Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 16.5.1835 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 16.5.1835 (Willisau)
(KN 52,2, Brieforiginal 1 B 8° 2 ½ S. +Adr. Die Adressierung lautet auf Johannes Arnold Barop, der Brief ist aber an alle Keilhauer gerichtet.

    Willisau am 16 May 1835


Grüße Euch Gott all insgesammt.

So eben erhalte ich Briefe von Burgdorf in welchen auch manches was Keilhau
betrifft enthalten ist; zwar ist es allgemeinen Gegenstandes; allein ich halte
es doch für gut es Euch sogleich mitzutheilen und zwar um so mehr als es den Schrei[-]
bern nicht in den Sinn gekommen ist daß das was sie mir aussprechen auch Euch
sogleich wieder bekannt werden würde. Meine Frau schreibt mir[:]
"Die Mittheilung des Keilhauer Briefes - (:Barops jüngster Brief an mich:) erfreute
"mich sehr, wie mir überhaupt Barops Briefe immer besonders lieb sind, weil sie stets
"das Leben - sie mögen noch so kurz seyn - das Lebensganze umfassen und ein Lebens[-]
"ganzes wiedergeben. Sie [sind] mir oft ein freundliches Panorama, in welchem ich auch
"in den kleinsten Gegenständen den Charakter und die Deutung des größeren Ganzen
"wiederfinde dem es entnommen ist. Manche jetzt in der Keilhauer Lebensentwicke[-]
"lung einfallende oder darinn bedingt scheinende Erscheinungen wollen mir nicht
"ganz ansinnig werden, noch zu sagen.- Du hast nur zu sehr Recht Hinsichts Pfarrers.
"Diese schwankende Schwäche und Zweyseitigkeit war der Umstand der mich im[-]
"mer mehr von der Familie zurück hält als es meinem Herzen und Bedürfniß
"nach sonst geschehen wäre. Denn ein schwacher und doch äußerlich geachteter
"Mensch kann ja oft der guten Sache durch seinen lavirenden Zustand und durch
"hinkende Urtheile mehr schaden, als ein anderer durch schlechte und durch offenbare
"Entgegnung. Wie weit d[es] He. Pfarrers classischer Unterricht <nur / nun> auszuhelfen - ich
"spreche nicht zu ersetzen vermag - wage ich nicht zu beurtheilen, weil es ja gänz[-]
"lich außer meinem Horizonte liegt[.]- Wer aber außer Bernhard Friedrich, auch
"wohl Felix - bedarf jetzt eigentlich in Keilhau dessen? - etwa unser Chri-
"stianFriedrich?-
"Die übrigen wechselnden, kommenden und gehenden Erscheinungen fremder
"Subjecte erinnern mich wie L-s einzelnes Verhalten - mich ebenfalls nur
"zu sehr an jene trübe Herzogs Zeit - wo der Contrebande ([{]schreibe / schrieb[}] deutsch
"Gegen Bande) durch Umstände veranlaßt, so viel in K.- einpassirte.
"Doch es mußte, es muß ja so seyn.- Nur durch freye Aus- und Einfuhr
"wird der erweiterte Austausch aller Producte der physischen wie der gei[-]
"stigen gefördert - und beyde zum Gemeingut Aller gemacht. Keilhau
"war ja lange eine Welt im Kleinen und zwar eine schönere aber diese sollte
"gegen die übrige nicht abgeschlossen stehen bleiben. Daher mußte sie auf[-]
"nehmen - was sie nicht haben wollte - und hingehen wo sie nicht hinwollte[.]
"Dieß spreche ich mir selbst zum Troste, wenn mir öfter wehe werden will -
"daß die schönen Kräfte welche dort auf einen Punkt versammelt waren,
"und die ich ach! so gern für unsere teutschen Kinder recht wirksam gesehen
"hätte! --- mir jetzt so weit zertheilt ja dadurch beynahe wie zerrissen und
"zersplittert erscheinen wollen, und bey der redlichsten Anstrengung hier kaum
"im Stande seyn mögen nur erst die Ahnung und das Bedürfniß eines höheren
"geistigen Lebens, noch weniger eines echt christlichen Lebens zu wecken.
"Eine Hindeutung in einer schönen Predigt Emmerichs die ich gestern las auf
"die Führung Gottes zur Verbreitung und Befestigung des Christenthums
"wie nemlich Abraham aus der Mitte seines Volkes fern in ein fremdes Land
"geführt worden sey, um durch ihn einen eigenen Stamm ein eigenes Volk her-
"vorblicken zu machen - geschickt den hohen Lehrer und einigen Lehrer der Mensch[-]
"heit hervorzubringen - dann, die anhaltende Widersetzlichkeit der Juden für
"die Annahme der neuen Lehre, die die Apostel veranlaßte sich zu den Heiden
"zu wenden. Damit kein Volk sich als ein auserwähltes im alleinigen
"Besitz dessen zu enthalten habe, das zum hohen Erbe aller bestimmt sey -
"dann der Juden langsames Dahinwelken: dagegen die große Ver[-]
"breitung des <Christlichfürens> [sc.: Christlichen frühen] Glaubens unter den Heiden - von denen
"es [sc.: er] dennoch einst wieder zu ihnen zurückkehren werde, um Alle unter
"seinen Seegnungen zu vereinigen -- diese gab mir einen beruhig[-]
"enden Beweis Vergleich für die Führungen in unserm eigenen Leben,
"mir zugleich Bemerkungen von Dir aus früherer Zeit zurückrufend
"und ermuthigte mich von neuem zu[r] Dir zufriedenen Hingabe an dasselbe.
"Was sollen aber unsere Kinder zu Hause mit den [sc.: dem] 17[-] oder 18jährigen /
[1R]
"jährigen Gesellen als Musiklehrer machen?- Er müßte wirklich zu den
"seltenen bessern Menschenerscheinungen gehören, wenn sie mehr Glück
"mit demselben haben sollte als Willisau mit dem Roda hat. Doch sey wie
"ihm sey - sie scheinen einmal dazu bestimmt in ihrer kleinern bessern
"Welt ja dann und wann schon einen Vor[ge]schmack von der größern Welt
"und ihren Widersprüchen zu erhalten für die sie doch einmal bestimmt sind,
"und können wenigstens wenn sie wollen die Ächtheit ihrer eigentlichen
"Lehrer und Erzieher an den zweifelhaften Erscheinu[n]g[e]n der andern
"prüfen und erkennen -- Merkwürdig ist mir daß man mit keinem
"Worte des Gascard erwähnt - noch daß er selbst nicht eine Zeile von sich
"blicken läßt."- So weit meiner Fr. Mittheilung[en] hierüber.
Auch ich bin recht verwundert daß Ihr seit 2 Monaten, nur kurz seine
Ankunft meldend in gar keinem Briefe seiner auch nur leise erwähnt.
Was ist der Grund davon?- Vergeßt ja nicht im nächsten Brief mir
darauf zu antworten.
Langethal hatte mir wegen der Gewalt des hiesigen Lebensgetriebes - welches auch
wie eine große Maschiniere [sc.: Maschinerie] in den Augen des über Einrichtung und Zweck Ununterrich[-]
teten - jetzt alles um sich zu zermalmen droht der sich ihm nahet - über die For[-]
derungen unseres hiesigen zunächst Burgdorfer Wirkens so viel mitzutheilen
daß er mir über Keilhau nur wenig aussprechen konnte dieß wenige ist:
"Nur beyläufig. In Keilhau sollte man sich vor den [sc.: dem] Wankelmuth des
"He Pfarrers wie vor dem Gifte hüten; Bernhard ist wie er vorhin
"war; gern sucht sich der Mensch durch einen Abwesenden weiß zu brennen[.]
"Dieß jedoch nicht zur Vertheidigung von L-s, sondern im Gegentheil.
"Gleich und Gleich gesellt sich gern und bestärkt sich gegenseitig. Bey
"dem letzten Briefe von L. an mich, wußte ich in mir seine ganze Ge-
"schichte, durch Deine Vorschläge nur bekam ich wieder Muth. Es ist aber
"so gut; er kann einmal gewahr werden, wie wir für sein Leben auch
"in dieser Beziehung Sorge getragen haben."- (:nemlich wegen einstiger Wirksam[-]
keit in der Schw.:) - "Dein Urtheil daß er verdeckt, listig rc. sey kannst Du ruhig zurück[-]
"nehmen; ein guter Wille im Anfange findet sich oft bey Mangel an Ausdauer".-
" Lggth [sc.: Langguth] war vor einigen Tagen hier, seine Anstellung ist noch immer sehr
"ungewiß und wie ich glaube sehr mißlich."- So weit Langethals Mittheilung[en]
die für Euch Interesse haben können.
Von Burgdorf dem W Hause schreibt er noch: "Hier geht soweit alles gut als
es jetzt noch gehen kann."- Titus will sich auch in Burgdorf in das eigentl[iche]
Leben schwierig finden, meine Frau schreibt mir wenn es anginge seine Reise
doch ja noch möglich zu machen.-
Schreibt mir nun doch ganz bestimmt und zwar mit erstem Briefe:
Ob es nicht möglich ist das Titus (welcher ja doch 6 oder gar 8 Jahr in
Keilhau lebte auch hier bey uns als Lehrer wirkte.) - wenn er mit
einen [sc.: einem] Paß von hier zu Euch <konne> [sc.: käme] dann dort einen Paß zur Reise
in seine Heymath bekommen könne und ob es vielleicht möglich wäre diesem
Paß dann schon in Waimar die nöthige Unterschrift zu verschaffen. Ich
bitte Dich Barop diese Anfrage auf das ernsteste persönlich in Rudolstadt
und am ersten mit dem Präsident der Polyzey zu besprechen.- Damit
wir wenigstens das Gemüthe des Titus beruhigen und er durch unser ernstes
Handeln hindurch den Willen der Vorsehung finden könne. Wenn wir ge[-]
wiß sind daß Titus einen guten Paß in Rudolstadt zur Weiterreise bekommen kann
so wollen wir es möglich machen ihm einen Paß bis Keilhau zu ver[-]
schaffen ohne des russischen Gesandten der Schweiz dabey weiter zu erwähnen.
Werdet Ihr uns nun bald bestimmte Nachricht von dem endlichen oder
nie eintrettenden Abgang Elisens nach u[n]d Middorffs nach W- schreiben können?
Wäre das erste und wären Elisens Sache[n] noch nicht abgegangen so hat
Ferdinand noch einen Wunsch nemlich durch diese Gelegenheit die Turner[-]
fahne zu erhalten welche er vor Jahren gemahlt und beschrieben hat. Für
Keilhau ist sie doch ohne Werth. Hier könnte sie neu beleben und einigen.
Auch hier geht es jetzt wieder so gut als es gehen kann der Zöglinge und
Schüler werden jetzt wohl 37 bis 38 seyn.- Was Burgdorfs Wirken betrifft
so ist dort gewaltiger Lebenskampf schon enthalten die Zeitungen ohnezweifel wieder
von Hofwyl aus einen Hieb auf das Arme Waisenhaus. Lebet alle wohl. Ich muß
sagen: Muß <d[oc]h> der Mensch stets im Streit seyn und seine Tage s[in]d wie eines Tagelöhners. Euer
FrFröbel. /

[2]
 Den 23en May ist das jetzt vielbesprochen[e] Ex: mit d[en] 4 Zögl. hier.
Langethal wird zur Prüfung hierher kommen.
Am 24. May werde ich nach Burgdorf gehen.
Am 25[.] May ist großes Singfest in Herzogenbuchsee. Lgethal
wird dort als Soloist des Basses auftreten. /
[2R]
 [Adresse:]
Herrn JohannesABarop
in
Keilhau
     bey Rudolstadt in Thüringen