Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Maria Elisabeth Hoffmeister in Berlin v. 10.3.1836 (Burgdorf)


F. an Maria Elisabeth Hoffmeister in Berlin v. 10.3.1836 (Burgdorf)
(KN 52,25, Brieforiginal 1 B 4° 4 S., zit. Halfter 1931, 738)

Burgdorf im Kanton Bern am 10 März 1836.


       Tief verehrte, geliebte Mutter.

Vor allem zuerst spreche ich den innigsten und sehnlichsten Wunsch
meines Herzens aus, daß diese Zeilen kindlicher Liebe Sie theure
Mutter und die hochgeschätzte, liebe Tante wieder so wohl und
so bekräftiget finden mögen als es in den Jahren in welchen
Sie uns Gott als die kostbarste Gabe schenkt, nur immer möglich
ist. Gottes Vatergüte welche die Liebe und Treue der Mutter so
gern seegnet reiche Ihnen alle die Stärkungen des Lebens und
die Freuden des Gemüthes welche auch nur leise Ihr Herze wünscht.-
Mit einem recht schmerzlichen Gefühle hat mich der Eingang
des hier mitkommenden Briefes meiner lieben Frau erfüllt, weil er
mir zeigt daß wir aus dem alten Jahre in das neue getreten sind
ohne Ihnen die unvergängliche Dankbarkeit und die treusinnige Liebe
unseres Herzens auch nur mit einem Worte auszusprechen.
Ich war in mir in der ganz festen Meinung daß wir um die
Neujahrszeit an Sie geliebte Mutter und die theure Tante ge-
schrieben hätten; deßhalb war ich über die Aufklärung unserer
Wilhelmine, daß dem nicht so sey wirklich erschrocken und sie
fiel mir schwer aufs Herz. Ich kann mir dieß nur einzig
dadurch erklären, daß gerad in dieser Zeit Ihr beyderseitiges
Leben als ein theures Gottesgeschenk viel der Gegenstand unserer
Mittheilungen besonders zwischen meiner Frau Ihrer zärtlich
liebenden besorgten Tochter und mir als dankbarem Sohne war.
Ich kann mir dieß vorübergehen lassen der Zeit herzlicher Be-
grüßung auch gar nicht anders d erklären, als daß ich in
meinem Gemüthe wirklich einen Brief geschrieben und in der
Meinung gestanden bin, daß er auch wirklich abgegangen sey.
Darum bitte ich Sie beyderseits verehrte Mutter und geliebte
Tante wegen dieser Nichtbeachtung auf das herzlichste um Ihre
mütterliche und gütige Verzeihung, und bin mir derselben aus
den angeführten Ursachen im ganzen Umfange Ihrer mütterlichen
Liebe gewiß.- Wilhelmine meint sie habe von sich aus auf
eine gewisse Lebensentscheidung von einer Zeit zur andern ge-
wartet, und so habe sich ihr das Schreiben von der Festzeit
unvermuthet weit entfernt. Auch dieß mag wohl mit
eingewirkt haben, weil so das Schreibenwollen stets fortgeh-
ender Vorsatz gewesen ist. Doch erlauben Sie mir nun eben /
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über diesen Punkt theuerste Mutter noch ein Paar aufrichtige ver-
trauensvolle Worte zu sagen. Als ich vor nun fast drey [sc.: fünf]
Jahren Keilhau und somit Deutschland verließ konnte und
durfte ich von Deutschland und Keilhau nur unter dem bestimmten
Versprechen weggehen nach einem bestimmten Zeitraume
wäre es auch wieder nur auf einige Zeit dahin zurück
zu kehren. So wenig nun auch durch die äußeren Umstände
die Möglichkeit erschien daß [sc.:, das] Versprechen erfüllen zu können,
so gab ich es doch in dem festen Vorsatze in mir, es sobald als
nur möglich wäre zu erfüllen; in diesem Vorsatze sprach
ich dann auch wie Sie sich vielleicht noch erinnern werden in
Berlin das Versprechen und die Hoffnung aus nach einigen
Jahren die Tochter zurück in die Arme der Mutter zu führen,
und der Tochter Sehnsucht wieder einmal an dem treuen lieben[-]
den Herzen der Mutter zu ruhen zu erfüllen. Von dem Augen[-]
blick meines Eintrittes in die Schweiz und nach Willisau
war daher mein Streben diese Anstalt selbstständig d.i. sie ohne
mein unmittelbares persönliches Wirken in derselben, fort-
bestehen zu machen. Was ich erstrebt hatte geschahe endlich
und ist jetzt durch meinen Neffen Ferdinand Fröbel und seine
Schwester Elise denen beyden Middendorff zunächst noch als
erfahrener Hausvater an der Seite steht vollkommen für
die Bedürfnisse und Forderungen von Willisau erreicht.-
Doch ohne mein willkührliches Suchen und durch die Bedräng[-]
nisse, welche mein Wirken im Kanton Luzern von der katho-
lischen Geistlichkeit und deren Anstiften Anfangs erdulden
mußte, getrieben eröffnete sich mir eine mir ange-
messene Wirksamkeit in dem Kanton Bern. Wie dieß
in Republiken, in sogenannten Freystaaten der Fall immer
ist es dauerte ziemlich lang ehe sich die die Art meiner Wirk-
samkeit klar entschied und in ihrer bestimmten Abgrenzung
zeigte. Um jedoch für mich persönlich in meinem Wirken
möglichst frey zu bleiben und so stets meinen ursprünglichen
und alten Verpflichtungen gegen Keilhau d.h. in Beziehung
auf unser gemeinsames Unternehmen getreu leben zu
können nahm ich Langethals mit nach Burgdorf. Dieß
war nun auch der Grund warum Langethals, welche mit
mir die Förderung gleich treu und warm im Herzen tragen
und durch die That zeigen meiner Anforderung gern folgten,
Es geschah dieß in uns beyden mit dem festen Vorsatz erstlich /
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durch gemeinsam angestrengte Thätigkeit unsere Wirksamkeit
in Burgdorf zu sichern und sie dann einem von uns beyden
allein zur Forterführung zu überlassen, damit der andere
dann wieder um so mehr für die immer vollkommenere Ausführung
unserer gemeinsamen Unternehmung wirken könne.
Auch dieß hat sich nun alles fast ganz zur wohl Allgemeinen
Zufriedenheit geklärt obgleich die letzteren Entscheidungen
noch von keiner Seite ausgesprochen worden sind; davon
gleich nachher. In dieser Zeit der verschiedenseitigen Lebens-
klärung kamen die Weyhnachtsfeste herbey.- Ihnen liegt das
Herz und Gemüth Ihrer liebenden, tieffühlenden Tochter und
deren Bedürfnisse für das Gemüths- und Herzensleben so offen da
als mir, Sie wissen wie das engste Familien-, besonders das
kindliche und mütterliche Verhältniß sie besonders fesselt;
Sie theuerste Mutter werden sich aus Ihrem gütigen Aufenthalt in
Keilhau noch erinnern mit welcher mütterlichen Liebe unsere liebe
Wilhelmine zwar an allen unsern Pflegekindern besonders aber
an einigen hing; die Sehnsucht nach diesen trat nun in dieser Zeit her-
vor; ganz vor allem zogen die Briefe und Nachrichten aus Berlin
sie zur theuern über alles geliebten Mutter, daß ich fast glaube
sie hätte es über ihre Gesundheit vermocht sogleich dahin aufzubrechen;
da nun in der Gesammtheit unserer Lebensverhältnisse wie ich
schon im vorhergehenden darzulegen suchte und gleich weiter aus[-]
führen werde kein eigentliches Hinderniß vielmehr gar sehr
viel Entgegenkommendes fast von allen Seiten lag; so wurde
die Erfüllung des Wunsches der von allen Gliedern innig geschätzten
und geliebten Hausmutter des ganzen Kreises - wie dieß in wichtigen
Angelegenheiten bei uns immer der Fall ist, in allgemeine Berathung
genommen und für dessen Erfüllung entschieden.- Während dieß
hier in Burgdorf in Gemeinsamheit mit den Willisauern geschahe
entwickelten sich unsere Gesammtenverhältnisse auch in Be-
ziehung auf Keilhau immer mehr. Das Hauptergebniß davon
war: - daß dorthin, nach Keilhau zur Förderung und Rechtfer-
tigung des neu belebten sich weitverbreitenden Vertrauens
und zur größern Wirksamkeit möglichst wieder alle unsere
jetzt mehr freyen Kräfte wieder vereint werden sollten
und um den in den Gesammtumständen sich jetzt zeigenden
günstigen Augenblick zu kräftiger Erhebung und Fortbildung,
Keilhaus zu größerer Vollkommenheit und Wirksamkeit
nicht ungenutzt vorüber gehen zu lassen.- Der Erfüllung /
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dieser Forderung, wozu noch der persönliche Wunsch der Keilhauer
kommt uns, meine Frau und mich wieder einmal in ihrer
Mitte zu sehen, zeigen sich nun auch bis jetzt die Umstände
günstig; denn Langethals haben sich durch ihre treue Hingabe
ein solches Zutrauen hier erworben, daß ich nicht zweifle
man wird das bisher mir und uns geschenkte Vertrauen gern
auf sie übertragen; ich trete meine Wirksamkeit hier gern
an ihn ab indem ich überzeugt bin er kann nach dem Um-
fange der jetzt gemacht werdenden Forderungen meine
Stelle ganz ersetzen; dazu kommt daß die Geschäfte bey
einer geringen Unterstützung durch einen Unterlehrer, und
für die Frau Langethal durch eine Hausjungfer, wohl ganz
gut von den beyden Langethals besorgt werden können.
Sollten sie beyde wenn sich ja einmal ihre Wirksamkeit
und so die Forderungen an sie beyde vermehren sollten, so
würden wir dann immer suchen ihnen die Unterstützung
zu verschaffen welche sie bedürften.
Und so ist denn wir bei Da nun mit dem 14en April meine
provisorische Anstellung zu Ende geht, so ist sind wir beyde
Herr Langethal und ich jetzt beschäftigt, in dem angegebenen
Sinne, unsere Vorschläge bey dem hiesigen Bürgerrathe, unse-
rer letzteren Behörde, einzureichen; und so ist denn wirklich
vorläufig meine und Wilhelminens Reise nach Deutschland
und Keilhau bestimmt, und ruhet diese Reise in keines Ein-
zelnen Willkühr, sondern in den das Wohl unserer Unternehm-
ungen fordernden Gesammtumständen: - Ferdinand bleibt sehr
gern als Führer in Willisau, - Langethal sucht gern ein selbst-
ständiges Wirken er bleibt gern hier, mich fordert und zieht es
wieder zur neuen fördernden Belebung des Ganzen und zur Lösung
meines Wortes nach Keilhau. Daß nun unter solchen Um-
ständen die liebende Tochter gern wieder an das Herz der geliebten
Mutter sinkt werden Sie natürlich finden. Entscheiden Sie nun
selbst ob Sie ihr diese Freude schenken können und wollen. Ich sage
nur weniges noch: erstlich wird die Gewährung dieses Wunsches
Wilhelminen für ihr ganzes künftiges Leben Beruhigung geben;
zweytens soll Wilhelmine so lang in Berlin bleiben können als
es das Mutterherz fordert und die Verhältnisse es erlauben; drittens
soll das ruhige geordnete Leben der Theuersten durch mich, durch die Nähe
des unruhigen Mannesleben nicht gestört werden. Was ich noch zu sagen
hätte wird Wilhelmine schreiben. Gott lasse recht bald die erfreulichsten Nach-
richten von Ihnen und Ihrer gestärkten Gesundheit hören Ihrem treuen Sohne
Friedr Fröbel

Malchen und alle lieben, hochgeschätzten Verwandte grüße ich auf das herzlichste.-