Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Middendorff jr./ Allwine Middendorff in Keilhau [zum 29.11.] v. <18.> 11.1835 ( Burgdorf)


F. an Wilhelm Middendorff jr./ Allwine Middendorff in Keilhau [zum 29.11.] v. <18.> 11.1835 ( Burgdorf)
(KN 52,16, Bl 1-3R, 6-9 Brieforiginal, 1 B 4° + ½ B 4° + 1 B 4° + ½ Bl 4° S.1 mit Lithographie Stadtansicht Bern, Diese Geschenksendung hat F. wohl Frankenberg auf die Reise nach Keilhau mitgegeben.)

Dem kleinen Wilhelm
Zum Geburtstage seines Oheims
JABarop
Am 29en Tage im Monat des Vertrauens
18 29 35
XI
*
*    *
„Such’ doch ein[’]ge Blümchen noch zu finden
“Sie mit frischem Grün in einen Kranz zu winden;
“Oheim Barop komm es dann zu reichen,
“Zum Geburtstag Ihm als Liebeszeichen.“ -
Wer viel Liebes und Gutes stets so wie Er um sich her spendet;        5
Dem sich auch das Herz mit Dank und Liebe gern zu wendet;
Und so denk ich auch mit Lieb’ und Dank heut gerne Deiner, Knabe!
Dem ich gleich mit der Geburt so vieles Liebe, Gute zu verdanken habe. –
Dein Erscheinen in der Welt
Hat sie mir ganz neu erhellt;        10.
[Fußnote*-*][*] Mit einem Legespiel. Das Bild eines in lauter Gedritte zertheilten Domes durch Zusammenfügen wieder herzustellen[*] /
[1R]
Du hat neues, höhres Leben mir gebracht
Neues Licht durch Dich mir stieg herauf aus dunkler Nacht,
Alte Liebe fühlte ich im Herzen jung erwacht;
Diese neue, höhre Lebenssonne
Ließ mich fühlen eines neuen, höhern Daseyns Wonne.        15
Noch hast Du von All’ dem nichts empfunden,
Dennoch machtest, kaum erschienen, schon manch banges Herze Du gesunden:
Wie Du tratst ins Leben
Schütztest Du schon Leben;
Kamst ein schwaches Kindlein an        20.
Wirktest dennoch schon als Mann;
Ließest rein vom Leben Dich nur leiten
Leben, Licht und Liebe zu verbreiten.
Zeigtest, ließest fühlen uns des Lebens höchsten, wahren Werth,
Wie’s des Lebens Vater, der Alllebende Dich selbst gelehrt;        25.
Ließest fühlen, schauen uns des Lebens wahres Wesen,
Daß wir alle auch zu höherm Menschendaseyn möchten wie ein Kind genesen. -
   „Menschheitleben“, was Dein Kommen mir wie einem Lebensquell
Klar und völlig auf geschlossen,
Hat sich nun seit Deinem Daseyn immer rein und hell        30
Mir durch meinen ganzen Lebensbaum ergossen.
Alles was ich sah mit Deinem Kommen tief in dem Gemüth sich mir enthüllen,
Alles will sich mir im Leben schön erfüllen: - /
[2]
Erd und Himmel werden wieder als ein innig Einiges genannt,
In den Menschen werden freudig Gottes Kinder anerkannt. -        35.
Darum denk ich Deiner Knabe! stets mit hoher Seelenlust,
Dank erfüllt mir stets die hocherfreute Brust,
Wenn Du auch noch gar nicht wissen kannst was Du mir hast gebracht
Wird doch Deiner stets von mir mit Lieb und Dank gedacht.
Knabe! Jüngling! Mann! Vergiß es nie!        40
Auch schon das Erscheinen
Von dem Klaren Reinen
Ist schon Vielen nütze,
Ist ein Stab und Stütze
Allen, welche drückt des Lebens Müh.        45.
Wenn nun schon in seinem stillen Ruhn
Kann ein Kind so wirken, schaffen, so entfalten;
Welches reiche, lebenvolle Thun
Muß entblüh’n des Mannes klarem, reifen Walten? –
Möchtest Du nun – da Dein Vater seegnend wandelt in Dir fernen Gauen        50.
(denn er will Dir einst in vielen reifen Früchten solches Mannesleben lassen schauen)
Möchtest Du nun einen solchen Mann gern wirken, gerne nahe sehen:
Mußt mit Deines VatersVater, oder mußt zum Oheim Barop gehen;
Möchtest solches Leben Du in Dir als Knabe schon empfinden.
Laß der Männer, Deines Vaters, VatersVaters Deines Oheims Barops Leben Dir verkünden        55.
Möchtest Du im Leben gern Dir manchen Mann zum Vorbild wählen:
Laß von Deines Vaters, VatersVaters Leben, Laß vom Leben Oheim Barops Dir erzählen:
Sieh! Sie handelten, er handelte wie Du in Lieb und Treue
Machte so wie Du durch Lieb und Leben, Lieb und Leben neue
Suchte Gottes seines Vaters Willen,        60.
Den ihm sein Gemüthe leis doch klar entdeckte,
Treulich zu erfüllen, /
[2R]
Wie ihn Vieles, selbst ihm Werthes auch davon abschreckte. -
Aber was er that das sucht er, wie er’s lebte, fühlte, auch im Geiste zu erschauen
Handelte mit klarem Wissen; aber ganz vor All’n in tiefen, festen Gottvertrauen        65.
     Dieses Oheims Lebensfest ist heute,
Geh zu Ihm, dem Lebenspfleger, sage Ihm zur Freude: -
“Sieh, der Vater ist jetzt gar zu ferne
“Wollte aber gerne
“Daß ich würde brav wie Er und Du;        70.
“Lieber Oheim! hilf mir doch dazu:
“Ich kann jetzt nur, mir noch unbewußt
“Gottesleben lassen in mir leben;
“Doch Du kannst durch Deine Mannesbrust
“Ächten Schutz ihm, ächte Pfleg und Nahrung geben        75.
““Und mir so fürs Leben: einig stets mit Gotte unser aller Vater
“Seyn ein starker Hort, ein treuer Rather;
“Kannst mir gute Lehren geben, Bist erfahren, Will sie hören        80.
“Will gar gern nach ihnen leben, Sie bewahren, Sinnlichkeit soll mich nicht thören.
“Auch mein lieber Pathe ist ja wo die klaren lichten Sterne blinken;
“Seine Augen, seine Blicke seh ich, fühl ich wohl schon auf mich sinken        85.
“Aber ich kann seine leise Engelssprache noch nicht hören,
“Kannst Du mich denn nicht ein Wenig davon lehren? -
“Könntest Du mir doch ein Wörtchen davon deuten,
“Möchte auch gar zu gerne mit dem Pathen, mit dem reinen holden Bruder fühlen Himmelsfreuden! -
“Lehre mich, wie alle sie, im stillen festen Gottvertrauen        90.
“Auch als Knabe und mit Kleinem schon am großen Gottesdome bauen,
„Dessen Beginnen das Kleinste begrüßt“
Dessen Vollendung das Kleinste beschließt.“
Diese Seelenbitte sprich dem Oheim Barop heute aus
Sey’s im Kleinen Kranze, sey’s im Blumenstrauß;        95.
Denn er sieht mit Lust,
Zeigt sich hoher Sinn schon in des Knaben Brust!
* D *
FrFr
* /
[3]
Wilhelm
zu seinem Oheim Barop
bey Überbringung seines
Legespieles
am 29en November 1835.
Oheim Barop! lehr’ doch einen hohen Dom mich bauen;
Soll darinn ja gar viel Schönes, Liebes seyn zu schauen;
Soll des tüchtgen Knaben Sinn
Früh schon führen zu dem Höchsten hin;
Möchte gern ein guter Knabe werden
Damit immer gute Kinder wandeln auf des guten Vaters schöner Erden. /
[3R]
vakat
[4]
Das Nähkästchen
zu meiner lieben Pathe
Allwina
am 1en Tage im Monat des Vertrauens
18 29 35.
XI
Zeichnung [Zweig mit Blättern und
          Blüten]
Wohl dem Kinde, dem Mädchen, der Jungfrau
Welches klares Licht „Gelb“ „Sonne“ „Wahrheit“
Mit treuem Sinn „Blau“ „Himmel“ „Beständigkeit“
In meinem Herzen „Weiß“ „Thautropfen“ „Klarheit“
Aufnimmt, und mit Liebe „Roth“ „Rose“ „Pflegsamkeit“
In Thätigkeit, in Trennung}
Und Einigung schaffend pflegt;} „Nähzeug“ „Baum“ „Fleiß“
In dessen Leben werden die}
schönsten Hoffnungen grünen } „Maygrün“ „Frühling“ „Freudigkeit, Friede“
blühen und fruchten.}
Zeichnung [Regenbogen]
          /
[4R]
vakat
[5]
Aus dem Briefe
an die Pathe Allwina
zu ihrem Geburtstage
am 1sten November 1835.
*
*    *
Leben! Leben! Leben!
Was kann freud’ger unsre Brust erheben,
Was kann Schönres unser Herz erstreben,
Und was könnte darum ein Geburtsfest Höh’res geben,
Als die frohe Kunde
Aus der Lieben Munde:
Um uns in uns lebt ein unvergänglich’s Gottesleben! –
Dieses
Seelen- dieses Lebensband
Macht uns allen Guten, selbst dem Engeln, ja selbst Gott verwandt
Pflegen wir nur Klarheit,
Lieben wir nur Wahrheit.
*     *
   * /
[5R]
vakat
[6]
[Briefumschlag] Dem Wilhelm M.
[7-8R]
Gedicht für Wilhelm M. jr. [wie 1V-2R], allerdings
andere Lithographie 7V: Ansicht des Berner Münsters.
[9]
Wilhelm,
mein lieber Knabe!
bring’s dem Oheim Barop mit einem Blümchen, Sträußchen oder Kränzchen
zum Geburtstag,
daß Er auch an Dir heute Freude habe. -
[9R]
vakat