Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 21.3.1836 (Burgdorf)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 21.3.1836 (Burgdorf)
(KN 52,28, Brieforiginal 1 B 8° 3 S.+Adr., tw. ed. Heerwart 1905, 160f. [aus 2V])

Burgdorf am 21en März 1836.·.


 Am ersten Tage nach begonnenem Frühling.



Grüß Dich Gott lieber Barop und durch Dich all die lieben Übrigen.


Ich hatte sogleich nach Ankunft Deines jüngsten Briefes an mich die Worte
und Bestimmungen welche er in Beziehung auf Frankenberg erhält,
demselben durch die Post mitgetheilt und ihn gebeten demnächstens zu mir
zu kommen um rücksichtlich seiner Stellung zum Ganzen mit ihm das Letzte
zu bereden, gleichsam den Schlußstein einzusetzen. Da kamen denn vorgestern
Sonnabends Abends <E.> Frankenberg und Middendorff, obgleich sehr spät
so wurde doch vor Ende des Tages klar abgeredet und bestimmt festgesetzt:
- Wenn es möglich ist so reiset Frankenberg noch vor Ostern von hier ab doch
spätestens Montag nach Ostern, am 4n April. Er wird über München und
Nürnberg rc reisen. Ersteres um die Krausische Familie zu besuchen.
So ist also nun eines völlig klar. Er reiset zu Euch und siehet der Ankunft bey
Euch wie ein Kind dem Christfest entgehen gehet und siehet, mit wahrhaft kindlicher
Freude.- In Beziehung auf mich ist der Dir mehrfach und auch ihm in dem Dir be-
kannten Briefe besonders dargelegte Lebensplan ganz der Seine er ist ganz dafür
begeistert und so ist denn auch hier wieder der Saame zu einer neuen Lebensent-
wickelung zu einer ächten Lebenseiche einem ewigen Lebensbaume ausgestreut,
ja schon gekeimt. Er hat sich mir kurz vorher in einem Briefe schriftlich darüber
so einfach als klar und bestimmt ausgesprochen, ich theilte Dir denselben gern in
Abschrift mit wenn ich Zeit dazu hätte. Was mich unendlich erfreut, so treffen
er und meine Frau in der Auffassung meines Lebensplanes ganz zusammen.
Das zweyte was geschah war, daß sogleich für Auffindung eines franzö-
sischen Sprachlehrer nach Willisau gewirkt wurde. Es schrieb nehmlich
Middendorff so gleich an Herrn Wyß nach Neuenburg (Neuveville) mit
anfragender Bitte um Nachweisung eines entsprechenden jungen Mannes.
Später kamen auch die hiesigen Bedürfnisse zur Sprache; in dieser
Beziehung legt Dir nun Langethal seine Wünsche in beyliegenden Blättchen
vor; ich würde mich freuen wenn Du nach dem Stande des Ganzen ihm bey[-]
stimmend schreiben antworten könntest, thue es, nach Möglichkeit, bald.
Außerdem daß Deine jüngster Briefe mit seinen Beylagen hier gelesen wurde
habe ich sie, wie das mit all Deinen Mittheilungen an mich geschieht sogleich
mit nach Willisau gegeben. Deine Skizze des Keilhauer Lebens hat auch ge-
fallen und Freude gemacht. Meine Frau hatte beym frühern Lesen sogleich geäußert,
das hat Barop geschrieben; aber auch in einer andern Beziehung sagte sie lächelnd,
da sieht man den Westphalen! rath in welcher?-
Auch der von Keilhau aus ausgesprochene Wunsch, daß Ferdinand bey der /
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jetzt wie es scheint ganz neuen Lebensgestaltung nach Keilhau zurück kehren
möchte ist sehr ernst besprochen worden. Von meiner Seite, als das Ganze
überschauend und beachtend steht der Erfüllung dieses Wunsches ganz und gar
nichts entgegen, nur müßte sich Ferdinand bald darüber aussprechen; ich habe
nun in Gegenwart aller den Middendorff den Auftrag gegeben Ferdinanden
zu sagen daß er sich möglichst klar und bestimmt darüber nach Keilhau mit-
theilen möchte; es ist bestimmt worden daß Middendorff diese Erklärung dem
Ferdinand in Gegenwart seiner Schwester und Frankenbergs, - welcher das Leben
all unserer erziehenden Unternehmungen wie ich in sich trägt - gegeben werden soll;
damit sich Ferdinand überzeuge, daß dieß eine allgemeine Bestimmung sey.
Ferdin Middendorff und Frankenberg haben jedoch als ihre Meynung ausgesprochen,
daß sie keinesweges glauben daß Ferdinand für seine Person, und als sein
Wirken Willisau aufgeben würde, sondern daß sie vielmehr glauben er
sey ernstlich gesonnen es für sich fest zuhalten. Doch dieß sind Einzelansichten,
oft steht der Mensch in sich anders als andere meynen; darum ist es gut wenn
Ferdinand von mehreren Seiten und vielleicht auch gerad von Dir aus als seinem
Schwager aufgefordert wird, sich bestimmt über diesen Punkt auszusprechen;
denn das ist wahr: - jetzt liegt die Wahl frey wie eine Kugel in
seiner Hand.- Nur muß rasche und bestimmte Entscheidung folgen, denn -
die Lebensentwicklungen der Menschheit drängen sich hervor, wie die jetzt die
Keime u Knospen in dem Frühling der Natur.
Nochmals wiederhole ich was ich schon in meinem jüngsten Briefe Dir aussprach: -
das Leben, die Lebensbestimmungen liegen jetzt ganz in Eurer, der Keilhauer
Hand Ihr könnt nur bestimmen. Es ist wahr es ist jetzt ein großer Wendepunkt
des Lebens, er kommt in dem Maaße der Freyheit vielleicht sobald nicht wieder
darum soll auch Freyheit der Selbstbestimmung nach jeder Seite hin so weit als
nur immer möglich und vor allem Keilhau - Willisau mit eingeschlossen
gegeben werden. Überlegt mit meinem würdigen Bruder als Lebenserfahre-
nen Manne und dem Senior unseres ganzen Lebens das Ganze, ich ehre seinen
Ausspruch wie ich mich, und die welche den Grundgedanken meines Lebens zu den ihrigen
machen, ihn willig füge; so weit als Gott es selbst mir möglich macht will
ich des Leben freye Bestimmung in Euer aller Gemüth, Geist und Hand zurück geben
ihr sollt Euer Leben frey bestimmen, ich will mit Ernst und That Euern Lebens[-]
frieden Eure Lebensfreuden Eures Lebens Einigung; auch ich habe hohe Lebens-
einigung gefunden. Ich will daß mein theurer hochachtungsvoller, würdiger
Bruder noch so viel Freuden u Seegnungen seines hingegebenen Lebens genieße
als nur immer möglich u.s.w. aber entscheidet nach ruhiger besonnener Über[-]
legung bald bestimmt und kurz als entschiedener Wille. Ich will daß die
Liebe, die Gesinnung - ihr Leben; die Treue ihren Dank; die Ausdauer ihren
Lohn finde.- Bey dieser Gelegenheit will ich doch gleich einer Äußerung /
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Äußerung meiner l. Frau erwähnen; sie fürchtet nehmlich daß Ihr durch unsern
Aufenthalt in Keilhau häuslich und räumlich beschränkt würdet und in Eurem
eingelebten < ? > Wohnen gestöhrt werden würdet; - ich will offenherzig gestehen
daß ich nicht daran gedacht habe was freylich einer Frau nothwendiger Gedanke ist[.]
Solltet Ihr nun wirklich meynen daß Ihr durch unsre Ankunft beengt würdet,
Euch besonders beengt fühlen würdet, so bitte ich nochmals Euch über alles dieß
offen auszusprechen. Umgekehrt könnt aber Ihr sehr beruhigt seyn die Nähe Eurer Kinder
ihr reges munteres Leben
wird meine Frau beglücken. Doch bestimmt das Leben nach
dem Bedürfniß Eures Lebens, Eures Gemüthes, Eures Geistes.
Jetzt ist meine theure Frau noch gar sehr und tief, tief betrübt: Wie es ihr
bis jetzt noch nicht möglich wurde nur den Langethal zu sehen zu sprechen, so war
es ihr auch unmöglich den Middendorff und den Frankenberg bey ihrer jetzigen Anwesen[-]
heit zu sehen; sie muß jede Erregung auch die leiseste welche gleich allen Schmerz
herbey führt sorglichst meiden; doch ist sie sonst nach Umständen wohl; das un[-]
vergleichlich schöne Frühlingswetter sagt ihrem Zustande sehr zu, sie geht täglich
nun bis 1½ Stunde spazieren unter den grünen Saaten nach Norden den
blauen Jura, nach Süden die weißen Hochalpen des Berner Oberlandes nach Osten
und Westen die schon zu treiben beginnenden waldigen Höhen bedeckt
von Eichen und Buchen Staaren Gespräch, Finkenschlag, Drosselnflöthen,
Meisenpfeiffen Goldammernruf aus Wäldern u Büschen auf Bäumen
und Sträuchern um sich.- Und so hoffe ich wird bald ihr Gemüth wieder gesunden.
Ich danke es Dir recht sehr lieber Barop, daß Du, wie ich aus
den Briefen schließen muß der theuren Mutter kurz vor ihrem Tode einen
freundlichen Brief geschrieben hast. Langethal der so schwierig leise Andeutungen
wenn es nicht Äste aus seinem Stamme sind beachtet hat leider eine leise
Andeutung von mir durch Middendorff unbeachtet gelassen; jetzt thut es ihnen
leid und mir viel mehr. Sieh Barop so wunderbar sind die Menschen; erst
wollen sie frey all seyn alles soll aus ihnen kommen, wenn man sie nun frey
zur Beachtung des Lebens in seinen feinen zart[en] Forderungen hinstellt, dann übersehen sie es und
sagen nun wunderlich zur wunderlichen Entschuldigung: - Hättest
Du, hättet ihr es nur bestimmt und bestimmend ausgesprochen; wird nun einmal
besiegt von der unbezweifelbaren innern Überzeugung wegen etwas als feste Be-
stimmung und bestimmend ausgesprochen, ausgesprochen im innern Gefühl durchgrei[-]
fender Nothwendigkeit so heißt es: - was das für eine willkührliche Bestimmung
und schroffer Wille ist! und noch viel härter spricht man es aus.-
Als jetzt meine Frau in Lgthls Zeilen seinen Wunsch wegen Frdr. Bock las sogl rief
sie unwillkührlich Ach! - als ich sie fragte sagte sie mir: sie fürchte Friedrich B. sey
für die hiesigen Verhältnisse nicht charakterstark genug; denn die Lebens- u Gesinnungs[-]
schwachheit der Eltern träte ja das wüßten wir später in den Eltern Kindern mit aller Macht hervor
darum wirst Du wohl vorsichtig seyn. Diese Ostern seyen uns eine allgemeine, allgemein eine höhere
Auferstehungszeit, ein höchstes Menschheit[liche]s Auferstehungsfest. FrFr.

[Nachschrift auf 2V/1R:]
In der Osterzeit werden uns von Willisau besuchen, die dort abkommen können. Frankbg Abschied werden wir hier feyern, ein Auferstehungsfest.
Hast Du bey Gelegenheit des Todes der Mutter in Deinem Kreise theilnehmde Äußerungen z.B auch von <Ehrhard> vernommen so theile sie theilnehmend der Trauernden mit. /
[2R]
[Adresse:]
Herrn Johannes Arnold Barop
  in
         Keilhau
bey Rudolstadt in Thüringen