Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 23.6.1836 (Berlin)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 23.6.1836 (Berlin)
(KN 52,34, Brieforiginal 1 B 8° 3 S., tw. ed. Heerwart 1905, 175f.)

           Berlin am 23. Juny: 1836.

Grüße Dich Gott lieber Barop
und durch Dich die herzlichsten Grüße an die geliebten Deinen
und an all die Lieben in Keilhau
von meiner Frau und mir.

Gestern vor 8 Tagen, Mittwochs am 15en Abends um 9 Uhr sind wir Gott sey
es Dank nach Umständen gesund und glücklich bey der lieben Tante in der
Dir bekannten Wohnung angekommen. Wir hatten gehofft wenigstens 2 Stunden
früher im Quartier anzulangen, weil wir fürchteten, die liebe Tante nicht in ihrer
Abendruhe zu stören welche[r] wir sie noch so sehr bedürftig glaubten; wie erstaunt
waren wir aber diese so rüstig und munter zu finden wie wir sie vor 3 Jahren
verlassen hatten, nur das Feuer ihrer Augen hat verlohren wie sie selbst ihr Gesicht
bedeutend geschwächt fühlt, doch liest sie, wie ich seitdem sehe, vermittelst ihrer
Brille noch immer den klaren und oft so undeutlichen Druck der Zeitungen.
Daß unsere Ankunft für unser aller liebe Mutter eine Zeit des tiefen
und stillen Schmerzes war brauche ich Dir wohl nicht erst auszusprechen. Jetzt
erst nach einem Aufenthalt von 8 Tagen beginnt sie sich zur Besorgung der sie
hier erwartenden traurigen und schmerzlichen Geschäfte stark genug zu fühlen
und fängt sie auch an solche mit stiller aber stetiger Thätigkeit nach Maaßgabe
ihrer durch die Reise und durch die Umstände erschöpften Gesundheit zu be-
thätigen.
Noch bis jetzt sind wir zwar über den Stand der hiesigen Geschäfte keinesweges
klar da es noch immer nicht bestimmt ist in wiefern gerichtliche Verhand-
lungen darin eingreifen; da es Dir jedoch lieb seyn wird wenigstens im
Allgemeinen über den Stand der hiesigen Geschäfte unterrichtet zu seyn
so will ich Dir das Wenige was bis jetzt geschehen konnte mittheilen:
1. Nach vorhergegangener mündlichen [sc.: mündlicher] Besprechung mit dem jetzigen Besitzer des früher
der seel. Mutter gehörigen Wohnhauses habe ich demselben heut morgen die
Kündigung des von der lieben Mutter noch darauf haftenden Kapitals
übersandt und zwar nach der Grundbestimmung in ½jähriger durch was dem
Hausbesitzer wie uns annehmlich erscheint, wenn es sich machte auch in ¼
jähriger Zurückzahlung. Mündlich hat der Hausbesitzer die Aufkündigung an-
genommen sich aber bis jetzt noch nach keiner Seite hin schriftlich erklärt,
welches die Geschäftsgänge fördert, jedoch sich geäußert daß es ihm leicht
möglich werden würde Capital nebst Zinsen zu rechter Zeit abzutragen.
2, In Ansehung <Sachen> der kleinen Besitzung zu Niederschönhausen habe ich
gestern eine Verkaufs-Anzeige in die Expeditionen der hiesigen öffent-
lichen Blätter geschickt, natürlich aber ist bis jetzt noch kein weiteres Ergebniß
darauf erfolgt.- Bis zum 1. Oktober d. J. ist das Häuschen an einen einzelnen
Wittwer ziemlich gut vermiethet.
3, Bis zum 1en Oktober d. J. besteht auch laut Vertrag noch die Haus-
oder vielmehr Wohnungsmiethe der l. Mutter in den gleichen Bestimmungen /
[1R]
wie bey deren Lebzeit. Es wäre darum zu wünschen, daß das auf dem Hause
haftende Capital der s. [sc.: seeligen] Mutter auch bis dahin abgetragen werden könnte, des[-]
halb war es auf das höchste wichtig, daß wir noch vor Beginne des letzten
Vierteljahres hier eintrafen.
4. War ich auch bey Herrn Blumberg ihn fragend ob es ihm gleichgültig sey
wenn er das Kapital in ¼ oder ½ Jahr zurück bezahlt erhielte?- Er sagte
mir bey Capitalien dieser Größe {sey / fände} mindestens ½jährige Vorauskündigung statt
weil es jetzt schwierig sey sie gut und sicher unterzubringen. In
kurzer Zeit müssen sich jedoch über alle diese Punkte feste Bestimmungen ergeben.
Daß meine liebe Frau sowohl als ich sehr wünschen daß sich bis Michaelis
das ganze Geschäft hier ordnen möge werdet Ihr und besonders Du uns
und mir gern glauben, denn der an die frische Landluft gewöhnte Körper-
zustand unserer so tief ergriffenen lieben Mutter, will die Stadtluft und be-
sonders das lange Eingeschlossenseyn in die Zimmer für sich nicht zuträgl: finden.
Herr Blumberg war mit der bisherigen prompten Zinszahlung durch Dich recht
zufrieden was mich sehr gefreut hat.- Marie, die so stark geworden daß
ich sie fast nicht erkannt hätte läßt alle herzl. grüßen. Was sie mir jedoch
bald wieder in das frühere Verhältniß zurück führte war daß sie mich und meine
Frau noch immer Oheim u Base nannte. "Ein guten Tag Oheim!" war ihr erstes
Wort.
Sey nun so gut lieber Barop! und schreibe mir recht bald a) wie groß
eigentlich das Kapital ist welches ich an Blumberg schuldige. Papiere
welche ich darüber gefunden machen mich deßhalb zweifelhaft, so wie
b) bis zu welcher Zeit die Zinsen vollständig bezahlt sind. Es hat für
mich ein kleines Unangenehmes mich darüber bey Blumberg zu erkundigen
Du aber kannst mir diese Fragen leicht beantworten und von meiner Seite
giebt es dem Geschäft mit Blumberg mehr Festigkeit. Dann c) sind die
Zinsen ¼ oder ½jährig abgetragen worden?-
Endlich sey so gut mir eine etwas detaillirte Darstellu[n]g des ökonomischen
Standes in Keilhau zu geben.
Der Grundsatz welcher uns alle in unserm nächsten und künftigen Han-
deln zur Feststellung sicherer Lebensverhältnisse leiten muß dünkt mich
muß für uns alle der seyn:
Daß wir einerseits zwar die Lage Keilhaus nach Möglichkeit zu
erleichtern zu suchen, daß wir aber andererseits auch uns nicht die
Mittel zu sehr schwächen um eine selbstständig industriell litera-
rische Unternehmung nach dem Dir aus der Schweiz angedeuteten
Plan zu begründen; von meiner und und [2x] unser aller einstige[n] freye[n]
und nach Umständen und Förderung geeinte[n] Selbstsicherung zur sichern
ganz abgesehen von unsern [sc.: unserm] erziehenden Wirken. Die Ausführung
dieses Planes dünkt mich muß der Herz- und Lebenspunkt unser
aller Thätigkeit seyn; damit eben dadurch auch unsere erziehende
Wirksamkeit in Keilhau besonders auch in Beziehung auf unsere
Kinder immer freyer und der Ausführung unseres Erziehungsgrundge- /
[2]
gedankens angemessen sey. Wir müssen nothwendig suchen die Mittel
zu unserem Bestehen mehr in unsere Hand zu bekommen und von den
Launen der für ihre Kinder Erziehung bedürfenden Eltern unabhängiger zu
werden. Dieß hoffe ich durch stille und stetige, selbstständige Ausführung
des Dir von der Schweiz aus angedeuteten Planes, womit auch meine
treue Frau die für alle sorgende Mutter ganz einverstanden ist. Ich
hoffe mich Dir lieber Barop in einem meiner nächsten Briefe darü-
ber bestimmter auszusprechen.-
Hier lege ich nun noch dreysig Reichsthaler in prCt. Cassenanweisung
zur Bezahlung der Fracht für di unsere nun wohl bald ankommenden oder wohl gar schon
angekommenen Effecten aus der Schweiz und zur Berechnung der
sonstigen Unkosten hier bey. Die Effecten bestehen: in einem
Bettfasse, einem Bettsacke, und 2 Koffern; die drey letzteren Stücke
in graues Packleinen genähet. Die Auflader schätzten das Ge-
wicht des Ganzen auf 5-5½ Centner. Und nach dem mir von
einem Kaufmann in Burgdorf gemachten Frachtanschlage würden
beykommende 30 Rth. auf das vollständigste zur Bezahlung aller Unko-
sten hinlänglich seyn. Doch erwarte ich von Dir das Nähere.
Ich hätte Dir wohl dieß Geld gleich nach meiner Ankunft hier überschicken können
wie Du auch wohl erwartest [sc.: erwartet] hast, auch wollte ich es thun, allein ich konnte
mich doch auch nicht entschließen Dir in dem ersten Briefe von hier auch
gar nichts über den Stand der hiesigen Angelegenheit zu schreiben und
so muß ich Dich wohl um Entschuldigung bitten wenn dieß Geld etwa einige
Tage zu spät bey Dir anlangte.
Ebenso wollte ich Dir schon von Gotha aus, in dem Briefe, welchen Du
gewiß durch die Gefälligkeit Heinrichs erhalten haben wirst, die
Nachrichten von der Eröffnung der "Erziehungsanstalt in dem Wai-
senhause zu Burgdorf" zu allgemeiner Theilnahme - überschicken
allein ich vergaß es, so wie ich es vergessen habe diese Anzeigen
in Gotha u Erfurt abzugeben. Damit Du nun doch einigermassen
Kunde bekommst wie es dort steht und Du auch sonst noch e Einigen
die es interessirt Nachricht davon geben kannst z.B. He. Gen. Sup[.]
Zeh
in R. so lege ich einige dieser Anzeigen hier bey.
Ich höre jetzt zu schreiben auf damit heut noch dieser Brief an Dich abgehe.
Hättest Du mir wegen Berlin einige Nachweisungen zu schreiben so
würde es mich freuen. Daß die Cauersche Erz. Anst[.] aufgehört, d.h.
daß der König sie an sich gekauft hat und sie so auf Rechnung fort ge-
führt wird, wirst Du schon wissen.- Auch von Frankenberg welchen
ich sehr herzlich grüße ersehne ich Briefe.- Sind noch keine Briefe
aus der Schweiz an mich angelangt?- Bitte um baldigste Übersendung
- die Tressorscheine [sc.: Tresorscheine] oder Cassenanweisungen sind hier schwer u 5 Rth
Scheine konnte ich gar nicht bekommen.-
Lebt alle alle recht wohl, an jeden Einzelnen die herzlichsten Grüße
besonders an meinen Bruder den brüderlichsten Glückwunsch zu seinem morgenden
Geburtstag.- Dein u Euer FriedrichFröbel.