Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Burgdorf v. 5.10.1835 (Willisau)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Burgdorf v. 5.10.1835 (Willisau)
(BN 445, Bl 64-65, Brieforiginal 1 B 8° 3 ½ S. + Adresse)

Willisau am 5en Oktober 1835.


Mein theures Weib.

Du wirst Dich recht wundern noch bis jetzt keinen Brief
von mir erhalten zu haben; auch ich verwundere mich
recht darüber um so mehr als ich mir bey meiner
Abreise von Burgdorf bestimmt vorgesetzt hatte
Dir am verflossenen Sonnabend zu schreiben. Der
Grund davon wird Dir aber sobald klar werden als
ich Dir ausspreche daß kurz vor meiner Ankunft in
Willisau der längst erwartete Bruder der Geschwister
Frankenberg angekommen war; er Mittags von
Dagniersellen ich Nachmittags. Ich kam also sogleich
in ein sehr erregtes und munteres Leben, welches durch
mein zufälliges fast gleichzeitiges Eintreffen noch
erhöhet wurde; indem dieß gleich innere nähere Bezieh-
ungen herbey führte. Abends dieses Tages kehrte auch
Bärenbold, wie ich nachher hörte, sehr beruhigt und be-
friedigt von seinen Eltern zurück wodurch der rege
Lebensverkehr noch allgemeiner wurde. Sogleich Frey-
tags früh sollte wegen des sich günstig anlassenden
Wetters eine Bergparthie angetreten werden, welche
aber der trübe Morgen vernichtete; jedoch trat Fer-
dinand
sogleich, nachdem er mit einem Waadtländischen
Reisenden das Nöthige wegen Aufnahme des Sohnes
eines Freundes von diesem abgesprochen hatte eine
kleine Reise nach Hitzkirch an. Wir wollten uns im
Baade Knuttwyl zusammen finden; allein auch diese Verab- /
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redung wurde wegen sich immer mehr zutrübendem Himmel auf-
gegeben. Doch wurde Nachmittags ein allgemeiner Spaziergang
mit allen noch Anwesenden also den 3 Geschwistern Frankenberg
den 3 Fröbelsch. Verwandten (Elise Midd. u ich) Roda und Bärenbold
nach der Kastellen Burg angetreten. Die beyden Waadtlän-
dischen Zöglinge machten einen Besuch in Sursee. Der Himmel
begünstigte diesen Spaziergang ausnehmend; noch nie
sahe ich von Kastellen aus die ganze Aussicht welche die
Höhe von dort gewährt so vollständig wie dießmal. Wir
waren aber auch alle sehr heiter und als wir unter der
Dir bekannten Linde Kaffee tranken, wozu das Material vom
Hause mitgenommen worden war, und welchen Luise bey der
Dir bekannten Bäuerin (die durch einen Gruß von Dir sehr
beglückt wurde) selbst machte und dessen fröhlicher Genuß
noch durch so eben gewonnenes goldiges Scheibenhonig erhöht
wurde - da dachten wir und ich auch viel an Dich wie auch
wir uns einmal daselbst durch ein Ländliches Mal erfreut
hatten. Mit bekannten Gesängen kehrten wir zurück, wo wir
zwar die beyden Zöglinge allein den Ferdinand noch nicht antrafen.
Am Sonnabend hielt schlechtes Regen Wetter uns im Hause und
Zimmer fest. Gegen Mittag kehrte Audemars von seiner
Reise nach Zürich [zurück] und bald darauf auch Ferdinand wie-
der neue Erfahrungs[-] und Lebensmittheilungen [mitbringend]. Siehe
meine theure Frau so war die Stunde zum Briefaufgeben
überlebt worden.- Abends war wieder wie am ersten Abend, nach
vorher meiner Ankunft Musik; dem [sc.: denn] gleich am ersten Abend theilte
Roda und Elise alles Schöne uns mit womit sie am Prüfungs
Abend die zufriedenen Eltern erfreut hatten.-
Unerwartet wurde es gestern, Sonntags, mit dem ersten /
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Dämmerungsstrahl sehr klar, und so wurde ich früh am Morgen
durch AFrankenbergs Ruf an seine Schwester: "aufzustehen
und sich zur Reise nach der Rigi schnell fertig zu machen"
geweckt. Bald brachte dieser Ruf und Entschluß der 3 Gesch.
Frankenberg eine allgemeine Erregung herbey, denn sie wünsch-
ten sehr daß wenigstens Elise u Middendorff und auch wohl
ich die Reise theilen möchten. Doch der Stand der Kassen
der Einzelnen und die Schwäche der allgemeinen Kasse hinderte
die Ausführung dieses Wunsches; allein gegen 9 Uhr reiseten
die 3 Geschwister bey den schönsten Aussichten u Hoffnungen auf das
heiterste Wetter ab. Auch wir wollten den selten heitern
Tag, so schien er werden zu wollen, genießen und entschlossen
uns stehenden Fußes nach der Holderer Höhe und von da
nach Knuttwyl zu gehen. Allein nachdem wir uns des
selten klaren Spiegels des Mauensees von der Insel in
demselben aus recht innig erfreut hatten, trübte sich
der Himmel durch den schnell wiederkehrenden Nebel so
stark zu daß wir unsern Plan aufgeben mußten
nur noch der schönen Aussicht von Mariazell über dem Sem-
pacher See, bey Sursee nach Sempach, Wartensee, Pilatus
Rigi uns zu erfreuen war uns vergönnt; wir mußten
in Sursee gegen drohenden Regen Schutz suchen. Und so mach-
ten wir dort zugleich zwischen 2-3 Uhr in der goldenen Rose
Mittag.- Der Sohn des Hauses Herr Dr. Meyer unterhielt
uns sehr gütig durch Gesang u Guittarrspiel, welchen er noch,
da er allgemeiner wurde durch einige Flaschen rothen Weines
von der spanischen Grenze befeuerte. Das fröhliche Häuflein
der heitere Menschenkranz gefiel ihm und so ladete er uns
- der nun eingetretene starke Regen hatte das Leben in der Stube gar
traulich gemacht - ein, ihn in sein eigenes Haus zu begleiten und dort
Kaffee zu trinken. Gegen 6 gings dorthin. Das begonnene Kunst-
leben wurde fortgesetzt, mancherley Gedichte gelesen, Kunstblätter gesehen /
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endlich nach 7 Uhr rollte die Chaise der Eltern unsers freundlichen
Wirthes vor welche mit einem guten Roß bespannt Elisen mich
Herrn Audemars und den Zögling Casanchi um 9 Uhr wieder in
unser stilles Schloß brachten. Der Regen hatte größtentheils
aufgehört der Mond selbst einzelne Sterne waren durch das
dichte Gewölk hindurch gebrochen und so kamen die Übrigen durch
Güte unseres sorglichen Wirthes mit Regenschirmen sogar Mänteln
versehen auch bald nach uns in W. an. Das schönste von diesem
mir an innern und äußern Lebenserfahrungen reichen Tag war daß
alles ein frisches Gewächs unvorbereiteter Umstände, von
Umständen war an die Niemand dachte. Diese Mittheilung nun Dir
geliebte Wilhelmine zur Feyer des Lebensfestes unserer theueren
Mutter. Vielleicht bereiten unvorhergesehene Umstände derselben
auch noch einen so reichen u freundlichen Lebensabend; ihr mit uns gemeinsam.
Die herzlichen Grüße von hier. Middendorff erzählte heute früh daß er
von Dir geträumet habe und die Anwesenden über die Offenheit sich verwundert haben
die zwischen Euch gewaltet habe.- Heut weiß ich noch nichts bestimmtes über meine
Abreise. Herzliche Grüße an Langethals die Kinder u Titus von Deinem
FrFröbel.

[in der Mitte der Seite hochkant Anschrift:]
Frau Wilhelmine Fröbel,
in
       Burgdorf.
       Cant. Bern.]