Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 30.4./1.5.1836 (Burgdorf)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 30.4./1.5.1836 (Burgdorf)
(KN 52,30, Brieforiginal 1 B 8° 3 S.+Adr., zit. Heerwart 1905, 163. Der 2. Absatz auf 2V ist mglw. Nachtrag vom 1.5.1836.)

Burgdorf am letzten April 1836.


Gott zum Gruß.

Da ich es für unsere Gesammtunternehmung, eine rein entwickeln-
de Erziehung tief zu begründen und in der Zeit schon möglichst
allgemein im Volke zu verbreiten sehr wesentlich achte, so beeile
ich mich Dir zu melden, daß wir so eben die bestimmte amtliche
Nachricht erhalten haben daß von dem Burgerrathe zu Burgdorf
beschlossen worden ist: Langethalen in jeder Hinsicht nach den von
mir ausgesprochenen Grundsätzen und nach der von mir
angebahnten Weise die Führung des hiesigen Waisenhauses
zu übertragen jedoch ohne deffinitive Anstellung, welches eben
so wenig Langethal als ich wünschte. So bleibt hier alles
in seinem ungestörten Gange und in seiner angebahnten Or[d-]
nung; mein Geist wirkt fort und in dem Ganzen indem mei-
ne Person frey ist und über dem Ganzen steht. Dir Barop
brauche ich dieses ganze Verhältniß nicht auszuführen Dein Geist
und Gemüthe wird die Ergebnisse davon durchschauen, Dein Ge-
müthe sie durchfühlen daß ich Dir nichts weiter darüber zu sagen
brauche und Du doch im Stande bist den Übrigen es jedem nach
seinem Verständnisse zu deuten; mir ist dieß [ein] unaussprechlich
hohes Geschenk der Vorsehung zum Schluß meines 54 = 9 = (neu'n) Lebens-
jahres.
Dem Frankenberg - (welcher wenn dieser Brief bey Euch ankommt
hoffentlich schon einige (3) Tage bey Euch leben wird) sage
daß sich nun Langethal zur Gehülfin für seine Frau mit
Bestimmtheit vielleicht morgen schon an Sidonie Krause nach
München wenden wird; sage ihm daß ich mich in rein mensch[-]
lichen Verhälttrauen über die Anknüpfung dieses Verhältnisses
freue möge es mich, möge es uns, keinen von uns je reuen!
Wegen eines tauglichen Gehülfen hat Langethal auch
schon erste Schritte gethan und wird nun noch bestimmtere
thun um einen jungen Berner zu bekommen.
Auch von Willisau habe ich ebenfalls sehr gute Nachrichten[.]
Der Verein hat, wie ich aus dem Ganzen schließen muß, was
mir Middendorf früher und jetzt mittheilte, dem Ferdinand bey
Gelegenheit der Übersendung meines Passes - (welcher bisher
immer noch als eine Art Geisel und Bürgschaft in Willisau
ruhete) - nun völlig als Vorsteher der Anstalt anerkannt, /
[1R]
Middendorf schreibt an mich vom 26 d. M. darüber so: ..... das Wort von dem
"Augenblick an als d[en] He[rrn] Regierungsrath Hecht sagte daß Dein
"Paß nicht mehr nöthig sey, dieß Wort von denn machte alle stumm und
"die Sache war abgethan."
"Zu Ferdinand sprach sich mehrseitig volles Vertrauen aus -
"das ich in der Art noch nicht gehört hatte; das habe ich gepflegt.
"Ich habe dadurch Gelegenheit gehabt mit den verschiedenen
"Vereinsgliedern selbst in lebendigere Berührung zu kommen
"die vielleicht nicht ganz fruchtlos ist" - so weit Middendorff.
Von He. Gyger schreibt er: "Am Sonntage Abend ist He. Gyger ange[-]
"kommen. Seine Stunden sind bis auf das Französische schon geordnet
"und er ist schon in vertrauender freudiger Thätigkeit" - "Heute
"ist auch He. Gascard von Neuveville eingetroffen."-
So dünkt mich daß seit der nun bald 5jährigen Abwesenheit
meiner aus Keilhau doch gar manches und so tief als ruhig
begründet sey; für Dich brauche ich es nicht anzudeuten und ich kann
Dir das Gleiche zumuthen was Du mit Recht von mir forderst
von mir erwartest: Im Einzelnen das Ganze zu schauen und im
Ganzen das Einzelne zu sehen zu lesen. So werde ich denn auch
mit der großen Freudigkeit welche in meiner Seele herrscht nach
Deutschland zurück kehren. Schon wird ununterbrochen von
meiner Seite zur Abreise vorgearbeitet meine Frau erwartet
nur erst noch Briefe aus Berlin; ich erwarte möglichst bald
von Dir und Frankenberg entscheidende Briefe;
meine Frau
und ich erwarten gemeinsam mildes schönes Frühlingswetter denn
so wie es bisher hier eigentlich noch nie recht frühlings lau und
warm war so ist heute der Winter hoffentlich zum Abschieds[-]
besuche wiedergekehrt doch hat er heute den langen Tag auf den
grünen Matten und blühenden Kirschbäumen verweilt wo es ihm
gar behaglich zu ruhen schien. Könnte ich was ich früher hoffte
schon am 9en = (neu'n) May von hier abreisen so wäre dieß
gerad der Jahrestag meiner Abreise von Keilhau vor 5 Jahren
gewesen. Doch hoffe ich jetzt auch noch an einem 9en May wenn
auch am 2 x 9 = 18n May spätestens von hier abzureisen.
Das meiste hängt von den eingehenden Briefen ab.
Ich hielt es in der jetzigen Zeit für Dich gar sehr wichtig daß
Du genug mit dem Stande der Dinge in der Schweiz bekannt seyst[.]
Darum diese Zeilen an Dich. Meine Abreise von hier wirkt ganz
wie ich es dachte: es bestätigt sich und spricht sich jetzt ein sehr bestimmtes
Vertrauen so wohl zu jedem einen von uns beyden, als zu uns als Ganzem hier aus. /
[2]
Es liegt ihnen hier ganz besonders daran die Überzeugung und Gewißheit
zu haben, daß ich nicht aus Unzufriedenheit mit den hiesigen Verhältnissen
und Personen hier weggehe, so wie daß ich mit dem Gesammtleben hier
noch im innern Verkehr bleibe. Herr Prof: H. S.- hat es mehrmals aus[-]
gesprochen daß der Burgerrath zu uns mir und Langethal sehr großes, volles
Vertrauen habe rc. rc.-
Langethal und ich überzeugten uns aber gestern Abend daß diese Ü-
berzeugungen und Gefühle alle in ihnen verdumpft wären, hätte ich
ihnen ihnen jetzt nicht in meinen persönlichen Ortsveränderungen
unser über alle äußeren Verhältnisse erhaben liegendes höheres mensch-
heitliches Streben eindringlich gezeigt.

Sonntags am ersten May
Der Schnee von gestern
ist nicht nur diese Nacht liegen geblieben, sondern es hatt diese Nacht
auch so viel dazu geschneiet daß am Morgen alles weiß war
und der Schnee in Matten und auf Feldern, auf Dächern und Mauern
eine Querhand hoch lag. Er war einzig schön wie mit durchschimmern-
den Sonnenlicht das große Vogelchor der weißverschleyerten Natur
die Morgengesanglieder vorsangen.
Verflossene Woche hat uns Titus von Payerne (Peterlingen) besucht, er
hat uns sehr viel Eigenes von seinem Verhältnisse erzählt davon mündlich.
Er bittet alle in Keilhau herzlich von ihm zu grüßen seinen Bruder wenn
derselbe noch in Keilhau seyn sollte läßt er ganz besonders auffordern ihm
doch schleunig auf mehrere an ihn auch schon von Payerne aus ge-
schriebene Briefe zu antworten; er denkt, um sich gehörig im
Französichen zu vervollkommnen 1 bis 1½ Jahr in diesem Verhält-
nisse zu bleiben.
Viele und recht herzliche Grüße von Langethal, von meiner Frau
wie auch von mir
Eurem FriedrichFröbel.

Mit diesem Briefe geht Langethals Brief
an S. K. nach München ab.- /
[2R]
[Adresse:]
Herrn Johannes A. Barop
in
       Keilhau     
bey Rudolstadt in Thüring[en]