter aus Ferdinand - Frankenberg u Schwester - Audemars - Roda
Karl Clemens und Bärenbold Unterlehrer dann noch 3 ganzen Zöglingen einer Köchi[n] und 1 Hausmagd, also nach
Abzug der ersten 4, aus 10 Personen. Schüler und Zöglinge aus und in der Stadt mögen 30-32 jetzt seyn.
Jüngst haben wir wieder 2 Anzeigen der hiesigen Anstalt in französischen Blättern im Nouvelliste Vaudois
und in der Gazette de Lausanne abdrucken lassen.
ich [sc.: Ich] lege hier die von Herrn Audemars verfaßte Anzeige bey. Vielleicht veranlaßt sie später
Herrn Gascard von Keilhau und über Keilhau z.B. in der Helvetie bekannt zu machen.-
Mit der jüngsten Post kam auch schon aus der Gegend von Lausanne
eine Anfrage. Die Anstalt von Kullen in Kornthal bey Stuttgard nemlich geht aus widrigen Verhältnissen ein.-
Weiter weiß ich Dir eigentlich von Hier nichts zu schreiben es gehet sonst alles still seinen ruhigen Gang. Französisch
wird tüchtig getrieben auch giebt Ferdinand einigen Unterricht im Italiänischen.
Alle sind in diesem Augenblick beschäftigt die Gärten in Ordnung zu bringen. Wir haben hier in den letzter[en]
Tagen hier wieder vollen Winter, reichlichen Schnee und empfindliche Kälte gehabt.
Titus - von dessen Abreise Ihr nun mehrfach wißt, hat darum zu seiner Reise aus der Schweiz schlechtes [Wetter]
gehabt. Er wird nun entweder schon bey Euch angekommen seyn oder bald nach diesem Briefe bey Euch eintreffen
und so Euch selbst erzählen daß der russische Gesandte in Zürich ihm seinen Paß nicht visirt, sondern ihn an den
russischen Gesandten in Dresden verwiesen hat. Was nun weiter zu thun ist werdet Ihr aus den vorliege[n]d[en]
Umständen klar abnehmen. Ob nun Euch in dem Titus, wenn etwa seine Reise sich in die Länge ziehen sollte
gleich in Eurer jetzigen bedrängten Lage wohl eine Hülfe zu wünschen wäre, so muß [ich] Euch doch darauf sehr
aufmerksam machen - daß ich nicht glaube ihr könnet mit Sicherheit auf seine Herzens[-] u Gemüthstreue
oder eigentliche innige uneigennützige und kindliche dankbare Liebe zu Eurem u unserem Werke zählen, wenn
gleich dadurch nicht zurück genommen wird was Euch meine jüngsten Notizen über ihn aussprachen. Dieß
überhaupt blos zur sorglichen Aufmerksamkeit.

Am 1en Tage des May (:Monat des blühenden Lebens:) 1835.
Dieser Brief ist wieder ein sprechender Beweis, daß man Lebensanforderungen ohne Aufschub erfüllen soll, wenn es nur irgend
möglich ist. Gestern als ich diesen Brief begann sagte ich mir, Du könntest das Schreiben desselben auch bis auf morgen d.i. bis auf
heute, welches ein Festtag ist, verschieben; allein da ich mich eben dazu aufgelegt fand führte ich doch den ersten Gedanken aus,
um für heute zu andern Arbeiten um so mehr Muße zu behalten. Schon gestern aber beschäftigte mich auf Veranlass[un]g
von Langethals Brief und meiner Antwort auf denselben das Allgemeine des Lebens und mein Leben und und dessen
Ziel und Zweck ins Besondere. Heut Morgens nun verließ ich nicht eher mein Zimmer bis ich diese Gedanken zu einem großen
Lebensabschluß zu bringen, welchen zu finden meinem Gemüthe und Geiste schon seit längerer Zeit sich immer von neuem
hervordrängende Lebensaufgabe gewesen war. Von neuem, wiederkehrend das Lebens Ganze in mir tragend trat ich in den
Eßsaal wo man so eben allgemein frühstückte. Das erste was ich hörte war: daß Titus auf seiner Reise aufgehalten worden sey.
Ich fragte schnell woher man diese Nachricht habe. "Von ihm selbst" war die Antwort. "Wo ist er?" - "Oben im Bette"
hieß es. "Wann ist er gekommen?" - "Diese Nacht zwey Uhr".- Genug! Genug der russische Gesandte hat schlechterdings seinen
Paß, weil er Titus [-] oder vielmehr dessen Vater durch sein Wohnen im Königreiche Pohlen! [-] jetzt russischer Unterthan sey, nicht unterschreiben wollen, sondern ihm gesagt er (Titus) könne nur
auf einen russischen Paß nach Hause reisen. Titus Paß war nehmlich ein Luzerner Kantonalpaß auf die ganze
Reise
bis zu seinem Vater ausgestellt und wie ich oben schrieb vom österreichischen Gesandten Unterschrieben. Titus <ha> So weit
auch schon unsere Dir oben mitgetheilte frühere Nachricht von Titus durch einen Brief an Karl Clemens. Titus hatte sich
nun vorgesetzt gehabt die Reise auf seinen Reisepaß und das Visa des österreichischen Gesandten allein bis Keilhau zunächst zu unternehmen.
Doch durch Rath erfahrener Freunde war ihm gesagt worden, daß er dieß schlechterdings ohne
die Unterschrift des Bayerschen Gesandten nicht wagen dürfe, indem er zu lange durch das Bayersche reisen müsse.
Als nun Titus zu dem bayerschen Gesandten kam um von diesem die Unterschrift zu erlangen, so erklärte ihm dieser, daß
er des Titus Paß, nicht eher unterschreiben könne bis der russische Gesandte unterschrieben habe. Habe dieser seinen Paß unterschrieben,
so wolle er es auch gern thun.- Nun wollte Titus seinen Paß - um wenigstens die Unterschrift des bayerschen Gesandten zu
erlangen - von dem russischen Gesandten nur bis Keilhau unterschrieben haben; allein auch dieses so wie mehreres
andere was Titus versuchte zuletzt einen neuen Paß bis Keilhau [zu erhalten] war ohne Erfolg - wie Titus auf meine Aufforderung Euch alles dieß selbst erzählen
wird - genug, weil man dem Titus sagte und selbst die Gesandten ihm aussprachen, daß er mit seinem Paß
nicht durchkäme, so kehrte er natürlich um und traf so wieder bey uns ein.
Obgleich Titus nun nur erst sechs Tage von hier abwesend gewesen war, so hat sich doch in dieser Zeit vieles geän-
dert. Der Lehrplan für das nächste Sommerhalbjahr ist gemacht (: Ferdinand u Frankenberg haben ihn ohne alle Beyhülfe von
mir ausgeführt:) alle Fächer sind besetzt; keine Lücke findet sich, so ist also Titus für hier jetzt ganz überflüssig; dazu
kommt, wie ich Euch in einem früheren Brief aussprach, daß - (besonders nach Langethals Ansicht und Bemerkung)
Titus und Ferdinand oder vielmehr Ferdinand und T. in sich scharfe Entgegnungen sind. Darum kommen die hiesigen Verhältnisse
dem Wiedereintritte Titus in die hiesige Wirksamkeit nicht entgegen, dagegen scheinen sich nun die Burgdorfer Verhältnisse
für ihn - wenn er sie anders begreifend und sie würdigend pflegend in sein Gemüthe aufnehmen will,- sich günstig für
zu gestalten. Morgen werde ich ihn nun - nach Ankunft der Keilhauer Post - entweder persönlich nach Burgdorf be-
gleiten oder mit einem Briefe von mir dahin senden.- Könnte sich nun Titus mit völliger Gemüthsbefriedigung wieder
in die Gesammtverhältnisse finden so glaube ich daß sich die Burgdorfer Verhältnisse in jeder Hinsicht sehr günstig entwickeln
könnten; um nach meiner besten Überzeugung ihm nun den Weg dazu anzubahnen, habe ich ihm ausgesprochen,- daß
ich ihm die persönlich unabhängige Laage und die Freyheit der Selbstwahl und Selbstbestimmung in welche er sich durch die
Gesammtverhältnisse und so durch das Schicksal jetzt versetzt durch seine Abreise von uns versetzt gesehen habe, keines- /
[2]
weges beschränken wolle. Was ihm für die Zukunft unser Leben so weit es jetzt offen vorläge, somit also unser näch-
stes Verhältniß geben könnte, würde ich ihm oder Langethal in Burgdorf vorlegen, er könne dann wählen. Mich be-
stimmte hierzu besonders eine Äußerung des Titus, aus welcher klar hervorgieng, daß er auch mit dem Vollstädter Karl in Zürich
über diesen Gegenstand gesprochen habe, denn auf ein Wort von Ferdinand wegen künf[t]iger Wirksamkeit und Hindeutung auf Zürich
sagte er freudig, wegen einer Stelle in der Schweiz sey ihm gar nicht bang nur habe er sehr gewünscht seinen Vater nach so langer Zeit
einmal wieder zu sehen.- Ich sagte ihm weiter - Ferdinand u Frankenberg, mit welchen ich vorher darüber gesprochen hatte, waren
dabey gegenwärtig - daß er bey all seinen Handeln und Bestimmungen nur seine Verantwortlichkeit gegen seinen Vater und
sein Verhältniß zu seinen [sc.: seinem] Bruder fest im Auge behalten möchte.
Wie verkümmern sich doch diese jungen Leute die frische, freudige und stetige Entwickelung ihres Lebens, daß sie gar kein Zutrau[e]n
keinen Liebe und keinen Dank und so auch keine Treue in sich pflegen können. Ja <daß> davon wollte ich schon gar nicht
reden, wenn nur aus ihrem Leben und Handeln hervorgienge daß sie eine hohe LebensIdee, einen wahren Lebensgrund-
gedanken in sich festhalten und pflegend in sich fortentwickeln könnten, ob sie gleich nur in einem Leben herausgebildet wor-
den sind und noch darin leben, welches nur einer ewigen Idee einen [sc.: einem] ächten Lebensgedanken, einem Grundgedanken des Lebens
hingegeben ist.
Was nun den Johannes betrifft, so dächte ich er gäbe allein, seine Reise nach Hause so lang ganz auf bis ihm der Vater entweder
für sich allein oder für die beyden Söhne einen russischen Paß gesandt hat, ich habe schon sehr für Titus wegen des Ausgangs dieses
Besuches bey ihren Eltern gefürchtet und ich fürchte nochmehr für Johannes da dieser bey weitem weniger lebensgewandt seyn
soll als Titus.*) Wenn nun so Johannes wenigstens für das nächste Halbjahr mit Bestimmtheit bey Euch bliebe könnte dann
der nicht wenigstens in einigen Stunden Middendorffen und Elisen ersetzen?-
Werde ich morgen Briefe von Euch bekommen?-
Dem Johannes und auch vielleicht seinem Vater müßt Ihr klar machen, daß ein Taufschein für Titus die Sache nur noch schlimmer
mache weil ja Titus im Preußischen geboren sey, dann unterschriebe der russische Gesandte wieder nicht sondern ver-
wieß ihn an den preußischen und dieser würde dem Titus den Paß wegen seiner Militärpflichtigkeit nur ins <Preus[s]ische>
visiren.- Will der Vater mit Gewalt seine Söhne zu Hause haben, so hilft für Titus wenigstens nur ein russischer
Paß.

Sonnabends am 2en May. Vormittags 10 Uhr.
Die heutige Post hat uns also was ich sicher keine Briefe von Euch gebracht, was ich doch sicher erwartete; das bestimmte
Ergebniß daraus scheint zu seyn, daß also sowohl die Abreise als auch die Nichtabreise Elisens und Middendorffs
noch unbestimmt, noch unentschieden ist. Die Vorsehung wird sich bey Eurem treuen Nachgehen Klarheit der Einsicht und
Festigkeit des Handelns geben und jeden Falls das Beste zu wählen. Bey dem pflichttreuesten Nachgehen der Lebens-
forderungen habe ich mein und unser Leben und dessen Fortentwickelung unbedingt in die Hand der Vorsehung gegeben und
ich vertraue ihr ganz das [sc.: , daß] sie bey wahrer allseitige[r] Lebenstreue für uns als Ganzes und für jeden Einzelnen als Besonde-
res alle[s] zum besten hinausführen wird.
Dagegen hat nun aber Luise Frankenberg einen Brief von Herrn Schäfer, ihren Verlobten erhalten, dieser
hat nun in demselben Städtchen in welcher er früher Pfarrer werden sollte die Rectorsstelle erhalten und schon
angetreten, zugleich mit der Hoffnung auch bald die Pfarrstelle selbst zu erhalten, er möge nur jetzt erst
die Rectorstelle annehmen. Die Rectorstelle scheint nun nicht so beschaffen zu seyn jetzt sogleich darauf Luisen
heimholen zu können; irre ich nicht so sagte Luise sie trüge etwas über 200 rth - Schäfer hat darum Luisen
ihren Aufenthalt zunächst noch bis zur Ankunft ihres Bruders Ernst Frankenberg frey geb gegeben. Nach An-
kunft dieses ihres Bruders möchte sie sich dann mit diesem berathen, ob sie sogleich mit diesem wieder nach Deutsch-
land zurück kehren oder erst später nach Hause reisen wolle. In dieser Beziehung ist nun freylich auch noch vieles un-
gewiß, doch so viel gewiß, erstlich daß Ernst Frankenb. den festen Vorsatz hat jetzt hierher zu reisen; ein nächster
Brief soll seinen Abgang u.s.w. melden. zweytens ist gewiß das [sc.: , daß] Adolph Frkbg ihn bestimmt aufgefordert hat über K. zu reisen[.]
Drittens ist auch das gewiß, daß die Zeit seiner Wiederabreise von hier ungewiß ist und wohl von mancherley abhängt.
Jetzt weiß ich Euch nun zu unserer Lage gar nichts mehr was mir für Euch zu wissen nöthig scheint mitzutheil[en]
zu haben.- Hat sich Euch das Leben entschieden so handelt mit Bestimmtheit und gebt mir dann möglichst bald Nachri[cht.]
Sollte Elise noch hierher reisen können und ihre Sachen abgesandt werden, so seyd so gut außer dem früher
schon von meiner Frau gewünschten ihr auch
unsere geschliffenen Becher zu schicken, welche in den bekannten Wandschränken stehen werden.
Ihr werdet meiner Frau dadurch eine große Freude machen, denn da sie für die nächste Zeit wenigstens
den Gedanken nicht pflegen kann Keilhau zu besuchen so wünscht sie wenigstens diejenigen ihrer Kleinigkeiten von
dort zu haben welche ihr auch in Keilhau stets lieb waren und sie so stets lebhaft <auch> abwesend
in die Mitte Keilhaus versetzt. Bey ihrer Übersiedelung nach Burgdorf wäre es ihr besonders Bedürfniß ge-
wesen solche vergegenwärtigende Kleinigkeiten zu ihrem Gebrauch um sich zu haben. Das Frauengemüth und
Leben scheint solcher gegenständlichen Verknüpfungen und Bänder bey Lebensveränderungen besonders zu bedürfen
namentlich das jetzt sehr erregte und angegriffene Leben und Gemüthe meiner Frau, so daß ich ihr gern alles geben
möchte was ihr den geliebten Ort, das geliebte Leben und die geliebten Personen nahe bringt. Könnte ChristianFried-
richs Gegenwart vermittelt werden, dieß glaube ich würde ihrem Leben eine wahre Stärkung seyn, denn ihr Herz hängt
an diesem Knaben. Sie hat jetzt wieder in die Nacht hineingestrickt um ihn durch den Titus die 2 Paar, noch zum
½ Duzzend fehlenden Strümpfe zu schicken. Sagt dieß dem ChristFrdrich u zeigt ihm daß ihn solche Liebe u Treue auf-
fordern müsse um alles aufzubiethen ein braver, in jeder Hinsicht tüchtiger Jüngling zu werden.-
Doch denkt die Frau alles bis auf das Kleinste bey Euch mit Liebe, beschäftigt sich stets damit und ganz un-
erwartet fragt sie oft laut was mag jetzt dieß oder dieß in Keilhau machen.-
Doch ist sie jetzt ihren Umständen nach gesund und sie freud sich sehr ihres jetzigen Lebens und Berufes.
Weil nun nach dem Euch mitgetheilten Briefe Langethals das Burgdorfer Leben mit Wichtigkeit hervortritt
wenigstens auch für das hiesige Wirken großer Pflege bedarf, so werde ich selbst persönlich den Titus
nach heut Nachmittags nach Burgdorf begleiten und um dort alles einzuleiten und abzusprechen.-
Führt meine Anwesenheit in Burgdorf zu einem Ergebniß so bekommt Ihr vielleicht schon von dort aus wieder
Nachricht; Ich kehre Morgen wieder hierher zurück oder Montags (weil hier Jahrmarkt ist) also hat meine Reise
nach Burgdorf auf die Briefaufschriften keinen Einfluß. Ich erwarte Eure nächsten Briefe bis zum 23en May
hier.- Habt Ihr bey der möglichen Übersendung von Elisens Sachen Platz so könnt Ihr auch noch einige oder mehrere Erziehungslehren
beylegen. Gott sey mit Euch und bringe Euch mit dem Blüthen Monat auch blühendes Leben.
In Liebe u Treue Euer FriedrichFröbel /

(Den Zusammenhang aufhebende Randergänzung 2V)
*) Ich sehe das Zurückbleibenmüssen dieser Jünglinge in der jetzigen Zeit als einen wahren Schutz der Vorsehung für sie an. Zeigt dieß auch dem Johannes.

[2R]
[Adresse:]
An
die löbliche Erziehungsanstalt
in
Keilhau
bey Rudolstadt in Thüringen