Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 29.2./1.3./2.3.1836 (Burgdorf)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 29.2./1.3./2.3.1836 (Burgdorf)
(KN 52,23, Brieforiginal 4 B 8° 16 S., mehrfach zit. u. tw. ed., vgl. Heiland 1982, Nr. 354)

Burgdorf am letzten, am 29en Tage im Monat der Klarheit (II) 1836


Grüß Dich Gott, lieber Barop und durch Dich all die Unsern
und Übrigen.

Unendlich viel lieber spräche ich jetzt mündlich zu Dir als daß ich die Feder
nehme um mich Dir über den gesammten Stand des Lebens auszusprechen von
welchem ich wirklich kaum weiß wie ich es Dir in der Größe seiner Anlage
und in dem Zustand eben beginnender Entwickelung wie es mir vorliegt
klar und einfach genug vorführen soll. Du hast ganz recht wenn Du schon diesen
heut ablaufenden zweyten Jahresmonat den Monat des schon tief still und verborgen
keimenden u entwickelnden Lebens in Deinem jüngsten Briefe nennst dessen Keimen der nun kommende zeigt; von jeher ist die-
ser Monat für mich ein Monat des still und verborgen sich
einigenden Lebens gewesen, so daß ich mich das ganze Jahr hindurch auf denselben
gefreut habe; allein noch in keinem Jahre ist er mir in dieser Hinsicht mit einer solchen
Größe einer solchen Wichtigkeit allein auch Gewalt und Macht entgegengetreten
wie in diesem. Es ist als sollte der Grundbau des Lebensbaues geschlossen, gleich[-]
sam der Schlußstein des ihn tragenden Gewölbes eingesetzt werden und nun
der Lebensaufbau außer und über der Erde erst beginnen. Du weißt wie
wichtig jenes zur Sicherung dieses ist und so kannst Du Dir den Zustand meines
Gemüthes u Geistes deuten und den tief gegründeten Seelenwunsch und das Be-
dürfniß des Geistes u Gemüthes denken mich über alles mit Dir recht klar aus-
und besprechen zu können, denn alles was seit den letzteren 20 Jahren und be-
sonders auch während meines Aufenthaltes in der Schweiz geschehen ist scheint
mir alles nur Vorbereitung zu dem Leben welches in diesem Jahr hervor keimen
soll. Ich schreibe Dir dieß damit Du mich in den nun folgenden kurzen An-
deutungen verstehest und sie besonders in ihren wechselseitigen lebenvollen Zusammen-
greifen würdigest; allein ich schreibe Dir diese Andeutung
auf der andern Seite auch mit großem Befriedigtseyn in mir, weil ich weiß
weiß [2x] und tief fühle daß wir beyde sowohl in Hinsicht auf die Größe den
Umfang und die Tiefe, die Bedeutung des Lebens als auch in Hinsicht auf die Mit-
tel und Wege der Ausführung leicht im Geiste und durch den einen Geist welcher
alles Gute und so das Wollen und Vollbringen schafft verstehen.- Möge
dieß denn auch dießmal in besonders hohem u reichem Maaße der Fall seyn.
Nun zur Sache.
Meinem nach Willisau, in Begleitung mit Deinem jüngsten Briefe an mich, ausge-
sprochenen Wunsche genügend kamen gestern frühe Sonntags am 28en Febr Morgens 8 Uhr Midden-
dorff u Frankenberg hierher. (Sie waren in Lützelflüh übernachtet[.])
Bey den Berathungen und Mittheilungen also waren gegenwärtig
Middendorff, Frankenberg, Langethal, ich und auch meine Frau, welche auf das treu- /
[1R]
sinnigste das ganze Leben in seiner Tiefe und in seinem Umfange pflegend in sich
trägt und bewegt. Die Ergebnisse der Mittheilungen und Berathungen nun waren:
1. Meine Reise nach Deutschland und Keilhau zwischen Ostern und Pfingsten,
und ein wiederkehrender längerer Aufenthalt von mir in Keilhau stellte
sich aus Gründen, welche sich erst im Fortgange der Lebensmittheilungen klarer
entwickeln und zeigen können - als ganz bestimmt von den gesammten Verhält[-]
nissen unseres Lebens und dessen Bestrebungen gefordert entgegen.
Da nun mit den 14en April mein vorläufiges Probejahr zu Ende geht, so wer-
de ich bis zum 14 März meine Darlegung der Ergebnisse dieses Probejahres
zugleich aber mit der Anzeige einreichen daß es mir persönlich durch die Ge-
sammtheit meiner Lebensverhältnisse und besonders wegen einer sehr nöthigen
Familie Reise in Familiengeschäften nicht möglich mache, dem mir bisher geschenkten
Vertrauen ferner zu genügen. Bis dahin nun kann
2. wegen der hier schwankenden und sich reibenden Partheyverhältnisse in
Beziehung auf unser ferneres Wirken hier in Burgdorf und im Waisen-
hause in Beziehung auf und durch Langethal nur ein sich entgegengesetztes
Entweder-Oder aufgestellt werden. Du weißt nach den bis jetzt bestehenden,
d.h. durch das durch mich ins Leben getretene Statut des Waisenhauses werden
sowohl der Gehülfe als die Gehülfin für den Vorstand oder Waiseneltern
von denselben selbst gewählt u.s.w. So ist also Langethals und dessen Frau
Anstellung und Wirksamkeit hier am Waisenhause nun dem Statut desselben
zu folge eigentlich eine und eben dieselbe mit meiner Person; und an meinen
Austritt ist darum eigentlich dem Buchstaben nach auch der Austritt von Lange[-]
thals geknüpft d.h. wenn Langethals nach dem Sieg der erziehenden Grund-
sätze für die Waisenanstalt, die Aufforderung kommen sollte in ihrer bishe-
rgen Wirksamkeit zu verbleiben - so müßte dazu ein völlig neuer
selbstständiger Antrag an Langethal geschehen und mit Langethal von
neuem unterhandelt werden, was eine Sache ganz für sich ist. Nach dem
Dir nun im vorigen Briefe darüber Mitgetheilten hängt es ganz [davon] ab
welche Ansicht über die Führung der Waisenhaus Kinder und den eigentlichen
Charakter des Waisenhauses d.h. welche Parthey den Sieg bei der Ver-
handlung vor dem Burgerrathe davon tragen wird ob die: - welche das
Waisenhaus zugleich als Erziehungshaus und Anstalt betrachtet wissen
will oder die, welche es nach alter Weise nur als Nähr- und
Pflegehaus behandelt wissen will.- Welche Parthey nun eigentlich den
Sieg davon tragen wird läßt sich freylich nicht entschieden voraus bestimmen
ich fürchte die letztere und zwar weil auf dieser Seite die Masse der gleich
vom ersten Beginne dieser neuen Anstalt an,- Unzufriedenen, später der
sich zurückgedrängt u persönlich sich Verletzt gefühlten, dann die Masse der träg /
[2]
am Schlendrian hängenden - steht; dann aber weil bey dieser Berathung hier
das Geld ganz den Ausschlag giebt (:Ohngeachtet der ganz enormen Funda-
tion der hiesigen Waisenanstalt:) und die jetzige Waisenhauseinrichtung natürlich
½ Tausend Franken (à 10 <gr>) jährlich mehr als früher betragen mag. Dazu kommt
daß die eigentliche Stütze der jetzigen Waisenhauseinrichtung der GroßRath Stähli
wie Du weißt nicht mehr lebt und man sagt daß die jetzigen Herrn Wortführer
der öffentlichen Angelegenheiten sich wo es immer möglich ist, der öffentlichen
Meinung fügen um in der öffentlichen Meinung nicht zu sinken. Außer diesem
ist für mich ein ganz wesentlicher Grund daß das alte siegen werde, weil die
Geistlichkeit - welche schon Langethals Anstellung in Bättwyl vernichtet hat - jetzt
wieder sich in ihrem Einflusse erhebt und diese Herren hier - welche nach dem
Berner Ausdruck zu schwarzschwarz gehören uns nichts weniger als wohl
wollen; dazu kommt noch der im vorigen Briefe [erwähnte] besonders in Burgdorf wirklich
große Haß gegen die Deutschen u.s.w. so steht es im Allgemeinen. Langethal
hat dagegen noch gutes Vertrauen auf der einen Seite, und er kann es wohl
mit Recht wegen der Treue und Sorglichkeit welche er in Ganzen in der Kinder[-]
führung an den Tag gelegt hat, auf der andern Seite hat er auch heute wieder
ausgesprochen daß er ebenso willig als vertrauend jeder Forderung des
Ganzen zu dessen Wohle nachgehen als nachleben wird.- Langethalen ist
also wie Du aus dem Ganzen wohl abnehmen kannst einmal seine jetzige
Wirksamkeit lieb, auf der andern Seite weißt Du auch wie er schon seit
längerer Zeit eine ganz selbstständige in allen Beziehungen nur einzig auf seinen
Schultern und in seiner Verantwortlichkeit ruhende Wirksamkeit wünscht
und sucht, ja für sich bedarf. Daraus siehst Du nun daß weder von mei[-]
ner noch weniger aber von Langethals Seite irgend ein leiser Schritt
geschehen werde was uns durch unsere Schuld, unsere Wirksamkeit an
der hiesigen Anstalt und durch dieselbe in dem Kanton Bern aufhebe.
Auch ist die hiesige Wirksamkeit wohl so daß sie Langethal wenn auch
freylich mit einiger Anstrengung doch allein wohl ausfüllen kann. Zur
Unterstützung für seine Frau fanden sich auch wohl Mittel. So steht
die Sache hier; in einer Republik hängt durch alle Verzweigungen der
Öffentlichtkeit - das weißt Du - faßt alles vom Augenblick ab - aber gegen
die Macht der Umstände kann man nicht zurücksinkendes allgemei-
nes und öffentliches Leben
wirkt bis in die kleinsten Lebensverzweig[-]
ungen vernichtend, mindestens lähmend.-
3., Von Willisau bringt nun dagegen Middendorff nur gute Kunde[.]
Ferdinand hat nicht nur fortwährend sondern ich möchte sagen steigend
den Muth das Ganze dort nicht nur zu erhalten sondern endlich zu einer
in sich selbst ruhenden und bestehenden Anstalt zu befestigen; besonders
wenn es immer mehr möglich wird das Zutrauen im Waadtlande zu ge- /
[2R]
winnen und zu befestigen; allein einen wirklich erfahrenen Mann - wie der ver-
pflanzte junge Baum einen starken kräftigen mit doppelten Armen haltenden
Pfahl - braucht Ferdinand, wie jetzt den Middendorff immer noch an der Seite
und ohne denselben würde er sich ohngeachtet der kräftigen Unterstützung selbst
seiner Schwester - wenigstens zunächst noch schwerlich erhalten können. Diese
Stütze ist nun für Willisau die Hauptsache und darf ihr - wenn sie anders be-
stehen soll wenigstens in dem nächsten Halbjahr noch nicht genommen werden.
Bleibt nun Langethalen - wie er in sich hofft und wünscht die Wirksamkeit
in Burgdorf gesichert, - so wäre Middendorffs Wirksamkeit wenigstens noch
bis zu Michaelis in Willisau nöthig.- Hebt sich dagegen Langethals Wirk-
samkeit in Burgdorf auf, so ist er auch willig und bereit, wenn man anders
von dort aus seine Hülfe auch wünscht - Middendorff in Willisau zu ersetzen
und zu vertreten. Obgleich N niemand von uns daran zweifelt, daß, da doch
Middendorff irgend einmal wieder an die Rückkehr alles Ernstes denken
muß - daß deshalb Langethals Hülfe in Willisau sehr willkommen seyn werde
so hat mir doch Middendorff noch beym Weggehen ausgesprochen, daß er
sich darüber klar in Willisau unterrichten und sich mir bestimmt darüber
aussprechen wird.
Wenn nun in Willisau Ferdinand, ihm zur Seite ein Mann Middendorff
oder Langethal nebst zwey Hülfslehre[r]n wie jetzt Barenbold und Roda
und die hauswirthliche Elise stehe so meynt Middendorff könne
Willisau die an dasselbe geschehenden Forderungen aus sich wohl
erfüllen und befriedigen, und so könnte Frankenberg (da er nun einmal
den M. oder L. für Willisau nicht ersetzen kann) wohl für Willisau [sc.: Keilhau] frey
werden. Dieß kommt nun einen längst geheegten Seelenwunsch und wohl
vielseitigen Geistes- und Lebensbedürfnissen entgegen, denn wie ich Dir schon
aussprach wünschte er schon seit langer Zeit sich auf unbestimmte Zeit in Keilhau
zu leben und da das vorstehende in unserm Kreise ausgesprochen wurde
war sein ganzes Herz so voll Freude wie einem Jüngling welchen der längst
im Stillen gehegte Wunsch unerwartet erfüllt wird, er wollte und konnte doch seine Freude
darüber vor mir gar nicht [ver]bergen. Mir war diese Erscheinung sehr lieb, die
Freudigkeit mit Euch und mit Dir Barop zu wirken, denn wie er Dich achtet
so lieb[t] er mich und so tritt er mit Leib u Seele zu Euch. Auch Middendorff meynt
daß er für Keilhau ein wahrer Ersatz sey besonders auch in Hinsicht auf
die Geschichte, da er glaube er werde sie für das jetzige Bedürfniß Keilhaus
zweckmäßiger geben als Triest, sollte ihm noch etwas an Lebenfülle des
Vortrags abgehen so werde ihm diese wohl das regere innigere Leben Keilhaus
geben, auch werde er es sonst ersetzen.- Einfachen classischen Bedürfnissen
namentlich im Lateinischen könnte er wohl auch entsprechen rc. Was mein
Stehen zu Frankenberg betrifft, so habe ich ihn - gegen seine Schwächen nicht blind - /
[3]
wirklich lieb, er erscheint mir als ein reiner, treusinniger ganz besonders auch Wil-
lens- und Entschlußfester Mensch. Ich habe in der letzteren Zeit, namentlich ver[-]
anlaßt durch das Streben seiner Familie und durch seine eigenen Lebensbedürf-
nisse viel mit ihm verkehrt; nach Rückkehr von solchen gemeinsam prüfenden
Lebensbearbeitungen hat er gegen Middendorffen geäußert: ["]er glaube und
finde, in Gemeinsamheit mit mir alles durchführen zu können und er glaube auch
daß ich ihn vollkommen verstände" und so scheint auch wirklich sein engeres Lebens[-]
verband und Anschließen an mich ihm wahres Bedürfniß zu seyn. Deßhalb
wollte er schon sehr gern mit mir nach Burgdorf gehen, wozu ich ihn aber
ohngeachtet seines besten Willens in Beziehung auf den Besitz und die Beherrsch[-]
ung und den Gebrauch der dazu nöthigen Mittel und Forderungen zu schwach
halten mußte. Frankenbergs allgemeines und besonders treusinniges und selbst prüfend
pflegendes Stehen zu dem Ganzen nun, wozu ich noch manche Äußerung als
Beweis beybringen könnte muß auch mir die Überzeugung geben daß
er für Keilhau, besonders dann wenn auch ich bald darauf nach Keilhau
komme nicht nur ein recht achtungswerther Ersatz für einen Theil der Kräfte seyn wird
welche Keilhau durch Austritt verliehrt, sondern in Beziehung auf das menschliche
und erziehende Leben ein wahrer Gewinn Eure Gärten werden in ihm [einen] wenn auch
noch eben nicht erfahrungsreichen doch treuen Pfleger und Eure Kinder einen lebendigen
Spielgenossen auch Euer Herr Gascard einen freundlichen Kollegen in ihm finden. Was die
Beachtung des Unterrichtes selbst betrifft so ist er sehr berufstreu; manche prakti[-]
sche Seite geht ihm freylich noch ab und manche Beherrschung der Sache, dieß fühlt er aber
selbst und wünscht durch meine Nähe besonders sich zu vervollkommnen. Auch in
Geographischer Beziehung könntet Ihr Hülfe an ihn bekommen.- Er selbst hat weiter
als seine eigene Überzeugung ausgesprochen, daß wir jetzt schlechterdings unsere
Kräfte einigen und uns darum vor aller Anknüpfung neuer Lebensverhältnisse
hüten müssen; genug Du Barop u Ihr alle seht daraus daß Ihr wirklich mehr[-]
seitig eine Hülfe an [sc.: von] Frankenberg[s] Eintritt [er]hoffen könnt.- Was nun die
Zeit seines Eintrittes bey Euch betrifft, so hängt die Bestimmung davon
ganz von der Forderung des Ganzen und Keilhaus ab; er kann und
wird kommen sobald es wirklich nothwendig ist
und wir erwarten
darüber nun Deine ganz entschiedene Forderung mit Anzeige der
letzten Zeit in welcher er in Keilhau eintreffen würde.- So ist nun
eine Sache völlig klar.
4. Auch wegen Ratzenberger habe ich, freylich nur mit Middendorf[f]en
gesprochen, doch will ich dessen und meine Meynung wenigstens vorläufig
hierher setzen. Middendorff meynte auf meine leise Entgegnung, daß
er doch vielleicht einmal für Willisau nicht ganz unzweckmäßig seyn
könne u zwar in doppelter Beziehung einmal weil in Willisau mehr
lehrendes als erziehendes Wirken von den Mitlehrern gefordert würde, /
[3R]
dann meynte er daß er wohl, besonders auf den Fall daß Langethal nach
Willisau zurückkehrte, wohl all den Unterricht auf musikalischen Instru[-]
menten geben könnte, welcher für Willisau so ganz wesentlich ist. Diese
Äußerungen Middendorffs nun waren es, welche mich das Ganze noch-
mals in Überlegung nehmen ließ[en]. Weil nun Rodas gar zu jugendliches
und unbedachtes Betragen, besonders jetzt wo er sich von dem politischen, kanne-
giesernden Getriebe ergreifen läßt und selbst dabey Parthey ergreift, der
Willisauer Erziehungsanstalt manche Schwierigkeit in den Weg legt, wie
noch jüngst eine sehr unbedachte Fastnacht Pharse [sc.: Farce], so ist mir der Gedanke
gekommen ob nicht, besonders auf den Fall daß Langethal für den eigent-
lichen Gesangunterricht wieder nach Willisau käme, ob nicht auf
diesen Fall Ratzenberger an die Stelle von Roda's Musikunterricht
daselbst einträte. Die Einheit und Führung Willisau[s] dünkt mich würde
dadurch sehr erleichtert werden.- Roda sehnt sich schon längst nach
Rudolstadt zurück und er hat ganz selbstständig den Gedanken und den Wunsch geäußert dann von Rudol-
stadt aus
für die Bedürfnisse des
musikalischen Unterrichtes in Willisa Keilhau, mit Keilhau in Ver-
bind[un]g zu treten.- Nochmals gesag, ich habe noch mit Niemand über diese
Sache gesprochen allein ich hielt es doch für nöthig Dir, wenn auch nur noch [als] einzelne
Gedanken von Middendorffen und mir, auch dieß mitzutheilen damit das
Ganze so vollständig vor Dir als mir liege.
Auf jeden Fall hin müssen wir nun in Beziehung auf Willisau ganz beson-
ders dahin sehen daß der Wechsel bey einer neuen Veränderung für die
Zukunft immer mehr weniger werde. Es wäre daher wichtig ob man zu wissen
ob man auf Ratzenbergern für Willisau auf längere Zeit zählen könne
und weiter ob Ratzenberger, selbst auf den Fall, daß Langethal nicht nach
Willisau käme, doch sämtlichen Musikalischen und dann besonders auch den
Gesangsbedürfnisse[n] entsprechen könne dem jetzt Roda genügen muß. Dieß
ist ein Punkt welcher besonders noch mit Middendorffen bedacht werden
müßte. Ich werde ihn für eine nächste Beredung im Auge behalten.
5.) Nun komme ich endlich zum Hauptgegenstand unserer gestrigen Beredung und
Mittheilung und so mit auch zum Hauptgegenstande dieses wozu eigentlich
alles bisherige nur Vorbereitung war: es ist dieß meine (:im ganzen vollen
Umfange des Worte[s]:) persönliche Stellung zum Ganzen von dem Augen[-]
blicke an wo meine Verpflichtungen gegen Burgdorf d.i. das Waisenhaus
gelöset sind.
Wenn wir unter uns von einem Ganzen reden, so kann darunter
wohl nur einzig der Grund- und Lebensgedanke verstanden werden
an dessen Verwirklichung wir nun gemeinsam schon so manches Jahr arbeiten
wovon die Erscheinungen, Verknüpfungen und Gestaltungen unseres äußeren /
[4]
Lebens nur noch unvollkommene Abdrücke und Abbilder sind. Der Grundge-
danke unseres Lebens und Strebens aber ist: Verwirklichung rein
menschlichen und wahrhaft menschheitlichen Lebens durch Lehre, Un-
terricht und Beyspiel besonders auf den entwickelnd erziehenden Weg,
nicht nur einzeln und vereinzelt stehend, selbst nicht nur ausgeübt
von einzelnen Familien; sondern dieses Leben und Streben hervorgerufen
in Vielen und mit mehr oder minderer Klarheit oder auch Unklarheit des
Bewußtseyns - als eine gemeinsame Lebensaufgabe gelöset von
Vielen;
Seit den letzteren Jahren besonders seit den jüngst beyden und vor allem seit dem und
in dem verflossenen Jahre bearbeite ich nun diesen Plan mit dem größten Fleiß[.]
Die Wiederholungskurse mit meinen zweymal 60 Landschullehrern u.s.w. u.s.w.
gab mir vielseitig Gelegenheit die Forderungen dieser Aufgabe in mir zu prüfen und zu lösen
doch die äußern Verhältnisse wollten sich mir immer noch nicht zur Ausführung
derselben lösen und ordnen. Die sich mir dazu entgegen stellenden Hindernisse zu
durchdringen war eine ununterbrochen von mir bearbeitete mich aber dennoch
nicht ermüden könnende Lebensaufgabe. In der zweyten Hälfte oder wohl
noch bestimmter als Dein jüngster Brief von Dir an mich abging und hier ankam ist
mir endlich die klare Lösung dieser Aufgabe gekommen und alle Lebensver-
hältnisse scheinen mir auch dazu nicht nur so geeint zu seyn, sondern das Ganze
scheint mir auch in seiner endlichen Ausführung so den innern und äußern
Forderungen unseres ganzen Kreises zu entsprechen, daß ich heut noch
lieber als erst morgen an die Ausführung des vorhabend[en] gehen möchte
doch ich will nicht vorgreifen sondern das Ganze zur eigenen ruhigen Prüfung
Dir vorführen.-
Das Bedürfniß nach Unterricht nach Belehr[un]g ist wohl allgemein; allein
zwey oder vielmehr drey Punkte treten zugleich dabey mit entgegen
erstlich Jeder wünscht sich möglich selbst belehren zu können und
zweytens nach seinem Bedürfniß wo u. wie er eine Lücke in sich fühlt
      und die Forderung seines Lebens es von ihm erheischt; allein damit
      scheint
drittens eine höhere Forderung der Menschenbildung ganz im Widerspruch
      daß nemlich alle Zerstückelung des Unterrichtes aufhören
      viellmehr Einheit der Erkenntniß in alle Belehrung komme.
Dazu kommen noch zwey andere sehr wichtige Gesichtspunkte
Einmal daß zu diesem Zwecke allgemeiner u durchgreifender Men-
      schenbildung die früheste Kinder u häusliche Beschäftigung
      und Belehrung ergriffen werden muß, daß nun
zweytens gar manche Eltern Väter u Mütter sich wohl geneigt fühlen
      daß ihnen aber dazu die nöthigen Mittel u Bildung fehlt /
[4R]
es müßten ihnen also Unterrichts- Lehr- und Bildungsmittel an die Hand
gegeben werden welche
einmal dem Doppelbedürfnisse von Eltern und Kind entsprechen
      d.h. wodurch Eltern fortgebildet würden indem sie sich mit
      ihren Kindern beschäftigen, ja ich möchte sagen nur die Selbstbe-
      schäftigung dieser Kinder als Eltern theilnehmend sähen
dann zweytens solche Bildungs[-] und Unterrichtsmittel welche den
      Bedürfniß und den Forderungen der jetzigen Menschheitsent[-]
      wickel[un]gsstufe ganz entsprechen
      a. zum Gebrauch u zur Wahl g[an]z offen darlegen
      b. zur sinnigen Beachtung des Lebens in all seinen Erscheinungen
      c. besonders zur sinnigen Naturbetrachtung und so
      d. zur Ahnung und Erkenntniß zur endlichen Anschauung der
      Einheit und Gleichgesetzigkeit in allen Lebenserscheinungen
      führte u.s.w. u.s.w.
Alle diese im vorstehenden nur schwach angedeuteten Forderungen der jetzig
allgemeinen Menschenbildung und Belehrung besonders auch des Familien-
und häuslichen Lebens - zeigten mir nun seit 3 Jahren, seit meiner
Auswanderung aus Keilhau meine Anschauungslehr- Unterrichts[-] und
Bildungsmittel in stets steigender Vollkommenheit erfüllend, besonders
die Zeichnerischen und Mathematischen Fortbildung derselben besonders
in dem letzten Jahre welche Dir natürlich ganz unbekannt sind. Seit
längerer Zeit trug ich daher den Gedanken in mir einer vielseitig
und wiederkehrend an mich geschehenen Anforderung zu genügen, die
Unterrichtsmittel allgemeiner zu machen; allein das Publikum
war mir dazu noch immer nicht groß und bedürftig genug um eine
solche Unternehmung zu beginnen. Auch fehlten mir dazu immer
noch zwey Sachen[.]
Der Zweck war mir nemlich immer noch ein zu allgemeiner nicht
er war mir noch nicht einzel als ein besonderer genug einzeln und
einfach anschaubar.
Dann stand ich persönlich zur Ausführung dieses Planes noch nicht
persönlich frey u selbstständig genug, ich selbst war vielseitig noch
zu sehr an Personen und <Ans> Verhältnisse, Verpflichtungen ge-
knüpft so daß ich das Ganze nicht ganz und allein wieder
in meine Hand bringen, so die Mittel der Ausführung einigen und
so das Ziel der Erreichung mir sichern konnte.
Alles dieses hat mir nun in vollkommener Klarheit dieses
Jahr 1836 und in demselben besonders dieser Monat der Klär[-]
ung und Klarheit gereicht. Zwey Briefe gaben die letzte Entscheidung /
[5]
und zeigten das lang gepflegte junge, neue Leben in seiner vollendeten klaren
Gestalt der eine dieser Briefe war von Louis Frankenberg vom 16 Dec.
geschrieben auf ihrem Gute nächst Columbus im Staate Ohio in NordAmerika
der zweyte Brief war der von Dir vom 17 Febr. In Beziehung auf den ersten
Brief muß ich sagen, daß ich bey dessen Ankunft eben eine Aufgabe gelöst
hatte, welche in Klarheit mit zu beantworten der Gegenstand ununterbrochen[er]
Arbeit seit dem letzten Monat vorigen Jahres gewesen war: Die Aufsuchungen
der Bedingungen unter welchen reines Menschheitsleben als Erscheinung wirklich
ist. Der Gedanke war damit mit einwirkend daß eine Gemeinsamheit zur
Darlebung eines Menschheitslebens sich wohl in Amerika bilden kann. Die
schriftliche Darlegung der Ergebnisse dieser Forschungen wirst Du binnen hier und
14 Tagen erhalten, ich erwähne es jetzt nur, fast blos im Vorbeygehen weil
es in den Lebensplan welchen ich Dir jetzt vorlege mit einspielt und Du
Dir sonst manche darinn vorkommende Beziehungen nicht deuten könntest, oder
ich sie mit Absicht vermeiden müßte wodurch das Ganze seine Lebensbe[-]
deutung und Lebensbegründung wie Lebenseinheit verlöhre.
Um nun jeden der bis jetzt begonnenen und begründeten Wirken in Keilhau
Willisau und Burgdorf völlig ungestört freye Entfaltung um allen
daran Arbeitenden völlige Freyheit in ihrer Wirksamkeit zu geben, um
also ebenso wenig in das Leben unserer der verschiedenen Lebenskreise als in
das Leben der an und in denselben lebenden und wirkenden Personen
einzugreifen werde ich nun gestützt auf die in vorstehenden angedeutete
Lebensansicht[en] und Grundsätze zunächst beginnend innerhalb meiner
Person und Haut folgenden Plan ausführen[:]
a) Alle meine Anschauungslehr- und Unterrichts[-] und Bildungsmittel werden
     in stetig auf einanderfolgenden sehr gegliederten Reihefolgen
     als Kinderspiele, als Mittel zur Selbstbeschäftigung und Selbstbelehrung
     ohngefähr in entfernter Ähnlichkeit mit den jetzigen Sonneberger und
     Nürnbergerwaaren - ausgeführt
b. Von diesen Sonneberger und Nürnbergerwaren unterscheidet sich aber
     der Ganze Plan dadurch daß
A. jeder Gegenstand auf rein menschliche u menschheitliche d.h. in sich einige
     und einigende Belehrung und Ausbildung berechnet ist
B. daß das Ganze nach denselben Erziehung[s-], Lehr- und Unterrichts
     Grundsätze und Zwecken bearbeitet wird welche ich und wir stets
     vor Augen hatten.
C. daß also jedes was gereicht wird immer einmal sowohl ein G[an]zes
     in sich als aber auch in seinem allseitigen Zusammenhang mit dem
     übrigen aufgefaßt u dargestellt ist.
D. daß diese Anschauungsunterrichtsmittel das ganze Gebiet zunächst des be- /
[5R]
gründenden Unterrich[t]es umfassen: - Formen-, Gestaltungs- Zahlkunde
eigentliche Mathematik, Zeichnen, Farbenkunde d.h. Bildung des Farben-
sinns, des Gehörs; Sprachkurse, Naturgeschichte, selbst Turnen rc.
E.) daß nun ganz hauptsächlich jedem eine kurze Anweisung
      beyliegt, welches
a. nur die allgemeine Beziehung u Zusammenhang mit dem Ganzen
      kurz andeutet,
b. Anleitung zum Gebrauch giebt
c. die daraus abzuleitenden allgemeinen u besondern Ge-
      setze hervorhebt u
d. darinn allgemeine u besondere Lebenswahrheiten ver[-]
      anschaulicht andeutet.
Ich hoffe Du wirst mich in diesen Andeutungen verstehen und sie andern denen es nöthig ist
wenn Du Schwefelhölzchen zur Hülfe nimmst der klar machen können[.]
Genug wie Gott z.B. den Gedanken: Gewächs in tausend verschiede[ne]
Pflanzen von Moos bis zur Eiche vom Veilchen bis zur Rose und Lilie
kund thut so soll der große Gedanke der Lebens Einheit u Lebens[-]
gliederung in auch zunächst wenigstens Hunderten von verschiedenen
stetig aufeinander folgenden Anschauungsgegenständen Lehrenden
und lernenden dargelegt werden. Alles was wir je besonders
vergleichend mit einander aufgefunden u besprochen haben, alles
was ich gedacht und empfunden habe alle die Nachweisung und An-
schauung der höhern Lebensgesetze alles soll hier in Form, Gestalt
und Gebilde nieder gelegt werden wie Gott seine Selbstoffen-
barung durch Steinchen u Blümchen u Moose u Bäume geschrie-
ben hat. Wie dort hier alles Einzelnes u alles ein Ganzes und
jedes Einheit ist so soll es auch in dem seyn was meinem Geiste
meiner Seele meinem Leben vorliegt. Wie Gott in der Welt
auf Wiese u Acker in Feld u im Wald das Große Erziehungsbuch
der Menschen geschrieben hat Kindern zum Spiel; Hungrigen
zum Essen, so will auch ich in Kinderspiel u LebensLust das Men-
schenerziehungsbuch schreiben wofür ich bis jetzt weder Worte
noch Sprache, noch Gehör finden konnte. So wird meine Seele
mein Geist noch {verwirklichen / gestalten} was es lange als Wesen in sich
trug. Wenigstens hoffe ich ein Abc und ein Einmal
Eins zu liefern daß man endlich Gottes Sach- und Thatoffenbarung
die Natur werde lesen und sich so selbst verstehen und er-
fassen können. Schwefelhölzchen u Striche, Kinderbauen u Kinderein-
reisen wie Lithographie u Buchdruckerkunst sollen mir dazu
die Hand bahnen; dann wenn ich mir so selbst werde
[neben dem letzten Absatz quer, ohne eindeutige Zuordnung, wohl nach "verstehen und erfassen können":]
Gott in seinem Wirken und in seiner Natur sollen mir dabey stets Vorbild seyn. /
[6]
mich verstehende Menschen durch mich verstehende Kinder werde
geschaffen haben, wenn ich mir so werde eine mich wenigstens in der
Ahnung verstehende Zeit- und Zeitgenossen gebildet haben so will ich
dann die Darlegung Menschenentwickelungs[-] und Menschenleb-
gesetze in zusammenhängenden Darstellungen folgen lassen wovon Du jedoch
wie ich schon oben erwähnte (zur Feyer des 22n u 27 Jenner rc.) ein Pröb-
chen von mir bekommen wirst. Dann kann in das Gebiet der Wissen[-]
schaft u Kunst selbst gestiegen werde[n].- Barop Du kannst mich ver[-]
stehen wenn Du Dich der letzten Worte erinnerst mit welchen ich vor
25 Jahren (1809) jene Abhandlung über begründenden Unterricht an die
Fürstin Mutter schließe. Diese Worte tönen mir immer im Ohr u leben
mir im Herzen.-
Aber wie? und wo? durch wen? dieses mit Nichts (Schwefelhölzchen) beginnen sollende
und doch das All erfassende Werk anfangen.
Durch wen? Durch den der es dachte und seit Jahren in sich außer
sich viel bearbeitete u prüfte, durch mich selbst; zunächst
wenigstens durch mich selbst; obgleich schon nur im Augenblick
des ersten Aussprechens sich schon Antheil dafür zeigte, ganz
erfassender Antheil, davon nachher, als Fortführung des durch
wen?-
Aber wie? Wie ich sagte durch Schwefelhölzchen, durch eine
vielfache Gliederung und Ordnung der Euch bekannten Legespiele
wovon Du mir ja selbst ein so schönes einst zum Christfest
beschertest Barop! Daß [sc.: Das] soll für unsern Wein die Stäbe
für unsern Hopfen die Stangen werden von da gehts auf- und
abwärts weiter. In meiner Stube hier stehen wohl schon 5 Ku-
bicfuß solcher Lebenskästen. Denke nur was ich noch sonst für
Materialien dieser Art in Keilhau gelassen habe[.]
Wo? aber zunächst in Keilhau wenn Ihr es anders erlaub[t] d.h. gern
seht, sonst schlage ich leichten Sinnes u Fußes meine Arbeitsstatt
anders wo auf, ich denke das Saalgebäude wird mir zunächst
schon Raum geben. Wenn nun also von Eurer Seite - was mich
Dein jüngster Brief Barop hoffen läßt - auch keine verborgene
u verschleyerte innere Entgegnung ist - so wird Keilhau von neuen
der Begründungs Ort eines ganz neuen Lebens. Jetzt will ich das
eben abgebrochene d[urc]h Wen? - ergänzen. Wollt Ihr mir nem-
lich den Franz Martin abtreten, so will ich zunächst schon mit
dem was ordentliches arbeiten. Noch manche Hülfe hoffe ich in
der nächsten Umgebung zu finden, und wäre sie nicht da mir zu
schaffen; denn das erziehende Wirken von Keilhau muß nicht nur /
[6R]
durch mein Wirken gar nicht gestört sondern vielmehr belebt und gehoben
werden; um mit weniger Menschenkraft viel zu leisten um so im Pre[i]se
mit andern die Wa[a]ge halten zu können so müssen später einfache Ma-
schinen mit in Anwendung gebracht werden, so wachsen dann für die
Anstalt selbst die Mittel zum Anschauungs Unterrichte, dieß nur
als Andeutung für die polytechnische Bedeutung welche dadurch spä-
ter Keilhau erhalten kann.
So hoffe ich denn durch die sich mir in Keilhau mehrseitig zeigende
Hülfe bis zum Herbste dieses Jahres noch mehrere Hundert Kubic-
fuß und bis zum künftigen Frühjahr d.h. binnen dato und ein
Jahr einige Tausend Würfelfuß solcher Spielzeuge und An-
schauungslehrmittel, solcher Gegenstände zum Selbstunterricht
zu liefern.
Aber was dann damit zu machen?-
Ja lieber Barop diese Frage wollte sich mir seit Jahren nicht klar
beantworten. Abnehmer hatten sich mir schon vor Jahren dazu gezeigt
allein diese zogen den Gewinn u wir sollten den Geist u die Arbeit zu-
geben das gieng nicht. Es ließe sich wohl auch schnell darauf machen
antworten was die Sonneberger u Nürnberger damit machen
es nach Amerika schicken. Allein auch dieß gieng nicht so, Auch
in Amerika mußten Ort, Kräfte, Umstände, genug Mittel zu Gebote
stehen um diesen Waaren als in einem ganz neuen Geiste gedachten
dort Eingang zu verschaffen.-
Nach alle dem nun, was mir von Amerika bekannt worden ist, und ich
habe doch manches darüber gelesen und gehört, und besonders nach dem
was mir der obengedachte jüngst empfangene Brief von Louis Fran-
kenberg
über den Stand des Unterrichtswesen in Nordamerika aus[-]
spricht so ist dort ein Bedürfniß für die zu Spiel, Selbstbildung und zu
Selbstbelehrung auszuführenden AnschauungsMittel. Es ist also
mein Gedanke und Plan in
"Keilhau und (z.B. gleich in) Columbus im Staate Ohio
(eine) Anstalt
für Selbst Anschauungs Unterricht zum Selbstunterricht u zur Selbst[-]
belehrung, Selbstbildung (:Autopsie)["]
als verschwistert zu errichten. Für Columbus, die Hauptstadt
von Ohio hat dieß nach Frankenbergs Brief keine Schwierigkeiten.
Würde sich nun Niemand finden der den Plan mit mir theilte
so sel würde ich selbst künftiges Frühjahr nach Amerika reisen
und meine Boutik u Laden dort aufschlagen. Doch Adolf Fran-
kenberg
, war sogleich bey der Mittheilung für den Plan und trat sogleich /
[7]
demselben für seine Person ganz zur Ausführung bey, ja ihn in seinen mehr[-]
fachen Lebensbeziehungen und seiner vielerfassenden Fortentwickelung er-
fassend erfüllte er ihn ganz mit Freude; allein auch für seine Brü[-]
der war er in sich ihrer Anerkenntniß dieses Planes gewiß, und ob
er gleich mit mir aussprach d.h. mir beystimmte daß wir zur Aus-
führung dieses Planes seiner Brüder gar nicht bedürften, so wird
er doch sowohl seinen Bruder Ernst in Göttingen, als seinem Bruder
Louis in Columbus und dessen Freunden, unter andern auch den Hauptm[an]n Jäger
zur Prüfung vorlegen und noch zwey andern Freunden und Lehrern dem
Prediger Schmidt in Columbus und dem Lehrer Jucksch (aus Hamburg) wo-
von der erste in Philadelphia und der zweyte in Virginia sehr be-
kannt ist und welche beyde sehr freundlichen Antheil an unserm
erziehenden Wirken nehmen - wovon Du Dich selbst überzeugen wenn
ich Dir vielleicht einen Auszug ausgenannten Briefe so wie aus einem
früheren, welchen Du jedoch noch nicht kennest mittheilen werde.
Dem Bruder Ernst in Göttingen will Adolph es zur besondern Pflicht
machen nicht eher nach Amerika zu gehen bis er über die Art seines
dortigen Wirkens recht klar ist und wo möglich ehe er mich noch
einmal in Keilhau, oder wenigstens Dich Barop über das Ganze
gesprochen hat.
Du siehest nun Barop und ich hoffe die andern werden es mit Dir und
durch [Dich] einsehen wie ich nun so errungen habe was ich längst ersehnte,
daß ich das Ganze sowohl in seiner Einfachheit als in seiner Aus-
führung wieder in meine Hand und Gewalt bekommen möchte um
ohne Hemmnisse frey nach der Forderung des reinen Gedankens, für
dessen Verwirklichung zu handeln, zu wirken zu leben und so
das Ganze wie alles Große von einem unscheinbaren unsichtba[-]
baren [sc.: unsichtbaren] Punkte aus dem Ziele seiner Vollendung entgegen zu führen[.]
Aber auch Keilhau steht was ich längst wünschte, so wie die Glieder
desselben wieder ganz frey es bleibt jedem Ganzen und jedem
Einzelnen ganz überlassen ob und welchen Antheil er an der Aus[-]
führung des so eben vorgelegten Planes nehmen will. Wie die
Sache in meinem Geiste und vor mir liegt so hoffe ich ein[en] Fortgang
der Entwickelung - und dieß ist für mich höchst wichtig -
aus dem Geiste und den Grundsätzen des Ganzen durch
meine Selbstkraft und Selbstthätigkeit die Mittel
zu erringen, wenigstens den Weg wie mit Klarheit so
Sicherheit anzubahnen wo d[urc]h Keilhau wieder ein freyes
Land, ein freyer Grundbesitz, ein freyes Eigenthum wird
ich hoffe so Keilhau und in nicht langer Zeit unabhängig von /
[7R]
der Willkühr und der Meynung der Eltern zu machen. Den Familien
wieder Gelegenheit zu geben sich selbst und besonders den Müttern
wieder ihren Kindern zu leben. Ich hoffe dadurch wenigstens die
Möglichkeit wieder anzubahnen daß alle den von mir innig Ge-
liebten es möglich werden soll, wenn sie es wünschen sich wieder
in Keilhau zu vereinigen und doch ein einiges, großes geeintes
reines Familienleben zu leben. Doch noch bey weitem mehr
knüpft sich mir darum an: Der Gedanke in Amerika zunächst durch
unsere sich schon dort befindenden Freunde u Bekannte einen großen
Familien- und Lebensverein zur Darstellung und Ausführung rei-
nes Menschheitslebens zu bilden, ist wie ich schon <eben / oben> aussprach
für mich seit einigen Monaten ein Gegenstand ernster Prüfung
gewesen; mehrere Hemmnisse waren und sind hier aus dem Wege
zu räumen: Ackerbau kann nicht alles reichen was edles
Menschenleben fordert Kunst, Wissenschaft, Industrie gehört
auch dazu. Findet das was meiner Seele vorliegt in Amerika
seinen Punkt u Ort des Anklanges, ist das Ganze für Amerika
wie ich glaube die Darreich[un]g eines großen Bedürfnisses, d.h. die
Befriedigung desselben so kann eine solche Anstalt so auch in Ame[-]
rika selbst entstehen und sie sichert so auch für den geistig und
Kunstgebildeten die Subsistenz; die Sicherung der Subsistenz für
vielartige besonders Kunststufen war aber auch ein Hemmniß
zur Ausführung höheren Menschheitlichen Lebens in Amerika.
Das größte Hemmniß zur Vereinigung für Darlebung reines
Menschheitsleben war aber immer das - gemeinsame Verständ[-]
niß, der von mir nun vorgeschlagene Weg bewirkt auch
dieß auf mehrfache Weise für Einzelne u für ganze Familien
und Kreise und so sehe ich durch Ausführung desselben für Ame-
rika die Möglichkeit daß sich dort Menschheitliches Leben rein
in Gemeinsamheit gestalten könne; wie dann auch sich auch
früher oder später die Verhältnisse in Deutschland gestalten
mögen so haben wir unsern Kindern ein[en] Hafen gebaut wohin
sie aus den Stürmen des Lebens od retten oder als Bedürfniß
einer größern Lebenswirksamkeit hin schiffen können.-
So weit meine gestrigen Mittheilungen. Allen die dabey gegen[-]
wärtig waren schien aus denselben ein ganz neuer Lebensborn
ein Born der Erfüllung und der Darreichung dessen hervorzu[-]
quellen was von Einzelnen u vom Ganzen viel ersehnt worden
so war wie meine Frau so besonders auch Euer Gesandter zu
uns in die Schweiz dadurch freudig befriedigt.-- Und /
[8]
Und so lege ich denn auch Dir Barop! und durch Dich den ganzen lieben
Keilhau das Ganze zur Prüfung vor. Du Barop wirst Dir hoffen[t]-
lich zu Deinen Mittheilungen erst Grund und Boden verschaffen wo
er nöthig ist um Mißverständnisse zu vermeiden. Du für Deine
Person schließe Dein Urtheil nicht ab bis Du die mehrseitig er-
wähnte Arbeit: Die Darstellung des gesammten Lebens als Eines Ganzen
erhalten hast. Gegen das Ende dieser Woche hoffe ich sie abzuschicken
fertig ist alles, es wartet nur noch auf etwas Hinzukommendes.
So liegt nun abermals das Ganze Leben, als ein neues Leben
zur Prüfung und zu Eurer Selbstbestimmung darüber vor Dir vor Euch;
Zwar nur der Schaale und dem Körper nach, Du Barop! aber <wirst>
wohl den Kern und Geist darinn finden und ihn auch andern finden
machen.- Wenn die Sache und das Ganze früher oder später außer
unserm Kreise erwähnt werden sollte, so wäre dieß gewiß
unter eurem so klaren und bestimmten als bedeutungsvollen Namen
nöthig, jedoch ist am besten darüber so lang zu schweigen bis das Ganze
irgend wie, erst Wurzel gefaßt hat und irgend eine Wirklichkeit erhalten hat.-

Burgdorf am Morgen des 1en Tages im Monat des Keimenden Lebens (1/III) 1836.·.
Wenn Du nun Barop diesen Brief bekommen und gelesen, wenn Du
das dazu gehörige größere Ganze empfangen und in Dir durchdacht und ver-
arbeitet haben wirst; wenn Du in der Form das Wesen, in dem Körper den
Geist, in dem Leibe die Seele, in dem Todten das Leben, in der Vielheit die
Einheit, in dem Äußerlichen das Innere u Innerste, in dem Vergänglichen das Un-
vergängliche genug im Kleinsten das Größte finden u erkennst, durchfühlst und
ahnest kannst, so hast Du mein Leben in seiner innersten Vollendetheit u Ganzheit;
hast mein Leben von seinen ersten Knaben Ahnen bis zu meinem sich selbst nach Ziel
Zweck u Mittel klaren Mannes Wollen und Streben, dessen äußerlicher Ver-
wirklichung: - als einer neuen, das Innerste und Wesen des Menschen und so der Natur
kund thuenden zweyten Schöpfung
- welcher von nun an mein ganzes Leben und
Streben gewidmet ist. Ich weiß und bin mir nun klar was ich von jeher wollte
und wie ich es wollte, alle meine höchsten Ahh Ahnungen und Ansichten vom
Wesen des Menschen u der Menschheit, der Erde u des Himmels, des Geschöpfes u des
Schöpfers lösen sich mir darinn als ein stetiges Ein und Ganzes auf.
Ich bin nun so mit meiner Mittheilung an Dich und durch Dich an alle die in meinem
Leben und Streben das ihrige finden fertig. In Treue habe ich mich für Treue
treu gegeben; das Weitere ist Gott befohlen. Und so seyd auch Ihr alle
Gottes lebenvoller Vaterliebe Güte u Treue empfohlen.-
So bald Du über das Ganze klar, auch die jetzigen Gesammtverhältnisse von
Keilhau in dieser Beziehung erwogen, so theile mir unverzüglich das Ergebniß davon mit.
- Fr Fr. -

[8R]
Am 2en Tage im Monat des keimenden Lebens. (Mittwoch Vormittags)
Es ist auf das höchste merkwürdig mit welcher Entschiedenheit sich immer mehr alles
zu einer klaren und bestimmten Einigung neigt.- Aus der Anlage Langethals
wirst Du gewiß sehen, wie er in sich wirklich ersehnt in dem hiesigen Ver-
hältniß und der hiesigen Wirksamkeit besonders wegen der möglichen Wieder[-]
kehr eines Burgdorfer Schullehrerfortbildungskurses zu bleiben.- Nun war gestern
Abend, wie in der jüngsten Zeit bei mehrern Unterrichtsstunden, - Hans Schnell
(als Präsident der Waisenhausführung) bey den Handarbeiten der Kinder gegen-
wärtig. Aus dem Ganzen der Mittheilung und des Betragens gieng nun wohl bestimmt
hervor, daß bey ihm u sonst bey den einsichtigeren u prüfenden das Zutrauen zu uns
im Innersten nicht nur nicht verletzt ist, sondern sich wirklich befestigt hat - so
hatte er Tags vorher gegen Langethal geäußert: - "Da jetzt der eigentliche Ad-
ministrator, Verweser u HauptRechnungsführer des Waisenhauses sehr krank sey
und darum die Führung der Rechnungen abgegeben habe, sich aber noch kein Ersatz
für ihn gefunden habe, ob sich da nun nicht diese Hauptrechnungsführung mit der Direction
des Waisenhauses d.i[.] mit meiner Wirksamkeit verbinden ließe. Lange-
thal hat darauf geantwortet, daß er dieß wohl glaube; daß ja dann
aber die Controlle über uns wegfiele. Darauf hat Schnell gesagt[:]
"Ja Zutrauen müsse man freylich haben, ohne dieß könne es ja so
nicht bestehen, und (:ich weiß nicht ob es nur im Sinne lag oder ob er es
wirklich ausgesprochen hat:) - dieß könne man ja auch zu uns haben["].
So sagte Hans (d.i. der Professor) Schnell gestern Abend - sich sehr
befriedigend über die bisherigen Ergebnisse äußernd: - "ein Jahr der Prüfung schie-
ne ihm nur fast zu kurz um ganz allgemein die sprechende[n]
Resultate klar vorzulegen["]: - ich deutete nur an, daß dieser längern Prüfung
von uns nichts entgegen stände.- Auch hatte er früher gegen Langethal
geäußert, daß schon Anträge geschehen wären, wie viel es wohl kosten möge
Kinder als Zöglinge in die hiesige Anstalt zu geben.- Du magst also lie-
ber Barop! daraus wohl abnehmen, daß die Festhaltung des hiesigen
Wirkungskreises ohngeachtet der kleinlichsten u bittersten Anfeindungen - (:
denn wie ich früher schon andeutete benutzt man sogar das hiesige Zeitungsblatt,
den Volksfreund, um das Publikum gegen uns zu bearbeiten:) - dennoch
in unserer Hand liegt. Zwar hat in dieser Beziehung Schnell sehr bestimmt
ausgesprochen: - "daß in einer Republik die Entscheidung nicht in Einem
"Mann u in Eines Hand ruhe sondern daß das Publikum für das bessere
"d.h. das was der Einzelne durchführen will bearbeitet, werden nicht
"und dann die Entscheidung, das Ergebniß davon bey der Abstimmung abgewartet
"werden müsse."- In Beziehung auf unser Streben in der Schweiz halte ich
dafür, daß wie die Sachen jetzt beengt hier stehen, Langethal nach jeder
Seite hin, meine Stelle für Bern als Kanton vertreten kann. Im Gegen-
theil findet er sich weit leichter und besser in ein vereinzeltes Wirken als ich; so wäre
[Nachschrift auf 8R/7R/8V/1V:]
denn nach jeder Seite, von hier aus gesehen, alles der Ausführung meines großen Planes günstig. Schreibe nun
recht bald wie es in Keilhau und seinen Umgebungen steht und was sich etwa auch äußerlich dafür günstig zeigt.
Den Bruder u die Schwester, Albertine und ihre Kinder, Dich Deine Frau und Deine Kinder alle grüße ich und wir namentlich Friedrich Fr.
Middendorff trug mir beym Weggehen von den gesammten Willisauern so wie Frankenberg die schönsten Grüße auf[.]