Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 20.7./21.7./22.7.1836 (Berlin)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 20.7./21.7./22.7.1836 (Berlin)
(KN 52,39, Brieforiginal 1 B 4° 3 ½ S.+1 Zettel 2 S.)

Berlin, Mittwochs am 20' July 1836.·.


        Des neuen Lebens,
des dreyeinigen Lebens Friedensgruß Dir und Euch allen zuvor

Dein lieber Brief vom 17en d. M. ist abermals am 3en Tage gestern am 19en zur Frühstückszeit hier angekommen. Ich
spreche Dir dieses aus um Dir und mir bemerklich zu machen wie selbst die allgemeinen Lebensentwickelungen zur
schnellern und bestimmteren Klärung des Einzelnlebens, des Lebens des Einzelnen beyträgt, mitwirkt. Barop! l. Barop!
die Wechselwirkung der allgemeinen Lebensentwickelungen auf die Lebensentwickelung des Einzelnen kann gar nicht
umfassend und allseitig genug, nicht zahlreich genug in den E einzelnen Erscheinungen beachtet, geachtet und ihre Forderungen
im Leben angewandt werden, wenn wir uns endlich in die Welt des Schauen[s], in die Region in das Reich des Lichtes, der Klarheit
und so der Wahrheit erheben wollen, und die {innern / höhern[}] Lebgesetze von dem was man Glück, und Glückhaben, was man Zufall nennt
und dessen was der Grund zu dem Gemeinwort ist: "Hans kommt durch seine Dummheit fort": wollen sich wie schon in einigen [sc.: einigem] Demm-
merschein zeigen, so daß auch die andern Sprich- und Gemeinworte: "Der Mensch ist seines Glückes Schmidt" und "Das Glück kommt oft
zur Thür herein und fliegt zum Fenster hinaus"
wahre Bedeutung und so einen Inhalt von bestimmten klaren ganz allgemeinen
Lebensgesetzen, von unerläßlichen Lebensforderungen enthalten. Genug darinn, in dem so eben Ausgesprochenen nemlich, in dem Danke
den ich Dir zugleich für [die] Vollständigkeit der Beantwortung meines vorjüngsten Briefes {zeigen / sagen} möchte, und in der bestimmten
Klärung welche er in mein und unser sicheres Leben und den deßhalb zu fassenden Entschluß gebracht hat; dieß be-
stimmt mich die Beantwortung Deines Briefes wenigstens heut schon zu beginnen, wenn es auch nicht möglich ist sie heut zu be-
endigen.-
Wie sich im vorigen Jahre in Burgdorf schon der Gedanke selbständig machte eine Reise nach Berlin zu thun und dort noch in
Gemeinsamheit mit der lieben Mutter einige Zeit in Berlin zu leben, so kam auch der Gedanke herauf meine von mir angestrebt werdende Wirksamkeit, das meinem Geiste vorligende neue Unternehmen, wenigstens hier in Berlin
zu beginnen, vielleicht eben hier am besten zu begründen. Gar vieles Günstige zeigte sich schon dazu aus der und in der Ferne.
Dieser Gedanke verlohr nun nicht etwa seine Gewicht und seine Wirksamkeit als uns der Tod so ganz unerwartet und schnell
die liebe Mutter entriß, wenigstens sprach es meine Frau welche den Grundgedanken meines Lebens mit unaussprechl[i]che[r]
Treu[e] in sich bewegt und pflegt mit Bestimmtheit und wörtlich aus. Daß sie es zur Begründung und Gelingung meines Unter[-]
nehmens für ganz unerläßlich halte, daß ich wenigstens einige Zeit vor dem eigentlichen Beginne desselben zu einer all-
seitigern Prüfung der jetzigen Lebenserscheinungen u Erzeugnisse in Beziehung auf Menschenerziehung hier in Berlin lebe. Ich mußte
Ihr [sc.: ihr] nicht nur aus diesem sondern für mich p noch aus persönlichen Gründen nachgeben, weil ich besonders während der
Reise aber noch vor Frankfurt in mir die Bemerkung machte, daß mein Leben seit mehr als 30 Jahren zwischen
der Schweiz und Berlin oscillirt, pulsirt hatte, so daß ich fast ebenso oft in der Schweiz als in Berlin gelebt hatte,
und daß was das merkwürdigste war ich jetzt gleichsam zum 3en Male so von einem Pole zum andern geschleudert
werde. Keilhau, (wie merkwürdig auch Frankfurt a/m) waren gleichsam die Halte, die Ruhe, die Indifferenzirungs- die die Entwickelungspunkte meines
Lebens geworden. Diese Bemerkungen und Betrachtungen nun waren es denn welche <mich>
in Frankfurt a/m bestimmten rasch die sich uns dort darbiethende Gelegenheit Döllstädt und Keilhau vorbey nach Berlin zu reisen, zu
ergreifen.- Die so in mir stattfindende innere Spannung und Erwartung, verbunden mit dem sich in Berlin vielseitig zeigendem Thätigkeits
Reiz und der Unbeweglichkeit und Unbestimmtheit der mich umgebenden nächsten Lebensverhältnisse machten
mich in der ersten Zeit wenn auch nicht körperlich doch wohl geistig krank; allein die hohe Wichtigkeit meines Kommens und schnellen
Kommens und längeren Lebens in Berlin, auch in Beziehung auf die Verwirklichung meines Lebensgedankens, zeigte sich gleich
vom Anfange, und auch schon in dieser Zeit der Unbestimmtheit, und von da an Tag täglich und bis jetzt immer mehr u mehr
so daß sich jetzt die Beyden Gedanken a) in das Unternehmen hier in Berlin zu beginnen zu begründen; hier in B. wohnen z. bleiben
oder: - b) das Untern[e]hmen in Keilh. d.h. bey Keilh[.] z.B. in Blankenb[u]rg zu beginnen, zu begründen, dorthin zu ziehen
sich gegenseitig ganz im Gleichgewichte hielten, und daß umgekehrt wieder jeder von beyden gleichviel Ausschlag für sich allein
hatte, wenn man einerseits in Beziehung auf Berlin, die vollkommnere, klärere, vi[e]lleicht raschere und um[-]
fassendere Darstellung vielleicht selbst auch wohl die leichtere Anerkenntniß im Auge hatte, andere[r]seits in Beziehung auf
Keilhau d.h. dessen Umgegend wenn man die einfachere, ruhigere, sinnigere auch wohl lebenvollere und in Rückbeziehung
auf unsern Kreis die geeintere und einigere wechselseitige Entwickelung im Auge hat.- Ich möchte sagen beyde machten
ihr Recht wie Gemüth u Geist, Herz und Kopf gelten[d] Du weißt wie schwer schon da zu entscheiden ist, schwieriger
wurde in uns und namentlich in der Frau die Entscheidung als sich auch in Beziehung auf die Pflichten gegen die Tante Hanige
Gemüth und Herz, zum Geist u Kopf, also auf die Seite Berlins neigte. So stand das Ganze gestern in und um mir ehe- /
[1R]
u. als Dein Brief ankam. Wie sehr ich da gespannt und achtsam seyn mußte einen Ausgleichungspunkt, einen Ausweg zu
finden kannst Du Dir wohl denken, das Dilemma wurde noch stärker als ich klar erkennen und finden mußte in
der Begründung und der Ausführung der Unternehmung gehe Etwas und wesentliches ab wenn sie ganz getrennt und abge[-]
rissen von Keilhau hier in Berlin beginne; allein ebenso auch der Begründung und der Ausführung der Unternehmung We[-]
sentliches ab wenn sie abgerissen und mindestens so entfernt von Keilhau hier begönne. Hätte ich noch einen Zweyten um
mir gehabt welcher den Grundgedanken in seiner jetzigen einigen und allseitigen Entwickelung u wie er sich in mir ausgebildet
hat in sich trüge, so wär der Streit schnell entschieden Berlin u Keilhau führten es gemeinsam aus ich hier, der 2e dort
doch dieß gieng nun einmal nicht; in dieser Lage half mir unerwartet und entschied. schlagend mein allgemeines
Lebenssymbol und Erkenntnißmittel das Gewächs, der Bäume Angesicht und unerwartet stand die Anschauung vor
meiner Seele: Keilhau, Blankenburg, Thüringen [*Unterstreichung = Verklammerung*]. Die Wurzel; Berlin rc.; die Krone; ich erschien mir bald als Stamm[.]
Ja es zeigte sich mir sogleich eine Entwickelung, Ausbildg. Wirkung nach dem entgegengesetzten Pol von Berlin nach der Schweiz
und vielleicht hier wieder über Frankfurt a/m, so würde sich im Leben durch Wiederkehr, mehrfache Wiederkehr ein
Lebensorganismus, Lebensklarheit u Wahrheit ein bestimmtes Lebensgesetz aussprechen: Frankfurt a/m würde jedoch immer
nur wieder als ein Durchgangspunkt erscheinen. Erschiene nun so Keilhau von neuem als Quell- u Mittelpunkt, sich
gleichsam in sich selbst erweitert so fehlte dann zu den beyden Punkten im Umkreise Schweiz u Berlin noch ein Dreh
Punkt und dieß könnte (:aber auf eine in sich ganz selbstständige Weise:) ein Punkt in Amerika werden. Und so wäre denn
für den Beginn und die Begründung der Unternehmung in d.h. bey Keilhau in mir entschieden. Wie das Ganze so klar in mir
war theilte ich es heut Vormittags meiner Frau mit, welche auch abgesehen von der noch Statt findenden Unbestimmtheit
wegen der künftigen Lage der l. Tante mir auch ganz beystimmte. Um Dir nun wenigstens etwas von dem Wechselverhältniß
zwischen Wurzel u Krone, Keilhau u Berlin, wie ich es finde und schauen muß anzudeuten sage ich Dir Folgendes.
Die innere menschheitliche Begründetheit u die äußere zeitgemäße Ausführung meiner Unternehmung tritt mir hier
vielseitig in den Erscheinungen des Lebens in Schule und Familie klar und bestimmt entgegen, ja in seinen Forderungen so stark
entgegen daß ich unwillkührlich getrieben wurde das Ganze mehrseitig weiter auszubilden und immer mehr
und mehr in seit seiner nothwendige[n] Einheit und bedi[n]gten Allheit zu erfassen. Wenn ich auch wirklich nicht mehr aussprechen
will, was ich wohl zu können glaube, so ist zeigt sich mir mindestens gar vieles was nicht etwa nur nach einer
nein was nach mehreren Seiten sie leicht alle in Anerkenntniß als auch wirkliche Hinführung ins Leben, Anwendung
im Leben hoffen läßt. Allein es muß gleich als ein in sich geschlossenes und doch in seinen Einzelnheiten lebenvoll
ins Leben eingreifendes Ganze der allseitigen Prüfung vorlegen[.]
Jedes vollendet in sich abgeschlossene Ganze, jeder
Art, welches sich nur als solches hinstellt, und so da steht, also schon durch sein Erscheinen unmittelbar und unwillkührlich
ins Leben eingreift findet auch hier seine Theilnahme.
Ich denke also das Ganze bey Keilhau in seiner Einheit u Einfachheit in seinem innern lebenvollen Organismus und in seiner in
sich selbst ruhenden Abgeschlossenheit, wodurch es eben ein organisches Glied des Lebens- und Menschheitsganzen wird darzustellen[.]
Ist mir dieß gelungen, woran ich seit langer Zeit in mir ununterbrochen und besonders auch während meines hiesigen Aufenthalt[es] nach
dem glücklichsten Erfolge arbeite, stelle ich durch Sachanschauung, Bild (Zeichnung) und Wort ein dem Bildungstrieb und dem Wesen des sich ent-
wickelnden Menschen genügendes, mindestens zunächst entsprechendes Ganze dar, so bin ich Willens, dieses denn begleitet
von meinem lebendigen Wort, wie die Ergebnisse des Keilhauer Unterrichtes früher in Frankfurt a/m, so dieß Ganze hier in
Berlin verschiedenen Punkten, Kreisen, Personen mir zur Prüfung mitzutheilen d.h. zu sehen welche Wirkung es in den Menschen auf seiner jetzigen
Entwickelungsstufe und ganz besonders in verschiedenartigen Lebensverhältnissen macht. Zu diesem Zweck habe ich mir hier manche An[-]
stalt angesehen und werde mir noch manche ansehen. Es wird sich dann zeigen - was nothwendig versucht und nicht a priori fest[-]
gestellt werden kann, ob sich irgend welche, geknüpft an die Sachanschauung und nach eigener augenblicklichen Wahrnehmung,
sich wenigstens zunächst von den Secundär oder tertiär abgeleiteten Sätzen - daß unsere jetzigen Kinderspiele und
Kinderbeschäftigungen dem Standpunkte der Menschheits-Entwickelung - daß sie dem Thätigkeit[s-] und Bild[un]gstrieb der Kinder gar
nicht genügen - daß sie die Freythät[i]gkeit der Kinder gar nicht hinlänglich genug beschäftigen - daß ihnen Einheit und innerer
lebenvoller Zusammenhang Bewirkung von stetiger Fortbildung mangelt; - daß darum die Kinderspiele und freythätigen
Kinderbeschäftigungen mit dem jetzigen Standpunkte der Wissenschafte[n] u Künste u als V verbildend, entgegenbildend dazu
gar nicht mehr in Verhältniß stehen[.]- Es wird sich dann auch durch Sachanschauung zeigen ob sich einige zur Anerkenntniß
dieser Sätze erheben können. Nach dem wie ich das hiesige Leben u Treiben finde, glaube ich es. Schaden kann der Versuch nicht wenn
er nur in ganz engen und kleinen Kreisen zunächst nur an einzelne Personen geschiehet und sich sehr achtsam erweitert. nicht
Alle weiteren Entwickelungen liegen dann in der Gesammtheit der Lebensforderung und Verhältnisse zunächst auch der unseren
bedi[n]gt wenn auch hier selbst jetzt noch nicht sichtbar. So wäre den[n] Keilhau d.i[.] bey Keilhau Blankenburg zunächst /
[2]
als Anfangspunkt gegeben und festgehalten. Wie wäre es nun nach dem von Dir so klar vorgelegten Gesammtzustand
der Keilhau, und der klar vor mir liegenden hiesigen Verhältnisse zu in diesem Punkte zu begründen und von demselben
aus zu entwickeln.
Ich glaube daß zum Wohle des Einzelnen und des Ganzen zwischen uns beyden als Männern die größte Klarheit und Bestimmtheit
herrschen muß. Diese Überzeugung ist es nun auch welche mich beym Aussprechen des Folgenden leitet.
Zuerst bleibt die Bestimmung fest daß wie der Hauswirth für das von der seel. Mutter auf diesem Hause lastende Kapital
zurück zahlt, daß sogleich dann auch die Rth 5,500 Kapital an Blumenberg [sc.: Blumberg] zurück gezahlt wird, so daß also dadurch
der Anstalt in Keilhau für die Zukunft eine jährliche Zinsenausgabe von nahe Rth. 300 Rudolst: Währung zu gute kommt.-
Außerdem wird hierdurch für mich ein wesentlich Wichtiges erreicht, daß sich nun das Verhältniß zu meinem Bruder auch
klärt und bestimmt feststellt nach dieser Schuldabzahlung nehmlich werden sich die Kapitalien und Summen, welche mein Bruder
und ich (durch meine Frau) zur Begründung und Ausbildung der Keilhauer Unternehmung gezahlt haben - wohl so ziemlich gegen[-]
seitig ausgleichen - (:die kleine Verschiedenheit welche Statt finden wird, wird sich bey genauerer Vergleichung später zeigen[)].
So wird das Ganze was der Bruder längst gewünscht haben wird, und was auch mir nach den herrschenden Lebensansichten
lieb ist ein klares Societätsverhältniß. Von diesem Standpunkte aus wird sich nun leicht alles andere klären und bestimmen
was ich wünsche daß es nach meiner Rückkehr nach Keilhau geschehen möge.
Außer dieser Summe wollen wir nun auch noch, nach Deiner klaren Darlegung, noch Rth 1,000 ohne Zweifel zwischen Michae-
lis und Weyhnachten an die Anstalt zu allseitiger Klärung ihrer Verhältnisse und Lage zahlen. Doch auf die Zinsen von
diesem Kapital können wir zu unserer eigenen freyen und selbstständigen Subsistenz vor der Hand wenigstens nicht Verzicht
leisten, die Anstalt verpflichtet sich also, aus, theils nach unserm Bedürfniß theils nach den Kräften und jeweiligen
Geldmitteln
derselben uns nach und nach im Laufe eines Jahres Rth[.] 30-40 prß. Court. gegen Berechnung auszuzahlen.
Daß wir auf die Auszahlung dieser Summe zur völligen Freyung der Anstalt von jeder materiellen d.h. Schuldenlast sobald
gern Verzicht leisten als entweder mein und meiner Frau Subsistenz durch den guten Fortgang meiner Unternehmen oder
durch andere Wege welche in der Hand der Vorsehung auch nach menschlichem Dafürhalten noch liegen - versteht sich
ganz von selbst; um so mehr als ich überzeugt bin, ihr werdet uns gern, wenn Euer eigener Bedarf gesichert ist,
gern durch einiges Obst u Erdäpfel oder dergleichen, die Selbstständigkeit meines häuslichen Bestehens erleichte[r]n. Um es
in seinen wesentlichen Punkten und Förderungen zu sichern, würden wir uns die freye Verfügung über ein Paar
Tausend Thaler vorbehalten über deren sichere Unterbringung, zumal da wir außer prompter Zahlung der Zin[-]
sen wir auch gern 3% zu haben wünschen, wir noch gar keinen Entschluß gefaßt haben.- Da in der Regel hier
die Zinsen außerordentlich pünktlich (den 2n höchsten[s] 3n Tag nach der Verfallzeit) gezahlt werden; da es hier wohl Verhältnisse giebt
wo bey völliger Sicherheit des Kapitals auch noch 5% gezahlt werden, so ist mir der Gedanke gekommen das Kapital hier stehen
zu lassen
auszuleihen, doch ist darüber noch gar nichts besprochen worden. Wir werden uns hier erst darüber berathen auch Du
kannst mir Deine Meinung und Ansicht mittheilen. Eine Hauptrücksicht ist, daß bey meinen [sc.: meinem] Lebensplan mir das Kapital, nach gesetz[-]
licher Aufkündigung zur Förderung der Unternehmung, immer zur Verfügung stehen muß[.]
Zur Begründung dieses Unternehmens und zur freudigen Förderung desselben werden wir außer allem diesen zunächst
ein disponibles Baarkapital von Rth. 500. bestimmen. Bey dieser Unternehmung ist es für mich, wie ich Dir irre ich nicht
schon bestimmt u ausführlich genug ausgesprochen habe, - nun eine Hauptrücksicht auf die arbeitenden Menschen welches
Alter und Geschlechtes sie auch sind, zugleich mit erziehend zu wirken und nur diejenigen Menschen welche in diesen Ge-
danken eingehen sollen durch meine Unternehmung Arbeit und so Brot bekommen, ich will also zuerst sein physisches Bestehen
sichern ehe ich auf geistige Aus- und Fortbildung bey ihm Anspruch manche [sc.: mache], mindestens soll beydes Hand in Hand gehen und
letztere weder angestrebt noch gefordert werden ehe das erste da und gesichert ist.
So hast Du denn l. Barop abermals eine klare und wenn auch nur scizzirte Ausführung meines Unterneh[mu]ngsplanes
über dessen innerste Gesetze u Begründung ich mir <vor[be]halte> mich die noch mündlich u persönlich auszusprechen.
Jetzt kannst Du nun auch wieder zu einer weiteren und noch kläreren und bestimmteren Übersicht über das Ganze kommen
und Dich mir weiter noch [sc.: nach] Erfordern darüber mittheilen. Jetzt wünsche ich nach der [sc.: den] sogenügenden Mittheilungen
Deines letzteren Briefes nur Einiges bestimmteres über eine Woh[n]u[n]g in Blankenburg zu wissen.
1. Was wohl der jährliche Mithzins für das von Dir vorgeschlagene Wohnhaus des ehemal. Pulvermüllers nebst Garten u Hof seyn könnte
2. Ob es sehr baufällig oder doch wenigstens eine Stube, Kammer und Küche und Speisekammer mit leichten
Kosten besonders dicht u wohnlich herzustellen seye, und es 3[.] auf diese Ausbauung wenn sie von unserer Seite
geschehe nicht bedeutend, zu einem bestimmten Theil wenigstens bey der jährlichen Miethe Rücksicht genommen würde[.]
Besonders ist mir das Erste und Zweyte wichtig, das Dritte findet sich schon bey Abschließung des Miethscontractes. /
[2R]
Da nun das Leben schon nach so vielen Seiten geklärt vorliegt - so kannst Du [Dir] nun wohl denken daß meine theure
Frau sich gar sehr nach ihrem lieben Thüringen zurück sehnet um entlich wieder zu einem Leben in Gottes freyer
Natur zu kommen welches ihrem Gesundheitszustand ebenso sehr Bedürfniß wie dem Fisch das Leben im Wasser
ist. Noch sind aber leider die Formen der Erbschaftshebung noch immer nicht erfüllt und wir können ihre Förderung gar
nicht betreiben. Da es nun nach dem Stande der Sache wohl möglich wäre, daß ich längere Zeit als meine
Frau hier bleiben müßte damit die neue häusliche Einrichtung nicht zu sehr in den Spätherbst fiele, so ist mir
gestern der Gedanke gekommen ob Du oder Frankenberg wohl im August vielleicht meine Frau hier abholen könntet[.]
Sollte die Reise schnell und sonach mit der Eilpost gemacht werden würde sie eine Auslage von cca Rth. 13 pr. Cour:
von Weimar aus kosten. Wir könnten dann hier gemeinsam manches besehen ich könnte Dir meine Nachweisungen <über>
eine einstige mögliche Fortentwickelung zeigen und so bekäme das Ganze vielleicht auch von dieser Seite größere Festig[-]
keit. Doch es ist jetzt nur ein Gedanke.- Daß die Schwägerin u Albertine ein[e] Reise u zwar nach Osterode machen will [sc.: wollen], finde
ich für das Ganze eine wahre Seegnung, wenn Vorurtheile nicht für alle höhern Lebensgaben das Auge trüben.-
Nun nur noch ein herzliches Lebewohl Dir u Euch allen von meiner Frau und mir
Euern Friedrich Fröbel

geschlossen am 21 Jul vor 6 Uhr Abends /

[3]
Freytags am 22 July. Zur Abnahme dieses Briefes ward es leider gestern
Abends zu spät aber doch vielleicht recht gut.- Meine Frau welcher ich
zwar gestern vor Schließung des Briefes denselben mitgetheilte [sc.: mittheilte] hat sich nun,
wie es nach Abschließung einer Sache immer geht, den Inhalt des Briefes über
Nacht erst recht klar durchgedacht da meynt sie nun und sprach mir heut
morgen bestimmt aus: - daß sie bey den Forderungen ihres sehr erschöpf-
ten und gar hinfälligen Gesundheitszustand[es] nicht glaube, daß sie wer-
de auf alle Zinsen der an Blumberg gezahlt werdenden Rth 5,500
Verzicht leisten können [sc.: könne], und gewiß noch jährlich auf irgend eine Baar-
zahlung von der Anstalt mindestens wohl von Rth. 100- werde Rechnung
und Anspruch machen müssen.- Ich sagte ihr.- daß es sich natürlich bey /
[3R]
dem Ganzen zuerst um die persönliche Erhaltung handle, denn sonst
könne ja das Ganze nicht bestehen; daß ich doch mindestens mit dem
Bruder nun auf gleicher Stufe der Berechtigung stände, <welche>
ich durch den Ausdruck Societäts Verhältniß bezeichnet hätte. Sie
erwiederte mir darauf daß sie aber glaube daß es gut seye
wenn alles, wie es sich unter Männern zieme, vorher klar und
bestimmt ausgesprochen würde. Ich wollte nun auch ihrem Wunsche
nicht entgegenseyn und so schiebe ich denn noch dieses Zettelchen in den
Brief vor Abgang ein. /
[2R]
[Adresse:]
Herrn Johannes Arnold Barop,
Führer der Erziehungsanstalt
        in
Keilhau,
      bey Rudolstadt
frey