Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 15.6.1835 (Burgdorf)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 15.6.1835 (Burgdorf)
(KN 52,6, Brieforiginal 1 Bl 8° 2 S.)

Burgdorf am 15en Juny 1835. Monat des erstarkenden
Lebens.


Grüße Dich Gott lieber Barop
und durch Dich alle die lieben Deinigen
in beyden Häusern.

Schon bin ich wieder so allein hier wie vor 10 Tagen. Gestern sind Elise und
Middendorff zu Fuße nach Willisau abgereiset. Meine Frau und ich, denke
meine Frau begleitete sie zu Fuß über den Berg gegen 3 Stunden bis
Waltrige; das Haus an der Landstraße über Dürrenrode wo der Karr[-]
weg nach Burgdorf von der großen Straße abgeht. Wir waren dort
in einem neuerrichteten Gasthaus Zeuge schweizerische[n] Volkslebens. Mid-
dendorff freute sich dessen sehr.- Regen bestimmte mich mit der Frau zurück
zu fahren sonst hatte sie den Vorsatz - an dessen Ausführung ich auch nicht
zweifle, zu Fuß wieder zurück zu kehren. So stärkt Gott und die frischen
Lebensberührungen auch schwache Kräfte.-
Über das hiesige Leben wird Dir Middendorff u Elise geschrieben haben
deßhalb schweige ich davon.
Auch auf von einem neuen Gewaltsausfall Fellenbergs schweige ich
bis ich Dir vielleicht die Entgeg[nun]g darauf mittheilen kann. Aber sagen
will ich Dir doch daß heute der dießjäh[r]ige Wiederhol[un]gskurs eröffnet
worden ist 54 haben sich heut dazu einschreiben lassen (voriges Jahr
waren am ersten Tage nur 32 und die Anzahl wuchs bis auf 60; auch
in diesem Jahre scheint die Anzahl daher gewiß nicht bey 54 stehen zu
bleiben[)]. Du und ihr seht also Fellenbergs Entgegnung hat meinem Wirken
nicht geschadet, ich glaube nur genützt. Viele von den vorigjährigen
Theilnehmern {waren / sind} wieder hier und zwar einige der Besten, welche
mehrseitig prüfen konnten. Denket auch bey dem diesjährigen
Kurs wirken nun außer mir und Langethal noch 3 von den Berner
Schullehrern in Wil[l]isau drey als Hülfslehrer also im ganzen 5.
aus den unserer Schule. Ihr sehe[t] Fellenbergs Schimpfen und Predigen
von Irrlichtern, falschen Propheten und wer mag wissen von was noch
allen [sc.: allem] hat nichts geschadet vielleicht auch selbst für den dießjährigen Kurs
viel genutzt denn die welche sich jetzt gemeldet haben erscheinen
bis auf wenige Ausnahmen alle tüchtig und kräftig wie am Körper
so am Geist. Dieß allen welche innigen Antheil an meinem und
unserm Wirken nehmen. Leid, recht leid hat es mir gethan daß
unser Middendorff heut nicht hier war weil ihn so manches nach Wil-
lisau trieb u rief. Denn so etwas sieht man in Deutschland doch
nicht gegen 60 Jünglinge u Männ[e]r von 16-36 Jahrn ja einige noch
älter welche der Fortbild[un]gstrieb selbstthätig zusammenruft und
deren Trieb u Wunsch die Regierung dadurch entgeg[e]n kommt daß sie
dies[e]n Männern während 3 Monat[e]n Kost, Unterricht, Wohn[un]g u Lehr[-]
mittel jeder Art bis auf den S[c]hieferstift frey giebt, und den Fad[en]
und die Nadel um ihre Bücher zu heften. Doch genug davon.
Allein alles dieß hat die große Schattenseite daß es
immer Stückwerk ist und es sich durch Partheyung rc rc nie zu
einem stetigen erziehenden Ganzen und Einheit gestalten will
vielleicht nie kann daher --- Aber für heute
genug.
Auf unsern [sc.: unserm] ersten gemeinsamen Spatziergang fand Elise zufäl[li]g
eine junge Eiche von diesem Jahr, sie gab sie mir, ich pflanzte sie
in der Kinder Gärtch[e]n hier und sie grünte vom ersten Augenblick
bis jetzt als sey sie immer gestand[e]n wo sie jetzt steht.
Auf unse[r]n [sc.: unserm] dritten Spatziergang fand Elise eine zweite; ich habe sie
ausgehob[e]n u Elisen u Middendorff zum Pflanz[e]n und Pfleg[e]n nach
Willisau mitgegeben, ich zweifle nicht an ihrem Fortkommen. /
[1R]
Suchet pflanzet und pflegt auch Ihr zum Andenken an diese Tage eine
junge dießjährige Eiche, also die 3e am besten wohl am Kolm viel[-]
leicht in die Mitte des Halbrundes zwischen meiner Laube, der Kegel[-]
halle und Kegelbahn in die Mitte; oder sonst wo ihr es zweckmäßig
findet; mögen sie dann wachsen u grünen die 3 Eichen wie die welche [ich]
f vor fast 30 Jahren in den Holzhaußenschen Gart[e]n bey Fr[an]kfurt a/m pfla[n]zte
und welche jetzt schon ein kräftiger Schatten gebender Baum - ein Jünglings[-]
baum ist.-
Nun zur Hauptsache dieses Briefes. Ich habe Euch und Dir schon früher
ich glaube schon zweymal von einer gewissen Krämer einer Jungfrau
in Elisens alter [sc.: Alter] glaube ich geschrieben. Jetzt komme ich deßhalb zum drit[-]
tenmale zu Dir und Euch. Wiederkehrend hat sie mir den Wunsch ja das
Verlang[e]n aussprechen lassen sich entweder in der Schweiz oder in Keilhau
in meinen Lebenskreisen für die Erziehu[n]g welche sie als ihr[e]n Lebensberuf
aus innern f[r]eyen Trieb erkennt ausbilden zu können. Was ich in dieser
Beziehu[n]g von ihr gehört habe hat den Vorsatz in mir geweckt wie ein Vater
und väterlicher Freund für die Erfüllu[n]g ihres Wunsches und Entschlusses zu wirken[.]
Mein Gemüth spricht sich auf das bestimmteste und ungetrübteste für sie aus und
ich empfehle sie Euch als meine Tochter. Je Ob ich mich teusche muß sich bald
entscheiden; ich habe dem Adolph Frankenbe[r]g in Willisau beauftragt se[i]nem
Bruder Ernst in Göttingen zu schreiben daß ich meine Einwilligu[n]g gebe daß
sie nach Willisau Keilhau gehe und Ernst Frankenbe[r]g auffordern lassen
Euch deßhalb möglichst bald zu schreiben. Ja da man wünscht daß sie nicht
Zeugin seyn möchte von dem Tode eines geliebten Bruders welcher jeden
Tag zu erwart[e]n ist, so habe ich gesagt sie könne sogleich zur Prüfu[n]g für alle nach
Keilhau reisen, ihren Koffe[r] so zu Hause packen und ihn
nachkommen lassen wenn ihr Euch zusammen findet, oder wenn dieß
nicht sey still nach Götti[n]g[e]n zurück kehren. Doch lasset Euch nicht gleich
von einem unvollständig[e]n Eindruck bestimmen. Elwina, so heißt
sie könnte vielleicht im Kreise mehrseitig sey es auch nur durch ihr
stilles Wirken Elisen ersetzen, sie soll weder der Musik noch dem
Zeichnen rc fremd seyn und hohen Bildungstrieb haben. Laura's
Wirken ist doch mehrfach beschränkter.- Übrigens würde Elwina
Krämer zwar kein Kostgeld - so glaube ich we[n]igstens geben - allein
sie würde sich auch nichts von der Anstalt für sich fordern sondern sich selbst
erhalten.- Übrigens ist das hochwichtige bey Elwina, daß sie fr[e]y und
selbstständig über sich bestimmen kann und nicht wie Mathilde von fremden
und überdieß stöhrend[e]n Einwirkung[e]n abhän[g]ig ist.
Nicht Mangel an Zutrauen war es wenn ich Elwina nicht nach der Schw[e]iz
kommen ließ, sondern sichere pflegende Gründe, ich hoffe ihr werdet diese
Pflege ihrer aufnehmen wenn nicht wieder [sc.: wider] Vermuthen das ganze Ver-
hältniß Euren gemeinsamen und Euern persönlich[e]n Ansichten entgegen
wäre. Sobald das Verhältniß sich klar entwickelt hat so schreibt mir
darüber.-
Her[r]n Gascard danket für seinen freundlich[e]n Brief so wie Her[r]n Ratz[e]n[-]
be[r]ger
; erstern sagt wie unser Leben in seiner lieben Schweiz freundliche
Pflege findet und fordert ihn doch auf einmal seine Ansicht über unser
Wirken, Gr in Deutsc[h]land u dessen Grundsätze in einer französisch Schweize[-]
rischen Zeitung z.B. in der Helvetia oder in dem Nouvelliste Vaudois auszusprechen.-
Niemand weder Elise noch Middendorff hat mir von Deiner lieben Frau
einen Gruß gebracht, haben sie es oder hat sie mich so ganz vergessen; fragen
möchte ich nicht. Herzlich grüße ich S sie so wie Deine lieben Kinder so wie
besonders meine geliebte Pathe.-
In Willisau sind jetzt 3 eigentl. Zöglinge aus dem Canton Waadt einge[-]
treten; es könnten die[se]n wohl auch andere folgen, so geht es auch dort gut.
Nochmals an alle die herzlichsten Grüße von Euern
FriedrichFröbel.