Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< in Keilhau v. 20.5./22.5./23.5.1835 (Willisau)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< in Keilhau v. 20.5./22.5./23.5.1835 (Willisau)
(KN 52,4, Brieforiginal 1 B 8° 3 S. + Adr. ,zit. Halfter 1931, 734 [aus 2V]. Der Brief ist an Johannes Arnold Barop adressiert, angesprochen werden aber alle Keilhauer.)

Willisau am 20en May 1835.

Auf einen Aufsatz in No ... des schweizerischen Beobachters welchen ich
jetzt nicht zur Hand habe, den ich aber am Ende dieses [Briefes] nachholen werde, Euch
daher bitte ihn zuerst zu lesen, erschienen in No 40 des Berner Volksfreundes
(in Burgdorf herauskommend) vom 17en May folgende Artikel, also nicht
unter den Inseraten und Anzeigen:
1. Der schweizerische Beobachter vom 12en May 1835 enthält in einem
seiner Inserate einen Ausfall gegen die Wahl des Herrn Fröbel zum Vorsteh-
er der neuen Waisenanstalt in Burgdorf,- eine lieblose Verdächtigung
des Gewählten, einen Tadel der Behörden die ihn wählten. Weder der eine
noch die andere würden sich durch solche Anfechtungen so weit rühren lassen, daß
sie dieselben in den öffentlichen Blättern wiederlegen würden möchten; allein die Waisen[-]
anstalt in Burgdorf soll die Wohlfahrt von Kindern begründen, deren Anverwandte
vielleicht nicht alle so vernünftig seyn dürften, um einen Unterschied machen zu können
zwischen boshaften Mystifikationen und wohlgemeinten Räthen - diesen
lediglich diene hie[r]mit zu wissen, daß Herr Fröbel, ein Mann der die Menschen[-]
bildung nicht als Spekulationssache treibt, sondern sie zur Aufgabe seines Lebens
gemacht hat, hier nicht angestellt ist, weil er eine Anstellung gesucht, sondern
berufen wurde, weil das Urtheil anerkannter fachkundiger und unbe[-]
fangener Ehrenmänner (nicht anonymer Lieferanten von Zeitungsschreibern)
ihn als den Mann bezeichneten, der die seltenen Eigenschaften in sich vereinige,
welche zum Gedeihen einer solchen Anstalt erfordert werden; Eigenschaften welche
handwerksmäßiger Arbeit Alltäglichkeit ebenso widerstreben, als speku[-]
lativer Charlatanerie.
Daher, Ihr Anverwandte und Befreundete der Kinder, welche in die Burg-
dorfische Waisenanstalt aufgenommen zu werden das Glück haben, laßt
Euch nicht bethören durch falsche Propheten, die sich nicht einmal nennen dürfen;
vertrauet den Maßnahmen der Behörden, deren Bestreben das Gute zu
fördern, Euch ja nicht verborgen seyn kann, wenigstens auf so lange un[-]
bedingt, bis Ihr Beweise habet vom Gegentheil dessen, was Ihr schon jetzt
in der Saat beobachten könnt.
((:Unmittelbar auf diesen Artikel folgt der:))
2: Irgend ein pädagogischer Jesuit äußert im schweizerischen Beobachter vom
12en May sein gleisnerisches Bedauern über die Anstellung des Herrn Rechsteiner
als Vorsteher der Armenunterrichtsanstalt in Bättwyl bey Burgdorf. Es soll,
nach seiner Anstalt Ansicht, He. Rechsteiner zwar ein gemüthlicher Mann, dagegen aber ein
Mensch von verworrenem Judicium seyn, unzusammenhängend in seinen Bestreb-
ungen, und un(zusammenhängend)beständig in seinen Begeh[r]ungen, weshalb wenig
Erspriesliches von seinen Leistungen zu erwarten sey.
Dieses perfide Urtheil stützt der Jesuit auf den Kontrast, der bey der Anstel-
lung des Hrn R. in dessen Benehmen und dem Benehmen des Herrn Seminar
Directors Wehrli
bey Anlaß der Krüsischen Prüfungen bemerkbar gewesen.
Wir möchten nun gern vernehmen und hoffen es zu vernehmen, ob Herr Wehr[-]
li
wirklich über die Anstellung des Herrn R. so betroffen gewesen, ob er sich über
denselben so geäußert, wie ihm der Jesuit in den Mund legt. Herr R.
wurde bey der Anstalt angestellt auf günstige Berichte und Zeugnisse der
Herren Weishaupt, Pfarrer in Gais, Bernet, Pfarrer in St[.] Gallen, Emanuel
von Fellenberg
in Hofwyl, Burkhard, Obersthelfer in Basel, und Tobler, Erzieher
in St. Gallen. Diese Zeugnisse werden nun wohl Glauben verdienen und Herr
R. wird sie, wie wir zuversichtlich hoffen nicht Lügen strafen.
Maimer aus Bern meynte dieß Fellenbergsche Zeugniß würde ohne Zweifel
aus früherer Zeit seyn, weil es unterzeichnet ist von Fellenberg, nach der
jüngsten Revolution in Bern wo Fellenberg auch den Rock gewechselt, schreibt
sich Fellenberg nicht mehr Emanuel von Fellenbe[r]g, sondern Emanuel Fellenb[er]g.
Da nun zu Vermuthen ist daß das fragliche Inserat auch aus der Fellen[-]
bergschen Fabrikstätte ist, so hat nun Fellenberg seinem eigenen früheren
Zeugniß widersprochen nur um die neue Unternehmu[n]g in Bättwyl
zu stürzen. Ich bin darum nun erwartend wie Fellenberg sich aus dieser
Sache die für ihn immer verwickelter wird, heraus ziehen kann.
Schlechter noch als die Verdächtigung der Eigenschaften des Herrn R. ist, wo
möglich die offenbare Absicht des Jesuiten, das Gedeihen der Anstalt selbst zu
untergraben, indem er aus seinem entlehnten, oder vielmehr erlogenen
(denn dieß glauben wir, wenn es nicht vom Herrn W. öffentlich bestätigt
wird) Urtheil über Herrn Rechsteiner den Schluß zieht, die eingegangenen
oder noch eingehenden Liebessteuern werden übel verwendet werden. /
[1R]
Nicht minder schlecht ist der Seitenhieb gegen den achtungswürdigen
Hrn. Fröbel! Wer sagt dem nichtswürdigen Jesuiten, daß die Bemühungen
dieses Mannes bey dem Schullehrer-Kurs nicht die gewünschten Resultate
gehabt haben? Ersonnen hat er seine heimtückischen Anspielungen, um dem
guten Fortgange der gemeinnützigsten Anstalten entgegen zu arbeiten.
Ein anonymer Verläumder wird aber nur Thoren irre leiten; trete
er offen hervor, der Mensch, wenn er es wagen darf; sein Name allein
setzt vielleicht das Publikum in den Stand, zu erkennen, welch trüber Quelle
seine apokryphischen Ausrufungen entflossen sind.
Nachstehendes ist der oben gedachte Aufsatz in No 12 57 des schweizerisch[en] Beobachter No vom 12en 
May 1835. (welchen ich zuerst zu lesen bat)
(:Eingesandt) Die Nachricht, daß der Schullehrer Rechsteiner von Gais, im Canton
Appenzell, zum Erzieher der Armenschule in Bättwyl ernannt worden sey,
gelangte nach Gais, gerade zur Zeit des dortigen Krüsischen Schullehrerexa-
mens, bey dem auch der vortreffliche Seminardirector Wehrli von Kreuz-
lingen sich befand. Die Eindrücke, die jene Nachricht auf Herrn Rechstei[-]
ner und Herrn Wehrli hervorbrachte, stellten einen merkwürdigen Kon-
trast dar. So groß die Freude der [sc.: des] Erstern darüber war, so auffallend ist
auch die Betroffenheit des Letztern gewesen, da er den Rechsteiner in Hofwyl
zwar als einen gemüthlichen, aber in seinen Urtheilen verworrenen, und
in seinen Bestrebungen unzusammenhängenden und in seinen Begehrungen
sehr unbeständigen Menschen kennen gelernt hat, so daß für die Schulung
von Bättwyl wenig Ersprießliches von ihm zu erwarten seyn kann. Es
ist sehr zu bedauern, daß nun auch die zweckmäßige Anwendung der seit
einigen Jahren für die christliche Volksbildung des Kantons Bern gesammel-
ten Liebesgaben vermittelst einer mißlungenen Wahl des Führers der
hülfsbedürftigen Kinder in jener Anstalt gefährdet wird.- Und noch
merkwürdiger ist es, daß man, trotz der mit Herrn Fröbel im letz-
ten Schullehrerbildungskurs zu Burgdorf gemachten Erfahrungen, ver[-]
nehmen muß, wie diesem Herrn die Oberaufsicht über die Anstalt zu
Bättwyl und die Leitung des Burgdorfer = Waisenhauses anvertraut
worden seyn soll.

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In No 61 des schweizerischen Beobachters hat nun He. Eml: Fellenberg auf die Euch Eingangs
dieses [Briefes] ge mitgetheilten 2 Aufsätze wieder geandwortet. Ich theile daraus nur mit was
mich betrif[f]t.- "Hinsichtl. auf d. He. Fröbel, den ich nur durch seine in der 10n Nummer des Mitthei-
"lungsblattes für die Freunde der Schulverbesserung des Cantons Bern angeführten
"Schriften, aber keinesweges persönlich kenne, halte ich mich durch die vorgekommenen
"Zeitungsartikel und durch die von vielen Schullehrern, die seinen letztjährigen Normal[-]
"kurs besucht haben, eingegangenen Nachrichten, als bernerischer Staatsbürger und
"Schulfreund verpflichtet pflichteswegen für verbunden, hier noch zu erklären, daß ich auch die
"leidenschaftliche Verblendung für sehr unheilbringend halten muß, mit der
"man die Wirksamkeit eines solchen Pädagogen in unserer Volksbil-
"dungsangelegenheit, trotz der gemachten Erfahrung zu behaupten trachtet[.]"
(Nun Empfehlung deutscher, englischer u amerikanischer Bücher über Armenerzieh[.]
(Unterzeichnet) Em[.] Fellenberg
(Auch den neuerwählten Schullehrerseminarn Director Rickli
greift Fellenberg in diesem Aufsatze schon an.-)- /

[2]
Freytags am 22 May. Gestern Abends theilte mir Luise Frankenberg mehreres
von Ihres Verlobten Herrn Schäfers (:jetzt Kollaborator in Ülzen im Hannöverisch[en]:)
Verhältnissen mit; dabey kam auch die Rede auf dessen Familie (wie
ihr wißt lebend in Goslar[)] und sie erzählte mir da wie dessen jüngste
jetzt 14 jährige Schwester, am jüngsten Osterfest confirmirt, seit langem
vorzügliche Neigung zum Erziehungs[-], und Lehrwesen habe, und wie er sie,
wenn er hierher gereiset wäre mitgebracht haben würde, um wo mög[-]
lich durch die hiesigen Gesammtverhältnisse für deren Ausbildung als Er[-]
zieherin zu sorgen, noch sagte sie mir daß das Mädchen Anlage zum Sing[en]
und Clavierspielen auch zum Zeichnen habe, ja irre nicht im Clavier[-]
spielen schon gute Fertigkeit besitze und sonst ein Mädchen sehr lob[ens]wer[-]
then Charakters sey. Da wir nun für erziehende häusliche Hülfe und
besonders für erziehend und lehrend wirkende ha weibliche Unterstützung
oder vielmehr wirkliche Mitarbeitung sehr in Verlegenheit sind, daß Bedürf[-]
niß derselben aber in Zukunft noch steigen wird, so kam mir sogleich der Ge[-]
danke, des Mädchens Neigung für diesen Beruf nach Möglichkeit zu unterstützen.
Ich sprach darum sogleich mit Luisen über diesen Gegenstand. Sie sagte mir nun
daß man schon längst für die Ausbildung dieses des Mädchens zu diesem Berufe Sor[ge]
getragen haben würde müßte man nicht große Kosten deßhalb scheuen
weil den Eltern diese zu tragen nicht möglich wäre: Ich hielt es nun do[ch]
für gut Euch meine Ansicht darüber zu schreiben im Fall sich Herr Schäfer in
dieser Sache an Euch wenden sollte indem (ich meyne man sollte nach Mög[-]
lichkeit die Ausbildung dieses Mädchens (- wenn sie das ist was sie seyn soll [-)]
für erziehende Häuslichkeit befördern.-
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Am 23en May Mittags nach ein Uihr [sc.: Uhr]. Zur Hälfte ist die Prüfung vorüber. [Der]
Vormittag war größtentheils der Sprache gewidmet. Ich bin mit dem Ergebniß
dieser Prüfung sehr zufrieden meine Schullehrer waren bestimmt klar, schnell
reich in Antworten der vorzulegenden Ergebnisse besonders in der Sprachdarstel[lun]g
viel. Die Examinatoren scheinen zufrieden. So ruhig habe ich noch nie geprüft[.]
Ich kann mich nie vorbereiten; da ich aber immer in dem Gegenstand lebte, so war
ich auch in den einleitenden Worten wie ich meyne einfach, ruhig erschöpfend u klar.
Langethal kann darüber Euch Relation abstatten für heut genug; allso Nun sage
ich noch daß es mir sehr leid thut die Arbeiten der wackern Arbeiter Euch
nicht zeigen zu können sie sind zum Theil vorzüglich besonders die von einem ge[-]
wissen Benedict Loder. Im Zeichnen hat dieser der vorher nie zeichnete Treffliches
und Schönes geleistet gar mit einem Worte alles vereint. So freue ich mich still
der factischen Ergebnisse unbekümmert des formellen und amtlichen Urtheils
erstere wirken sicher wenn auch langsam.
Ich danke Dir lieber Barop für Deinen Brief vom 15n May. Er traf
zu richtiger Zeit ein. Lieb ist es mir daß alles nun endlich entschieden ist.
Der so unentschiedene und doch so erregende Zustand wirkte so nachtheilig auf
mich daß ich vor einigen Tagen nach wiederkehrender heft[i]ger Erkältung ernstlich krank
zu Bett geworfen wurde. Ich fürchtete entzündliche den Tod unvermeidlich mit
sich führende Folgen, doch die baldige Erfassu[n]g des Übels u.s.w. unsers Herr[n]  Dr
Barth
Sorgfalt u.s.w. stellte mich bald wieder her.- Nun hat mein
Gemüth und Geist schon wieder einmal die Empfindu[n]g des Todes in sich v erlebt
und verarbeitet ich war sehr ruhig. Bey Veranlassu[n]g mehr hierüber.-
In Burgdorf ist Friede u Freude u Krieg u Kampf wie in jedem neuen Ver-
hältniß. Meine Frau ist Gott sey Dank sehr ruhig u so gesund als sie immer
seyn kann. Sie schreibt mir: - ..... und des (des Gesagten) bin ich froh!-
"Die schöne Wohnung und die freundlich herrliche Umgegend lassen nichts zu
"wünschen übrig." Aber wir bedürfen auch dieser lieblichen Himmelsgaben
"zu unsers Lebens Ermuthigung --."
Jetzt gehts wieder zur Prüfung. Heute schrieb wieder einer aus Aigle bey
Lausanne u fordert mein Werk über Menschenerziehung und trägt einen 20-21
jährigen Zögl[.] an. Lebet, Lebet alle recht wohl im schönen Frühling
Euer treuer FriedrichFröbel

Den nächsten Brief aus u[n]d von Euch nach Burgdorf. /
[2R]
[Adresse:]
Herrn JohannesArnoldBarop
in
Keilhau
    bey Rudolstadt.