Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 23./25.7.1836 (Berlin)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 23./25.7.1836 (Berlin)
(UBB 13, Bl 24-26, Brieforiginal 1 ½ B 4° 6 S. ed. KG 1883, 161-165,176-181. Im Briefkopf Lithographie: Berlin vom Kreuzberge aus.)

Geschrieben in Berlin. Am 23sten July 1836.


[Lithographie:]


Dir lieber Langethal und Deiner treuen Frau
des Lebens Gruß allem zuvor!

Ohne Zweifel hat Dir wohl und Euch allen unser Barop in seinem jüngsten Briefe an Dich, welchen er Dir,
wie er mir schreibt kürzlich gesandt hat zugleich auch eine in seiner Art skizzirte Kunde von unserer An-
kunft und von unserm Befinden in Berlin zukommen lassen; dennoch wird es Dir und Euch allen doch nach
einer etwas genauern und ausführlichen Nachricht verlangen. Ob nun gleich lange noch nicht alles bis zu
dem Punkte entwickelt ist, von welchem aus Dir und Euch zu schreiben ich mir vorgesetzt hatte; so will ich doch
da ich doch dadurch nach keiner Seite wesentlichen Gewinn für das Ganze sehe mein Schreiben an Dich und
Euch [nicht] länger aufschieben – Ich will nur gleich hier aussprechen, daß wenn ich Euch sage, ich dabey auch größ-
tentheils unsres Spieß gedenke, welchen ich darum auch gleich zu Anfang dieses Briefes auf das
herzlichste grüße so wie ich viel von dem was ich hier erlebe mit ihm durchlebe; ich möchte auch sagen
für ihn durchlebe, wenn er sich mehr von seiner zwar sehr oft außerordentlich richtigen passiven (: abwarten,
werden lassenden :) zu einer auch richtigen activen – (: nach ewigen Gesetzen mit klarem Bewußtseyn schaffenden :) –
Weltansicht erheben wollte. – Er soll mir dieß Gesagte nicht gleich als Fehdehandschuh aufheben, ich [er]kenne seine
volle Ritterlichkeit so schon an, sondern wenn er ja einen Handschuh darinn oder ein Paar Handschuh darinn fände,
wie man sich solche, irre ich nicht sehr in älteren Zeiten zum Zeichen der Lebenstheilnahme übersandte. -
Nun ohne weiteres gleich zur Hauptsache. – Du erinnerst Dich, daß wenn ich schon früher unserer Reise
oder wenn Du willst Rückkehr nach Deutschland gedachte ich zugleich dabey äußerte, daß ich dann nicht
in Keilhau wohnen würde. Der Grund dazu ist so einfach als natürlich: - Jedes Hinzukommende, stöhrt ein
Vorhandenes, und ich wollte den jetzt vorhandenen Zustand von Keilhau nicht stöhren. – Bestimmt sprach ich Dir
meinen Entschluß in den Tagen meiner Abreise aus. Es fragte sich nun nur: soll ich meinen künftigen Auf-
enthaltsort in der Nähe Keilhaus – oder soll ich ihn in Berlin (Schönhausen gleichsam mit dazu gerechnet)
nehmen. In Beziehung auf Keilhau lagen wieder zwei Orte zur Wahl vor: Das davon entfernt liegen-
dere Schloß Obernitz oder das näher liegende Städtchen Blankenburg. Uns still alles in Beziehung
auf diese Wahl selbst persönlich zu prüfen, bestimmte uns zu dem Vorsatz über Keilhau zu reisen und
dort einige Zeit zu verbleiben zumal da es schien als würde meine Frau die ganze Reise von
Burgdorf bis Berlin in einem unausgesetzten Zuge nicht aushalten können. Doch strengere Prüfung
der Verhältnisse während der Reise welche uns zeigte, daß eigentlich Berlin der bestimmende Ort für
die Entscheidung sey, meiner Frau eher vermehrter als verminderter Gesundheitszustand, die in gewisser
Hinsicht günstigen Reiseumstände welche sich uns in Frankfurt a/m zeigten, dieß zusammengenommen
noch durch der Tante wiederholt uns früher schon ausgesprochene Wünsche verstärkt, bestimmten uns, und was notwendig war zuerst meine Frau, sogleich mit Vorbeigehung Keilhaus, nach Berlin zu reisen. Meiner Lebensansicht und meinem ganzen Lebensgeistes war dieß sehr angemessen, was sollte ich in Keilhau? - /
[24R]
Man hatte nur gefragt: - was denkst Du, oder was denkt der Oheim in Zukunft zu thun? – Und weder un-
mittel- noch mittelbar hätte ich darauf antworten können, so mich und andere in Verlegenheit mich
besonders aber dem zwar nun etwas abgelebten aber doch immer nicht angenehmen Vorwurf der Geheimniß-
krämerey ausgesetzt. So ergriff ich denn mit Freuden was mir die äußern Lebensumstände zur Bewahrung
und Pflege meines innern Lebens darbot. In Frankfurt a/m war es mir, außer der so eben erwähnten Reise-
bestimmung ganz besonders anschaulich wie die äußeren Lebensumstände ( wenn Du willst negativ oder durchs
Negative :) – pflegend mein inneres eigenes Leben aufnahmen: Schnyder, welchen zu sehen ich mich sehr gefreut
hatte, war, wie ich Dir schrieb, verreist, Leonhardi, auf dessen Zusammenkunft ich etwas gespannt war, war noch nicht
angekommen. – Schwartz war ich hatte es früher schon gehört, aus seinen alten Verhältnissen ausgetreten, wohin wußte ich nicht.
Adolf von Holzhausen hörte ich früher schon sey in Wien; So griff denn in Frankfurt a/m weder etwas positiv pflegend,
noch etwas positiv störend in mein Leben ein und klar wiederholte sich mir hier jetzt wieder der Ausspruch
des Schicksals, der Vorsehung welchen ich im Jahr 1814, bey meiner Rückkehr aus dem Felde, dort so schön
als bestimmt vernahm. Diesem Charakter sind auch die mich hier in Berlin umgebenden Verhältnisse, diesem
Charakter ist sich Schicksal und Vorsehung und in der Führung meines hiesigen Lebens nach ganz getreu.
Nur die klare, innere Aus- und Durchbildung des Grundgedankens, die innere Gestaltung desselben als ein Objectives tritt mir von allen Seiten als erste und Grundforderung entgegen und in meiner ruhigen Zurück-
gezogenheit in mich, in meiner völligen Beschränktheit auf mich selbst aber bey ruhiger Beobachtung des sich
um mich bewegenden gewaltigen Treibens und Drängens des Lebens habe ich darinn mich selbst überraschende Blicke
Fortschritte oder wenn Du willst selbst Eroberungen gemacht. Das Ganze ruht jetzt immer mehr als ein einiger
und allseitiger, vielgestaltiger und vielgestaltender, lieblicher und mächtiger Baum des Lebens in mir. Daß sich
unter diesen Umständen in mir alles zu der Entscheidung hindrängen mußte: - Wo wird der Anker,
oder vielmehr Keim d. i. Beginn und Anfangsort meiner neuen, künftigen Wirksamkeit seyn ist
natürlich; allein nach Maaßgabe der innern Ausbildung des Grundgedankens mußten auch Keilhau
d.h. die Nähe bey, die Umgegend von Keilhau und Berlin ( wie ich sage unser Hüttchen in Schönhausen mit eingeschlossen )
ihre jedes von beyden seine Vorzüge zur Ausführung dies meines Lebensgrundgedankens geltend machen, und da sie sich immer beyde
wenn auch auf entgegengesetzte Weise gleichsam wie Gemüth und Geist im
Gleichgewichte zu erhalten suchten, so wurde dieses immerwährende gegenseitige Abwägen für mich
selbst zu einem Gemüths- und Geistes- zu einem waaren [sc.: wahren] Lebenskampf denn Keilhaus Umgebung zeigte mir
mehr Einigkeit und Leben aber mehrseitig große Unvollständig[keit] auch Unvollkommenheit in der Darstellung, selbst
schwieriger anzubahnendes Eingreifen ins Leben; Berlin zeigte mir dagegen größere Vollkommenheit und Vollständigkeit in der Ausführung nebst leichter zu bewirkender Einführung ins Leben. - So blieb der
Kampf in mir bis noch vor einigen Tagen als nach einer sehr klaren Darlegung der ökonomischen Lage
von Keilhau durch Barop mir mit einemmale die innere Anschauung kam, daß das Ganze wie
ein Lebensbaum in sich so auch einem äußern Baume mit Wurzeln u Krone gleiche, so daß gleichsam
Keilhau dafür die Wurzel, Berlin die Krone bilde, ich aber der verknüpfende Stamm sei. - Von
diesem Augenblicke an beruhigte sich wenigstens im Innern das Leben, obgleich im äußern es sich nicht eben so /
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schnell entscheiden ließ, da wir ganz natürlich in unsern Lebensbestimmungen auch auf die Forderungen
von der lieben Tante Leben Rücksicht nehmen. Jedoch bekamen nun beyde Orte Keilhau und Berlin in der
Beachtung und Pflege gleichen Werth gleiche Wichtigkeit. So stehen die Verhältnisse jetzt: ich beachte Berlin
als habe ich es zur Ausführung meines Lebensplanes allein und pflege Keilhau als bliebe mir dazu nichts als
jenes allein nur noch übrig. In letzterer Beziehung reicht mir nun Barop treuen Sinnes treulich die Hand.
Ich habe ihm daher auch in meinem jüngsten, gestern, Freitags abgegangenen Brief alles darauf in meinem ge-
genwärtigen Verhältnisse Bezug habende mitgetheilt. – Wie richtig Barop das Ganze und das Einzelne
erfaßt und wie treusinnig er es pflegt wirst Du mit mir in einer Stelle seines jüngsten Briefes an mich finden, worinn er meinen
vorletzten Brief an ihn beantwortet. Nach allgemeiner offener Darlegung
des gegenwärtigen ökonomischen Zustandes Keilhaus (: in seinem jüngsten Briefe geht er auch mehr auf
das Besondere und auch auf das Künftige ein :) – fährt sein Brief so fort: - „Was nun den 2ten Punkt
den Ort Deines künftigen Aufenthaltes betrifft, so wünsche ich Dir einen Ort, wo Du einig, selbstständig, frey,
selbst von dem Orte, der Behörde, ganz Dir selbst angehörend und ungestöhrt Deinen Lebensgedanken klar und
einfach in neuer Schöpfung darstellen kannst und ich halte diese Bedingung für unerläßlich dazu. Es mag
diese Schöpfung reich an Mannigfaltigkeit seyn oder nicht, eins nur ist durchaus und vor allem zu wün-
schen; daß der Lebensgedanke dieser Schöpfung klar und vollendet wenigstens in einem Einzigen an einer
Einzelheit dargestellt werde. Ich halte es auch nicht für nothwendig zur Wirksamkeit dieses durch den
Lebensgedanken Geschaffenen, daß es von der Gegenwart anerkannt werde. Denn dann würde es mich seinet-
wegen bey dem allgemeinen Drucke, der auf der freyen Entfaltung der Menschheit liegt und bey dem allge-
meinen Niedersinken des menschheitlichen im Leben, besorgt machen. Die Menschen scheinen zu glauben, Schiff-
bruch gelitten zu haben mit ihrem Streben und Sehnen nach dem Menschheitlichen und wenden sich ab und grei-
fen nach Strohhalmen, nach dem Schein um sich das physische Leben nur, höchstens angenehm genußreich
und wenns hoch recht hoch kommt als großgeistig zu fristen. Dieß ist gleich bey Regierung u Volk. Deßhalb sage ich noch einmal in Beziehung auf das Ökonomische: Halte Dich von allem frey und selbstständig,
daß Du keinem Orte, keiner Regierung, keinem Lande, ich möchte sagen der Erde einzelnen Theilen nicht
mehr mehr angehörst. Darum theilte ich auch gleich Deine Ansicht, daß Du Keilhau nicht wieder mit
angehören wolltest, abgesehen davon, daß Du mehr oder weniger in seine Thätigkeit mit hineingezogen
wärest und durch manche unangenehme Erscheinungen des Lebens in der Einheit des Lebens und Ruhe
des Gemüthes leicht hättest können gestört werden, so lieb es mir persönlich auch gewesen wäre, wenn
Du ganz hier geblieben wärest. – Es ist auch gewiß wichtig daß 3 Anstalten, aus Einem Geiste
geboren, selbstständig nebeneinander stehen und gleichsam um ihren gemeinschaftlichen Mittel
punkt. Diese Erscheinung ist eine nie dagewesene und bezeichnet zugleich einen bedeutenden Abschnitt
unseres Gesammtlebens. Wo die 3 erscheint ist Selbstständigkeit, was schon der 3beinige Tisch
zeigt. Es kommt vor allem darauf an daß diese 3 Anstalten ihre Einheit in sich unter sich und mit
dem Lebensgedanken aus dem sie hervorgegangen sind, immer mehr erkennen und treu bewahren.“-
Du kannst Langethal! diese Stelle immer auch diese <Ste[lle]> unserm Spieß mittheilen, wäre es auch wirklich nur
darum daß er den Barop, welchen persönlich kennen zu lernen, sich ihm wohl so bald keine Gelegenheit
zeigen möchte, dadurch wenigstens in Etwas dem Geiste nach kennen lerne. – Aller weiteren Bemerkungen
zu diesen Worten Barops enthalte ich mich, so viel sich mir auch Veranlassung dazu darböthe. Ich weiß daß
Du Langethal die Überzeugung Barops in Beziehung auf Dich u Dein Leben sowohl als in Beziehung auf Dein Wirken
theilst und es wird Seegen für Dich Dein Leben und Dein Wirken bringen. beydes wird bey Dir wie bey Barop auch
fröhlich und kräftig wachsen und gedeihen. Allein Langethal sey auf Deiner Hut, daß Du Dich und durch Dich nicht
Deines ganzen, wenn auch nur noch keimenden Familienbaum[es] beraubest; sey besonders da auf Deiner Hut
wo man Dich als Besonderes und Einzelnes auf Unkosten des Allgemeinen und der Einheit hervorzuheben
sucht Du kannst hierin nicht ernst streng und sorgsam genug seyn. Du weißt, mein Wille und mein Handeln
kann Dich nicht mit der Einheit in Einigung halten nur Dein Wille und Dein Handeln, wie jedes eigener Wille und jedes eigenes Handeln. Ich habe mich gefreut zu hören daß Du Dir wieder einen Sieg errungen
hast als man nach meiner Abreise die Besatzung der Festung ohne Haupt mit Mannes Geist u Mannes Festigkeit
und sie so leicht einzunehmen glaubte doch ein Sieg macht es nicht, auch nicht viele, nur der letzte, welches /
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dieser letzte Sieg aber sey weiß Niemand. - Was hätten z.B. dem Blücher seine Siege 1813/14 geholfen
wenn er nicht auch 1815 bey Bellalliance gesiegt hätte? - d. h. wenn er die Schlacht bey B. verlohren
hätte, wenn sie durch ihn verlohren gegangen wäre? - Das ist aber eben zur Erringung der Lebenssiege
das Widerwärtige, daß so viele auf eine unverantwortlich gleichgültige Weise Lebenssiege ver-
lohren machen. Doch das Kriegsgericht des Lebens wird auch sie einst richten.
Also beyde Orte Berlin und Keilhau werden jetzt in Beziehung auf meine künftige Wirksamkeit gleich von mir
beachtet und gepflegt, doch welches Ortes Umgegend mein künftiger Aufenthalt seyn wird ist noch unbestimmt;
Auch Obernitz ist mir vorgeschlagen worden und nicht etwa blos die Lage des Schlosses wirklich in Beziehung auf
seine nächsten Umgebungen, ähnlich mit dem Schlosse zu Burgdorf könnten mir sondern vor allem die Treusinnig-
keit ihres Besitzers, welcher an Barop schreibt: - „ Ich bitte mich Fröbeln dem mein Herz auch in der Ent-
fernung liebevoll und dankbar verbunden bleibt
zu empfehlen.“ – könnten wohl für die Entscheidung mei-
nes Entschlusses wie noch vieles andere hinzukommende Günstige, gewichtig seyn, wenn es nicht, wenn
ich einmal in Keilhaus Nähe zöge, doch von Keilhau zu entfernt wäre.

Montags, am 25en July. Wie ich, wie Dir aus diesem Briefe hervorgehen wird, viel der in-
nern Aus- und Durchbildung des Grundgedankens und seiner innern Darstellung lebe so lebe ich doch
auch dessen äußerer Darstellung und Prüfung am Äußern am schon Bestehenden. So habe ich z. B.
zwey Kleinkinderbewahrschulen (für 3-7 Jahr) besucht. In jeder waren Knaben u Mädchen
ohngefähr 70-100. Eine Frau (Wittwe) mit ihren 3 Töchtern stand diesen 2en unter und in sich ganz ge-
trennten u selbstständigen Anstalten vor, also waren in der einen Mutter u Tochter, in der andern 2
Schwestern die Führerinnen von Morgens 7 oder 8 Uhr bis Abends 6 oder 7. Wie die Kinder alle daselbst ihr
zweytes Frühstück aßen, so aßen auch mehrere (20-30 u mehr) daselbst einfach zu Mittag. Unterricht
u Kost, Spiel u Ordnung des Hauses alles besorgten die beyden Frauen (wovon die Wittwe, Gattin
eines Arztes im Invaliden-Hause gewesen war) ganz allein. Alles war nett u klein doch mit
Hof u Garten zum Ziel [sc.: Spiel], besonders war der Gartenraum bey der Anstalt der Mutter – welche
eigentlich schon vor mehreren Jahren diese Art Anstalten in Berlin eingeführt hatte – ziemlich groß.
Was von Frauen dieses Alters, ich glaube die Mutter ist schon gegen 60 Jahr, u dieser Vorbildung
geschehen konnte ist aller Achtung werth. Besonders war mir die Ruhe, der Anstand, die Ordnung bey
wirklicher kindlicher freyer Lebendigkeit gar sehr erfreulich zu sehen; allein die Frauen (die eine
Tochter u Vorsteherin war auch Wittwe) lebten auch ganz mit den Kindern waren
heiteren Geistes sangen ihnen vor u lieblich, zwar nicht nach Langethalschen Forderungen sangen die Kinder
nach. Aber den treusinnigen gutmüthigen Frauen hätte ich besonders mehr Beschäftigungsmittel für
ihre Kinder gewünscht. - Mich nun so an ihre Stelle denkend habe ich vieles prüfend in mir
bearbeitet; auch mehr Raum besonders im Zimmer, wo ein Leben und Ordnung wie früher in der
Lehr- Arbeits- Spiel- Eß- Frühstücks- u Vieruhrbrotsstube bey Hänolds statt fand. Auch das Daseyn noch
anderer solcher Anstalten habe ich kennen gelernt. – Du siehst wie sehr mich diese Anstalten an-
ziehen besonders wenn man hört welchen geringen Gehalt diese Menschen in ihrer Treue be-kommen und dabey so zufrieden, ja so heiter! – Nein! man glaubt es nicht. Viel, sehr viel geschieht hier für Lehre und Unterricht. – Allein mit welcher Sparsamkeit in Beziehung auf das Äußere in Be-
ziehung auf Kleidung und Kost. – Wie würden die Mütter unserer Burgd[or]fer Waisenhauskinder sich
wundern, wenn sie das sehen sollten! Doch sind die Kinder freudig, glücklich in den Anstalten.
25 - 30 Gesuche um Aufnahme müssen unberücksichtigt bleiben bey jeder Anstalt und doch be-
stehen deren schon 15 alle durch Privatvereine. Wo ist da an Fonds zu denken, wie sie Burgdorf
besitzt.- Noch eine andere höchst seegensreiche Anstalt habe ich gesehen, Ein / das Erziehungshaus
sittlich verwahrloster Knaben. Die Knaben (hier von 10 bis 19 Jahren) müssen sich alles selbst
machen, selbst ihre Wäsche waschen sogar in der Küche muß ein Knabe helfen. – Die Schlafsäle
wo ebenfalls Alles, das Betten u Kehren, von den Knaben besorgt werden muß waren sehr or-
dentlich u nach Umständen reinlich, auch das Bettzeug müssen sie sich selbst waschen. – Barfuß
gehen alle. Einen sehr großen Garten, ja Feld haben sie zu bearbeiten. Da [sie] eine große Anzahl
Eisenarbeiten besorgen wobey viel Öl gebraucht wird, so ist von dieser Seite ihr <Anzug> etwas auffallend.
Auch die Kleider müssen sie sich selbst machen. - Die zweckmäßige Beschäftigung dünkt mich fehlt all diesen Anstalten. /
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Auch diese Anstalt ist wieder wie jede der Kleinkinderbewahrschulen Sache eines besondern Privatvereines. <IhreSie>
Ihre der Anstalt Einkünfte beruhen besonders auf bestimmten und unbestimmten Beyträgen, Geschenken woraus nach
und nach ein Fond gebildet wurde; sie entstand im Jahre 1825 mit einer Summe von Rth 5000. Doch ich will
Dir ja nicht eine Beschreibung dieser Anstalten geben sondern Dir in etwas meine Beschäftigung andeuten. – Auf-
fallend blieb mir immer die, wie es schien freye und selbstthätige Ruhe und ein solches Betragen ich möchte
sagen Anstand der Knaben.-
Auch Eiselens Turnanstalt habe ich besucht. Leider aber war er nicht zu Hause sondern sein wie es
schien mit ihm sehr einiger und eingehender Gehülfe - Feddern - welcher sich wie Barops, so besonders
auch Spießens sehr freundlich erinnerte und dessen sich also auch Spieß wohl noch erinnern wird. Ich glaube
wohl daß sie leisten d.h. erreichen was unter den hiesigen Umständen nur geleistet werden kann. Den
Geist oder das Leben kann man sich auch leicht denken sobald man hört daß so wie alles nur Privatunter-
nehmen ist der Turnunterricht à Person jährlich Rth 34 = 60 Schw[ei]zerfr[an]ken kostet. Wie viele können dieß bey
der sonst großen Lebens- d.h. Forderung des Bestehens in Berlin und bey mehreren Kindern und einige Jahre
bestreiten. Dennoch sah ich in meiner Anwesenheit 2 Väter aus dem Mittelstande jeden 2 Kinder, den einen
2 kleine Knaben, den andern 2 junge Mädchen bringen, denn auch Mädchenturnen findet statt. Ich sahe
dieß von einem mittelalterigen unverheiratheten (so meyne ich) Frauenzimmer geleitet. Allein die Führung Behandlung
Behandlung der Geist, genug das ganze Betragen der Vorsteherin oder Vorturnerin gefiel mir nicht im mindesten, ein
ewiges Hofmeistern u Bestrafen durch Worte rc gerade wie bey dem Examen, d.i. in den Schulprüfungen einer
gewissen Lehrerin in B[urg]d[or]f. Denkt Euch nur die Mädchen noch ganz jung werden zwar beym Taufnamen aber
immer Sie angeredet. Die Knaben nennen sich zwar Du, doch nur während des Turnens. Genug man sieht das
Turnen ist hier ganz aus seinen Angeln besser seinem Grund u Boden gerückt. Doch thut Eiselen sehr viel um es
wieder wenn auch langsam zu heben; er hat an dem fast andern Ende der Stadt einen Garten gekauft wo zu Micha-
elis ein <2er> Turnplatz errichtet wird. – Zwar ist hier einiges Schöne aber ein eigentliches Fortschreiten des
Turnwesens, eine höhere menschliche allseitige Behandlung der Turnkunst, ein lückenloses stetiges Aus-
bilden besonders in seinen Elementen, ich meyne der Freyübungen fand ich nicht und so vermißte ich auch ein elemen-
tares Begründen der späteren, zusammengesetzteren Übungen, und ein scharfes bestimmtes Bezeichnen jeder einzelnen
Übung. Doch nochmals sie haben auch manches eigenthümliche so wohl in den Benennungen als Übungen. Hangelleiter haben
sie auch, sie schwebt aber durch eine Befestigung an der Decke u kann so hoch u niedrig gelassen werden. Zum Wippen haben
sie besonders mehrere Vorrichtungen, besonders eine Leiter [Zeichnung]. Die Leiter ruht auf einer Walze und bewegt sich mit
dieser wie eine Schaukel auf und ab. Die beyden Stücke sind gleichsam kleine Leiterstücke allein mit krummen Wangen und durch Scharnire mit der geraden Leiter verbunden, daß sie sich wie bey A hinauf oder bey B herabschlagen
lassen. Der Zweck davon ist daß Turner jeder Länge und jedes Alters sich wippen können. - Die Turnwarte sagten mir
daß die Mädchen diese Übung vorzüglich gern machten auch sahe ich dieß durch die Mädchen selbst bestätigt. Auch den
Rücklauf, ich möchte es bezeichnender lieber Schwebelauf nennen, an zwey an der Decke befestigten Riemen mit Steigbügel ähnlichen
Handgriffen üben die Mädchen sehr gern. Ich glaube daß sich der Gebrauch dieses
Turnzeuges in Beziehung auf Arme u Beine sehr ausbilden ließe. Auch Armstärker für die Mädchen
von etwas schwererem, hartem Holze, runde Kugeln durch einen Stab verbunden waren viel im Gebrauch
welches als sehr der Gesundheit zuträglich erkannt wurde. Eine Mittheilung einiger Kunstausdrücke die, verglichen mit den
von Spieß aufgestellten nicht so ganz meinen Beyfalle hatten besonders weil mir das Fortentwickelnde in ihnen mangelte
vielleicht später einmal. Zwey Sachen will ich jedoch bemerken. Es turnte Niemand ohne Turnkleider, die
Mädchen hatten in einem besonderen Zimmer ihre Turnanzüge zwar nicht Stoff u Farbe aber dem Schnitte nach gleich,
welche sie beym Turnen an- und nach dem Turnen auszogen es war ein Beinkleid und ein leichtes einfaches
langes Oberkleid. Vor dem Turnsaale der Knaben wie der Mädchen war alles Nöthige zum Reinigen des Schmutzes
mit der Aufforderung nicht ohne davon ordentlich Gebrauch gemacht zu haben in den Saal zu treten. Die Säle gleichen
darum ganz reinlichen schönen Zimmern und ich finde die Vermeidung des Staubes auch für die Gesundheit gut;
Fedder hatte große Lust in die Schweiz u Spieß namentl[ich] zu besuchen ich habe ihn darinn sehr zu bestärken ge-
sucht, er sprach gern und oft mit großer Liebe und Achtung v. Spieß. - Mehrere die eine Turnfahrt jetzt nach Thüringen
machen wollten Keilhau u Barop besuchen. Ich habe mich recht dieses wiedererwachenden alten Turner-
geistes gefreut. Auch Spießens Schrift habe ich gedacht. – 6 Schweizer (Escher, von Holtiger rc.) haben eine eigene Turnstube. /
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Was ich Gestern sah ich auch einen Zug Waisenmädchen, ohne Zweifel vom Spaziergang heimkehrend, je 3 und
22 Glieder, also 66 Mädchen. Ich ging lange neben ihnen, allein ich konnte sie weder leiblich noch geistig
gesund und frisch finden; sie schienen mir fast alle etwas gedrücktes und trübes zu haben. Wie hätten
unsere freylich nur 13 - 14 Mädchen für ihre Behandlung, ihre so rein menschlich erziehende, Gott dan-
ken müssen wenn sie diese Mädchen gesehen; doch waren sie so wohl reinlich als nett aber sehr einfach
gekleidet alle im blosen Kopfe, die Haare geflochten und um den Kopf gewunden, oder halblang herab-
hängend mit einem Stirnbande. Die Anzüge waren alle gleich, grün mit rothbunten Schürzen und
Halstüchern. – Auch ist hier ein Erziehungshaus für sittlich verwahrloste Mädchen ich sah es aber noch nicht.
- Was meinen besondern Zweck hier betrifft so stehe ich schon mit einigen Arbeitern in Verbindung und ich freue mich
schon sehr darauf einen Zweig in der Klarheit und dem innern Zusammenhange dargestellt zu sehen in welchem
ich es schon ausgearbeitet habe; jeder Zufall jede Willkür, jede Zerstückeltheit wird vermieden
alles aus nothwendigen und ganz allgemeinen Weltbildungsgesetzen abgeleitet. – Gleich in dem höchsten Welt-
gesetze ruhend muß das erste u kleinste Kinderspiel erfaßt werden, und (sich) wieder auf Welt u Erde
zurückbezogen betrachtet und behandelt werden.
Lasse lieber Langethal, gelegentlich unmittelbar, oder wenn Dir dazu die Gelegenheit fehlte mittelbar gegen
Gyger den Gedanken fallen, daß ich wohl ihn einmal wenn meine neue Wirksamkeit sich begründete
ihn nach Deutschland zu mir rufen könnte, besonders wünsche ich ihn dann für gesetzmäßigen lebenvollen Gesangunterricht und Gesangsbildung sicher und geübt und in der Sprache geübt [ge]wandt. Ich thue diese Äußerung damit Gyger für
sein Leben auch ein äußeres Ziel einen äußern Zweck bekomme und so was Willisau ihm
gab reichte er um so gewissenhafter im Geiste höherer Erziehung benutzte. Vor Abgang nach Deutsch-
land könnte Gyger dann noch 2-4 Wochen bey Dir streng dem Gesang leben. Dieß alles vorläufig, damit nur seine Thätigkeit ein klares, festes Ziel erhalte. Will er anders, nun gut, so ist´s mir auch recht.
- Von den Schweizerangelegenheiten lese ich fast hier bestimmteres als in der Schweiz sonst selbst. - Über die Berner
Regierung, die jetzige las ich jüngst ein hartes Urtheil ausgesprochen. Ich meyne darum wie die Berner Regierung die
ächte Volksbildung im Geiste der Menschheitsentwickelung nicht festhielt oder vielmehr, was sie doch
wenigstens hoffen lies garnicht erfaßte, da brach die Regierung sich selbst den Stab, und sie geht in Persönlich-
keiten unter wenn sie nicht umkehrt und menschheitliche Volksbildung wieder oben anstellt. Ihr laues
Betragen bey den Burgdorfer Cursen 1834 u 35 wird sich hart an ihr rächen.
Grüße alle die sich meiner erinnern namentlich und sage ihnen daß ich mich auch ihrer jedes besonders oft erinnere.
Den Spieß grüßt der ganze Brief, er soll nur machen daß er sich nicht selbst verliehrt. Er besonders soll seine
jetzige Stelle u Wirksamkeit achten u pflegen ganz besonders aber wozu sie sehr geeignet ist zu seiner
Entwickelung und eigenen Lebensdarstellung benutzen; er soll ja nicht glauben, daß dieß anderswo z. B. hier
so leicht möglich wäre, alles geht hier in Fesseln, selbst die freye Turnkunst erschien mir hier ganz unter
Brüdern u Freunden ausgesprochen, Dressirkunst. Allein, er soll unser, mein Leben und Streben mit in das seini-
ge aufnehmen, dann wird ihn dieß gewiß auch einst tragen halten und dahin tragen, wo Geist u Leben sich heimisch
fühlt. Die 3 Gebrüder Schnell grüße auf das freundschaftlichste und sage ihnen daß ich alles Treffliche für
Volksbildung mit Ihnen [sc.: ihnen] und für sie durchlebe. Auch Herrn Dr. Dürr, Stähli´s, ihn und sie. (Hast Du Gelegenheit Stähli´s in Langenau
grüßen zu lassen, so thue es. Wir möchten wohl gern wissen ob der Inhalt eines kurz vor unserer Abreise an sie durch die Post abge-
schickten Packetes – 2 Tassen – ganz oder zerbrochen bey ihnen angekommen sind [sc.: ist].) - Nicht minder HE Meyer.
Vor allem aber unsern HErrn Nachbar HErr Kraft. Und so komme ich denn in das Haus zu all den lieben
Kindern, gern hätte ich längst jedem einzelnen etwas geschickt allein der Weg ist zu weit. Mindestens allen recht
schöne Blumen. Ja Langethal die giebt es auch hier prächtige, besonders Cactus, die schönsten C. Speciosus blühen so
häufig hier u häufiger als bey uns die Rasencactus. Wir haben sie gewiß in der Pflege sehr versäumt. Jüngst
sah ich einen weißen Abends blühenden Cactus-nyeticallus, zwar nicht so prächtig als die Königin der Nacht (grandiflora)
aber doch der nächst schönste. Auch Königinnen der Nacht blühen hier jetzt öfterer. Der so schön blühende Cactus war nur 3 Jahre alt.
Die Gewächse dieser Art wachsen hier so frisch und kräftig und blühen so häufig, daß ich Dich wohl in Besitz der Behandlungs-
art so wie vieler Pflanzenarten wünschte. Ich glaube sie bedürfen gute lockere mehr sandig-schwarze Erde, gleichmäßigen
Stand, gleichmäßige Feuchtigkeit u gleichmäßige Wärme. Wenn die Blumen aufgeblüht sind prangen sie in den offenen Fenstern.
Doch ich muß abbrechen. Herzliche Grüße an alle im Hause an Sidonien, über sie behalte ich mir ein Wort zu sagen vor. – An Antonen von welchem
ich durch Midd[endor]ff besonders Gutes höre. An Grittly und an die treusinnige Marie; ihre Myrthe grünt frisch. Dem deutschen Roller und Groschvetter einen deutschen Gruß. /
[Rand 26]
Nach Willisau wirst Du vom Wesentlichen dieses Briefes Kunde, so wie unsern Dank für ihre jüngsten Briefe kommen lassen. – Der Familie Barop gedenken wir oft und freundsch[aftlich].
[Rand 24]
Eben als ich meinen Brief schließen will kommt Dein Brief lieber Langethal. Herzinnig freuen wie uns alle Eures Wohles. – Augenblicklich und Wesentliches finde ich jedoch in demselben nicht zu beantworten. Herrn Spieß unsere aufrichtige Theilnahme; - dann suche, ist es möglich, ihn für ein höheres menschheitliches Wirken zu erhalten, einig in sich zu erhalten. Wichtig wäre, auf das einzutreten, was Du mir über das Durchgehen durch die Person schreibst doch dazu ist jetzt keine Zeit; allein eins kannst du wohl beachten: wie richtig und zeitgemäß stets meine Forderungen in meinem Kreise und an Euch waren.
[re. Rand 25R]
Bis zu den Herbstmonaten, welche in meinem bisherigen Leben so oft das Lebensgewirre lösend waren, wird sich ja wohl auch diesmal alles klar entschieden haben. Vielleicht wiederholt nun, erneut, verjüngt sich das Leben auf einer höheren Stufe der Vollkommenheit nach denn das Leben nach einem Zeitraum von 3 x 6 = 18 (achtsam) Jahren; denn dann sind es seit meiner Verheirathung 18 Jahre. Du schreibst mir in Deinem Brief L[an]g[e]th[a]l auch einige Eigenthümlichkeiten in Beziehung auf dieses Jahr. - Das erste davon ist in einer höheren Allgemeinheit gegründet; das 2e ist recht freundlich. - Allein, l. L[an]ge[thal] die Aussprüche einer gewissen Zeit u über eine gewisse Zeit können zur Herbeyführung derselben eben so wenig etwas nützen, als der Grundriß, alle Risse zu einem Dome zusammen genommen, wenn nicht zugleich nach demselben an der Aufbauung desselben gearbeitet wird. Du schreibst mir z. B. das Jahr 1836 begann an einem Freitag, und man scheint sich erwartungsvoll dieser Erscheinung zu freuen, hoffend das Jahr werde uns frey machen. Gut, wenn man ihr nachlebt, d. h. wenn man jeden Tag als ein geistig Freyer geistig frey lebt. – Siehe, lieber Lthl, deshalb erfüllen sich so selten höhere Hoffnungen weil man meynt: schon das Ausgesprochensein der Verheißung müsse die Erfüllung bringen. – Behüte! /
[Rand 25R]
Herrn Beyers Vater habe ich besucht er war gar sehr erfreut etwas von ihm zu hören. Er läßt wieder grüßen wie ich grüße. - Gott schütze Deine Frau und Dich Dein Fr.Fröbel.