Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 27.12.1835 (Burgdorf)


F. an die >Keilhauer Gemeinschaft< v. 27.12.1835 (Burgdorf)
(KN 52,19; Brieforiginal 1 B 4° 4 S. Der Brief wird mehrfach zit., vgl. Heiland 1982, Nr. 351; dort unter Dat. 24.12./27.12.1835 als Brief an Barop. - Der Brief wurde sicher zusammen mit dem Brief an Barop v. 28.12.1835 verschickt.)

Burgdorf, am 3en Christfest 1835.·.


Gottesfrieden
Euch allen in inniger Lebenseinigung
besonders in diesen Tagen der Feste freudig Verbundenen

*
Vor wenigen Stunden ist Ferdinand, welcher uns mit Herrn Roda die Freude machte das
Weihnachtsfest mit uns zu feyern und uns die Feyer des ersten ChristfestAbends durch
ihr musikalisches Leben zu erhöhen, wieder von uns abgereiset; freylich für uns alle
und besonders für die im häuslichen und Familienleben tief eingewurzelte Mutter
aller und des ganzen Kreises viel, viel zu bald; allein die Nothwendigkeit gebot
indem ihr Lehrerberuf sie beyde morgen früh, wo schon wie auch hier in Burgdorf
der Unterricht wieder beginnt, - wieder in Willisau erwartet. Weder Elise noch
Middendorff noch Frankenberg konnten sie zu unser aller großem Leidwese[n] hierher
begleiten: Elise als Hausmutter des Willisauer Kreises nicht weil doch außer
den Genannten noch Zöglinge, die Waadtländer und ein Lehrer ( Bärenbold) zu Hause
blieben; Middendorff und Frankenberg nicht, weil sie Willens waren, einen deutschen
und Keilhauer Christfestmorgen zu feyern, welches ich denn auch zur Pflege des
durch Middendorff neu belebten Familienlebens in Willisau recht wohlthätig fand, so
daß wir mit den Wünschen unseres Herzens wie natürlich, wenn auch viel entbehrend
und vermissend zurückstanden. Am SylvesterAbend wollen alle die für Willisau
Geeinten auch dort wieder einig zusammen seyn um sich in Freude und Heiterkeit
zum Lebensbau auch im neuen Jahre vertrauend die Hand zu reichen, was ja auch
wieder ganz in der Ordnung ist. Ich hatte denn [sc.: den] Gedanken unerwartet nach Willis-
au zu gehen; aber dieß erlaubt nun weder mir noch Langethalen unsere hiesige
Stellung indem dann hier wie in der ganzen reformirten Schweiz das Fest der Kinder
ist, welches wir freylich viel sinniger mit denselben am Feste des Jesuskindes feyern.
Würde ich nun dann nicht hier seyn so würde ich wenigstens nach meinem Gefühle
gar zu sehr aus dem Leben der Kinder zurücke treten was ich um so weniger mag
indem derselbe so heut einen Verlust erlitten hat indem unser Titus heut aus seiner
hiesigen Wirksamkeit (:wie freylich schon gleich bey seinem Eintritte und schon für Micha-
elis bestimmt war:) - ausgetreten und in seine neue Wirksamkeit als Lehrer in
der Pensions-Anstalt der Gebrüder Landry zu Payerne (deutsch Peterlingen) Cant:
de Vaud eingetreten ist.- So wollte sich den [sc.: denn] der wandernde Charakter dieses Jahres
für unsern Kreis bis in seinen letzteren Tagen treu bleiben.
Ihr wißt die Feyer der Hauptfeste ist in der reformirten Schweiz ein wenig kurz
abgefertigt für uns Herzdeutsche ein wenig nackt und frostig nur ein Festtag ohne /
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ohne Musik und Festgesang, nur in trockner Worterwähnung ohne alles kirchlich Feyer-
liche liegt das Festliche dieses Tages, welcher dadurch noch einen besondern Charak-
ter bekommt daß gerad an diesem Tage Abendmahl ist, wobey aber die ganze
übrige Gemeinde aus der Kirche geht, während der Communion sind die Theilnehmer
passive Zuhörer von Gesang und von Vorlesungen welche abwechselnd von Chor und
Canzel ertönen. Für uns Herzdeutsche welche wir in dieser Handlung keine blose
äußerliche Erinnerungs- und Gedächtnißfeyer sehen, sondern in derselben eine Lebenser-
fassung fühlen freylich nicht Lebenserwärmend und stärkend genug.-
Das Leben unseres Hauses, des Waisenhauses, war jedoch bedeutend, wenigstens für
uns festlicher.- Abends gab der hiesige Gesangsverein an dessen Spitze unser lieber
Hausfreund, Spieß, aus der Nähe Offenbachs - Sohn des bekannten päd. Schriftstellers Spieß -
leitend und in welchem Langethal als säuliges Mitglied thätig steht - eine Musika-
lische Abendunterhaltung, wozu denn auch unser Roda und Ferdinand als Hauptsäulen
eingeladen worden waren.- Mittwochs kam Roda, Donnerstags Mittags Ferdinand,
allein auch das erste Fest mußte noch zu einübenden Wiederholungen der sehr schön
gewählten Sachen verwandt werden. Weil nun diese Übungen wie die Musikali-
sche Aufführung selbst in unserm Waisenhaussaale - welcher dazu wie für alle
Übungen des Gesangvereines sehr zweckmäßig, ja schön eingerichtet worden ist -
Statt fanden so hatte dieser Tag hier und dessen Feyer hier in unserm Hause und
besonders durch die ganz wesentliche Theilnahme unser[er] 3 Lehrer, wirklich etwas von den
Ausdrücken einer regen und Lebenvollen Festtagsfeyer, denn wenigstens einer der
drey Genannten trat immer ganz wesentlich helfend mit auf; so sang z.B. Lange-
thal alle Baßsolos; Herrn Spieß zähle ich übrigens auch halb zu den Fröbeln (:- so
heißen hier nämlich die Glieder unseres Kreises:) - er lebt viel mit uns wir mit
ihm; ich bin sogar sein Schüler, im Englischen nemlich. Dadurch hatte das Musikfest für mich
besonders hier erinnerndes an unser Keilhauer Zusammenleben.- Am zweyten
Fest gestern Abend wo nur Musik für die engern Freunde war, war es eigentlich
noch schöner. Der Herrliche Choral von Novalis "Wenn ich Ihn nur habe." - die vortreffliche
Sonate von Bethoven [sc.: Beethoven], welche Elise, auch Wilhelm Carl früher spielten u. Anderes, alles
liebe Erinnerungen.
Die Feyer dieses zweyten Festtages wurde gleich am frühesten Morgen schon durch Euern
blaugewandigen Festgesandten wie durch einen lieblichen ChristnachtsEngel begrüßt.
Als ich das Siegel sahe war ich einen Augenblick wie im Traume, ich konnte mich gar
nicht erinnern, wem es angehöre, als ich aber das Postzeichen R: den 22 Dec und Aufschrift
sahe, da fühlte ich Deine liebe treue Hand zum Festesgruß theure Albertine! und mir
ward unaussprechlich wohl. Herzlichen Dank Dir auch dafür theure Albertine von
Deinem Dich innig und aufrichtig liebenden, treuen Oheim. Auch die treusinnige Base hast /
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[Du] wie Deine lieben Schwestern gar sehr erfreut, denn auch die liebe Elise hat sie von Willis-
au sehr lieblich und kindlich begrüßt. So waren denn Eure Festgrüße recht die Krone
unserer hiesigen Festesfeyer. Meynet aber ja nicht daß nun unsere Lieben in Willisau
dadurch, daß Ihr die Briefe hierher nach Burgdorf überschrieben habt und sie doch zum
Feste nicht hier seyn konnten in Hinsicht auf die Zeit des Empfanges etwas verlohren
haben und ihnen dieselbe dadurch verspätet worden sey; nein! im Gegentheil, so
erfreuen sie sich schon jetzt, indem ich dieß schreibe auch in Willisau schon Eurer Fest-
grüße, da sie nach Willisau überschrieben, im selten günstigen Fall erst morgen
Vormittags dort angekommen seyn würden. Denn in 108 Stunden [(]4½ Tag[)] von seinem Weg-
gange in Keilhau an gerechnet war der Brief in unserer Hand.
Auch von Berlin haben wir kurz vor dem Feste Briefe. Malchen schreibt: es gehe mit Mutter
und Tante leidlich und so sehr sie wünschen und sich freuen ihre Kinder wieder bey
sich zu sehen, so wollen sie doch nicht, daß die Reise vor der günstigen Frühjahrszeit
gemacht werde.
Vieles scheint sich überhaupt mit und in dem kommenden neuen Jahre entwickeln zu wol-
len ja die Entwickelung mag wohl schon wie es in dem in dem innersten Leben begonnen
haben, und möge es, wie es für uns alle gewiß ein neues Jahr wird, so auch ein
Jahr der Erneuung werden.- Das umgebende Leben in der Schweiz hat sich Barop
so ganz verändert daß Du es nicht wiedererkennen würdest, ganz nament-
lich das des Kanton Bern. Ein kleines Bildchen kann Dir dessen Stand zeigen. Es ist, ich glau-
be in Winterthur ein sogenannt eidgenössischer Wandkalender erschienen, auf demselben
steht ein Bär mit einem Maulkorbe, welchen ein Kind leitet. Alles ist im vollen Rückschritt.
Die jetzt sogenannten Burgdorfer Hohheiten erscheinen ganz ungemein herabgestiegen. Besonders
noch seit des jüngsten freywilligen und gewaltsamen Austritt des Großrathes und Raths-
schreibers Stähli
von Burgdorf - aus dem Leben. Der plötzliche und sich selbst gegebene Tod
dieses jungen Mannes hat großes Aufsehn gemacht. Du Barop wirst Dich aus den Gesprächen
mit Herrn Pf. Stähli in Huttwyl erinnern daß derselbe einer der bestimmendsten und wirk-
samsten Männer bey und zu der neuen Gestaltung der Dinge in Bern, von Burgdorf aus war.
Man sagt ab er habe diese Rückschritte nicht ertragen und doch auch in der Art wie er jetzt ge-
stellt gewesen sey solche nicht hindern können, und dieser Kampf habe sein Leben gebrochen[.]
Burgdorfs Leben wird durch den Charakter den es jetzt angenommen hat ganz besonders ver-
liehren, denn er war der Geist von allem diesen so wie auch die Triebfeder meiner Beruf[un]g
nach Burgdorf.- Schneider in Bern erscheint jetzt nur als Null und um sich selbst zu halten
als bedeutungsloses Werkzeug. So mein Barop wirst Du wieder mit mir die für den
charakterlosen furchtbare Lebenslehre lesen müssen, welche wir in unserm Leben nun
leider oft genug bestätigt sahen: Daß nämlich derjenige welcher den höhern Geist des Lebens
sucht oder zu suchen vorgiebt ihn auch wenn er ihm geboten wird wohl äußerlich er- /
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ergreift oder auch nur zu ergreifen scheint, aber in sich und im Leben außer sich nicht fest-
hält, daß dessen Leben immer mehr in sich und außer sich in Nichts zerfällt. So herrscht
jetzt wirklich in der Schweiz welche das höhere Leben zu suchen schien, aber das ihr Darge-
reichte nicht festgehalten hat eine nichtige Leere trotz aller gewaltigen und gewaltsa-
men persönlichen Reibungen. Weit ruhiger und sicherer als der Kanton B.- geht der
Kanton L. seinem Ziele entgegen. Was nun unsere Wirksamkeiten in der Schweiz und
namentlich in den beyden Kn B. und L. betrifft nemlich unsere Anstalt in W. und
das Wirken in Bggdrf., so scheint diese immer mehr den Charakter Keilhaus zu be-
kommen d. heißt, statt in dem Allgemeinen zu ruhen, von demselben getragen zu werd[en]
seine Stütz- und Haltungspunkte in und durch sich selbst zu finden. Willisau er-
scheint mir darum besonders wegen des ganzen Charakters und Geistes des Kantons
immer in größerer Wichtigkeit und nach der besonders Lebensvollen ganz hingebenden Pflege
von Middendorf[f] wieder kräftig mit Pfahl- und Lebenswurzeln als echte Eiche sich fest
zu wachsen namentlich scheint auch endlich Ferdinand durch Middendorffs gleichgeistiges
Handeln mit mir und uns den großen Unterschied zwischen nur äußerlicher materieller
und innerlicher geistiger Wirksamkeit einzusehen, mindestens zunächst zu fühlen und
als Thatsache anerkennen zu müssen; wovon ohne Zweifel auch Dir schon die Beweise vor-
liegen werden. In Burgdorf war es mir ebenso Aufgabe Langethalen wurzelnd zu
machen, und mit der größten Hingabe und Treue sucht er wie seine unermüdliche Frau
(:welche Du in ihrer Mädchenpflege besonders kenn höchst vorteilhaft verändert finden würdest:)
diesem meinem Streben nachzukommen und ich habe die freudigsten Hoffnungen daß
meine Erwartungen in Erfüllung gehen werden. Er ist hier seines Charakters und
seiner Handlungsweise halber höchst geachtet auch seine kleine Musikalische Wirksam-
keit mag wohl zu seiner leichteren und festeren Einwurzelung so wie auch ein gewisser
praktischer Sinn dazu beytragen. In wiefern meine und unserer Erwartungen gegrün-
det seyn werden muß sich in den nächsten Monaten bestimmt entscheiden.- Midden-
dorffs hierherkommen hatt auf das höchste wohlthätig gewirkt, wie auch sein Bleiben; wer et-
was dazu beygetragen hat und hätte ich irgend etwas dazu beygetragen so könnte mir unsere
Albertine immer dankbar die Hand reichen.- Durch den Austritt von Lggt., von C. Cl.
und selbst jetzt von T. Pf. hat das Ganze ungemein an innerer Kraft und Einigung ge-
wonnen so wie jedes einzelne so hier namentlich Willisau; allein ein Mann wie Midden-
dorff mußte dort eintreten dessen Eines und einiges Leben mehr wog und wirkte als ½ Duzzd.
halbe Leben. Auch auf Frankenberg hat seine Wirksamkeit wesentlich wohltätigen Ein-
fluß um ihn, nach den philosophischen Catheder der Universität besonders K-s [sc.: Krauses ?] anbetend mit
der wohl tiefgegründeten Lebensweisheit K-s [sc.: Keilhaus ?] ins wirkliche Leben einzuführen. Und Fran-
kenberg ist ein edler reiner Mensch und Mann welcher nur das Wahre zu erkennen, zu schauen
braucht um sich ihm mit Aufopferung hinzugeben.- So wirst Du lieber Barop, so werdet Ihr /
[Briefschluß auf den Seitenrändern:]
[2R] alle Geliebte mir es gewiß nicht übel deuten, wenn ich am Schluß des vorliegenden Jahres auch auf mein Leben als ein in gewisser /
[2V]
Hinsicht abgeschlossenes blicke. Ich sehe mich in mehrfacher Hinsicht als einen aus seinem Lebenskreise scheidenden an. Glücklich bin ich nur /
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junge, kraftvolle Lebenskeime um mich zu erblicken und wie ich oben andeutete alles Nachtheilige von denselben entfernt zu sehen
aber ich bitte Dich Barop bitte Euch bey allem was Euch lieb, theuer, ja heilig ist, handelt hier den Grundsätzen des Begründers Eures Lebens treu: haltet /
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mit demantenen Mauern und Willen das einmal erkannte Giftige - die Selbstsucht u Eigensucht und das hohnlachende Vernichten kindlich
menschlicher Gefühle - von Euern menschlichen Lebenskreis von Euern zarten Lebenspflanzen fern. Ihr seyd freye Menschen nun so handelt auch wie <sie> /
[1V oben:] nicht mit unmännlicher Schwäche nicht in unwürdiger Weichlichkeit und Gutmüthigkeit. Wollt Ihr
Christen seyn nun so handelt auch wie uns Christus im Gleichniß des verlohrenen Sohnes lehrt,
welchen er aussprechen läßt: "Vater, ich haben gesündigt vor Gott und vor Dir["].- Lernen wir
Gottes Willen immer mehr in den Lebenserscheinungen zu lesen, zu verstehen und ihm treu im Leben
nachzuleben, dieß ist der höchste Lebenswunsch, welchen ich zum neuen Jahr daß es ein wahr neues und er-
neuerndes werde uns allen aussprechen kann.- Herzinnige Grüße und Wünsche der Liebe und Treue
grünen und blühen Euch Allen zum neuen Jahre entgegen in den Herzen der in der Schweiz leben[den] Euern FrFr.