Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Adolph Frankenberg in Willisau v. 31.12.1835 (Burgdorf)


F. an Adolph Frankenberg in Willisau v. 31.12.1835 (Burgdorf)
(Autograph nicht überliefert, ed. Hanschmann 1874, 262-268, Briefschluß fehlt, Datierung im Briefanfang; Seitenangaben nach Hanschmann.)

Des Dankes Gruß Dir
Frankenberg
und durch Dich den im Gemüth und Leben mit mir Einigen in den letzten
Stunden des Jahres
1835.

Dieser Brief an Dich, lieber Frankenberg, und durch Dich an all die
Geliebten, welche des Lebens höchsten Zweck und der Menschheit einiges Ziel
theilen, soll mir der Beschluß meiner brieflichen Mittheilungen in diesem in
Hinsicht seiner allseitigen, stillen, geistigen Aussaat und so wie ungesehener, so
unerkannter Lebenspflege seltenen und einzigen, darum gewiß in seinen Folgen
segensreichen Jahres 1835 ausmachen, - wie zugleich der Beginn schriftlicher
Lebensmittheilungen in dem nun bald beginnenden neuen und erneuenden
Jahre 1836. Möge beides nicht ohne hohe Lebens- und Segensvorbedeutung
sein; denn wo Anfang und Ende sich innig einen, da muß doch auch eine be-
stimmte Mitte dazwischen liegen und auch am Ende klar im Leben erscheinen.
Möge uns nun so entsprechend dem Beschlusse des alten Jahres das neue /
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Jahr in den allseitigen Lebensbeziehungen des Lebens Mitte, d.i. seinen Herz-
punkt, sein Herz selbst finden lassen.-
Wir stehen jetzt noch im alten Jahre, darum einen Blick nicht nur auf,
sondern in dasselbe und auf und in das, was es uns reichte, ehe wir von ihm
schieden:
Es trennte und einigte, und
Es einigte und trennte:
Es trennte um zu einigen und einigte um zu trennen: - "Trennung
und Einigung, und Einigung und Trennung!"
Dieß wird die Aufschrift und Ueberschrift
dieses merkwürdigen Jahres in der Geschichte unseres und besonders meines
ganz eigensten persönlichen, wie vielleicht in der Geschichte des allgemeinen
Menschheitslebens sein. - Dieß, Frankenberg, wird die Aussaat, dieß werden
die Früchte der Aussaat des Jahres 1835 sein. - Das Loos und Leben,
was Viele trifft, muß erst ein Einzelner in sich ganz durchfühlen, durch-
empfinden, durchleben, ehe es eine äußerlich hervortretende, allgemeine Lebens-
erscheinung und Lebensthatsache wird, dieß fühle und erkenne ich, dieß muß ich
immer klarer als hohes allgemeines Lebens- und Daseinsgesetz im Leben, im
Leben in und im Leben außer mir schauen. Dieß ist das Schicksal und Loos
dessen, sei er eine einfache Eins oder eine mehrfache, der sich und das Leben,
der sich im Leben erfassen will, es ist das im Wesen der Welt- und Mensch-
heits-Entwickelung unerläßlich liegende Märtyrerthum; darum nun scheuen sich
so Viele vor der Selbst- und Lebenserfassung; allein, weil sie sich dafür scheuen,
werden sie nie dieselbe schauen, d. h. in den Segen davon aus und um sich
und nie die Seligkeit desselben in sich leben.
Der Character, gleichsam die Ueber- und Aufschrift dieses Jahres drängte
sich durch das ganze Jahr hindurch immer lauter und bestimmter wie ein
Grundton zuerst, dann ein Grundaccord zuletzt gleichsam wie ein Lebensthema
in meiner Seele hervor; ich gab durch Wort und Schrift wieder, was in mir
tönte und ich hatte empfunden und durchlebt, was ich schrieb und sprach;
darum ahnete ich nicht, daß ich von dem, was ich sprach und schrieb, von dem,
was ich gesprochen und geschrieben hatte, von der Wahrheit desselben, mir selbst
noch so tiefergreifendes Zeugniß ablegen sollte, als der Schluß des Jahres mir
brachte und so bestätigte sich vor Allem Character und Ueberschrift dieses
Jahres, in mein Leben, wie er sich in demselben zu lösen beginnt und löset:
Das tiefe unaussprechlich schmerzliche und darum hoffentlich doch auch einmal
wieder vorübergehende Gefühl innerer und äußerer Lebenstrennung, welches
ohngeachtet des redlichsten Gegenkampfes immer von Neuem das Gemüth ganz /
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in Anspruch nimmt und welches so bezeichnend den letzten Schluß dieses Jahres
in meinem Leben und in mir ausmacht, wird ja, so hoffe ich, zu einer solchen
inneren Einigung des Lebens führen, welches die äußere Trennung ganz
schwinden macht: - der Gedanke und Plan völlig und ganz er- und um-
fassender menschheitlicher Wirksamkeit klärt und befestigt sich in mir immer
mehr, ein Gedanke, welcher, wenn ich ihn in Hinsicht auf seine Entstehung und
Begründung im Gemüthe verfolge, sich in meinen frühesten Jugendempfin-
dungen verliert, welcher aber durch augenblicklich vorübergehende Lebenserschei-
nungen wieder hervorgerufen und so in Uebereinstimmung, ja Einklang mit
meinem Lebensgrundgedanken ausgebildet wurde, erscheint mir jetzt als ein all-
erfassender und allreichender Welt- und Lebensgedanke; diese vollendete Aus-
bildung des Gedankens gehört dem nun bald geschiedenen Jahre 1835 und
ganz namentlich dem letzten Achtel desselben an; darum trägt er aber auch
wohl merkwürdig den ganzen Character dieser beiden Zeittheile, möchte er da-
rum nicht nur auch die Hoffnung dieses letzteren theilen, sondern sie auch er-
füllen. Je klarer aber der Gedanke, je bestimmter der Plan, je unzweideutiger
die Mittel, ihre Forderungen und ihr Umfang, je sicherer der sich mir dazu
zeigende Weg, um so mehr werde was auf die Ausführung dieses Lebensgrund-
gedankens nur immer Bezug hat, ganz allein auf mich selbst zurückgeführt und
beschränkt. Es ist dieß eine für mich, wie gewiß für das Allgemeine auf das
Allerhöchste merkwürdige und beachtungswerthe Lebenserscheinung: je mehr der
Gedanke, ja selbst der Plan sich allum- und so vor Allem erfassend und einend
entwickelt, um so mehr beschränken sich Mittel und Wege der Ausführung nur
auf mich und hier wieder nur auf mein innerstes eigenstes Selbst; je mehr
sich meine Wirksamkeit in mir und von mir entwickelt, um so mehr beschränken
sich die Mittel um mich und in mir! - Jahrescharacter: Einigung und
Trennung! - Mit dem eben Ausgesprochenen ist denn wie meine innere und
äußere, sowie auch hier meine persönliche und bürgerliche Lebensentwickelung in
vollem Einklang. - Ich muß am Schlusse des Jahres und bei dem prüfenden
Blick auf dasselbe Dich, lieber Frankenberg, und durch Dich all die Uebrigen
wirklich das Leben in seinem Wesen Theilenden auf diesen wichtigen Punkt
aufmerksam machen; denn nur insofern die Freunde und Theiler meines und
unseres Lebens diesen Punkt lebenvoll beachten, nur insofern wird unser Leben
durch die und in der Trennung wieder ein einiges werden, sonst wie alle
äußeren und irdischen Erscheinungen nicht nur immer mehr ein Trennender
werden, sondern sogar ein Getrenntes für immer bleiben, auch bei aller äußerer
Einigung und glich sie der eines Krystalls, selbst eines Maßliebchens. - Euch
dieß auszusprechen, ist mir Pflicht, denn die Entwickelung des Lebens über- /
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haupt, sowie besonders jedes Leben, je mehr es sich frei von Willkür zu machen
strebt, also ganz namentlich auch unsere Lebensentwickelung folgt ihren ganz
bestimmten, in sich einfachen Gesetzen und nur insofern wir die allgemeinen
Lebensgesetze als die unsrigen, ja als unsere eigenen Lebensgesetze erkennen
und ihnen so getreu leben, wie ihnen die Natur getreu lebt (welches ich Treue
der Treue nenne), werden wir durch und in dem Leben des Lebens Frieden
finden.
Sehet einmal in dieser Beziehung das Fortschreitende wie das Beschleuni-
gende und so Gesetzmäßige unseres Lebens: - Nach einem beinahe 15jährigen
Wirken verließ ich Keilhau, es stand allein; doch die drei Freunde blieben ge-
meinsam in seiner Mitte; nach 3 Jahren schon verließ ich Willisau, es stand
allein und nur einer dieser drei alten Freunde stand noch in Keilhaus Mitte,
wie einer davon in Willisau. Nach noch nicht einem Jahre spricht sich auch
schon das Alleinstehen von Burgdorf aus und nach Ende dieses einen Jahres
wird, wie es scheint, der dritte dieser drei alten oder wer es lieber will, ersten
Freunde auch hier allein stehen. Ich aber werde wie früher aus Keilhau,
später aus Willisau, so nun aus Burgdorf, wenigstens für einige und noch
unbestimmte Zeit aus diesem Lebensgedritt äußerlich gänzlich heraustreten;
wie jedes Einzelne in sich, so muß nun das Ganze als ein Einiges in sich be-
stehen. Schon allein der Gedanke davon ist wichtig und wirksam, wie vielmehr
wird dessen Ausführung, findet sie Statt, wichtig und wirksam sein. Franken-
berg! Frankenberg! und durch Dich all den lieben eingehenden Uebrigen! Leset
und höret hierin klar die Worte des Schicksals d. h. der Vorsehung und findet
darin den Schlüssel zur echten Menschenerziehung, Menschen- und Mensch-
heitspflege: -
Keineswegs nur äußeres gemeinsames Zusammentreten auch
der edelsten Menschen und reinsten, selbst persönlich hingebenden,
ja opfernden Gesinnungen kann zum wahren Ziele der Menschheit
und so zunächst zu echter Menschheitspflege führen
; sondern einzig
nur die alle Trennung in sich aufhebende Gemüths- und Geistes-, d. i. innere
Lebenseinigung, also nur einzig eine solche Lebenseinigung, wie sie in einem
in sich völlig einigen und somit klaren Menschen Statt findet, klare Anerken-
nung und Ausführung des Einen, einigen Grundgedanken des Lebens; nur
eine solche Lebenseinigung auch unter der Mannigfaltigkeit und
Mehrheit kann einzig zum nächsten Ziele der Menschheit: -
Lebenserneuung - zur Anerkennung und Darlebung der Gottheit
in der Menschheit führen
. Gottheit in der Menschheit, - Gottheit in
der Natur - darum Vollvertrauen zu Gott, zu Natur und zu Menschheit in /
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inniger Wechsel- und Lebenseinigung, also vor Allem zuerst innere geistige
Lebenseinigung.
Das ist das Schluß- und letzte Wort, das ist das Lebewohl und Lebens-
wort, das ist der Wunsch und der Segen des so eben scheidenden - - des
nun schon geschiedenen
1835
Heils- und Segens-Jahres
Burgdorf
Es ist
1836
das Beginnwort
des soeben erschienenen
1836
Heils-, Lebens- und Segens-Jahres! –
es ist sein Wunsch und –
sein Segen. –
Darum:
Vollvertrauen,
dreifach einiges Vollvertrauen:
zu Gott, Natur und Menschheit,
zur Darlebung der Gottheit in der Menschheit,
Anerkennung der Gottheit in der Natur, wie in der Menschheit wahre innere
Lebenseinigung
zum neuen,
das Leben ganz erneuenden Jahres
1836
Dir, und Euch und uns allen! -
Schon lange sahe und sehe ich das Jahr 1836 voll Erwartung kommen;
warum zunächst wohl? - darum wohl, weil die innere Lebensentwickelung
auch mit Nothwendigkeit eine äußere fordert, da nun alles in Gottes Reich
nach bestimmten Gesetzen sich entwickelt, so muß es auch nach diesen Gesetzen
nothwendig zu einer gewissen Zeit erscheinen. Diese Zeit nun scheint der Geist,
der die äußeren hemmenden Lebenshindernisse überspringt, in sich dunkel zu
ahnen, ja vielleicht macht er sie eben dadurch selbst die Zeit der Erscheinung
oder sie thut sich ihm sonst auf irgend eine vielleicht auch selten auf eine so
recht anschaulich in ihren Gründen anschauliche Weise kund. Sind nun aber
auch die Mittel, durch welche wir zu höheren Einsichten gelangen, selbst kindisch,
wenn sie nur unschuldig sind, besitzen wir nur erst das Wahre, die Wahrheit
desselben läßt sich dann schon bei fortgeschrittenem Geiste nachweisen. -
[267]
So tritt mir z. B. die Bedeutsamkeit des Jahres selbst in seiner Zahl
1836 entgegen und gleichsam angekündigt; 1836 in wagrechter Zählung ist
nämlich = 18, ich lese dies thüringisch achtsen = achtsam; 18 ist aber ebenso
= 9, ich lese dies neu'n = neuen i. e. neu machen, i. e. erneuernd in seinem
Wesen; 9 ist aber = 3 x 3 d. i. "Treu der Treu", ich habe es oben schon
angedeutet, ich kann es auch so bezeichnen = Treu der Gottes Treue in
Natur und Menschheit oder was gleich ist, 3 x 3 = Treu der Treu =
Selbsttreue. Nenne dies Spiel oder selbst Spielerei, ich habe nichts dagegen,
wie ich nichts dagegen sagen kann; ich habe für das vorstehende gar nichts zu
sagen, als - daß es nun einmal, was ich nicht ändern kann, vorsteht; wenn
mich nun diese Betrachtnahme oder Spiel dahin führt, daß ich das Jahr 1836
recht in seiner innersten Bedeutung erfasse, d. h. in seiner tiefen menschheit-
lichen Bedeutung lebe, so bin ich schon zufrieden. Aber weißt Du schon, lieber
Frankenberg, daß man diesem 1836 Jahre schon in der allgemeinen Lebens-,
ja Volksstimme eine besondere menschheitliche Wichtigkeit und Bedeutung bei-
legt und zwar eben ganz dieselbe erneuende und treue, welche ich schon früher,
ehe mir Kunde davon kam, schon in der Zahl gelesen, ja selbst schon zweimal
schriftlich ausgesprochen hatte. Ich war darum recht überrascht, als mir diese
Bedeutung jüngst mitgetheilt wurde und zwar mit dem sehr ernst gemeinten
Zusatze: "man muß erst abwarten, oder ich will erst abwarten," oder "wir
wollen erst abwarten" (alles Dreies war nämlich hier der Sache nach ganz
gleich bedeutend), "was das Jahr 1836 bringt." - Da man nun aber hier
natürlich warten muß, bis das Jahr 1836 wieder verflossen ist, so antwortete
ich darauf: - behüte, nein! wir müssen nicht erst sehen, was das Jahr 1836
erst bringt oder gebracht hat, sondern wir müssen nicht allein das Jahr 1836
machen, sondern es mit Bestimmtheit und Klarheit selbst bringend machen,
d. h. wir müssen das Jahr 1836 in seinem Wesen selbst machen. (Ich will
hier nur kurz die Bedeutung, den innern Sinn von "bringen" = bIringen
= vollenden, abschließen andeuten.) -
Aber so ist es, l. Frankenberg! so sind selbst die Besseren, ja die sich
selbst als die Besten erkennen, immer soll sich ihnen Alles von Außen, von
der Fremde und Ferne hermachen, und höchstens so von Außen her sollten
sie - das Leben aufbauen. An den Gebrauch noch weniger an die Macht
und Gewalt besonders der schon besitzend eigenen Selbstkraft, so klein sie ver-
gleichungsweise sein mag, noch weniger an sie als eine Gotteskraft denkt Nie-
mand; an das Entwickeln, Gebrauchen des schon Vorliegenden, so schon Ge-
gebenen, daran denkt Niemand. Der kleine vorliegende Punkt in seiner Klein-
heit schreckt Jedermann ab, Vertrauen, Vollvertrauen zu ihm zu haben. Keiner /
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glaubt daran und beweiset also Vollvertrauen zu sich, wenn er es auch immer
im Munde führte, noch weniger hält er es im eigenen Handeln fest, daß aus
dem Kleinen sich Großes entwickeln kann durch Zeit und durch Pflege; aber
nicht allein kann (denn eben dieses Kann ist gleich wieder ein Anker seiner
Selbstschwäche) - sondern auch sich wirklich entwickelt, wie es ja täglich vor
Augen geschiehet, wie er es ja täglich in der Ei-che und Ei-chel vor Augen
siehet. Nicht umsonst, dünkt mich, ist das Sinnbild des deutschen Lebens und
der Deutschen und des deutschen Volkes eben die Ei-che. So lasse uns
denn, l. F.! so lasset uns denn all Ihr Lieben jeder im Einzelnen und
namentlich und alle im Ganzen das neue Jahr erfassen in seiner Forderung
wahrer innerer, geistiger Lebenseinheit nicht nur in seiner (was wohl auch
schon ist und wesentlich mit dazu gehört) außermenschlichen Gemeinsamkeit,
damit es für uns und für Andere werde, was wir und so viele von ihm
hoffen, ein Jahr der Lebenserneuung und so ein Jahr der Lebenstreue oder,
was gleich ist, echter Gottestreue.
Ich reiche Euch dazu - freilich nur als der, der ich nun einmal mit
meinem Leben und meinem Herzen bin - anders kann ich so wenig als Ihr,
nicht Herz und Hand,
ich sage Hand und Herz! -
Und nun habe ich nichts mehr zu sagen, als Dir, l. Frankenberg, für
Deine Briefhymne im alten Jahr (wie ihn meine Frau nannte) Dir und Euch
Allen, keinen Einzigen davon ausgeschlossen, für all Eure Liebe und Treue bis
zum letzten Schlage des alten Jahres herzinnig zu danken; ich weiß was Ihr
mir in Freude und Schmerz gegeben habt; die Schmerzen, welche Ihr durch
mich und meinetwegen hattet, verwandeln sich für Jeden von Euch im neuen
Jahr in vervielfachte Freuden, und so bitte ich Dich und Euch Alle um Eure
Liebe im neuen Jahre. - - -
Heut früh hat Langethal das Fest des Neujahrskindchen auf deutsche
Christkindchensweise gefeiert; und eben singt er mit den Kindern am Clavier
ein schönes Festlied.