Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 22.2.1836 (Burgdorf)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 22.2.1836 (Burgdorf)
(KN 52,22, Brieforiginal 1B 8° 3 ½ S.)

Burgdorf am 22en Februar 1836.


Es grüßet Dich Barop mit Deiner Emilie und Deinen Kindern
meine Liebe als Einen innig einigen Menschen,
und durch Dich und Euch grüße ich all die Übrigen in Liebe
Treue u. Dank.

Jetzt will ich Euch als einem Einzigen dreyeinigen Menschen
nur sagen daß Ihr mich durch Eure heut früh zum ersten
Morgengruß erhaltenen Briefe mit dem Postz. R. d. 17en
herzinnig erfreut habt; wie danke ich es Dir daß Du mir
unseres Johannes Briefchen beygelegt hast, sie gehören recht ei-
gentlich zu dem Ganzen; doch den besondern Dank dafür behalte
ich mir noch vor. Jetzt nur ein Geschäftsbrief da das Leben
drängt und ich täglich belehrt werde, daß man in solchen Zeiten
keinen Tag verlieren darf.- Dein Brief selbst ist Beleg dazu.
Du schreibst: "Hiermit siehest Du wie chaotisch die Aussicht auf
"den Sommer in Bezug auf die helfenden Glieder der Anstalt
"aussieht. Da Middendorff schon zu Ostern wohl schwerlich wieder
"hier seyn wird, so müssen wir achtsam seyn ob uns nicht irgend
"eine Hülfe zugeführt wird und alle Anknüpfungspunkte in die-
"ser Hinsicht beachten."
Auf diese Worte Dir nun zu antworten: - Daß Du doch ja nicht
zu sehr mit der Abschließung solcher sich vielleicht zeigenden An-
knüpfungspunkte eilen mögtest ist der eigentliche Zweck dieser Zeilen: Denn das Bedürfniß welches
sich bey Euch nach helfenden und unterstützenden Kräften zeigt,
kommt vielleicht dem Bedürfniße hier freywerdender Kräfte
nach einer Wirksamkeit im Geiste unseres Lebens, entgegen.
Doch kann ich in diesem Augenblick noch gar nichts bestimmtes
darüber sagen als nur, daß in Beziehung auf die Fortent- /
[1R]
wickelung erziehender Lehrerwirksamkeit hier nicht nur alles
ebenfalls auf das höchste chaotisch aussieht, sondern namentlich in den [sc.: dem]
Kanton Bern alles in das alte Geleise der Willkühr und der ärmlichen
mechanischen Beschränkung zurück sind, besonders durch die Geistlichen
die einem entwickelnden Unterrichte ganz entgegen sind und die sich jetzt
im hiesigen Kanton des Volksschulwesens ganz wieder bemächtigt haben.
Von einer solchen Zurückgesunkenheit könnte man sich kaum einen Begriff
machen wenn nicht schon Jesu gelehrt hätte daß es in solchem Umstande
7mal ärger als vorher würde.- Das öffentliche Wesen ist von dem
Partheiwesen und ganz namentlich von Persönlichkeit jetzt ganz zurück ge[-]
drängt. Die in der jüngsten Zeit kaum aufgetauchten höheren und all-
gemeineren Lebensansichten müssen den verschiedenartigsten Einzel- und
vereinzelten Ansichten weichen. So wird in Beziehung auf das hiesige
Waisenhaus zwar noch ganz im Stillen allein um so kräftiger daran gear[-]
beit[et], es wieder von einem Waisenerziehundlehrhause nur zu
einem Waisen Kost- und Verpflegungshause zu machen d.h. die
eigentliche Erziehung derselben ganz an die Seite zu setzen und in Be-
ziehung auf den Unterricht sie wie früher nun so in die Schulen zu
schicken. Auf diesen Fall hin fänden dann auch Langethals keinen
Wirkungskreis mehr für ihre Kräfte hier.- Von allen diesen
Erscheinungen liegt aber der Grund viel tiefer nemlich in einer tiefen
Erbitterung und ich möchte fast sagen grenzenlosen Haß welcher sich seit
wohl 1½ Jahren besonders von Burgdorf u den Gebrdr Schnell aus gegen
die Deutschen entwickelt hat.- Wolltest Du Dir diesen Haß erklären
so müßtest Du eine Schrift "Bern wie es ist" von A Alban, d.i. Dr Baldamus
lesen, wo die Schnell[s] wegen ihres eigensüchtigen, genußsüchtigen u eigennützigen
Zurückschreitens furchtbar gegeiselt u an den Pranger gestell[t] sind.-
Nun die Sache ist wie sie ist; dazu kommt daß der eigentliche Begründer /
[2]
der jetzigen hiesigen Waisenhaus Einrichtung der Dir bekannte GroßR.
Stähli
wie ich Dir schon schrieb sich entleibt hat. In Republiken hängt
aber das Festhalten einer Anordnung weit mehr als in Monarchien von
der persönlichen Wirksamkeit ab.- Wie allgemein aber der Haß gegen
die Deutschen hier ist und sich ohne Zweifel schon bis in die Schulen verzweigt
mögen Dir folgende Worte zeigen welche man nächst unserer Haustür in den
Kalk eingeschrieben hat: Fröbel, Langethal, Baropp, Mittendorf
Frankenberg, Ferdinand, Langguth, Clemens rc Titus etiam
Germani sunt (:Germani aber heißt hier Biermänner Biermichel[.)]
Noch ein ander Pröbchen von allgemeiner Aufgereiztheit könnte ich Dir schreiben
doch der Raum ist jetzt zu beengt genug er zeigt sich hier gerad mit demselben Ingrimm
wie in Willisau eine allgemeine u schleichende Opposition gegen
unser Wirken. Nur ist hier das Erziehungsdepartment unaus[-]
sprechlich schwach; läßt sich ohne kaum ein Wort zu sagen mit sei-
nen Mißgriffen die es thut furchtbar öffentlich an den Pranger
stellen, so daß man nur froh ist mit demselben nichts mehr zu schaffen
zu haben. So steht es hier.
Von Willisau höre ich dagegen nur Gutes. Dort sind freylich die Ver-
hältnisse ganz anders; Du weißt wie dort mehrseitig durch Regierung, Er-
ziehungsdepartem[ent] rc. das Bestehen der Erziehungsanstalt wenigstens gewünscht wird.
Allein dort sind wieder große Schwierigkeiten wegen der Führung und
des Lehrerpersonales. Middendorff hat sich dort sehr eingelebt zum Wohle der An-
stalt und doch weiß ich nicht ob er noch ein volles Halbjahr hier bleiben will und
kann und was dann?- Frankenberg wünscht gar sehr nach Keilhau. Wegen
all diesen nun zu berathen habe ich Middendorffen hierher beschieden. Ich hoffe
daß es das Wetter ihn [sc.: ihm] vergönnen wird spätestens in 8 Tagen hierher zu kommen.-
Überdieß entwickelt sich ich möchte sagen mein menschheitliches Wirken
freylich ganz still und tief allein doch mit solcher Bestimmtheit daß ich es
auf das sorglichste pflegen muß.- So klar darüber mein Plan - nachgehend /
[2R]
achtsam nachgehend den von der Vorsehung gegebenen Verhältnissen
ist - so wage ich doch jetzt auch nicht einmal andeutend etwas darüber
auszusprechen; allein alle Umstände sprechen für dessen Ausführung
selbst der Inhalt Deines heutigen Briefes, welcher mir auch in dieser Be-
ziehung wieder höchst wichtig ist; ich habe ihn darum auch sehr ersehnt. Das
Muß welches mich nach Berlin ruft alles zeigt wie die auf das Innere
eines Kreises rechtwinklig gezogene[n] Strahle[n] nach Einer Mitte.- Was nun
mein und unser Kommen nach Keilhau betrifft, so meinten Middendorff und Lgthl [sc.: Langethal]
es sey um der ökonomischen Aufregung willen welche unsere Ankunft
bewirken könnte wohl besser wenn wir von hier aus directe nach Berlin
reiseten, und dann von Berlin aus erst nach Keilhau. Schreibe offen was
Du für das beste hältst. Gern hätte ich Dich schon auf der Hinreise gesprochen[.]
Ich hätte Dir gern das ganze große volle Leben mitgetheilt was meine Seele
zum Frieden und erfüllend die Wünsche aller so weit sie mir bekannt sind - in sich
trägt. Barop! Barop! es ist ein wichtiges Jahr das Jahr 1836.- Im Laufe dieser
Woche sende ich an Dich mit der Fahrpost ein Packet in dieser Beziehung ab. Antworte
mir nicht eher bis Du den Inhalt in Dir und ist es ohne Mißverständnis möglich mit
Deiner Emilie in Familien Dreyeinigkeit durchlebt hast. Tritt nicht voreilig damit hervor
damit man Dir nicht sage: - eine wundersame Geburtstagsfeyer.- Ende April oder Anfang
May denke ich von hier abzureisen.- Die lieblichsten Grüße den Kindern u. allen FrFr. /

[2V]
(Nachschriften:)
Daß Franz Martin noch bey Euch ist, ist mir sehr lieb; ich wünsche auch gar sehr daß ich ihn noch finde, grüße ihn von mir. /
[1V]
Euer Herr Pfarrer C. sollte nothwendig Turnen und sogleich /
[2R]
[Adresse:]
Herrn
Johannes Arnold Barop
in
Keilhau
bey Rudolstadt in Thüringen