Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 18.11./19.11.1835 (Burgdorf)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 18.11./19.11.1835 (Burgdorf)
(KN 52,12, Brieforiginal 1 B 8° 4 S. + KN 52,13 1 Zettel 2 S., mehrfach zit./tw. ed., vgl. Heiland 1982, Nr.349. - Die beiden Teile des Briefs werden in Briefliste Nr.673+674 und in KN irrig als zwei verschiedene Stücke angesehen. Der Text v. 19.11. ist aber mit Sicherheit eine Nachschrift zum Briefteil v. 18.11.1835, die in den Bogen eingelegt wurde. – Dem Brief zugehörig sind zwei Dokumente: „Des Pathchens Spielliedchen“; F.s Gedichtbrief an die kleine Gertrud Barop für ihren Vater [KN 52,17] und „Dem kleinen Wilhelm zum Geburtstage seines Oheims“/“Das Nähkästchen zu meiner lieben Pathe Allwina“; F.s Gedichtbrief für Middendorffs Kinder Allwine und Wilhelm zu Barops Geburtstag [KN 52,16]. – Mglw. hat F. neben seinem Gedichtbrief auch diese beiden Gedichtbriefe zu Barops Geburtstag Frankenberg auf dessen Reise nach Keilhau mitgegeben.)

Burgdorf am 18en November 1835.·.


       Grüße Dich Gott Barop,
und durch Dich grüßen wir alle Deine und unsere Lieben.

So eben komme ich von der Post wohin ich ein Päcktchen gebracht habe,
von welchem ich hoffe daß es noch zum 29en d. M. bey Euch ankommen
wird, wenigstens machte mir der Posthalter gute Hoffnung dazu. Ich hätte
es gern viel früher abgesandt und schon heut vor 8 Tagen; allein da kamen
die 3 Geschwister Frankenberg und so wenig ich mich auch an der Ausführ-
ung des vorgenommenen Werkes hindern ließ, so griff doch ihre Gegenwart
aus mehrfachen Gründen sehr zerstreuend in mein Leben ein. Sie kamen um
Abschied zu nehmen indem sie gegen Ende dieser Woche wirklich von Willisau
ab, und über München und Keilhau nach Hause reisen wollen. Anfangs
künftigen Monats könnet Ihr sie also immer erwarten. Vielleicht sprechen
sie sich auch gegen Euch darüber mißbilligend aus daß ich während ihres
hierseyn so viel an meine Arbeitsstube und an meinen Arbeitstisch gehef-
tet war; dann zeige ihnen wie ich bey einem klar und bestimmt vor Augen
gehabten Ziele gar nicht anders hätte handeln können, wie die begründen[-]
de Thätigkeit, des [sc.: die] Pflege des inneren Lebens mir immer das Wichtigste
sey und Du wolltest ihnen nun das Leben vorführen welches ich während ihrem
Hierseyn in mir gelebt hätte, da würden sie denn sehen, daß ich - wenn
mich anders verstanden - auch viel nicht allein mit ihnen sondern sogar für
sie mit gelebt hätte
. Ich hoffe daß bis zu ihrer Ankunft Dir dazu die Mittel
vorliegen werde[n]. Ohngeachtet ich mich also so wenig als möglich in der
Ausführung des mir Vorgesetzten stören ließ so konnte ich bis zum heu-
tigen doch nur schwierig zu Ende kommen und wollte ich nicht wieder
einen Posttag versäumen, so mußte ich mich entschließen daß Ganze,
mit mancher kleinen Unvollständigkeit abzuschicken, Deinem mit mir
einigen Geiste vertrauend, daß er alles zu einem schönen mindestens ab-
hängig vom Stoffe zu einem lebenvollen Ganzen benutzen werde. Der Grund[-]
gedanke war: es sollte am 29en alle die Deinen sich gegenseitig Freude
machen; ich konnte es aber in Beziehung auf den anknüpfenden Stoff
aus mehreren Gründen nur sehr unvollkommen ausführen. Ich konnte
keinen mir genügenden Stoff, indem besonders zuletzt die Zeit drängte, auf-
finden, darum Barop, lasse Du den Geist wirken; ich wollte ihn vom Stoffe nicht
erdrücken lassen. Jesus sagte zu den Seinen: lasset Euer Licht leuchten, ich sage
Euch lebet Euer Leben und lasset es andern, wenn sie wollen mit Euch leben
aber ohne das Leben der Anderen stöhrend, trübend in das Eure eingreifen zu lassen. /
[1R]
Ich habe in den jüngsten Wochen eine sehr merkwürdige Zeit verlebt, in meinem
und somit in unserem oder wenn Du lieber willst in unserem und somit in
meinem Leben bereitet sich tief still und fast unbemerkbar eine große Ver[-]
änderung vor. Ich wußte es mit dem Beginne dieses Jahres und im vorigen
schon; es ist mir dieß auf das höchste merkwürdig, jetzt kann ich jedoch davon
auch gar nichts sagen als: - "Das Leben bedarf im größten Umfang
wie in den kleinsten und nächsten Umgebungen und Erscheinungen
der allersorgsamsten Pflege
.["] Willst Du es im Bilde sehen: wenn ich
mein Leben, unser Leben als ein innig einiges in vielen Häuten und
Rinden, Schaalen eingeschlossenes Saamenkorn oder Ei anschaue
so ist in unserem Leben, in meinem Leben jetzt so ein stilles Regen und
leises Bilden als im Frühling im keimenden Saamenkorn oder in dem
bebrütet werdenden Eie statt finden muß; Laßt uns ja den eifrig
brütenden Vogelmüttern, dem still und verborgen keimenden Saamenkorn
gleichen.-
Die Geschwister Frankenberg werden Euch und besonders Dir vielleicht un-
erwartete aber um so mehr zu prüfende Mittheilungen machen, -
wenn sich anders bis zu ihres Ankunft bey Euch alles dazu so
klar und bestimmt als nötig ist entwickelt hat.- Das Einzelne
ist gleichgültig, der Charakter, der Geist ist die Hauptsache und diesen
kann ich Dir bestimmt aussprechen: der Geist des Ganzen ist Lebens-
anziehung, der Zweck des Ganzen ist Lebensverknüpfung; vieles
vielleicht alles liegt vorbereitet da nur handelt es sich nach meiner
Ansicht um die Entscheidung der höchst, der einzig wichtigen

Lebensthatsache:
Ob der Stoff, das Äußere, ob diese den Geist das Innere anziehen,
an sich ziehen und zersetzen oder
der Geist, das Innere, ob dieser den Stoff, das Äußere anzieht
an sich ziehet zersetzet und zu einem höheren edleren Lebensgebilde
gestaltet.
Mir ist die Frage längst entschieden und ich sehe sie alle Tage 2 mal
wenn ich Kaffe[e] trinke oder Thee gelöset: selbstständig und frey
strahlend das Sonnenlicht und Sonnenbild in sich aufnehmend und
ersteres in seine Farben theilend erscheint die perlende Kugel
in der Mitte der Tasse, immer schöner zu einem größeren Ganzen
sich einend bis sich endlich das Ganze von der Gewalt des
umgebenden Randes (= der umgebenden Welt) anziehen und
- im Nichts auflösen läßt. Seyen wir jetzt stark einig und
treu, endlich ist wieder, nach einem Jahrzehend wieder der entscheidende /
[2]
Lebensaugenblick gekommen den ich so lange ersehnt habe. Wirke nach
all Deinen Kräften dahin daß endlich die innere Lebensansicht sich her[-]
vor und ausbilde und die Herrschaft bekomme. Alles was äußerlich
geschiehet ist nur Gefäß des Geistes, wie die eckigen Buchstaben Ge-
häus des Geistes sind; wie man nun nicht an der Form der Buch-
staben klebt sondern den Geist den sie aussprechen zu erfassen sucht;
so läßt uns auch, uns nicht nur an die Form der äußere Erschein[ung]
im Leben <stoßen>, auf ihnen nur haften, an ihnen formen, sondern
ihren Geist zu erfassen suchen. Ich, habe keine Wahl!
Ernst Frankenberg trägt zu uns allen großes Vertrauen in sich; er sprach daß
bestimmt aus, er sprach bestimmt aus daß er zu Dir und mir gleiches Vertrauen
habe; er kommt mit großem Vertrauen zu Dir nach Keilhau; er sucht nach seinen
Worten geistige Hülfe Unterstützung für seine Zwecke; er sagte er sey um diese
Hülfe zu finden hierher gekommen; erreiche er hier nicht was er suche werde er zu Dir
gehen und fände erlange er es von Dir und bey Dir nicht werde er so lange weiter
gehen bis er es fände. Sein Zweck ist der jetzigen nun mehr schon, wenn auch nur in
Einzelnen erreichten Menschheitsstufe nicht mehr angemessen; es ist ein
äußerer, besonderer beschränkter, kein allgemeiner Menschheitszweck, er kann
- sich selbst täuschend - als letzter aufgefaßt nicht mehr erreicht
werden. Frankenberg legt großen Werth auf die schon besitzenden
oder daseyenden äußeren Mittel und fordert noch größere um zu
erreichen wonach er strebt; er glaubt der Besitz äußerer Mittel
mache es und der Geist käme nur als ein nothwendig zweytes hinzu
wie z.B. beym Glockengießen die äußere Form. Er muß fühlen
und einsehen lernen daß der Geist es ist der sich alle Mittel selbst
schaf[f]t, sie und er hätten den Beweis in der Hand wenn sie sehen wollten;
denn wenn sie sie sich nun an uns anschließen oder mit uns vereinen
ist es da nicht unser Geist der sich durch sich und aus sich die Mittel schaf[f]t
d.i. der reine Geist der Menschheit den wir zu erfassen und nachzu-
leben streben, welcher es wirkt.- Ich habe ihm gesagt zu etwas Halbem gäbe weder ich noch je[-]
mand von uns auch nicht einmal Beystimmung geschweige persönliche
Hülfe und sey sie noch so untergeordnet her (:er deutete darauf hin:) denn
zuletzt käme es doch, müßte was geschiehe doch unsern Namen tragen.
Ich sagte ihm Du würdest zu ihm sprechen wie ich.- Die große Lebensthat-
sache muß wieder erscheinen, daß der Geist, der Geist der Mensch-
heit, der Geist Gottes, der Geist Gottes im Kleinsten im Kinde, in der
Familie das den einzelnen Menschen wie Staaten u Völker Erhebende ist.
Zeige Frankenberg besonders dem Ernst die große Wichtigkeit und Wirk-
samkeit des reinen Familienlebens in aller Kraft und Größe mit welcher
es Dir nur immer möglich ist, mit allen Mitteln welche Du dazu in Händen hast.- /
[2R]
Frankenbergs gedenken 8-14 Tage bey Euch zu bleiben, was ich auch wenn
es sonst Eure Verhältnisse erlauben für sie wie für einen allgemeinen
menschheitlichen Zweck wesentlich halte, denn die Frankenbergische Familie ist
in zwey oder drey Beziehungen höchst achtbar ja ich möchte sagen sehr beachtbar
erstlich wegen ihrer hohen Geschwister[-] und Familienliebe, zweytens wegen ihrem
treuen Anhangen an Krauses Wollen und Wirken, welches freylich nach meinem
Dafürhalten ein nur von Außen bauen wollendes ist. Krause bestimmt die Form
ihres Handeln und darum durch das Bauende, Machende, Bindende, gehören sie der
veralteten Zeit, drittens sind sie achtbar wegen der Festhaltungen eines allgemei-
neren erziehenden Lebenszweckes.- Auch von Willisau werdet Ihr merkwürdige
aber einende und einigende Nachrichten hören. Middendorff schreibt mir soeben: - Jetzt
erst tritt meine Wirksamkeit in Willisau in ihre Kraft. Barops Brief
kam gerade zur richtigen Zeit (:Auch ich habe mich über diesen Brief in Beziehung
auf die Kinder sehr gefreut:) den 29en November werden wir wie ich hoffe hier
in Burgdorf - in Willisau und im Keilhau zugleich und auf gleiche Weise feyern.
In Beziehung auf das Euch heute durch die Post übersandte bemerke ich blos
daß die schriftlichen Mittheilungen in der Folge liegen wie ich glaube daß da
ein allgemeinerer Gebrauch gemacht werden kann. Die Mittheilung an Frankenberg
macht auf jeden Fall den Beschluß. Ich erlaube mir dieses aus zwey Rücksichten zu schrei-
ben einmal weil ich wünsche daß ihr den 29n mit dem Bewußtseyn feyert alle 3 Orte
feyern ihn; zweytens weil es vielleicht spät am 29' ankommt und [Du] Dir nicht erst eine all-
gemeinere Übersicht verschaffen kannst.- Nächstens mehr. Jetzt noch die herzinnigsten
Grüße von allen. Besonders von meiner Frau. Ihr Herz ist immer bey Euch. Dein Euer
FrFröbel.

[Ränder 2V/1R/1V]
Hier in der Schweiz besonders auch im hiesigen Kanton herrscht ungemeine Stöhrung in allen Geschäften; als kleines Pröbchen mag Dir nur
dienen daß weder Langethal noch ich noch sonst einer der Lehrer eine Vergütigung wegen des Kurses erhalten hat.- Seht so treten
auf eine wirklich merkwürdige Weise alle äußeren Mittel, selbst die treu erarbeiteten - bedenke dieß - helfend
zurück: nur das Vertrauen und die höchste Selbstvollendung bleibt. Ich sage es nicht die Erscheinungen des Lebens reden es.-
[Rand 2R]
Das Packet wollte ich frey machen; allein der Posthalter konnte es höchstens Bis Basel thun.
[Rand, erst nach Falten des Bogens geschrieben, mglw. erst nach Versiegelung, dann v. 19.11.1835:]
Unser Leben, als ein Inneres, kann nur wir[-]
ken, wenn es sich im klaren, bestimmten Ge-
gensatze mit dem äußeren Leben
fest und bewußt, selbstständig ausbildet.-
[Adresse hochkant:]
Herrn
Johannes Arnold Barop,
Erzieher,
in
Keilhau
bey Rudolstadt in Thüringen /

Briefteil v. 19.11.1835

(KN 52,13)

Am 19en November.

Heut früh sind Nachrichten aus Berlin vom 12en d. M. eingetroffen.
Mit der Gesundheit der lieben Mutter, welche aber vorher wieder eine
ernste Prüfung überstanden hatte geht es jetzt Gott sey Dank! ganz gut.
Sie wünschen und hoffen daß die Tochter und Nichte sie im künftigen
Frühjahr besuchen werde. Da ich ihnen beyden eine allgemeine Übersicht
des Standes der 3 erziehenden Orte K. W. u B. gegeben hatte, so spricht der
Brief aus daß dieser Stand der Mutter sehr zur Beruhigung diene.
Es würde mich sehr freuen, ja glücklich machen wenn Du Barop Zeit
und Veranlassung fändest ihnen irgend ein Paar freundliche Worte
zu schreiben und ihnen so das in[n]ere Wesen und den Geist, des unseres
Lebens durch Eltern Glück so nahe als möglich brächtest. Um so immer
mehr so viel nur möglich allseitig in unserm Kreis Lebenseinigung zu bewirken.- /
[1R]
Middendorff hat sich frey aus sich zum Geburtstag der Mutter
veranlaßt gefunden ihr durch die Tochter ein Paar freundliche
Worte zu schreiben.- Sie lassen beyde aus Berlin alle und jeden
einzeln, Ferdinand und Elise eingeschlossen, namentlich freund-
lichst grüßen.- Alle Erscheinungen und auch dieser Brief - mit dem
gestern aus Willisau erhaltenen spricht mir bestimmt die her-
annahende zunächst <innerl[ich]> volle Lebenseinigung aus.-
Nur die sorglichste Pflege. Ich habe heut früh auch mit Ernestine ge-
sproche[n], sie ist wie ihr Mann Langethal ganz in das Leben ein-, ja in
demselben aufgehend. Langethal lebt sehr schön und treu mit den
Kindern; da wir einen Flügel haben so übt er sich jetzt sehr auf dem-
selben.- Von Titus welcher in der Nähe ½ wöchentlicher Hauslehrer ist nächstens[.]
Gott mit Dir und Euch.