Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Elise Fröbel in Willisau v. 18.10.1835 (Burgdorf)


F. an Elise Fröbel in Willisau v. 18.10.1835 (Burgdorf)
(Reinschrift Gumperda, nicht nachweisbar, ed. Nohl 1931/32, 400-402)

Ein klarer, lautrer Brunnen ist das ganze Leben dem, welcher durch
alle drängenden Wolken und Wellen des Lebensstromes die einige lautere
Quelle des Lebens gefunden hat.
       [Nohl: Der Briefbogen trägt wieder am Kopf ein Bild von Lauterbrunnen]


*


Burgdorf am Tage aller Deutschen / 18. X. / 1835.


Elise!

Werde ich noch Zeit haben Dir einige Lebensworte sagen zu können!
- Der Tag unserer Herreise, wurde den Umständen nach immer schöner
und schöner und befestigte sich zuletzt so, daß auf der Höhe zwischen
Wallringen und Burgdorf Fuß und Haupt der Jungfrau sich von Wolken
frey machte, wie ein klares Gemüthsleben lag vor uns was man von den
freyen Bergen sehen konnte. Endlich auf der Höhe über Burgdorf in der
Gegend von Heimeswyl trat die Sonne ganz klar unter und aus den
dunklen Wolken hervor, in welcher farbigen Herbstpracht lag da die
Gegend vor uns. Da wünschte mein Herz und Gemüthe recht, daß es sich
diesen herrlichen Anblickes mit Dir erfreuen möchte und erfreute sich
innig einig friedig und freudig desselben mit Dir. /
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Wie die Natur und Umgebung von Burgdorf uns erst so freundlich, und
da es dunkler wurde in der Nähe der Felsen so großartig begrüßte, so
begrüßte mich und uns alle unser häusliches Leben, alle waren traulich
in einer Stube durch das Licht versammelt und bald verkündigte mir die
Base, daß der Komet klar und deutlich am Himmel zu sehen sey.
Schon durch dieses Wort wurde mir eigen zu Muthe aber noch mehr bey
dessen Anblick. Nichts von einer Täuschung, nichts von einer gewissen
Leere welche man so häufig beym ersten Anblick großartiger Gegenstände
empfindet über welche vorher so viel gesprochen worden; alles voll-
kommen, die vollkommenste Befriedigung, Einklang, die reinste Seelen-
freude.
Ich hatte mich schon vor meiner Reise nach Willisau zwar ganz
still und ohne eigentlich mir auszusprechen aber um so tiefer und ge-
wisser darauf gefreut den Komet zuerst mit Dir in Willisau zu sehen;
da nun dieß mein stilles Hoffen mir nicht erfüllt worden war, so ergriff
mich gleich beym Anblick und Erkennen des Kometen eine wirklich tiefe
Sehnsucht nach Dir und dieß um so mehr, da ich einsehen mußte daß
wenn mein gleich Anfangs von mir gemachter Plan bis zum Sonnabend
Vormittags bey Euch in Willisau zu bleiben fest aus- und durchgeführt
worden wäre, meine so tiefe als gewisse Hoffnung auch in Erfüllung
gegangen und ich jetzt den Kometen mit Dir gesehen haben würde. Zwei
Wahrheiten mußte ich nun sogleich in dieser Lebensbegegnis lesen. Einmal
und zuerst, daß man sich durch keine zufällige Zwischenerscheinung an der
klaren und festen Aus- und Durchführung seines einmal bestimmt ge-
dachten Lebensplanes irre machen lassen soll: dann daß diese Zwischen-
erscheinungen oft kleine, oft nur unbedeutende Wortäußerungen sind
und doch ein ganzes Leben vernichten, d.h. dem Leben eine ganz neue
und ganz andere Wendung geben können, daß aber auch drittens diese
Lebenserscheinungen, diese Lebensäußerungen keineswegs so zufällig sind
als sie uns dünken. In dieser letzteren Beziehung mußte ich finden,
daß dieß jetzt zum drittenmal sey, wo durch unscheinbare, gleichsam
nur hingeworfene Aeußerungen tief erfassende und weitumgreifende Aende-
rungen in meinem Leben und durch dieß im Leben vieler, ja in einem
großen Lebensganzen bewirkt worden. Laß es mich versuchen, Dir kürzlich
anzudeuten. Du weißt ich lebe mein Leben in inniger Einigung mit der
Natur. Die Erscheinungen der Natur sind mir ein Heiligthum, mindestens
sind es mir die stillsten Lehrerinnen, die sinnigsten Erzieherinnen. Du
weißt ferner daß man die Kometen gleichsam in menschlichen Lebens-
zusammenhang setzt. Seit Jahr und Tag war ich darum auf die Erschei-
nung dieses Kometen, auf seine Einwirkung auf mein Inneres und auf /
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den Zustand meiner inneren Entwicklung und meines gesamten Lebens im
Moment seiner ersten Erscheinung für mich aufmerksam. Alles was ich
von dem Erscheinen des Kometen dem Wesen nach erwartete, der Form
nach aber nie erwarten, nie voraussehen, ja nicht einmal ahnen konnte,
hat es mir gegeben, es hat mir das Leben überhaupt und mein Leben ins-
besondere auf eine höhere Entwicklungsstufe erhoben, mir auf einer
höheren Stufe der Lebensansicht gezeigt, hier ist nicht von einer mysti-
schen nicht anschaulich im Leben nachweislichen, sondern von einer
wirklichen nachweislichen, also natürlich einsichtigen Fortentwicklung des
Lebens die Rede. Leider kann ich Dir jetzt nur die Tatsache andeuten,
bald schriftlich oder einst unter günstigen Lebensverhältnissen mündlich
mehr. Friede und Freudigkeit lebt in mir und um mich.
Diesen Lindenzweig lege an die Stelle des Dir in dem Lebensbuche
zurückgelassenen Lindenblattes, ich konnte beym Abgange in Willisau
keinen angemessenen, mit Lebensaugen finden.
Lebewohl Du Lebensauge, Lebenstreu schütze Dich
D.

   Fr. Fr.

Geschrieben im Lebensgedräng.