Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 25.6.1836 (Berlin)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 25.6.1836 (Berlin)
(KN 52,35, Brieforiginal 2 B 8° 7 ½ S., tw. ed. Heerwart 1905, 176-178)

Berlin - alte Schönhauser Str: N. 46. Am 25 Juny 1836.·.


      Barop!

Es ist nun wohl schon ziemlich lange Zeit her daß ich Dir über das
innere Leben, über mein inneres Leben und dessen Entwickelungen dessen
Fortentwickelung keine Mittheilung gemacht habe; doch bin ich von der Ei-
nigung Deines innern und innersten Lebens an welches ich vertrauend
und treu glaube, mit dem meinigen fest überzeugt, daß Du nach der
Mittheilung aus und von demselben ebenso verlangt haben und ver-
langen wirst wie ich nach der äußern Gestaltung und Darlebung
desselben.
Du Barop! wirst diese Briefes Einleitung <in> und ihr durch fühlen, daß
ich bey allem wunderbaren und gewaltigen äußeren Lebenswechsel den[-]
noch treu und fest an die innige Lebenseinigung sich verstehender Menschen
und Menschenganzen, Familien, glaube, denn ich bin auch immer und gewiß
aber auch für alle Ewigkeit wandellos in mir überzeugt und von der
Wahrheit und Gewißheit durchdrungen daß nur aus einer solchen innigen
Lebenseinigung der Menschen und Menschenganzen; Familien, der Mensch-
heit ächtes Wohl, Friede und Freude hervorgeht, keimt, blüht u fruchtet; und
so wende ich mich denn mit diesen Zeilen und Mittheilungen ganz besonders
an Dich und durch Dich und mit Dir nach Umständen und Lebenseinsicht und Er[-]
fassung an Deine ganze Familie als ein Ganzes Menschenlebganzes, wie
ich sie als ein solches in mir trage und mit mir als Eins fühle. Sorg-
lich wirst Du daher von den Mittheilungen dieses Briefes außer Dir Gebrauch
machen und noch sorglicher weitere Mittheilungen veranlassen damit
durch dieselben nicht uns und Andern vielleicht gar nur leerer Schmerz
und Nachtheil erwachse. Überhaupt mein theurer Barop! wir müssen zu
der Anerkennung der uralten Lebenserfahrung zurückkehren: - Wie der
Mensch nicht in allen Lebensaltern und Verhältnissen gleich geistige, gleich gewürzige und ver[-]
feinerte Speisen und Nahrungsmittel verträgt, so verträgt auch der Mensch
in auf allen Stufen der Lebensentwickelung und in allen Lebensverhältnissen auf die
gleiche Art hohe und geistige Lebensmittheilungen.- Der Zucker-
und Mehlstoff; der Gluten; der wahre Lebensstoff - gleichsam Wahrheit und Güte
muß zwar in allem enthalten seyn aber in verschiedenartigen Dosen <geknüpft>
an verschiedenartige Materien und hier wieder in verschiedenartigen Zu-
ständen bald flüssig bald fest, bald dicht bald locker rc. rc.
Alle Lebenserfahrungen und Lebensanschauungen welche ich in diesem Jahr
und besonders in der jüngern und jüngsten Zeit, vor, während und nach
der Reise in den verschiedensten Gemüths- und Geisteszuständen und
Stimmungen bis heute und jetzt gemacht habe bezeugen mir immer und ungeschwächt
in großartigen Gesamt- wie in kleinen und Einzelnwahrnehmungen das
Erfassende, wie die Wahrheit und das Durchd Durchgreifenden [sc.: Durchgreifende] meiner Lebenserkennt[niß]
und Lebensanschauung, ich sehe es in den großartigen Bildern der gesamten
Welt und besonders Erdentwickelung, wie der der Menschen; des Lebens und der
gesellschaftlichen Verhältnisse. Alles zeigt, sagt und zeugt (Doppelsinn <des Wollens>[)]
mir daß wir jetzt, daß die Menschheit jetzt in dem höchsten Moment /
[1R]
(:vergleiche den Ausdruck Moment in der Mechanik:) leben der Fruchtung und Be-
fruchtung leben wo sich Zerstreuen und Sammeln, Verf Vervielfältigen und Einigen
in ihren äußersten Enden wo beyde in Eins zusammenfallen, sich berühren.
Die Anschauung und Erkenntniß; der Gebrauch dieser Wahrheit, das
bewußte sichere Nachleben nach den Forderungen derselben halte ich in der Zeit
für das höchste was der Mensch, der Einzelne wie
Geeinte thun können; und so auch für das höchste und Unerläßlichste
was ich und die mit mir einigen zu thun haben: Wie es die Zeit
einer neuen Zeugung u Fruchtung ist, so kann es auch die Zeit einer
neuen (Kunst-) Gestaltung eines neuen Bauens und Baues, die
Zeit einer neuen Schaffung genannt werden. Diese Zeit muß
aber in der Entwickelung der Menschheit so streng und augenblicklich,
momentan festgehalten werden wie ihn die Natur und die Erdent-
wickelung in der Zeit des Frühlings oder vielmehr des beginnenden
Sommers (des summirenden, einenden) thut.
Und so ist denn auch meine tiefe feste Überzeugung es muß von
uns jetzt ungesäumt {an dem Bau / an der Ausführung / an der [{{]Heraus[-] / Hervor[-]}} führung} des Wirkens begonnen und ge-
arbeitet werden an dessen Grundriß
und Grundgrabung u. Grundlegung wir nun
schon so manches Jahre d vereinter Kraft thätig sind.
Uns - Dich u mich - Deine Familie u die meine zu verständigen und
zu einen, ist der ganz besondere Zweckes dieses Briefes.-
Wie das endlichen [sc.: endliche] Beginnen des Bauens, des Gestaltens der Einigung des Mannichfaltigen in Einem Geiste und durch
Einen Geist und Ein Leben als Ein Lebganzes, all-
gemeine Forderung der Zeit und der jetzigen Stufe der Menschheitsentwicke-
lung ist, so ist dieß auch Forderung meines Lebens und Strebens; so bin ich
dieß auch mir, meinem treu mitbegründenden und ausdauernd mitprüfenden
Weibe und allen bisher treu mit mir ausgehaltenen Mitarbeitern am Wer-
ke schuldig. Ich bin es allen denen schuldig, welche mir und uns in so vielfachen
Formen und Graden bis jetzt Vertrauen schenkten; ich bin es unsern Kindern
schuldig damit sie sich in dem einen großen Lebganzen finden und erkennen
durch welches und in welchem sie ihr Daseyn erhalten haben und geboren worden
sind und in welchem sie leben, wirken, schaffen sollen. Ich bin es mir schul-
dig, damit ich nicht mich selbst durch eigene Schuld untreu zeige als Glied
der Menschheit und den Forderungen ihrer Entwickelung. Ich bin es meiner Frau
schuldig daß sie, die sie so vieles, ja alles gethan, die ihr Leben zur Aus[-]
führung meines Grundgedankens der Menschenerziehung und Menschheits[-]
entwickelung hingegeben hat, daß sie nicht aus der Welt gehe ohne
nicht nur den Saamen gestreut, sondern auch daraus wenigstens mit mensch-
licher Gewißheit einen Lebensbaum hervor keinem, wachsen, blühen und fruch[-]
ten zu sehen; ohne zu den [sc.: dem] Aufbau eines menschheitlichen Lebensgebäudes einen
sichern Grund gelegt und so nicht umsonst die Hingabe und Aufopferung
ihres Lebens zu sehen.-
Mehrmals habe ich Dir, haben wir uns unter einander die Lebensbemer- /
[2]
kung ausgesprochen daß ich, daß wir eigentlich eben in meinem Wollen und
Streben nach Zweck und Mittel nie einen Rückschritt gethan haben (:wohl muß
ich gestehen daß ich wohl den momentan stöhrenden Eingriffen oft zu viel Raum
und Gewicht gegeben zu viel hemmende Wirksamkeit zugestanden habe:).
Der Grund des ersteren liegt ganz einfach darinn, daß ich der Entwickelung
meines, wie des Lebens überhaupt in ihren Stufenweisen Ergebnissen und Forderungen nach
gehe; nicht aber diese Entwickelungen, ihre Ergebnisse und
Forderungen erfinde oder gar willkührlich erdenke oder äußerlich combinire,
erschließe; so ist es denn nun auch wieder mit meiner innern (und äußern)
Lebensentwickelung welche zu Ende des verflossenen und zu Anfang dieses
Jahres Statt fand und welche ich Dir unter der Bezeichnung "Lebenserneuung"
und in ihren Folgen als "Erziehungsanstalt durch Selbstbelehrung und Anschauung"
in den ersten Monaten dieses Jahres mittheilte. Auch diese Lebensent-
wickelung und ihre Forderungen, selbst bis auf Ort und Art bewährt sich
mir ich mag mich, seit den nun schon dazwischen verflossenen Monaten
sinnend, beachtend und prüfend hinwenden wohin ich will. Meiner theuern
und treuen Frau, welche dies Leben auf das innigste in seinen tiefsten Bezieh-
ungen mit mir theilt, geht es ganz ebenso und sie ist in diesen Erfahrungen
und Ansichten ganz mit mir einverstanden und eins.
Ohne mich hier weiter auf das Wesen und den Charakter dieser Anstalt, ihr
Bedingtseyn in der allgemeinen Welt- Lebens- und Menschheitsentwickelung einzu[-]
lassen - in welcher Hinsicht ich mich ganz auf meine früheren Mittheilungen aus
Burgdorf beziehe, ob mir gleich zu dieser Nachweisung ganz neue Lebensschau-
ungen und Thatsachen vorliegen, - halte ich hier nur einzig die Art und
besonders den Ort ihrer Ausführung fest.
So wohl die Begründung als die Ausführung des Unternehmens nun fordert
eine gewisse Anzahl sowohl arbeitsbedürftiger, als arbeitslustiger und ar-
beitsfähiger Menschen; sie fordert besonders ein dazu sowohl angemessenes Loca-
le als <hil> hinlänglichen Raum und ganz vor allem die Nähe des dazu nöthigen
Materials Alles dieß fordert nun die möglichste Nähe einer Stadt nach der
andern Seite, da das Ganze ein reines Menschenleben in sich pflegen, aus sich
entwickeln und so in seinen Ergeb[-] und Erzeugnissen erziehend, menschlich
allseitig erziehend wirken soll, so fordert es wieder die Nähe einer
freyen und angemessenen Natur endlich und zuletzt über fordert es auch
zu seinem frischen und so kräftigen als raschen Gedeihens eines ungestöhrten
und wegen Lebensverkehres und Austausches mit der Stamm- und Mutteran-
stalt Keilhau, also sowohl lebenvolle Einigung mit derselben, als selbststän-
diges unabhängiges und freyes Bestehen in sich.- Alle diese Forderungen
nun welche frey- und selbstthätig aus der Natur der Sache selbst her-
vorgehen und welche Du Dir leicht weiter entwickeln kannst einigen
sich auf das Erwünschteste und wirklich einzige Weise in Blankenburg,
darum so wie dieser Punkt und Ort wie mit einem Schlag, ich darf wohl sagen
ungesucht als ein Lichtfunke ins Gemüthe trat, so schien damit auch alles
Räumliche und Gewerbliche gegeben zu seyn, und auch alle übrigen Lebens-
strahlen schienen sich darinn (in dieser blanken, lichte weißen, lichten Burg u Punkt) wie /
[2R]
[in] dem Mittelpunkt eines Kreises zu einigen. Blankenburg ist ein Städtchen als
solches einigt es in sich alle wesentliche Arten der besonders für die Begründung
der neuen Unternehmung nöthigen Handwerker in Holz und Metall, diese Arbeiter
wenigstens mehrere der mir bekannten sind auf ihren Stufen sowohl selbstdenk[e]nd
als strebend, genug sie haben, äußern und pflegen Bildungstrieb in sich, mir ganz we-
sentliche Eigenschaften. Die Bewohner des Städtchens sind mehr arm als wohlha-
bend, es kann ihnen also in einem gewissen Grade weder Arbeitsbedürftigkeit als
Arbeitslust und Arbeitsfähigkeit nicht abgesprochen werden. Außerdem weist
mir das Städtchen wesentlichen [sc.: wesentliche] Materiale: Pappe, Papier, Farben (in der Nähe
Schwarzburgs:) verschiedene Holzarten, Leder auch [sc.: ich] glaube auch Leim rc, rc; dazu kommt
daß die größeren Städte Rudolstadt und Saalfeld gleichweit und gleichnahe sind wohin
bequeme Wege führen und welche beyde mir leicht die Hülfe von Gewerben
höherer Art, z.B. Buchdruckerey u Lythographie rc, rc, welche sich vielleicht auch
später sich selbst in Blankenburg etabliren lassen. Als freundliche Zugabe
ist mir auch Obernitz näher, was mir sehr lieb ist da ich mich, wenn es sonst
die Umstände erlauben und mit sich führen in lebhaften Lebens- und Geschäfts[-]
verkehr mit d[em] He. Pfarrer Korn zu setzen gedenke. Auch glaube ich daß mei[-]
ne Unternehmung von den Bürgern von Blankenburg so freundliche Aufnahme und
Pflege als von der Stadträtlichen und Communialbehörde den nöthigen Schutz
als die förderliche Unterstützung finden wird. Hierzu kommt nun hier auch als
ganz wesentlich daß Blankenburg, einen wie ländlichen, so auch einen mensch-
lich erziehenden Charakter in sich eint, denn das Leben was der Arbeiter lebt
in sich lebt, trägt sich auch leicht und gern auf seine Erzeugnisse über, daher wünsche
und erstrebe ich daß sich die erziehende und belehrende, die rein menschliche
Wirksamkeit, welche ich durch die Produkte zu erreichen gedenke, hoffe und er-
warte, - sich auch in und an den Arbeitern selbst kund [tun] und offenbaren mein
Zweck geht deßhalb dahin alle Arbeiter an der Anstalt jung oder alt, Kinder oder
Erwachsene, Einzelne oder Familien zugleich in einem gewissen Sinne als Zöglinge
der Unternehmung in Beh Beziehung auf die Aufnahme, die Pflege u das Darleben reinen menschlichen Lebens
zu betrachten und zu behandeln das heißt die An-
stalt und Unternehmung soll zugleich in allen ihren Gliedern zugleich Pflegean-
stalt rein sittlichen d.i. ächt menschlichen Lebens seyn und werden; darum
werde ich selbst wöchentlich nach Umständen einige Stunden entwickelnden Unter-
richt in die selb arbeitenden u helfenden Glieder der Anstalt geben oder
auf die zweckerreichendste Weise irgen[d] durch andere ertheilen lassen
werde z.B. Gesangunterricht, so daß das Ganze obgleich gewerb[e]trei-
bend, äußerlich schaffend, doch ein selbstständiges in sich selbst ruhend,
seinen Lebenspunkt in sich selbst tragendes - und so durch sein Daseyn wieder
außer sich erziehend wirkendes Lebensganze werden soll. So hoffe
ich in Blankenburg ein zweyfaches zu erreichen, einmal dem Städtchen,
seinen Bewohnern und dessen Umgegend die Dankbarkeit zu beweisen, zu
welcher ich mich gegen dasselbe für die langdauernde Pflege meines Lebens
durch dasselbe verpflichtet fühle; dann was mir nicht minder wesentlich
ist erlaubt, gestattet mir Blankenburg den unscheinbarsten; kleinsten
und ruhigsten Anfang ohne alles Aufsehen und zu früh und voreilig erregte Er[-]
wartung /
[3]
tung, so wie es durch seine vielverzweigte örtliche Lage und Verhältnisse, nicht
nur durch die Nähe sondern auch durch seine leichte und bequeme Verknüpfung mit dem thü-
ringer Walde in der Zukunft und bey günstiger Entwickelung und höheren Gedeihung
jede mögliche E Ausbildung <gestaltet / gestattet>. Dieß wird Dir alles lieber Barop in dieser
einfachen Andeutung leicht anschaulich und einleuchtend erscheinen, so wie Du es Dir
in erweiterter Anschauung leicht wirst ausführen können. Dennoch kom[m]t dazu
noch ein doppeltwesentlich Wichtiges: Erstlich bleibt so das Leben und Wirken
die Verhältnisse von Keilhau nach jeder Seite hin ganz ungestört, es bleibt in
seiner bisherigen selbstständigen und unabhängigen Wirksamkeit, wie Willisau
und auch Burgdorf jedes auf seine Weise und in seiner Art in selbstständiger
und unabhängiger Wirksamkeit dastehet [sc.: dastehen]; allein auch ich bleibe in meiner
freyen und ungehemmten Thätigkeit u Wirksamkeit, und ich könnte so den Grund-
gedanken meines Lebens frey und ungehindert in mir weiter entwickeln und nach Umständen
vielseitig außer mir gestalten, und ich würde so zwischen den 3 Anstalten Keilhau
Willisau und Burgdorf den einenden und lebenvollen Mittel- und Herzpunkt bilden,
wenn sie anders in dieser Beziehung unter sich und mit mir glei[c]he Überzeugung
in sich trügen; ganz besonders würde durch die geringe äußere Trennung von Keilhau
mir um so größere und productivere innere Einung mit demselben herbey geführt werden;
der äußere wie der innere Lebensverkehr blieb so immer neu und immer jung; beson-
ders würde dieß gewiß für die Kinder sehr vortheilhaft seyn deren Entwickelung so
durch ein zunahes Hinzutreten eines neues Lebens nicht nur nicht gestört, sondern
durch die abwechselnde Berührung mit einem verwandten nahen Leben wesentlich
gepflegt und erhöht werden würde. Ich wenigstens muß mir von diesem Wechselleben,
und getrennt-einigen Lebensverhältniß nach dem wie das Ganze mein Gemüth jetzt schaut
nur Gutes erwarten. Das zweit Wichtige was zwar additionell aber doch auch
ganz wesentlich hinzukommt ist die Rückwirkung dieses Lebens und Verhältnisses
auf den Gesundheitszustand und die Lebenspflege meiner Frau, Eurer von Euch
allen achtend anerkannten Mutter. Ich habe seit längerer Zeit und wohl seit diesem
ganzen Jahre in meinen Mittheilungen an Dich und Euch über das Einzelne
des Gesundheitszustandes gegen Dich und Euch geschwiegen; wozu konnten Mit-
theilungen dieser Art auch nützen da wir doch gegenseitig die äußeren Ver-
hältnisse welche sie wünschen machen mußten nicht herbey führen konnten. Du
weißt daß meine Frau schon seit Ende vorigen Jahres eine Rückkehr nach Deutschland
wünschte. es [sc.: Es] mag wohl seyn daß sie ahnete und unbewußt in sich fühlte daß
eine Rückkehr in die gewohnte Luft des Heimathlandes ihrer Gesundheit und deren
Pflege zuträglich sey. Dieß, was sie so dunkel fühlen mochte, hat ihr nun ein sehr geschik-
ter und kenntnißreicher deutscher Arzt in Bern, der Prof Dr Voigt aus Giesen
welchen wir mit Beginn des Frühlings sobald es die Umstände gestatteten über
den Gesundheitszustand meiner lieben Frau beratheten - zur Pflicht gemacht, für
ihre sehr leidende und schwache Körperbeschaffenheit und besonders so stark ange-
griffene Brust, für welche er die Schweizerluft namentlich auch die zu Burgdorf
zu streng und besonders auch zu wechselnd erkannte, mildere Luft in deutschen
Gegenden besonders in der Nähe reiner fließender Wasser zu wählen. Alles dieß
stimmt nun auch für Blankenburg, wo bekanntlich das Clima viel milder und
wärmer als in Keilhau ist. Ich bin nun über dieses glückliche Zusammentreffen
günstiger Lebensverhältnisse in mir auf das höchste erfreut, denn nur die /
[3R]
sorglichst ruhigste und stetig gleichmäßigste Lebenspflege kann uns nur einzig
die noch längere Lebenstheilnahme der begründenden Mutter unserer Lebens[-]
einigung sichern: freyes Umf Umwehen reiner milder Landluft, leichtes Ein-
treten in die freye Natur, ebene, bequeme, gebahnte Wege, welche leicht und
bald in dieselbe führen müssen mit Heiterer Sonnigkeit, die Eigenschaften ihrer
Wohnung für ihre, dem Anschein nach uns nur noch wenige Jahre geschenkte theu[r]e
Lebenstheilnahme seyn. Siehe Barop! der Du das Leben meiner Frau kindlich
als ein sorglich mütterliches erkennst und anerkennst, der Du von ihr mit
mütterlichen [sc.: mütterlichem] Sinn als treuer Sohn geliebt und anerkannt wirst, siehe so steht das
Ganze. Darum in der Erwartung daß sich auch Dir dasselbe in der klaren Ein[-]
fachheit und Wahrheit wie mir zeige im Vertrauen auf Deine treue und auf-
richtige Lebenstheilung komme ich nun mit folgender Bitte zu Dir: - sey doch so
gut und siehe Dich still und geräuschlos um ob in oder nahe bey Blankenburg
eine einfache Wohnung für mich und meine Frau zunächst zu miethen sey. Die Ei-
genschaften derselben liegen in dem oben ausgesprb ausgesprochenen angegeben: - einen
kleinen Garten zum eigenen Gebrauch oder einen größeren um sich wenigstens darin
ergehen zu können zur Mitbenutzung, Wohnzimmer gegen Morgen oder Mittag,
Wohnstube, Kammer, Küche und Speisekammer wenigstens in einer u eben derselben
Etage, außerdem den nöthigen Keller- und auch sonst Holz- und Hausraum für eine
weibliche Bedienung, dann besonders leichte Verbindung und zu nächst ebene Wege zur
Verbindung und zum Verkehr mit der Natur. Früher hatte wenn ich nicht irre der
Müller in Schwarze [sc.: Schwarza] eine ähnliche Besitzung an der Südseite Blankenburgs
in der Nähe der (Weiseschen ?) Stadtmühle. Ich schreibe Dir dieß und bitte Dich
darum damit nicht bis zu unserer Rückkehr nach Keilhau die Zeit dazu ver-
lohren gehe und eine sich vielleicht zeigende günstige Gelegenheit unbeachtet
vorüber gelassen werden möge. Es käme dabey besonders nicht so wohl
auf den augenblicklichen Grad der Wohnlichkeit des Geländes als vielmehr
auf dessen der Gesundheitspflege angemessenen Lage des Geländes an.
Dort würde ich dann auch ganz in [sc.: im] Stillen und Kleinen mir meine schaffend unter-
richtende und erziehende, wenn Du lieber willst meine industrielle literarische
Wirksamkeit versuchsweise anbahnen und begründen.-
Ich habe mir l. Barop! erlaubt Dir das Ganze in seiner nächsten Begrün-
dung und Verzweigung vorzuführen, alle die weiteren Entwickelungen
und Ausbildungen welche in der Zeiten und Zukunft dunklen Schooße liegen
sind dadurch mitgegeben, damit Du Dich wieder völlig in den Mittelpunkt
unseres meines ganzen Lebens und der Gesammtheit seiner Bestrebungen
setzen mögest, denn in dem Dir hier ausgesprochenen ist alles Dir ja über
diesen Gegenstand mitgetheilte und noch bey weitem mehr, alle die
neuen und neuesten inneren Fortentwickelungen und Ausbildungen des Ganzen
nach jeder Seite hin und für die verschiedensten Verhältnisse und Zeiten
beachtet.
Prüfe und durchdenke nun das Ganze, willst Du so theile Dich Deiner
Frau auch Frankenbergen und sonst wo es unvermeidlich nöthig seyn sollte
darüber mit nur wünsche ich nicht daß zu vieles Sprechen und Aus-
sprechen darüber uns - die Ausführung erschwere.- Theile mir dann /
[4]
möglichst bald das Ergebniß Deiner Erkundigungen und Deiner Prüfung mit.
Nach meinem tiefsten Gefühle müßte diese Unternehmung und deren Ausführung
von der ganzen Umgegend Rudolstadt wie Blankenburg, in Keilhau wie
in dem ganzen Thale gern gesehen werden besonders wenn sie mit den
angemessenen Mitteln, nach klaren [sc.: klarem] Plane und festem Zwecke mit Umsicht
geschehe. Mich dünkt die verschiedenartigen Behörden in Blankenburg und Rudol-
stadt müßten dieser Unternehmung auch gern die in ihrem Bereiche liegenden
Förderung und Unterstützung gewähren. Doch das Ganze würde zunächst
immer auf einen [sc.: einem] möglichst kleinen Versuche und dessen Erfolge beruhen;
diesen nun auszuführen bitte ich durch dieß um Deine treue Hilfe, Dein
treues Freundes Herz u Deine treue Freundes Hand; ich thue dieß um so froher
und sicherer als ich in mir die tiefste Überzeugung trage daß auf diese
Weise ein Werk begründet und angebahnt werde wodurch zu seiner
Zeit alle Wünsche und Erwartungen Deines Gemüthes und Geistes alle Be-
strebungen Deines Lebens erfüllt werden werden, ja wodurch einst
die Wünsche und Bestrebungen Deiner Kinder und besonders Deines Sohnes
begründet und angebahnt werden insofern er als ein an Leib und Seele
Gemüthe u Geist gesunder Mensch erzogen werden wird. Nun in
dieser Sache alles Gott befohlen, wie das ganze Leben und dessen Entwicke-
lung.-
Hier steht im Allgemeinen noch alles so wie ich Dir in meinem jüngsten
erst am 25n hier mit 30 Rth. zur Bestreitung des Frachtgeldes an Dich abge-
gangenem Briefe geschrieben habe. Doch wird schon mit Ernst an den Ver[-]
kauf von Mancherley gedacht.
Heute habe ich - denke Dir - schon Antwort auf einen Brief aus Burgdorf
erhalten welchen ich dahin 2 Tage später als an Dich, - erst am 13en 
d. M. von Leipzig aus schrieb. Alles steht und geht dort sehr gut, wie
Du aus einem Briefe ersehen haben wirst, welchen Langethal nach
Abgang des Briefes an mich auch an Dich schreiben wollte. Er wird
in diesem Briefe Dich um einen Heymathsschein von der Rudolstädter Re-
gierung gebethen haben; auch ich theile ganz die gewiß auch Dir des-
halb ausgesprochenen Gründe, er ist ja überdieß nun eingewohn-
ter Rudolstädter Landesbürger oder dem Sprachgebrauche nach Un-
terthan denn er hat ja nun über 18 bald 20 Jahr im 7br künftigen J.
im Rudolstädtischen gelebt und gewirkt; sollte aber ja zur Erhaltung
dieses Dokumentes eine Art persönlicher Bürgschaft nöthig seyn
so will ich solche, wenn ich sie anders leisten kann und darf nach mei[-]
ner hoffentlich baldigen Rückkehr nach Rudolstadt gern für ihn leisten;
Unsere innere Lebenseinigung muß bey der überall in der Welt immer
mehr hervortretenden äußern und innern Lebenstrennung immer bestimmter sich zeigen.
Die Neuigkeiten aus B[u]rgdorf d[a]ß Ferdin. u Rode [sc.: Roda] kürzlich da-
selbst einen Besuch gemacht haben rc, rc. will ich Dir nicht wiederholen.
Langethal wird Dir dieß alles auch geschrieben haben.- So eben les
ich in der <Haus>- und Spenerschen Zeitung das [sc.: , daß] Triest in Jena gestorben ist.
Die Anzeige und Danksagung wegen Pflege rc. ist von der Mutter und [den] Geschwistern
unterzeichnet.- /
[4R]
Schreibst Du in der Kürze nach Burgdorf oder Willisau, so schreibe
doch an Langethal er möge sich doch sogleich, um wenigstens der augen-
blicklichen polizeylichen Forderungen zu genügen, seinen Reisepaß, gehörig
unterschrieben von der Behörde in Willisau, wie er es ja aus meinen
und Frankenbergs Paß kennt - aus Willisau kommen lassen dieß genüge
schon für mehrere Wochen, selbst Monate.
Ich eile nun daß dieser Brief noch heute zur Post komme, schreibt
mir nun doch auch bald, auch den Frankenbe[r]g bitte ich mir zu schreiben
damit das Leben wieder in Fluß komme und auch äußerlich als
Leben sich kund thue.
Meine Frau befindet sich Gott sey Dank so wohl als es ihre Gesundheits[-]
umstände nur immer erlauben auch die alles überwindende Tante
Hanige
über welche sich meine Frau nicht genug wundern kann; von
beyden die herzlichsten Grüße an alle und an jedes Besonders
namentlich an Deine liebe Frau u Eure herzigen Kinder doch auch
nicht minder im untern Hause.
Euch allen uns und mich nun Gott befohlen.
Dein und Euer
FriedrichFröbel

Sobald sich das Leben in mir oder um mir
weiter entwickelt ert erhältst Du wieder
Nachricht von mir, doch erwarte ich jedenfalls
recht bald welche von Dir u Euch.
!!! Nach no[ch]maligen Dur[ch]lesen des Briefes wird es als das beste gefund[en]
wenn Du jetzt allein in Dir ohne weitere Mittheilungen das G[an]ze
beachtest u pf[l]egst.