Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Adolph Frankenberg in <Keilhau> v. 19.4.1836 (Burgdorf)


F. an Adolph Frankenberg in <Keilhau> v. 19.4.1836 (Burgdorf)
(BN 428, Bl 12, undat. Entwurf 1 Bl 4° 1 ½ S., angeschnitten. Vollständige Edition durch Riedel 1940, XVI,73, Nr. 17. Riedel datiert „19.4.1836 (?)“ - Zur Datierung: Frankenberg kam im Sommer 1833 nach Willisau und reiste im April 1836 von Willisau über München nach Keilhau. Also kommen 3 Daten (Geburtstage) in Frage, für die dieser Brief geschrieben wurde: Der 19.4. in den Jahren 1834, 1835 und 1836. 1834 und 1835 scheiden aus, da F. 1834 ausdrücklich in einem Brief vom 13.4./19.4.34 Frankenbergs Geburtstag erwähnt; dabei auch sein Geschenk nennt und in beiden Fällen zu diesem Zeitpunkt in Willisau bei Frankenberg ist. In Frage kommt hingegen der 19.4.1836. Frankenberg ist auf der Reise nach Keilhau, F. noch in Burgdorf. F erwähnt im vorliegenden Brief ausdrücklich, dass er Frankenberg nicht „persönlich und leiblich“ gratulieren könne. Der Brief wurde also am 19.4.1836 geschrieben und nach Keilhau geschickt, wo er Frankenberg dann erheblich nach dem Geburtstagsdatum erreicht hat.)

Mein Flieber Fr[an]kenb[er]g.

EsHeut ist Dein Geburtstag. Ich freue mich dessen
und darum komme ich wenn auch nicht persönlich u leiblich
doch früh im Geiste zu Dir um Dir dazu Glück zu wünschen u
zugleich mit dem Seeg[en] den er Dir
bringen will bei Dir theilnehmend persönl[ich] einzusprechen
denn der Geburtstag die Feyer desselben ist mir
wichtig für <Dich> besonders aber für mein[e] Fr[eu]de[.]
Was die Tageszeiten für den Tag – gleichsam die Jahreszeiten desselben,
damit der Mensch die Flüchtigkeit des Jahres beachte und um so bestimmter
das Wesen des Jahres Lebens erfasse u beachte, das sind in [sc.: die] Jahres[-]
zeiten für die Abschnitte des Erdenlebens u mit jedem
Winter u Frühling wiederholt sich gleichsam das Geburts[-]
fest der Erde damit der Mensch die Einigkeit, die
Gesetzmäßigkeit u Gleichgesetzigkeit die Ruhe u Stille
und den Frieden beachte in welchem alles wurde und sich alles entfaltete
und so ist das [sc.: die] Geburtsfest für die Feyer Beachtung u
Feyer desselben für den Menschen wichtig; damit er sich der
der [2x] Einheit u Einigkeit seines Seyns u Lebens mit dem
allleben und des Hervortretens desselben aus demselben als Daseyn u Da[r]leben klar recht tief u sellen [sc.: seelen-]
voll empfinde u sich dessen recht lebenvoll bewußt werde. Edel ist der Mensch, der dieß empfindet, Edel u
groß der es zugleich denkt Edel groß u Erhaben ist der welcher zugleich treu Empfinden u Gedank[en] zugl. treu
handelt. Darum wichtig ist das Gebo[ren] werden eines Menschen mit jedem geht eine neue Hoffnung dazu auf
darum wichtig ist die Geburtstagsfeyer, denn sie sollen jedem zeigen fühlen u denken machen was er u wozu er geb[ore]n
ist, wichtig ist sie daß er sein eigenes Leben beachte u bewahre, denn wichtig ist für die Menschheit das
Leben eines Menschen welches er frühe empfindet u beachtet, bald erbaut u bewohnet u sicher u treu demselben nachlebt u
beachtet und in der Hoffnung befestigen es zu erreichen, das Daseyn eines solchen u solcher Menschen gleicht dem Giebel u Endspitze eines gesunden u kräftigen Baumes /
[12R]
ihr Sterben ohne gewonne[ne] Selbstvollendung dem ist gleichsam
ein Ausbrechen der Gi[e]bel[-] u Spitzentriebe aus dem
Lebensbaum der Menschheit. Darum soll das
Leben des Menschen einfach u allseitig beachtet
werden wie die Natur das Leben der Gewächse
still geräuschlos anspruchslos einfach u allseitig genügend beachtet. -
Um meine Gedanken zugl an eine Sache anzuknüpfen
wollte ich Dir zu Deinem heutigen Lebensfeste das Buch
      Menschennatur u Menschengröße
worauf Du mich selbst aufmerksam gemacht hattest
übergeben u ob ich es gleich zu diesem Zweck schon in
der Hand hatte mußte ich es doch wegen Unvollständigkeit
Bogenmängel die ich darin bemerkte bis
zur Ergänzung zurückgeben. Ich bleibe also damit
in Rückstand.
Wenn es auch, was wir ja auch hätten voraus wissen können
aus einer Zeit zu uns spricht die in mancher Beziehung nicht mehr ist, doch ist sie, in der Zeit der Neugeburt Europens
Leben gedacht geschrieben u wohl auch gedacht, so mag sie den[n] doch auch für Dich zu ihr[er] Beachtung für uns alle
u unsern Zweck wichtig und richtig seyn u so will werde ich sie Dir reichen, wenn sie uns auch nicht das reichen sollte was unser eigen[es] gem[einsames]
Geist u Leben was ein Werk über diesen Ggstnd [sc.: Gegenstand] wünscht u bedarf.