Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Friedrich Clemens in Keilhau v. 6.3.1836 (Burgdorf)


F. an Christian Friedrich Clemens in Keilhau v. 6.3.1836 (Burgdorf)
(KN 52,24, Brieforiginal 1 B 4° 4 S., ed. Hoffmann 1952, 209-214. Im Briefkopf: Lithographie von Burgdorf mit Unterschrift "Burgdorf.")

Am 6en März 1836.·.


Grüß Dich Gott lieber ChristianFriedrich.

Gern wäre ich erst morgen gerad am Tage Deines lieben Geburtstages bey Dir eingespro-
chen, doch heute ist es Sonntag an welchem es sich so schon so schön und freudig mit ein[-]
ander spricht und morgen muß das Päcktchen zu rechter Zeit geschlossen seyn; damit
es endlich an Euch abgehe; darum wirst Du es mir wohl erlauben, daß ich heute
gleichsam zur Vorfeyer, wie wenn der Brief bey Dir angelangt ist, zur Nachfeyer
Deines Geburtstages zu Dir komme.
Nun Dir zuerst von Herzen meinen väterlichen Glückwunsch und Gottesseegen dazu.
Wie mir die Mutter sagt, welche Dich und Dein Leben mit wahrhaft mütterlichen
Sinne immer liebend und pflegend im Herzen trägt, so trittst Du mit dem mor-
genden Tage aus deinem 14en in Dein 15es Jahr. Mein lieber, theurer Sohn! ein
wichtiger Schritt, möchtest Du ihn doch in der Größe seiner Wichtigkeit ganz em-
pfinden; mit Entschiedenheit trittst Du jetzt in das Jünglingsalter, welches dem Men[-]
schen den hohen Ernst und die tiefe Bedeutung des Lebens näher bringt; möchtest Du
darum die großen Gaben welche Dir Dein morgender Geburtstag bringt mit achtsa-
men Geiste und sinnigen Herzen und Gemüthe empfangen, daß Dir daraus eine
klare und bestimmte Entwickelungsstufe Deines Lebens hervorgehe und Dir so die Feyer
Deines Geburtstages zu einem wahren Lebensfeste werde. Wenn Du hier, lieber Chri-
stianFriedrich die Worte "Ernst" und "Bedeutung des Lebens" hörest so meyne darum
nicht, daß ihr Wesen die Lust und Freude des Lebens, vor allem des Jugend- und Jünglings-
lebens störe; o nein! beachte, prüfe, empfinde nur selbst; beachte und prüfe nur das /
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das [2x] Leben des Menschen unter Deinem Alter, das Knaben- und Mädchenleben, das
Kinderleben und Spiel, und das Leben in der Natur, das Leben nicht nur in der Thier[-]
welt, sondern auch in der Pflanzenwelt, aber beachte es sinnig: Ernst und Bedeutsam-
keit erhöhet überall die Lust und Freude, ja steigert sie bis zur Wonne. Soll ich Dir
dafür noch Andeutungen geben?- Überall wohin Du in Deiner Umgebung blickst, sinnig
schauest findest Du die Bestätigung von dem was ich sage: Siehe mein liebliches Pathchen
wenn es sein Köpfchen im Schooße der Mutter zwischen deren Hände legt und nun meint,
jetzt sey sie für den Blick der Mutter verborgen und nun zwischen den sich leise öffnenden
Fingern schelmischfreudig hervorblickt und gleichsam sagt: - "Mutter Du hast Dich doch ge-
teuscht, ich war nicht fort, ich bin nicht fort, siehe ich war und bin ganz nahe bey Dir."-
wie [sc.: Wie] ich eben jetzt sehe ist die Handlung ein Wenig anders: Die Kleine legt der Mutter eigene Hände vor deren Augen
und wenn diese nun durch die Finger, sie leise öffnend blickt, so jauchzt die Kleine: Ernst u Bedeutung wie angegeben.
Aber was mag nun wohl des "Lebensbedeutung["] [sc.: Lebens Bedeutung] von diesem beglückenden Spiel seyn, was
mein geliebtes Kind nicht zu spielen müde wird?- Sage Sohn was meinst Du?- Siehe
das Kind fängt an sich als ein eigenes Wesen zu fühlen, zu finden zu schauen; es beginnt
sich mit der Mutter, mit welcher es gleichsam dem Körper nach nur noch ein Wesen war,
nun zwar als selbstständig und getrennt aber seinen Eigenschaften nach, gleichsam seinem
Leben nach, mit derselben Mutter eins zu fühlen. Nun sage Dir einmal gleich in diesem Augen[-]
blick selbst, wird Dir Deine eigene Freude an des Kindes Spiel nicht eine erhöhtere, wenn
Du selbst dessen K Ernst und Bedeutung für des Kindes Leben nur ahnest ja erkennst?- Siehe
den Johannes wenn er Briefchen an die ihm fernen Lieben schreibt; nimm ihn den Ernst und die
Bedeutung davon und Du hast ihm eine Lebensader zerschnitten, einen Lebensast abgebrochen[.]
Was ist der Ernst?- Daß er meynt er theile sich mir dadurch wirklich mit; und ist es nicht
so?- Was ist die Bedeutung davon?- Daß der Mensch durch sichtbare Äußerungen seiner
selbst, unsichtbare Seelenbande knüpfen, mindestens sie pflegen könne; und hat der kleine
Johannnes nicht wieder recht[?] Siehe nun wie es gut ist daß die pflegenden sinnigen Eltern mit Ernst und
Bedeutsamkeit den kindlichen Ernst und die Bedeutsamkeit des Kindeslebens pflegen, dadurch /
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erstarken die Kinder in sich und dadurch lernen sie und Du und ich, selbst schon ein vieljähriger
Lehrer, und wer mag wissen wer dadurch alles noch. Nimm nun gar einmal den kleinen
Wilhelm meinen Namensbruder und Namensvetter, mit welchem Ernst und welcher
Wichtigkeit der seinen Schiffsbau betreibt. Zwischen seinem Treiben und meinem Schauen
liegt eine Anderhalbhundert Stunden dicke Luftschicht, doch welche Bedeutung sehe ich in
seinem Spiele?- Die Bedeutung: das Ferne sich, sich dem Fernen auf den ihm bekannten schnell-
sten, wenn auch sonst mühevollsten Wege nahe zu bringen; und verdient ein solches Stre-
ben nicht mit dem größten Eifer und Ernst verfolgt zu werden? ist es ein anderes Streben,
auf Einzelnes, Persönliches rc gar nicht einzugehen, ist es ein anderes Streben als durch
welches uns Her Kolumbus einen neuen Erdtheil, jetzt ein Land freyen Menschenlebens
und Herrschel uns die Einsicht in den Weltenbau nahe brachte, und sein Sohn uns den Mond
nahe bringen will, daß wir darinn wie in einem Lust- und Blumengarten spazieren
gehen können?- Frage Dich selbst, mein Sohn! magst Du noch ein Spiel spielen wenn es
nicht mit Ernst und sinnig, mit Bedeutsamkeit gespielt wird?- Bedenke nun! wenn
nun schon das Spiel allen Werth und Reiz verliehrt wenn der Ernst und die Bedeutsam-
keit aus ihm, von ihm genommen ist, sollte es mit dem Leben und vor allem mit dem
fröhlichen und heitern Jugend[-] und Jünglingsleben anders seyn?- Ja finden wir nicht
eben gerad hier, daß Ernst und Bedeutsamkeit die Fröhlichkeit und Heiterkeit erhöhet [sc.: erhöhen]?-
Und ist es etwa in der Natur anders?- Beachte nur mit welch' einem Ernste und Bedeutsam[-]
keit jetzt schon das Märzblümchen hervorknospet und bald das Veilchen; der Ernst drückt
sich in der Kräftigkeit seines Strebens aus: und die Bedeutung?- "Aus Nacht zum Tage,
"aus Dunkelheit zum Lichte, und im Lichte zum Lichtesquell, zur Lichteseinheit mußt Du
"Dich um Dein eigenes Inneres richten, wenn es sich so freudig als allseitig und im All-
einklang entwickeln soll".- Nimm diesen Ernst und diese Bedeutung aus dem schönen Blumen[-]
leben und selbst diese lieblichen Kinder der Flur und des Frühling[s] verliehren für uns ihren
hohen Reiz, darum haben aber auch Blumen für Kinder, und Kindermenschen den größten
Werth, weil sich ihre Leben gegenseitig am meisten verstehen. Ist es aber mit den
Vögeln anders; höre jetzt ihren Gesang; ihren Ruf; welcher Ernst! Meynt man nicht, ein
Finke habe nur allein da zu befehlen wo er sein Fink Fink! ruft und seine lange Rede
hören läßt?- Ich habe Dir schon gar oft von meinen Vögeln erzählt und noch immer
gehe ich gar gern in ihre Waldkirche und lasse mir etwas von ihnen vorpredigen oder
vorsingen; da sind nun der Zeisig und Stieglitz, die immer in ganzen Chören kommen, und der
Finke u.s.w. die treuesten. Immer ruft mir dieser immer noch sein altes Wink! Wink!
welches mir schon in Deinem Alter das Herz vor Sehnsucht fast zerdehnt und die Brust aus Strebens[-]
lust fast zersprengt hat, wo mir dabey so zu Muthe war wie wenn man noch in der Schulstube mit der Feder in /
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an dem Arbeitstische sitzen und seine Aufgabe fertigen soll und muß, während die Genossen schon
im Hof und Garten ein Leben jubeln als sey eben ein neues Leben zu gewinnen oder schon gewonnen[.]
Letztlich rufte mir der Finke auch wieder sein altes Wink, wink! - "Laß mich endlich
einmal und schweig["], sagte ich zu ihm, ["]Du siehst doch wohl daß ich nicht fortfliegen und Dein
freyes fröhliches Leben mit Dir führen und leben kann!" Da sang er mir recht vernehmlich
seine lange Rede die Du auch schon so oft gehört hast (:aber ich möchte sagen recht orthographisch,
daß ich doch auch verstehen konnte was er wollte:) -
"Immer sey einig in Dir; jederzeit thue sogleich was Du zu thun jetzt hast; lieb und ver[-]
"traue dem Gott der Dich zum Leben erschuf; liebe und pflege die Welt die er zur
"Wohnung Dir gab; siehe dann lebst Du darin wie ich auch so froh und so frei!"--
Fast glaube ich nun, daß eben deßhalb der Finke seine Wohnung so gern in der Nähe
[der] Menschenwohnung aufschlägt, weil dieß dem Menschen, was er singt gar zu wichtig
zu hören und nun bey weitem wichtiger ist, auch zu thun und zu leben. Nun weiß
ich auch warum der Finkenruf von meinem frühesten Knabenalter und in meiner
der Deinen gleichaltrigen Jungendzeit wie ein pflegender Vater, ein treusinniger Bruder
und liebender Freund so gewaltig an das Herz und zu dem Herze mir gesprochen hat, denn
ich wäre von Jugend auf für mein Leben gern ein froher ein freyer, ein Mensch ge-
worden, welcher in beyden eingeschlossen ist wie der Kern in der Frucht, wie das Leben in dem
Kern; und dazu wollte und sollte mir der Vogel verhelfen.
Siehe mein ChristianFriedrich, weil ich nun schon als Knabe gar nicht anders ahnen, fühlen
und denken konnte, als daß in dem Rufe des Finken Ernst und Bedeutung, Bedeutsam-
keit läge, so habe ich lang und mit Ernst seines Rufes Bedeutung geforscht; da ich sie
nun endlich gefunden habe, so weiß ich nun nicht nur was es heißt, sondern auch was
es fordert froh, frey und fromm zu seyn.- Da ich nun weiß, daß Du, mein Sohn!
als der, der Du bist, als ChristianFriedrich, als ein ChristianFriedrich auch gar nichts
anders wünschen und ersehnen, erstreben kannst, so wußte ich Dir an Deinem und
zu Deinem Geburtsfeste, daß es Dir ewig ein Lebensfest seyn und bleiben möge,
nichts höheres zur Gabe zu reichen als die Bedingungen unter welchen Du Dein
eigenes Lebensziel, den Dir selbst gestecktensetzten Lebenszweck erreichen und erringen
kannst, Dir fühlen und erkennen zu machen: - pflege treu des Lebens Ernst, suche sinnig
und anschauend des Lebensbedeutung und das Leben, welches den Forderungen von beyden
entspricht, sey nur Dein Leben.-
Was ich Dir hier nun zu Deinem Geburtsfeste freylich in etwas langer Rede sage, das
spricht die sinnige Mutter freylich kürzer und schöner in klarer Arbeit zu Dir, welche sie mit
angestrengtem Fleiße Dir zum Geschenk fertigte, damit - auch Dein S Fuß wandeln möge
wie Dein Gemüthe fühlt und Dein Geist erkennt; denn nimm des Lebens Ernst u Bedeutung
das Grau und den Stern aus der schönen Arbeit und - wird das lustige Roth Dich dann noch alleine erfreun?-
Grüße alles um Dich was sich meiner noch gern erinnert mit herzlicher Liebe. Nun lebe recht wohl. Dein treuer Pflegevater [Unterschrift abgerissen]