Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 8.7./9.7.1836 (Berlin)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 8.7./9.7.1836 (Berlin)
(KN 52,37, Brieforiginal 2 B 8° 7 ½ S., zit. Heerwart 1905, 179f.)

Berlin am 8' July 1836.


Deinen Brief lieber Barop welchen Du am 6n d. [M.] (Mittwochs[)] früh
abgesandt hast, habe ich heute den 8' (Freytags) Mittags erhalten.
Ich danke Dir herzlich für vieles Wesentliche was derselbe ent-
hält, doch vermisse ich einen Hauptpunkt welcher mir jetzt zu wissen
nöthig ist:
ob und welche unausweichliche[n] Forderungen nemlich
     jetzt an Keilhau gemacht werden und welche unauf[-]
     schiebbar bis nächste Michaelis berichtigt werden
     müssen;
weiter wünschte ich ganz besonders zu wissen: durch welche Zahlungen
     überhaupt, und durch welche Kapitalienabzahlung
     ins Besondere der Credit von Keilhau und über[-]
     haupt das Bestehen der dortigen Unternehmung von
     neuem zu sichern sey.
drittens: da es mir keinesweges, nach der Baarzahlung von
     Rth. 5500- [pr.] Ct an Blumberg, (da ja überhaupt nicht
     ich sondern meine Fr. Erbin ist) möglich wird, weder
     ganz noch zum größeren Theile die auf der Anstalt
     ruhenden zu verzinsenden Kapitalien abzutragen
     so fragt es sich a) könnte man nicht
     a mehrere der 5%tigen Kapitalien aufkündigen
     und dagegen ein Gesammtkapital zu gleichem
     Betrage zu 4% auf Keilhau aufnehmen?-
     b. welches wären dazu die Bedingungen? und
     c. wie groß könnte würde das Kapital seyn, welches man
     möglicher Weise auf Keilhau dann geliehen bekommen
     könnte? und d. wo und von wem wäre Aussicht es zu erhalten?-
[Randbemerkung ohne Zuordnung, sachlich zu "drittens" gehörend:]
Zur Zurückzahlung der durch und aus Keil-
hau zur Reise erhaltenen Rth. 130- Crt
werde ich die Bezahlung der noch bis zum 1en 
Jan. k.J. zu tragenden ½jährigen Zinsen an
He. Blumberg, mit Rth. 137½ pr: Crt übernehmen.
viertens: namentlich wünsche ich unter den Schulden, welche Du
     wie ich sehe, nicht zu verzinsende Kapitalien nennst, die[-]
     jenigen zu wissen welches die größten Schreyer und
     härtesten Drücker und welches wirklich die am ersten
     zu berücksichtigenden sind. /
[1R]
fünftens wünschte ich überhaupt, da es mir nicht möglich ist alle Schulden
     mit einemmale zu befriedigen von Dir eine Art Classi-
     fication und Vorschlag zur Abzahlung derselben zu haben.
     besonders wünschte ich
sechstens zu wissen: ob von den Erben des verstorbenen Kanzler
     von Ketelhodt
sich noch Niemand wegen der Zahlung der
     Rth. 500- und wenn es geschehen, in welcher Form man
     sich gemeldet hat; gedachte Gelder sind mir nemlich nur
     auf einfachen [sc.: einfachem] Empfangschein ohne alle Zinsenforderung
     geliehen worden.
siebentens wie würde es mit den der landschaftscasse schuld[i]gen
     Rth. 1000 stehen? würde diese RückZahlung jetzt, würde sie
     überhaupt je nöthig seyn, wenn sich Keilhau als Anstalt
     auch ökonomisch nicht nur begründete; sondern in seiner
     Unternehmung und Wirksamkeit namentlich auch industriell
     erweiterte?- Wenn jetzt die drängendsten Schulden be[-]
     zahlt würden könnte und würde mir mit der Zurück[-]
     zahlung dieses Kapital[s] nicht auf das Wenigste noch Frist
     gegeben werden. Könntest Du über diesen Punkt nicht viel[-]
     leicht d[urc]h Zeh, d[urc]h Kettelhodt, d[urc]h Witzleben etwas ver-
     nehmen?-
achtens ebenso wegen den [sc.: des] Kapital[s] den Namen nach bey <G.>,
      Assistenzrath Schwartz; auch dieses Kapital ist aus
     einer fürstl[.] Unterstützungscasse welche Schwartz zu
     seiner Disposition für diese Fälle hatte, und nicht gegen
     Zinsforderung geliehen, wenn auch deren Umstände halber berechnet gezahlt wurden.
neuntens. Wie kommt es daß dem Schieferdecker Himmelreich
     gar keine Zinsen bezahlt sind, da doch die übrigen theil-
     weise Zinsen empfingen und dieß Kapital demohnge-
     achtet unter den zu verzinsenden aufgeführt wurde[?]
zehntens. Daß He. Cantor Karls Forderung hier aufgeführt ist verstehe
     ich nicht, da ich mir gesagt wurde, es würde für dessen Sohn
     Romang jährlich ein bestimmter Abzug an dieser Schuld gemacht. /
[2]
Nun dünkt mich, waren die Oeconomica, um deren einzelne
und numerelle Beantwortung ich Dich gar sehr bitte, alle
bedacht zumal wenn ich noch die allgemeine Bemerkung hinzu
füge daß es mich gar sehr freuen wird von Dir Vorschlä[-]
ge zu hören und zu lesen, wie sich, den Umständen ange[-]
messen die ökonomische Lage von Keilhau am besten sicher
stellen läßt.
Darum nun zu den [sc.: dem] zweyten Punkt, den nächsten Ort mei[-]
nes Wirkens und unsern meiner Frau und meinem nächsten
Aufenthalt betreffend.
Auch mir ist wie Dir, schon in der Schweiz Obernitz dazu vor die
Seele getreten und meineFrau und ich haben uns - wie wir denn
überhaupt uns das Leben und seine Forderungen gegenseitig und
gemeinsam recht klar zu machen suchen - darüber viel bespro-
chen; allein es bewährte sich uns, wie wenigstens zunächst die
Sachen vor uns lagen kein Punkt Obernitz als künftigen
Wohn- und Wirkeort festzuhalten.
Erstens: Da ich und so auch meine Frau, die Überzeugung habe, daß die
Unternehmung welche ich in mir trage ebenso tief gesichert, als in ihrer
Ausführung fruchtbar seyn wird, so war und ist es noch; wie ich Dir
wohl schon früher aussprach mein Wunsch, daß die Wirkungen und
Früchte dieser Unternehmung, besonders bey dem sicher daraus hervor
gehenden Wachsthume derselben, zunächst meiner engern Heymath
und besonders dem Orte und der Gegend werden möchten deren
Theilnahme, Pflege und Schonung ich bey se mir bey der Begründung
und dem Bestehen meiner bisherigen Unternehmungen so wesentlich
förderlich waren. Anerkennend und dankbar wollte ich mich
auch äußerlich zeigen wie ich es stets und in allen Verhältnissen in
mir bin.
Zweytens Gegen das Saalfeldsche, als Partielle und Landestheil
von Meiningen bin ich in meinem Innersten tief eingenommen.
Ich sehe keinen Grund ein warum ich die Ausführung einer Wirk- /
[2R]
samkeit und Unternehmung deren Produktivität ich in mir gewiß sehe in ein Land verlegen soll in welchem
und von wo aus der
Grundgedanke, welcher ihr Saamenkorn und Keim ist; früher
schnöd und unwürdig oder wie ich es sonst nennen soll, behandelt
worden ist. Wer einmal mein Vertrauen so tief begründet
verlohren, mich so stark geteuscht hat hat sey es Land oder Person; Fürst oder Volk zu dem
kann ich es schwer und schwie[ri]g wieder wenden. Weder Herrn
Pfarrer K-s persönliche Freundschaft, als die sonst etwa
<engeren> günstigen Verhältnisse in Saalfeld als Stadt, halte
ich stark und gewichtig genug, jene Schwierigkeiten zu heben
und die nachtheiligen Fortwirkungen der Helbaer Geschichte zu
vernichten denn weder der Herr Pf. Korn noch Saalfeld
als Stadt selbst ist von dem bestimmenden und fordernden Ein-
flusse Meiningens und seiner ersten Behörde frey. Alte Un-
redlichkeit kann und wird da von neuem beginnen.
Drittens. Kann ich mir dagegen nicht denken daß es den Umgebungen
von Keilhau, Blankenburg und selbst Rudolstadt für dessen ersten
und obersten Behörden, der Regierung, dessen Leitern u selbst
dem Fürsten gleichgültig seyn könnte, daß sich nun die Sicherung
Erweiterung, die Früchte gleichsam einer Unterneh[m]nug die sie
so lange theilnehmend und schonend gepflegt hat, ja vertrau[-
ensvoll gehalten, daß sich diese nun aus ihr, aus ihrer
Umgebung aus ihrem und seinem Lande wenigstens wegwenden
sollte. Kannst und mußt Du mir freylich die Gleichgültig[kei]t und
Kälte als Mann vom Worte be sowohl in Beziehung auf Keil-
hau u Blankenburg u Rudolstadt als und dessen Umgebung als be[-]
sonders
in Beziehung auf die obersten Behörden in Rudolstadt
und dessen erste Leiter schreiben, nun dann ist es etwas an-
ders denn gut müthigen und sanguinischen Hoffnungen habe ich wie
nie, so besonders jetzt nicht Lust mein Leben Preis zu geben, ich wün[-]
sche es wie auf einen festen und sichern Boden zu gründen so darauf
Festigkeit und Sicherheit auf- und fortzubauen. /
[3]
Viertens. Aber noch ist ein Punkt welcher zwar schon oft in unsern
Briefen berührt wurde, von welchem ich aber wünschte daß wir
uns einmal als Männer klar und offen darüber aussprächen.
Allen den örtlichen Bestimmungen bey der Wahl meines künftigen
Wohn- und Wirkeortes liegt von mir und auch von meiner Frau der
Gedanke oder wenn Du lieber willst, das Gefühl, die Empfindung
zum Grunde: - daß es Keilhau d.h. daß es Euch Ihr wirkenden
Familien und Glieder in Keilhau besonders lieb und erwünscht
seyn werde, wenn Euer Leben, Eure Wirksamkeit und Thätigkeit
zwar nicht durch mein unmittelbares Wohnen in Keilhau ge-
stört werden möchte, daß Ihr aber mit mir und uns, aus
wechselseitiger Lebenstheilnahme und Lebenspflege den Wunsch
theiltet, daß mein und unser Leben und dessen Wirksamkeit
doch nicht zu weit von einander getrennt, ja bey einer <gewichtigen>
äußeren Trennung doch so nahe bey einander seyn möchte, daß
persönliches Zusammenkommen und mündliches Besprechen sich leicht
ausführen ließe[n]. Wie meine Frau durch ihr Gemüth u Leben an Keilhau und an jeden
persönlich u einzeln hängt und mit ihm lebt, daß Thüringen ihr 2es
ich möchte sagen höheres Vaterland, Keilhau ihr Lebenshaus ist,
daß dächte ich müßtet ihr alle wissen und jeder ihrer [sc.: ihre] Äußerungen
durchfühlen, daher würde sie - wenn es sich sonst mit der Aus[-]
führung meines künftigen Lebensplanes einte - Keilhau unbedi[n]gt
auch zu ihrem Aufenthaltsorte wählen, wenn nicht höhere
Lebenspflichten selbst um meinet des Gatten und Mannes
Leben[s] und Lebenspflege willen, ihr mit Machtspruch eine gewisse
Beachtung und ruhige Pflege des Lebens streng geböte. Allein nach
eines höchst kenntnißreichen u erfahrenen Arztes ganz offener
Mittheilung bedarf ihr Leben großer Schonung, (deren Forderungen
merkwürdig uns hier von einem alten erfahrenen Arzte wörtlich
wiederholt wurden) wenn ich mich meiner Frau seegensreichen
persönlichen Lebensbegleitung noch längere Zeit erfreuen soll[.]
Siehe Barop! da gewährt nun der Aufenthalt in Blankenburg ihrem /
[3R]
Gemüthe u Geiste alles was sie bedarf. Die schöne Burg kann uns
mit Euch, kann sie mit Deiner Frau Deinen Kindern kann sie
mit dem ganzen Kreise le noch wohl einigen, und versagt es
ihre Kraft oder das Wetter bis dahin zu steigen so könnt ihr
leicht die paarhundert oder tausend Schritte bis zur Stadt
thun. Siehe Barop! so ist sie Euch, so seid Ihr ihr immer nahe,
selbst die Kinder können uns unter sicherer Leitung leicht
besuchen, ohne daß unsere zu große Mühe stöhrend in
Euer Leben e[i]ngreife. Obernitz ist für den Gesundheits-
zustand und das Kraftmaaß meiner Frau zu weit von Keil[-]
hau, andere näher liegende Orte sind zum Wohnort nicht
geeignet: denkst aber Du, denken die Deinigen, denkt die Mehr[-]
heit, denken nur einzelne Glieder des engeren Lebens, denken
die Glieder des Erziehungsvereines über unsere größere
Nähe bey Keilhau anders, empfinden sie anders als
ich so eben von unserer Seite darlegte; so sey nur so
gut es ganz offen und unumwunden aus[zusprechen], denn Gott
hat, wie es scheint, uns die fernere Bestimmung unseres
Lebens in unsere Hand gegeben, warum sollten wir
Schritte thun welche irgend Jemand[em] Leid brächten.
Zumal da meine treusinnige Frau nichts wünscht als durch
die ihr von Gott noch geschenkt werdende Lebensdauer
die Ausführung meines Lebensgrundgedankens, die S äußere
Begründung der in meinem Gemüthe u Geiste ruhenden Unter[-]
nehmungen, welches beydes sie ganz anerkennt und tief achtet,
selbst durch aufopfernde Hingabe der, ihre Gesundheit so
ganz bedürfenden Lebenspflege u Schonung - auf eine das
fortentwickelnde Bestehen in sich selbst tragende Weise
gesichert zu sehen.= Ich bitte Dich nun lieber Barop! zur völligen
Klärung und sichern Feststellung der künftigen Lebensverhältnisse
mir die Gegenstände und Fragen dieses Briefes möglichst bald
Punkt für Punkt kurz u bündig, wie Du immer thust zu beantworten. /

[4]
Am 9en July. Ich wollte diesen Brief eigentlich gleich gestern an
Dich absenden allein es war mir unmöglich ihn zu beendigen,
obgleich sehr gern ich Dich durch eine so schnelle Antwort gewiß über[-]
rascht hätte. Nun nur noch Einiges.
Dein l. Brief vom 6' beantwortet eigentlich nur meinen
2en von hier aus an Dich abgeschickten Brief; allein Du
erwähnst ja nicht mit einem Worte den Empfang des er-
sten am 25en v. Mon. von hier aus an Dich abgesandten Brie[-]
fes enthaltend Rth. 30 in Cassen Anweisungen, Du hast denselben
doch richtig erhalten, schreibe es mir doch nur mit einem Worte.
An Langethal und nach der Schweiz werde ich nicht früher schreiben
als ich Antwort von Dir auf diesen Brief habe und als ich ihn [sc.: ihm]
wenigstens vorläufig etwas Gewisses über meine künftige
Wirksamkeit und besonders über den Ort derselben schrei-
ben kann, denn nachdem wie nun das Ganze vor Dir
liegt wirst Du einsehen, daß ich bey meiner Abreise aus
der Schweiz auch nicht einmal als Ahnung oder Möglichkeit
darüber etwas aussprechen konnte.
Die Herstellung des Saalgebäudes ist mir wesentlich lieb und wichtig.
Nach einer Äußerung Middendorffs zu mir in der Schweiz,
glaubte ich sie schon im vorigen Jahre bewerkstelligt. Über die
beste Art der Herstellung kann aber wohl nur an Ort und Stelle als
und durch den Augenschein geurtheilt werden. In die Höhe gehoben
muß wohl, wenigstens der obere Theil des Gebäudes, gehoben
werden, es mögte aber wohl durch Keilen und durch Stützen, weil
dere[r] mehrere und an den Wänden leichter angebracht werden können
besser als durch Schrauben geschehen können; ein erfahrener Bau-
meister muß nach dem Augenschein und vielleicht erst beym
Beginne des Baues, so wie auch darüber entscheiden ob
besser trockene feste Sandsteine oder festgebrannte Backsteine
anzuwenden sind. Sandsteine haben vielleicht den Nachtheil daß
sie sich weniger gut übertünchen lassen, so wie Backsteine wohl eine zu dicke Mauer
geben. /
[4R]
So lebt denn alle recht wohl. Am 11/7 werden
wir werde ich viel bey Euch mit Euch und mit
Dir seyn Euch und Dir für seinen neuen Seegen
seine Huld und Gnade erflehen. Möge das am
6en zum Beweis meiner Lebenstheilung und Einigung
mit der Fahrpost an Euch Abgesandte zu[r] rechten
Zeit und gut angekommen seyn da es in größter
Eile verpackt wurde. Immer mit gleiche[r]
Liebe und Treue Dein und Euer aller
       FrFr.