Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Allwina Middendorff in Keilhau v. 29.10.1835 (oder etwas früher) ( Burgdorf)


F. an Allwina Middendorff in Keilhau v. 29.10.1835 (oder etwas früher) ( Burgdorf)
(KN 52,10, undat. Reinschriftfragment 1 B 4° 2 ½ S. +Adr. Der Anfang fehlt, nur der Schlussbogen ist erhalten. Großteil ed. Hoffmann 1952, 199-201. Datierung aufgrund des Poststempels: 29.10.1835 oder 1-2 Tage früher.)

Freudigkeit über Gottes Nähe und Daseyn in allem was wir schauen, über Gottes Nähe und Gottes Leben in
unserm eignem Herzen und Gemüthe; denn überall wo Du Seelenfreude und Herzensleben findest, ist es
das Eine Gottesleben, das Eine Leben nur aus Gott. Du, meine Pathe! kannst Dir dieß wieder an Deinem
Leben und durch Dein eigenes Leben klar machen. Siehe wenn Du ein Briefchen schreibst an Deinem [sc.: Deinen]
Vater oder an mich, ist nicht Deine ganze Liebe und Dein ganzes Leben in dem Briefe? - wenn Du
irgend Jemanden der Deinen aus freyem Antriebe, aus eignem, freyen Willen eine Zeichnung oder
sonst irgend Etwas machst, ist nicht wieder Deine ganze Liebe, Dein ganzes Leben, Deine ganze
Lust und Freude in der Zeichnung in der Arbeit, genug Dein ganzes Wesen wie Du eben warest
als Du den Gegenstand fertigtest?- Siehe, wenn ich bey Tisch Dein Band vom Tellertuche ziehe oder
wieder darum knüpfe, so leuchtet Deine Liebe, Deine Lust und Deine Freude mit welcher Du mir
es gemacht hast aus demselben hervor; und habe ich, fühle ich nicht Recht. Selbst wenn Dein
kleiner Bruder Wilhelm etwas nur mit verworrenen Strichen an seinen Vater schreibt so
ist sein ganzes Leben und Sehnen darinn und er glaubt, ja er fordert, daß sein Vater es dar-
inne finden und lesen soll. Nun so und noch weit vollkommner ist Gottes Lieben und Gottes
Leben in allem und leuchtet uns aus allem was er geschaffen hat hervor; es umschlingt Dich
und uns dadurch ein ewiges Gottesband, ein im Herzen wahrnehmbares einiges Lebensband, ein
im Gemüthe fühlbares einiges Friedensband; wir haben nur unsere innern, unsere Seelenaugen
zu öffnen um es zu finden, zu verstehen darinn zu lesen. Dieses Band nun welches Gott
durch tausend fliegende und singende Vögel weben ließ und stets noch weben läßt
von Tausenden schöner bunter Schmetterlinge und stillen sinnigen Blumen sticken ließ und noch läßt
von den Farben der klaren Thautropfen und des hohen Friedensbogens durchglänzen ließ und noch läßt
dieses Band welches viele gute Menschen mit Engelssinn bewahren und offenbaren
ja welches Gott selbst seinen lieben Menschen in ihrem eignen Herzen finden macht und finden läßt;
dieses Band des innern, innigen Lebenszusammenhanges, des hohen innigen Lebenseinklanges
was das äußerlich Getrennte und Verschiedene innerlich eint, dieses Band war und ist es was ich -
zum Dank für Dein schönes, von Deiner Liebe mir gefertigtes und gesandte[s] Band - Dir zu
Deinem Geburtsfeste schicken wollte, Dich selbst finden lassen wollte, damit es, wie ich schon aus[-]
sprach Dir und uns allen ein bleibendes Lebensfest werde, und sey.
Leben! Leben! Leben!
Was kann freud'ger uns're Brust erheben,
Was kann Schön'res unser Herz erstreben,
Und was könnte darum ein Geburtsfest Höh'res geben
Als die frohe Kunde
Aus der Liebe Munde:
Um uns, in uns lebt ein unvergänglich Gottesleben!-
Macht uns allen Guten, selbst den Engeln, ja selbst Gott verwandt
Dieses Lebensband
Pflegen wir nur Klarheit,
Lieben wir nur Wahrheit.
* /
[1R]
Allwina! wenn Du diesen Brief mit seinen vielen Worten nicht gleich überschauen kannst, so laß
Dich das nicht schrecken; siehe der liebe Gott gibt uns auch ganze Wiesen voll Blumen, und wir
pflücken uns oder lassen uns doch nur einige davon pflücken die uns verwandt sind; so pflücke Dir,
oder laß Dir auch erst nur ein Blümchen aus dem ganzen Briefe für Dein Herz und an Dein Herz
pflücken; es wird Dir schon Jemand Deine Bitte darum erfüllen; und ich danke ihm dann so herz-
lich wie Du. Auch lasse Dir, wenn Du in diesem Briefe nicht gleich alles verstehst, nicht bang seyn;
Dein Bruder Wilhelm schreibt auch an den Vater und dieser versteht auch nicht gleich alles, aber
je öfter er das Briefchen ansiehet oder lieset, je besser versteht er es. Oft helfen ihm auch Andere
dazu, so lasse auch Dir zum Verständniß dieses Briefes durch Andere helfen. Auch ich selbst
liebe Allwina! habe nicht gleich auf den ersten Blick all das Liebe, Freundliche und Gute ver[-]
standen welches Du mir alles in Dein schönes Band eingenähet hast; allein wenn ich es wie[-]
derkehrend still betrachte, so lese ich immer mehr darinn, zuletzt sehe ich Dich ganz dicht bey
mir, fühle Dich an meinem Herzen, Deine Liebe im Herzen und sage leis: "Dank Dir Pathe!"
Siehe, der liebe Gott unser guter Vater spricht auch alle Jahr durch die vielen schönen, klaren
Blumen, durch die vielen singenden, zwitschernden und flötenden Vögel, durch flimmernde
Schneesterne und wer mag alles nennen und zählen durch was alles er so lieblich zu uns spricht.
Allein weil wir es, so klar und einfach es auch geschrieben, ja man möchte sagen für ein Kind
verständlich gezeichnet und gemalt ist, dennoch nicht gleich verstehen, so sendet Gott all
dieß Schöne väterlich alle Jahre wieder zu uns. So nun mein Kind, wenn Du auch
diese Zeilen nicht ganz, ja viel davon vielleicht gar nicht verstehest, so lies auch sie an
künftigen Lebensfesten wieder, wenn ich Dir zu denselben vielleicht kein Wörtchen mehr
schreiben könnte, Du wirst dann immer mehr wenn auch nicht im Briefe, sondern in Dir
reger und bestimmter das Lebens- und Seelenband finden und erkennen, welches die
Menschen mit Gott als Kinder Gottes, die Menschen unter sich als Geschwister der
einen Gottesfamilie und die Menschen mit allen Geschöpfen als durch ein Gottesleben
in einem Gotteshaus daseyend - verknüpft und verbindet; Du wirst dann in Dir
das Seelenband finden und, es gefunden habend, treu und sorglich pflegen, welches Dich
mit Deinem und unser aller Gott, mit Deinen Eltern und Geschwistern, mit all denen
die Du liebst und die Dich lieben, mit dem Blümchen und mit dem Thau mit den Sternen
am Himmelsgewölbe und auf der Erdfläche zu Einem Leben verknüpft, was Dich mit
der Erde und dem Himmel zu Einem Gottesleben und Dich mit allen den lieben Deinen,
die ich herzlichst grüße, und mit mir, Deinem treuen Pathen und Großoheime,
zu reinem Menschenleben vereinet.
     Friedrich Fröbel.
Auch die Pathe wünscht Dir
viele Freude zu Deinem Geburtstage. /

[2]
[Lithographie Burgdorfs mit gedruckter Unterschrift "Burgdorf." und
Ergänzung von Fröbels Hand: "Gegen Norden gesehen"]
[In die Lithographie sind die Ziffern 1-7 eingetragen, um das Bild ist eine Legende von Fröbels Hand herumgeschrieben:]
1. 1. das Juragebirge.
2, das Waisenhaus, von welchem aus man gerad auf die Hochalpen im Berneroberlande, die Jungfrau, den Mönch, die Eiger Finsteraarhorn, Schreckhorn die Wetterhörner rc. siehet.
3. Ein öffentlicher Spaziergang mit Kastanienbäumen bepflanzt, gerad dem Waisenhause gegenüber und mit derselben Aussicht wie aus demselben.
4. das Zähring-Kyburgsche Schloß auf welchem im Sommer 1834 und 1835 die Schullehrer unterrichtet wurden
5. Der Rittersaal in welchem ich immer lehrte.
6. Die Linde unter welcher ich bey schönem Wetter frühstückte
7. Bedeckte Halle wo ich bey weniger schönem Wetter mein Frühstück nahm
Von dem ganzen Schlosse hat man die Aussicht auf die <Hochalp[en] / Hufalg> /
[2R]
[Adresse mit Poststempel Burgdorf 29.10.1835:]
An
Allwina Middendorff
      in
Keilhau,
   bey Rudolstadt in Thüringen.