Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 3.6.1836 (Kehl b. Straßburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 3.6.1836 (Kehl b. Straßburg)
(Autograph nicht überliefert, ed. KG 1883, 143-144)

Kehl bei Straßburg, am 3. Juni 1836.

          Am 3. Tage im Monat des erstarkenden fruchtenden Lebens.

Es grüße Dich Gott, lieber Langethal und Deine treue Frau!

Du wünschtest bei meiner Abreise von Dir, wenigstens durch einige Zeilen
Nachricht von dem Fortgange unserer Reise, Wie danke ich Gott, daß ich Dir,
nach Maßgabe des Gesundheitszustandes meiner lieben Frau, unserer aller wahrer
Mutter, nur gute schreiben kann; daß wir glücklich und freudig in Basel an-
gekommen und noch an demselben Tage, also am Mittwoch, von da nach Freiburg
im Breisgau abgereiset sind, werdet Ihr durch unseren wackern Kutscher, dem wir
schriftlich und mündlich unsere Grüße an Euch mit zurückgegeben haben, erfahren
haben. In Basel sahen wir den Münster, dessen Bau, wie dessen Umgebung,
meiner Frau gleich erquickten und erfreuten. Wir sahen darin vieles Schöne und
Erhebende, worauf ich oder meine Frau später zurückkommen werden.
Am Donnerstag früh kamen wir 7 Uhr morgens gerade zum Beginn des
Frohnleichnahmsfestes nach Freiburg. Schon war ich in mir glücklich, daß mich
ein günstiges Geschick gerade in dieser Stunde hierher brachte, denn die ganze
Stadt war durch Blumen und Maien eine blumige und maiige, durch Frühlings-
menschen geschmückt, allein ein einfallender starkender Regen vereitelte für heute den
feierlichen Umzug, wozu wir sonach nur die Vorbereitungen sahen und gesehen
hatten. - Meine müde und durch das sehr frühe Aufstehen sehr erschöpfte Frau
vermochte doch, in den Münster zu gehen , wo ich schon vorher allein nur auf
einen Sprung gewesen war und mich an dem herrlichen Gesang und Orgelspiel
sehr erfreut hatte. Auch meine Frau war mir es nachher sehr dankend, daß ich
sie in das Innere dieses herrlichen Gebäudes gerade zur Zeit des feierlichen
Gottesdienstes, wenn auch zum Ausgang desselben geführt hatte; denn im Augen-
blick der Erfüllung seiner Bestimmung muß man ein so erhebendes und erhabenes
Gebäude sehen, wenn man dessen Macht und Bedeutung ganz empfinden will.
Jetzt breche ich davon ab, wir werden schon später darauf zurückkommen. Nun
besahen wir einen der 4 Orte, wo nach der Ordnung dieses Festes Stellen aus
den 4 Evangelien gelesen werden, den schönsten, wie man uns sagte. Zu beiden
Seiten eines dazu bereiteten Altars, zu dem mehrere Stufen führten, welcher durch
die schönsten Blumen in den süßesten Blumenduft gehüllt war, befanden sich zwei
sinnbildliche Darstellungen, wozu zwei Brunnen benutzt waren: aus dunkelm
Gewölke erhob sich ein klarer 7farbiger Friedensbogen, in ihm die Worte: Er
bringt uns den Frieden des Himmels, und unter ihm ein Engel, Genius. Vor
ihm spielten 2 Springquellen, welche goldene Kugeln in die Höhe hoben, dort mit
ihnen spielten, und wenn sie herabfielen, durch eigene Kraft wieder erhoben. Ihm
gegenüber war eine ganz andere Darstellung. In der Mitte eines kleinen See´s,
von der Größe einer Stube, war eine kleine Felseninsel, auf ihr wieder ein Engel,
Genius, neben ihm ein Kahn mit Blumengewinden, rund ausgeschmückt, innen mit
Blumen bestreut, er war bespannt mit 2 Delphinen, welche gleich Strahlfischen
Wasser in die Höhe trieben. Man sagte uns, daß im Augenblicke, wo die Prinzessin
zwischen diesen beiden Darstellungen hindurchgezogen sei, würden die Delphinen, der
Kahn mit dem Engel ihr entgegen gezogen. Hinter dem Inselchen standen auf einer
pyramidenförmigen Erhöhung die Worte: Er schenkt uns die Freuden der Erde
und das Brot des Lebens. Rund umher war alles mit Buchs gestreut. Doch alles
war ja nur Andeutung eines Festes wie diese Skizze. Allein viel gab mir doch
das Wenige zu denken, ich mußte mir sagen: viel entzog doch der Protestantismus
dem Gemüthe, der Kunst und dem allgemein einigen Volksleben. /
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Heute Mittag, nachdem wir alles in Kehl zurückgelassen hatten, gieng es
nach Straßburg. Dort bestieg unsere theuere Mutter die Plattform, d. i. bis zu
der Höhe, wo ich auf der Vignette dieses Briefes einen * gemacht habe: 330
Stufen mußten von ihr bis dahin erstiegen werden. Doch das schöne Wetter lohnte
ihre Mühe; denn die Wirkung des Gebäudes ungerechnet, sagte sie, daß sie nie
eine schönere Umsicht gesehen habe. Über den Dom laßt mich schweigen. Spieß,
dessen wir hier liebend und dankend dachten, soll Euch mündlich davon Kunde geben.
Vom Münster traten wir in die St. Thomas Kirche. Welch eine wahrhafte
Erquickung fand hier Geist und Gemüth in dieser höchst einfachen Größe. – In
welcher Macht zeigt sich hier die Kunst im Grabmal des Marschalls von Sachsen,
der wie ein Held ins Grab steigt. Auch Emmerichs Denkmal und Büste sahen
wir; in seinem Haupte und Gesicht lesen wir seine Predigten. Die herzinnigsten
Grüße von uns allen an Euch alle und alle Lieben in Burgdorf. Dein, Euer
Friedrich Fröbel.