Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Burgdorf v. 10.9.1835 (Willisau)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Burgdorf v. 10.9.1835 (Willisau)
(BlM VII,1 Bl 9, Brieforiginal 1 Bl 8° 2 S., ed. Heerwart 1905, 140-142. Von anderer Hand Datum korrigiert: „Burgdorf“ durchgestrichen und durch „Willisau“ ersetzt)

Burgdorf Willisau am 10en Septbr 1835.·. /:Sonnabends:/


      Mein geliebtes Weib.

Wie kommt es daß ich heute auch nicht ein Wort von
Dir erhalte, ich hatte mich schon recht darauf gefreut und
nun erhalte ich so eben nur Langethals Zeilen; hattest Du
meinen und Middendorffs Brief noch nicht empfangen als
der von Langethal an mich abging?- Ich hätte dem erstern
gern ein besonderes freundliches Wort für seine herzliche
Theilnahme an der Mutter Lebensfest von Dir gebracht. Doch
es ist auch gut, daß er des Guten nicht zu viel auf einmal
bekommt, denn heute sind Brief[e] von Keilhau an ihn und
die beyden Geschwister angekommen, da ist denn sein Herz und
Gemüth so schon beschenkt genug. Ich weiß bis jetzt aus den
Briefen nur so viel, doch das wesentlichste daß nicht allein
die Reisenden ihre Reise glücklich und wohl beendigt haben,
sondern daß auch in Keilhau alles gesund ist. Am 24 Sptbr
sind sie von der Reise zurück gekehrt haben viele Orte z[.]B.
Clausthal und Osterode gesehen im letzteren Orte hat es ihnen
besonders gefallen und sie haben sich daselbst einen ganzen
Tag aufgehalten. In Anrode bey dem H. v. W. hat es ihnen
dagegen nicht gefallen. Barop hat daselbst einen unangenehmen
adlichen Geruch gefunden. Auch in Döllstädt sind sie gewesen.
Dieß Bruchstücke aus der ganzen Reise auf welcher sie, was
das beste war immer von schönem Wetter begleitet gewesen
sind.
Von hier weiß ich Dir dagegen nicht viel zu schreiben.
Der Regen hat uns immer im Hause gehalten und da ist denn
viel gearbeitet worden. Ich besonders bin in mir, aufgefor-
dert vom Leben für Gewinnung des Lebens sehr thätig gewesen
und ich glaube mit wesentlichem Erfolge. Mein Lebensziel
und Zweck wird mir immer klarer, bestimmter und enger
die Mittel zur Erreichung desselben einigen sich immer mehr
in meinem Gemüthe und Geist und Leben, sie können wurzel[n],
und wachsen immer mehr in meinem eigenen Herzen, und so /
[9R]
hoffe und erwart[e] ich noch einst gewisse Erreichung derselben
wenn wir auch in Beziehung auf das Äußere wann und
wo sich noch gar nichts bestimmtes zeigen will. Ich habe da
stets das Bild der klugen Jungfrauen vor Augen und im Herzen
immer mit hinlänglichem Öle, mit vollkommner Wachsamkeit,
klaren innern und äußern Augen, und ächter Freudigkeit zum
Folgen versehen zu seyn. Aber ein unwiderstehliches Gefühl oder
ein[e] unwillkürliche immer wiederkehrende Empfindung ich möchte
sagen spricht mir bestimmt aus: - "so kann es nicht bleiben, Willen
und Kraft, Gesinnung und That, Streben und Ausführung mühen sich ohne
genügend entsprechende Frucht ab.["]- Ich habe nur einen einzigen
Wunsch ein einziges Gebet: das Wahre und Beste klar einzusehen,
besonnen zu erfassen und und bestimmt auszuführen. Es muß doch in
Gottes Welt wo alles so klar und bestimmt, so gesetzmäßig und friedig
so folgsam und doch auch so freudig geschiehet, etwas, eine Handlungweise
geben welche wenigstens nicht mit dem Wollen und Streben einer
kleinen, der kleinsten Anzahl von Menschen, welche alle mit Selbst[-]
hingabe das Beste wollen - nicht in direkten, nicht in vernichtenden
und stöhrenden Widerspruch steht. Nur dieses ist es was ich mich zu
finden bemühe, denn ich bin nun einmal so vielseitig verkettet mein
Leben so vielseitig verschlungen; allein das menschlich Gute und mensch-
lich Wahre, das ächte rein menschheitliche Leben muß doch wahrlich
unter und aus guten und wahrhaft strebenden Menschen entkeimen!-
Doch des Lebensaufgabe kann nur vom Leben selbst gelöst werden.
Wilhelmine, Wilhelmine! möchten wir sie bey der Treue, mit welcher
wir sie fest halten bey der Redlichkeit u Aufrichtigkeit, mit welcher wir
es mit dem Leben meynen ohngeachtet aller, fast unbesiegbaren Hinder-
nisse lösen. Wie glückseelig würden wir in uns seyn, wie glücklich
und seelig würden wir so viele, viele machen!-
Am Mittwoch sind Frankenbergs von Ihrer [sc.: ihrer] Rigireise zurück, sie hatten
eigentlich schlechtes Wetter, doch war Luise froh und heiter. Im letzten
Viertel des Oktobers werden sie wohl abreisen.-
Dein Flachs, sagt Marie sey da. Morgen werde ich ihn wohl an Dich abschicken.
Ich werde wohl kaum vor heut über 8 Tage nach Burgdorf kommen, also
erwarte ich hier noch ein Briefchen von Dir, wenn Du nur gewiß nach Empfang
dieser Zeilen schreibst.
Du kannst Langethals Brief von diesem, wenn Du willst trennen und ihm
geben. An die Kinder wie Dir die herzlichsten Grüße von Deinem
Friedrich Fröbel