Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Elise Fröbel in Willisau v. 18.10.1835 (Burgdorf)


F. an Elise Fröbel in Willisau v. 18.10.1835 (Burgdorf)
(Reinschrift Gumperda, nicht nachweisbar, ed. Nohl 1931/32, 402-404. Mit dem „eingeschlossenen Brief“ ist wohl das Schreiben an Elise vom gleichen Tag gemeint. Beide Briefe bilden eine Einheit.)

Nimmer will die klare Jungfrau mich verlassen
Immer steht sie hehr vor meinem Blick,
Daß sich's Seelenaug' am Klaren, Reinen weide
Daß des Lebens Weg die Irrung, Dunkles meide',
Er mich sicher zu dem wahren Menschheitsziele leite:
Sich mir eigne hohes Menschheits- echtes Lebens Glück.
Nun Du Lebensklarheit laß Dich denn auch von dem klaren Seelenblick erfassen.

       [Nohl: Mit einem Bilde von Bern]

Burgdorf am Tage aller Deutschen / 18. X. 35 /

 *

Elise!

*    *
Heut Morgen drängten die Gäste zur Abreise, dazu kam unerwarteter
Besuch, dreymal mußte ich aus einem Zimmer in das andere flüchten,
so erhielt der schon an Dich eingeschlossene Brief den Ausdruck der
Störung welchen er an sich trägt. Früher im Leben hätte mich wohl dieses
mehr als trüben können, jetzt bin ich darüber ruhig, denn ich weiß
jetzt, daß das unvollkommen Dargestellte doch keine Macht hat über /
[403]
das klar Empfundene, wenn so vom Fremdartigen das Getrübte der Dar-
stellung kam.
Ich fahre nun fort wo ich heut am Morgen stehen blieb. – Der
Anblick des Kometen hatte mich sehr glücklich gemacht, wenn auch mein
Herz sogleich mit Sehnen erfüllt. Ich hatte ihn nicht so groß erwartet,
doch erschien er mir ganz als ein alter Bekannter, und ich erblickte
ihn so ruhigen Auges ins leuchtende Auge als habe ich ihn schon mehrmals
gesehen. Dadurch daß ich ihn, wie ich Dir heut früh andeutete, durch des
Lebens Störung getrennt von Dir sahe - wovon ich das Gegentheil ge-
wünscht hatte - that er mir das Ganze des Lebens, des Lebens Einigung
in reiner Klarheit und für eine Stufe kund, von welcher und für welche
ich es garnicht geahnet hatte und, wie mich so Lebensklarheit im Innern
erfüllte, so umfloß mich auch Lebensklarheit im Aeußern; denn er
lehrte mich des Lebens Natureinheit finden und festhalten, welche ich so
oft schon ersehnt und erstrebt hatte und welche mir ebenso oft durch
störende Lebensäußerung entrückt worden war. In hoher Klarheit und
tiefer Lebenswahrheit stand mir alles da was ich Dir jüngst ausgesprochen
hatte und besonders Dein so allseitig vermittelndes und einendes Leben
und Wirken welches ich Dir noch am letzteren Abend andeutete. Sage
wie konnte der Komet im schöneren Einklang stehen als er stand da wir
ihn gewiß gemeinsam wenn auch getrennt sahen, zwischen der Krone,
der Lyra und dem Schwane (rc) (Du kennst ja Herders herrliches Ge-
dicht an die Krone: Ariadne die Befreierin, siehe so sahe ich auch Dein
und unser Leben in hohem Lebenseinklang. Und nun siehe! gestern und
heute ist der Himmel wieder so trübe, daß hier nichts von ihm zu er-
blicken ist, damit er aber um so heller und herrlicher sein Wesen im
Innern kund thue. )
Sehr müde bin ich von des Tages Drängen und Treiben, ( es ist nahe
12 Uhr Nachts) daß ich Dir nur sehr unvollkommen andeuten konnte
was Dir mein Gemüth so gern aus dem innersten Leben mitgetheilt hätte.
Es wird ja wohl noch einmal aus demselben in frischen duftigen Blumen
aufblühen.
Jetzt schläfst Du wohl und sanft; ich freue mich, Gott segne und
schütze dich.
D. Fr. Fr.

Ariadnens Krone.
Unter den Sternen glänzt Ariadnens bräutliche Krone
Mit bescheidenem Glanz: ringsum von mächtigen Hütern
Tapfer bewacht, vom Hüter des Pols und dem Träger des Drachen
Und vom Herkules selbst, der der heiligen Krone das Knie beugt,
Ruhmbild deines Geschlechts! -Du winkst zu erhabenem Ruhme,
Und die Leyer tönet dir zu, und der himmlische Schwan singt. /
[404]
Als die Natur die Geschlechter schied, und jedem ein Loos gab.
Sprach sie dem Manne: "Sey ein Beschützer! Walte beglückend!
Dazu gab ich Gewalt dir und Muth !" - Der sanfteren Tochter
Schenkte die Mutter ein zarter Geschenk, den Faden der Klugheit,
Aus dem Labyrinthe den Mann zu leiten. Sie gab ihr
Still ihr eigenes Herz, ausdauernd liebende Großmuth.
"Dir vertrau' ich mein Heiliges an, die Keime der Schöpfung!"
Sprach sie "Deiner Pflege die kommende glückliche Nachwelt."
"Wie Atalanta schwebe zum Ziel hin über Gefahren!
Rastlos sei dein Werk, und bey dir stehe die Hoffnung !"
Als Pandora den Deckel hob und manche Gebilde
Ihr entflohen, erhaschte sie schnell die letzte, die schönste
Aller Gestalten: "Du bleibst mir treu, unabtrennlich von mir,
Hoffnung !“ Und sie blieb der Frauen unsterbliche Freundin.
Ehret die Frauen! ihr Nam' ist Befreyung. Anfang und Ende
Stehen in Einem Blick ihnen da! Auch Wege zum Ausgang.
Rettend schauet ihr Blick, wo dem Helden selbst das Gemüth brach
Weihend zum Opfer sich, des Ausgangs glückliche Beute.
Schaut Ariadnens Krone, ihr Retterinnen, und reichet,
Reichet den Faden der labyrinthverirreten Menschheit!
Sinnt und erziehet: Ihr könnt es allein, die glückliche Nachwelt!