Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Burgdorf v. 6.5.1835 (Willisau)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Burgdorf v. 6.5.1835 (Willisau)
(BN 445, Bl 60-61, Brieforiginal 1 B 8° 3 S. +Adresse)

Willisau am 6 May 1835.


Herzliebe Frau.

Glücklich bin ich vorgestern Abends nach meiner Uhr ½10 hier angekommen.
Als der Regen bald nach meinem Abschiede von Dir so stark fiel, war
ich deinetwegen recht in Sorgen und es that mir sehr leid, daß ich nicht mei-
nen Vorschlag ausgeführt und Dich nach dem Hause zurück begleitet hatte. Mögest
Du später trocken nach Burgdorf gekommen seyn, doch fürchte ich daß Du nicht
im Sommerhause den Regen hast abwarten mögen.
Hier habe ich alles gesund und wohl angetroffen. Vorgefallen war gar nichts.
Heute habe ich aus Keilhau nachfolgenden Brief erhalten. "Keilh. d. 29. April.
"Unsern Gruß zuvor"
"Zur kurzen Nachricht der begonnenen Entwickelung aus dem Chaos.
1.) Durch d[en] He[rrn] Pfarrer Korn wird ein Präceptor aus seinem Rudolstädtischen Filial-
     dorfe hier eintreten. Er war hier und hat uns gefallen und hat wohl so viel Mu-
     sik, daß er die jetzigen Bedürfnisse des hiesigen Kreises wird befriedigen können.
     Dabey hat er regen Fortbildungstrieb. Er heißt Ratzenberger und ist ein Vetter
     des Quittelsdorfers und 18 Jahr alt oder noch weniger. Mit ihm ist alles in Ordnung.
     Er bekommt außer freyer Station so viel als er in seinem Dorfe erhielt
     16, schreibe sechszehen Thaler jährlich, fürs erste, dabey mehrere Stunden Unter-
     richt zur Selbstbildung. Mit Zeh ist deshalb auch schon alles geordnet.-
2.) Ist durch den Herrn Pfarrer Korn ein Papparbeiter eine zeitlang hier, der
     für ihn den stufenweisen Unterrichtsgang in den Papparbeiten nach Deiner
     Idee durchgeführt hat. Dieser Mann ist aus Strasburg, spricht französisch
     ist eigentlich Zimmermann und wollte jetzt nach Amerika.-
3.) Der Herr Pfarrer in Eichfeld hat sich erboten den classischen Unterricht hier
     zu ertheilen und selbst zweymal täglich heraufzukommen. Laura wird
     helfend in die Wirthschaft eintreten. Bey Emiliens dießjähriger Confir-
     mation schien sich die Pfarrers Familie ihrer Stellung zu uns - durch Über-
     blick der vielen Jahre des Zusammenlebens und des durchgehenden Bestehens
     in den vielfachen Prüfungen von unserer Seite - erst etwas bewußt
     zu werden. Der Frau Pfarrerin Worte sind: Die Kinder müssen selbst wie-
     der gut machen, was sie der Anstalt zu verdanken haben. Durch Leizmann,
     der sich an sie anschloß, haben sie wieder bedeutende Erfahrungen gemacht,
     und der Herr Pfarrer sich etwas die Nase verbrannt. Er sagt selbst:
     Berhard ist wohl durch ihn aufgeregt, aber uns entfremdet und zum Dünkel
     und zur feinen Sinnlichkeit hingezogen. Die Frau Pfarrerin hat dieß bald
     schon früher durchgefühlt.
4. Der Philologe ist hier gewesen und er hätte uns wohl genehm seyn können, wenn
     er sich nicht durch sein arrogantes Betragen so viele Feinde erweckt hätte. Zu Zeh
     hat er gesagt: die Candidaten pp des hiesigen Landes seyn nur lauter Stümper.
5. Ob Triest fort muß ist noch nicht bestimmt. Doch scheint selbst seine Abwesenheit
     nur kurze Zeit dauern zu sollen. Die Art wozu er gehört, wird wahrscheinlich
     zu 6-10 jähriger Festungsstrafe verurtheilt und dann begnadigt. Eben so
     Christian Langethal pp pp Sie gehören nicht zu der verbrecherischen, sondern nur
     zur verpönten Burschenschaft. Er erwartet mit jeder Post Bestimmtheit, ob
     er fort muß. Er selbst gefällt sich immer mehr in seinem Wirkungskreise,
     und in der Geschichte jeder Art und im lateinischen ist er ein tüchtiger
     Lehrer, wo es auf das Product ankommt.
6 Bennert (aus Dortmund) hat noch nicht geantwortet. Ich erwarte d. Antw. jeden Tag.
7. Hedwig wird im obern Hause bey Emilien schlafen und unter der beyden
     Schwestern Aufsicht sich mehr mit der Erlernung der Wirthschaft beschäf-
     tigen als mit den Stunden. Nur einige nothwendige behält sie bey.
8. Henriette ist gestern zu einem Pfarrer bey Pösneck gekommen, durch Ver-
     mittelung des Superint. in Saalfeld, in sehr günstige Verhältnisse zu ihrer Bil-
     dung und Befestigung. Hier bleiben konnte sie nicht da sie sich nun einmal hi[e]raus
     sehnte, und Saalfeld, wo semtl. niedern Verw. wohnen, wäre für sie Verderben ge[-]
wesen. /
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9. Ein neuer Zögling aus Lichtenfels 8½ Jahr alt ist zu Ostern eingetreten. Er
     heißt August Maurer. Sein Vater ist Retetamtmann [sc.: Rentamtmann]. Theodor ist in Jena
     um dort zu Pfingsten vom Sup. Schwarz confirmirt zu werden. Ob er
     wiederkommt ist zweifelhaft. Wie wir jetzt erfahren haben, hatte
     Leizmann einen andern Plan mit ihm. Der Vater sieht aber Leizmann
     durch. Es fragt sich ob er durchgreifen wird.
10. Johannes würde auch ohne seinen Bruder reisen. Er denkt künftig
     seinen Vater zu unterstützen, besonders da Titus zurück kehren würde.
11. Herr Brömel sagt uns, daß sein Sohn Alexander wegen Militärpflich-
     tigkeit beunruhigt wäre. Er habe aber jetzt die Versicherung, daß
     es nichts zu bedeuten habe. Es wäre auch reiner Unsinn, den vielleicht
     Willisau nicht einmal zuzulassen brauchte.
12. Middendorff und Elise machen sich reisefertig und sind es fast schon.
     Alles ist dazu jetzt im Kreise in früherer Übereinstimmung. Ich habe
     gesehen daß ein halbes Wort vom untern Hause, fast eine ganze That ist
     und das Wort kommt dort eigentlich erst nach der That.- Es ist ei-
     gentlich der nächste Montag zur Abreise bestimmt. Allein vorher müssen
     noch mehrere äußere Entwickelungen und Bestimmungen eintreten, die
     wir nicht machen können.
Die Achtung der Umgegend ist gegen uns ist, sich immer steigernd, sehr
groß, eben so das Vertrauen vieler Eltern, allein wir müssen darauf
sehen, daß durch Producte dieses neue Zutrauen sich bewährt. Und sie
sehen nur auf das Product und zählen in einer Anstalt auch die Lehrer.
Darum kann Middendorff nicht früher fort bis entweder Triest bestimmt
vorläufig noch bleiben, oder ein anderer für ihn eintreten kann. Dann muß
auch Middendorff bey mehreren Leuten noch etwas abzahlen und dazu er-
wartet er mit jeder Post die bestimmten Gelder.
Dieß ist ein kurzer Überblick der äußern Entwickelung der hiesigen
Verhältnisse, und soweit in der Kürze der Zeit und in Eile
Wir grüßen Euch alle mit einigem Herzen"
"Dein und Euer
      J Barop."
"Die Kleinen haben etwas den Husten
Johannes und Wilhelm dabey etwas das
Fieber. Unsere kleine Drude, wie
sie die Base nennt ist jedoch gesund."
Dieß der Inhalt des heut empfangenen Briefes.
Du wirst herzliebe Frau und ohne Zweifel auch Langethals bey No 3
bey des Herrn Pfarrer zu Eichfeld wiedergekehrten zweydeutigen Stehens
jetzt zwischen Leizmann und der Anstalt - Dich gewiß erinnern,
wie er früher auf gleiche Weise zwischen Herzogs und der Anstalt stand.
Mit schwachen Menschen ist es doch traurig auf in einem gewissen
Freundschaftsverkehr zu leben.
Bey No 9 und nemlich bey Leizmanns Verhältniß zu Theodor, wird Dir
und Langethal wohl auch, Herzogs früheres Betragen zu Adolph Mache-
leidt
und dessen Eltern einfallen. Es ist merkwürdig wie die Lebenser-
scheinungen immer von neuen wiederkehren, und nur die Personen, ich möchte
sagen nur die Masken wechseln.
"Aber ächten Fortschritt finde ich leider dabey nirgend<s> nicht"
Wenn sich nun so Leizmanns Charakter und Leben immer mehr offenkundig
macht, so muß ich nach Langethals noch jüngstem Urtheil über denselben
auf die Meinung kommen, daß Leizmann klug, listig ja verschmitzt war und
er es versucht hat den Langethal zum Dupe zu machen und zu haben.
Wie mag Langethal nun Leizmanns Betragen gegen die Zöglinge rechtfertigen. Ich
gebe ihm dieß zur Aufgabe für sich selbst.-
Merkwürdig ist mir daß mir Leizmann für <was> gleich als Leidesmann [uns] entgegen trat. /
[61]
Langethals grüße ich [*Papier abgerissen*: herzlich, er] möge immer auch unverrückt
mit seinen Kindern das [*Papier abgerissen* reine [P]roduct im Auge haben - damit wir
um so freyer in unserm [*Papier abgerissen* Seyn] und in unserm eigensten Handeln bleiben.
Produkte sind es auch die zum Volke reden. Höchst wichtig ist die jetzige
Zeit für die Entwickelung unseres Gesammtlebens. Nur diese müssen wir
jetzt treu und fest im Auge behalten. Immer mehr drängt sich mir per-
sönlich eine Lebensaufgabe zu lösen auf welche ich nur mit ganz gesammeltem
Geiste zu erfüllen im Stande bin. Wirksamkeit meiner Freunde, der
Freunde für ächter Menschenerziehung und deren endlichen Darstellung - für
äußere Producte kann mir nur die dazu nöthige Geistessammlung und
Geistesfreyheit verschaffen.
Durch jene (in gewisser Beziehung versteht sich) äußern Produkte muß man
die geistigen Interessen des Bernvolkes zu wecken und zu nähren suchen
da man von anderer Seite das Bernvolk nur im Genuß seiner
materiellen Interessen zu erhalten sucht. Langethal wird sich hier
der Worte von Spieß erinnern.
Fellenberg scheint nach einem jüngsten Aufsatz von Langhans - welcher ihn
darinn den "berüchtigten" Exlandammann [= Ex-Land-Amtsmann] u.s.w. u.s.w[.] nennt als Erzieher
und Erziehungsvorsteher moralisch ganz zu unterliegen. Da wir nun gerad
in diesen Moment im Kanton Bern wirkend auftreten, so muß dieß
zur größten Sorgsamkeit in unserm Betragen auffordern. Auch dem
Titus kann etwas davon mitgetheilt werden.
Wegen der Steintöpfe mündlich; jetzt nur so viel das Wiederkommen
dieser Fuhrleute ist sehr ungewiß, ja zweifelhaft.
Ich grüße herzlich die Kinder; wie auch den Titus.
Mit dem Titus habe ich gesprochen Erbsenfiguren zu verfertigen.
Dem Langethal sage die Erdbeschreibung von Hoffmann müsse
sich unter den mit genommenen Büchern finden er möchte nur
nochmals nachsehen.-
Stets mit treuer inniger Liebe Dein und Euer
         Friedrich Fröbel /
[61R]
[Anschrift:]
Der
Frau Wilhelmine Fröbel
(im Waisenhause)
     zu
Burgdorf
Kanton Bern.