Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 12./15./17.8.1836 (Berlin)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 12./15./17.8.1836 (Berlin)
(UBB, 14, Bl 27-28, Brieforiginal 2 Bl 4° 4 S., sehr brüchig, 28R unten mit weggebrochenen
d.h. fehlenden Textteilen; ed. KG 1884, 6-10,31-34)

Berlin am 12en August 1836. Zur Post gegeben am 17en August Abends 6 Uhr
Zwar habe ich lieber Langethal! noch keine Antwort von Dir auf meinen jüngsten Brief erhalten; auch ist dieß wohl in Beziehung auf die
Zeit seit welcher ich das letztere mal an Dich schrieb noch nicht wohl möglich dennoch setze ich mich schon wieder Dir zu schreiben. Du wirst
Dich nun wohl deshalb etwas wundern; doch scheinen sich jetzt alle meine Lebensentwickelungen so in einem Raume und einer
Zeit zur endlichen Gestaltung und Ausführung eines Ganzlebens zu concentrieren, so daß ich sehr wünsche in diesem Einigungs-
und Mittelpunkt zum schaffenden Zusammenwirken all meine Mittel und Kräfte zu einen. Da nun dieß nicht von allen Punkten
und namentlich von der Schweiz aus in gleich kurzer Zeit möglich ist, so komme ich deßhalb schon jetzt wieder schriftlich und darin
anordnend und bittend zu Dir ehe ich noch antwortende Zeiten von Dir erhalten habe.- Nach der zwischen mir und Barop gepfloge-
nen Mittheilungen wird nun wohl Blankenburg und zwar die Dir bekannte Wohnung des ehemaligen Pulvermüllers an der Schwarze, dem Ein-
flusse der Rinne gegenüber, der Ort meiner künftigen Wirksamkeit seyn. Schon sind wir deßhalb in ernstliche Unterhandlung mit dem getreten
welcher darüber zu verfügen hat, dieß ist der Superintendant Örtel in Blankenburg indem es seinem davon entfernt wohnenden Onkel
in Sonnenwalde gehörte daß ich nun, nachdem sich räumlich und ört[lic]h so ziemlich alles geordnet hat oder wenigstens sich leicht zu ordnen scheint
auch in Beziehung auf die Zeit alles gern baldigst bestimmt und ins Werk gesetzt sähe wirst Du mit mir natürlich finden, doch hierin
wollen sich noch mehr Hinderniße finden, welche ich Dir nicht einzeln aufführen will; so wenig wir nun zwar Anfangs an sie gedacht haben
so erscheinen sie uns dennoch jetzt selbst wichtig und für uns noth[w]endig ihre Forderungen vor unserer Abreise aus Berlin zu erfüllen[;]
dennoch hofft meine Frau ihrem sehnlichsten Wunsche gemäß noch vor Michaelis und zwar in der ersten Hälfte zu Anfang des Monat September nach Keilhau
zurück zu kehren um noch vor Eintritt der feuchten u schlechten Herbstzeit das Nöthigste wegen unsrer künftigen Wohnung zu besorgen.
Obgleich nun meine Geschäfte mich noch länger und zwar besonders zu Anfangs [sc.: Anfang] Oktober in Berlin nöthig machen so wünscht doch meine
Frau gar sehr daß ich sie nach Keilhau begleiten und dann zur möglichsten Beendigung der hiesigen Geschäfte nach Berlin zurück
kehren möchte. Auch ich wünsche gar sehr mir meine neue Wirksamkeit zu begründen und endlich zu beginnen. In dieser Beziehung
komme ich nun eben bittend zu Dir, daß Du nemlich so gütig seyn und mir diejenigen meiner in Burgdorf zurückgelassenen
Sachen durch Frachtfuhre übersenden möchtest, deren Besitz mir dann zur Ausführung meiner Unternehmung wesentlich wäre. Ehe ich jedoch
dieß alles namentlich bestimme will ich jedoch so viel [als] möglich Dich mit dem Gesammtstand des Ganzen bekannt machen.
Natürlich ist es wohl daß wie immer meine lebhaftesten Wünsche so jetzt mein erstes und ernstestes Streben dahin geht
die ökonomischen Verhältnisse von Keilhau nicht nur mindestens zu klären, sondern auch die Lage und das Bestehen Keilhaus für die
Zukunft so viel nur immer möglich ist sicher zu stellen.J Auch Barop wünscht gar sehr daß das Ökonomische u besonders pe-
kuniäre d. heißt mit kurzem Worte das Schuld[wesen] von K[eil]hau noch vor unserer Ankunft in Keilhau so klar und bestimmt
als nur immer möglich geordnet werden möge, damit wir nicht nach meiner und unserer Ankunft in Keilhau durch den An-
drang der Forderungen zu Schritten geleitet werden möchten welche später die kältere ruhige Überlegung nicht rechtfertigen könnte.
- Da nun nach den jetzigen Bestimmu[n]gen, meiner l. Frau ohne Zweifel das Kapital, welches von unserer seel. Mutter auf
diesem Hause lastet, in welchem sie und Tantchen wohnte und letztere mit uns jetzt noch wohnt - zum 1en Oktober d. J. ausgezahlt wer[-]
den wird, so wird durch die Güte und Willfährigkeit meiner Frau das Kapital der Rth. 5.500> pr[eu]ß[isch] Cour., nebst
den fälligen Zinsen bis Neujahr an Herrn Blumberg zurück bezahlt werden. - Statt der bisher an HErrn Blumberg jährlich
bezahlten Rth[.] 275 - Zinsen macht sich die Anstalt verbindlich meiner Frau jährlich Rth. 100 - preuß. Cour. zu be-
zahlen, weil wir sonst was Keilhau mit uns wünscht, nicht selbst und freythätig zur Führung einer neuen Wirksamkeit würden
bestehen können. Um aber außer jener jährlichen Zinsenerleichterung von Rth. 175 - pr[eu]ß. Cour. - Keilhau auch augenblicklich
vom äußern Druck wenigstens nach Möglichkeit zu erleichtern, will der so treu eingehende Sinn meiner Frau an
die Anstalt zur Bezahlung augenblicklich dringender Forderung - Anfangs Oktober d. J. noch Rth. 1000. pr[eu]ß. Cour[.] zahlen
jedoch wie es ihre und unsere Lage es fordert, wenn unser höchster Lebenszweck thatsächlich festgehalten werden soll - gegen
die vollständige Zahlung von 50 oder 40 Rth. jährliche Zinsen. Um aber die ökonomische Lage von Keilhau noch mehr sicher
zu stellen und die Schuldforderungen an dasselbe zu beruhigen und zu ordnen, Sso soll durch die Vermittelung von Stauch
in Volkstädt ein Kapital von mindestens Rth. 2000 zu 4%. aufgenommen und dagegen das jetzt Wohlfartsche früher Mönchsche
Kapital der Rth[.] 1200 zu 5% zurück bezahlt werden. Barop hat nicht allein, dieß, wie ich schon
sagte durch Stauchsche Vermittelung ins Werk zu setzen Hoffnung, sondern er hegt sogar den Gedanken durch das
Eingehen dieses Mannes und Hauses noch Rth. 500 mehr zu [sc.: -] also Rth. 2500 zu erhalten um dann den Kaufmann
Geyer und den Metzger Wohlfarth ganz zu bezahlen - "Sie sollen sich nehmlich" - so schreibt wörtlich Barop - "früher
"geäußert haben, daß sie dann gern alle[n] Zinsen und mehr noch entsagen wollten." - "Nehme ich nun an" so fährt Barop
in seinem jüngsten Briefe an mich fort - "es sey auf die frühere eben angedeutete (Dir oben ausgesprochene) Weise die äußere
"Stellung der Anstalt geklärt dadurch, daß die Schuldenlast selbst mehr in unserm Kreis selbst hineingezogen wird, wel-
"ches die wahrscheinlichste ist; so ergiebt doch eine nähere Betrachtung, daß auch ihre äußere Sicherheit nur in eines Höheren
"Hand und in der eigenen innern Kraft beruht, woraus die Selbsthilfe hervorgehen muß. Denn ich denke mir
"daß die Regierung, die Cammer, Ketelhodt u Schwarz keine Zinsen verlangen; was nicht zu vermuthen ist, so lange
"günstiger Wind unsere Seegel schwellt; so wird demnach [ein] jährlicher Überschuß von 7 - 800 rth für die erste Zeit /
[27R]
"von der Anstalt gefordert - Nehmlich die Hälfte 350 - 400 rt. an jährlichen Zinsen für Kapitalien und die andere Hälfte
"von 350 - 400 rt. zur allmähligen Abzahlung der hunderterley kleinen Posten. Welchen baaren Überschuß also jährlich
"die Anstalt haben muß, wenn sich nicht in irgend einem Punkte die Schulden wieder anhäufen, sondern
"vielmehr allmählig tilgen sollen. Ich theile Dir und der Base (so fährt B. fort) [dies] zur klaren Einsicht mit. Nimmt die An-
"stalt fortwährend an Vertrauen wie bisher zu so wird es ihr nicht an Mitteln fehlen die Anforderungen an sie zu befriedigen[.]
"Ein großes Kapital hat sie jetzt wieder erworben, das ist der allgemeine Credit und wird dieser jetzt durch eine
"allgemeine Abzahlung befestigt und gesteigert, so wird auch dieser noch mehr Zinsen für die Anstalt bringen."
So weit Barop. Ich theile Dir dieß alles und so weitläufig mit, damit Du aus Barops eigener Darstellung siehest wie
das Ganze steht.- Da nun Keilhau bisher nicht nur bestand, sondern jährlich selbst immer etwas an den alten Schulden abbe-
zahlte ohne eine neue [Schuld] zu häufen und doch bedeutend mehr Zinsen zu bezahlen hatte z.B. gleich die Rth. 175 mehr an
Blumberg dann auch an Geyer u Wohlfart - den Metzger-, so hoffe ich wird es ja auch, bey nun verminderter jährlicher Zins-
zahlung nicht nur bestehen sondern auch in noch größeren jährlich zahle[nd]en Summen die alte Schuldenlast zu mindern in Stande seyn.
Nach der thatsächlichen Feststellung des Grundsatzes, - daß u[n]ser, mein u meiner Frau Leben bey den neuen Bestimmungen
völlig unabhängig bleibe (:welche Unabhängigkeit wir uns durch eine geringe Zinseinnahme jährlich zu sichern
suchen:) und welchen Grundsatz Barop auch in seinem jüngsten Briefe wieder ausspricht u obenan stellt ist nun nichts
so wichtig als daß mein neues Unternehmen so sicher als möglich begründet werde und so bald als möglich ans Licht
treten möge. Zur Begründung und Förderung dieses Unternehmens nun hat meine Frau mit mir Rth. 500 bestimmt.
Die Ausführung dieses Unternehmens nun wie es [in] den oft schon angedeuteten Grundgedanken, Plänen und Ausführungen
nach immer klarer u vollendet gestalteter meiner Seele vorliegt, erscheint mir immer mehr für uns als ein einiges
Ganze und jedem einzelnen von Uns sey er Einzelner oder bilde er selbst schon wieder einen Kreis - auf das Höchste
wichtig, so daß es gewiß jetzt noch mehr als nur je unser innigstes, klares einiges und bewußtes Zusammen-
Wirken in Treue u Ausdauer fordert. Du wirst darum mir ohne viel Worte glauben wie sehr ich mich zum
Beginn meines neuen Wirkens sehne dennoch bin ich noch immer hier in Berlin wie festgenagelt, zwar suche ich
hier alles zur Förderung meines Zweckes zu Bbenutzen allein das Ergebniß ist immer
1) daß das was ich will u anstrebe ganz Zeitgemäß in vielfacher Beziehung sey
2) daß es selbst in einem bestimmten Umfange ausgeführt hier in Berlin Anerkenntniß finden werde
3) daß aber Berlin in einem besonders beschränkten öconomischen Verhältniß nicht der Ort zum
Beginn; das heißt nicht der Ort ist um das Unternehmen aus der Unvollkommen[-]
heit u durch Versuch zur Vollkommenheit zu erheben.
So suche ich denn wenigstens in und um mir alles vorzubereiten um nach meiner Rückkehr nach Thüringen sogleich
kräftig beginnen zu können und deßhalb nun auch wie ich schon oben aussprach dieser Brief an Dich einmal und
zuerst damit auch Dir das Ganze nach Möglichkeit so klar vorliege wie mir und uns, damit Dir ein völlig einiges
Handeln mit uns in Klarheit möglich werde und Du so auch von Deinem Standpunkte aus das Ganze gleich in sein[em]
Beginne nach Möglichkeit fest begründen und fördern helfen kannst. Dann aber auch zweytens Dich zu bitten
mir nun diejenigen meiner Effecten aus Burgdorf baldigst zu schicken welche mir bey meiner künftigen Wirksam-
keit gleich vom Anfange an nöthig sind, ich verstehe darunter erstens den Kasten mit den hölzernen mathematischen Körpern
bemerken muß ich dabey einmal daß die sie enthaltenden Kästen in dem Hauptkasten noch nicht festgepackt sind; daß dieß aber
ganz leicht ist wenn man jeden derselben von zwey Seiten durch kleine Holzteilchen oder Papierlagen einklemmt; dann daß
die Kästchen jedoch ganz in derselben Ordnung und Verbindung wie sie jetzt stehen in den größern Kasten verpackt werden
müssen, weil sonst der Deckel nicht zugehet; die Kästen und ihre Stellen ist sind also beym Herausnehmen der oberen Schicht und beym
Verpacken genau zu merken, weiter muß der letzte, mittlere Kasten ehe er hineingesenkt wird, mit einer guten haltba-
ren Schnur umschlungen werden; damit man beym Auspacken ihn daran wieder herausheben kann; endlich ist der noch
übrig bleibende geringe Raum mit einer Lage eines weniger bedeutenden Manuscriptes oder Concepten, oder Sprachübungen
in gebundener Rede oder endlich der Farbenübungen auszufüllen; doch für letztere möchte wohl fast der Raum zu gering seyn
dann müßtest Du den Rest der Farbübungen zu den übrigen Sachen packen welche ich noch zu haben wünsche; den[n] zweytens
wünsche ich daß Du mir meine Manuscripte, Briefe und sonstigen Schreibereyen, Zeichnungen u Lebenspapiere schicken mögest;
wie ich ja ebenfalls alles genau zusammengeordnet Dir übergeben habe. Besonders wichtig ist mir dabey die Rolle welche
die [Dir] bekannten Tabellen der GesammtÜbersicht des erziehenden Unterrichts enthält. Irre ich nicht sehr so habe ich alle diese Sachen zwischen
zwey Stühlen in meiner Eckstube in einer Ecke zusammengeordnet zurück gelassen Solltest Du jedoch darüber in Zweifel seyn
so müßtest Du Dich deßhalb bey Middendorff Raths erholen. Da nun nach meiner Ansicht von all diesen Päckchen und Rollen
auch eine mäßige Kiste noch lang nicht voll wird, so bitte ich Dich drittens dazu wenigstens die wesentlichsten der
Bücher hinzuzufügen, welche ich mit der Bestimmung sie mir nach Keilhau nachzuschicken in die obere Schicht des
Schreibschrankes ausgesondert habe. Zu diesen wesentlichen Büchern rechne ich a) meine mit weißem Papier d[urc]hschossene Erzieh[ungs]l[ehre] /
[28]
 b) Die alte Formen[-] u Größenlehre von Schmidt ebenfalls durchschossen und in 4° c) die Aussprüche des reinen Herzens grün gebunden d Scheffer Layenbre-
vier 2tes Halbjahr. u.s.w. u.s.w. Wie Du nach Ansicht leicht bestimmen kannst so z.B. weiter die Sternenkarte und Sternenatlas.-
Freylich wünsche ich die Kiste nicht zu groß damit sie auch nicht gar zu sehr ins Gewicht falle und so die Fracht zu hoch komme.
Wenn Du die Kisten hier wohl nur mit den einfachen Declarationen - 1. gebrauchte hölzerne mathematische Körper zum Unterricht von Holz
2. Schreibereyen, Handschriften u. gebrauchtes Unterrichtsmittel 3) gebrauchte Bücher - an Herrn Buri zur Besorgung abgegeben hast so sey so gütig
auch sogleich den Barop von dem Gewicht zu benachrichtigen damit er sich mit der Fracht darnach richte u ihm die Zahlung nicht unerwartet
komme.-

Sonntag am 15en August. Nun auch einmal etwas aus dem Leben, und zwar da Du ohne Zweifel mit den Kindern jetzt in der
Blumenwelt lebst - es ist Nachmittags 5 Uhr und das reinste u heiterste Wetter - auch etwas von den Blumen. Ohne Zweifel er-
freust Du Dich jetzt oft in Burgdorfs Umgebung der herrlichen Dahlien. Vor einigen Tagen sah ich in einem Werke die 3 ersten
Dahlien welche aus Mexico nach Europa gekommen waren in 1/3 ihrer natürl. Größe abgebildet. Sie wurden 1789 aus Mexi-
co gesandt blüheten zum ersten Male 1791 im bot. Garten zu Madritt und 1803 im Jardin des Plantes zu Paris. Es war
mir auffallend daß sie buntfarbig gesprengt wie Nelken waren.- Auf der Reise von Basel nach Freyburg, irre ich nicht so
hieß das Örtchen Siegnau, sah ich eine höchst eigene Art von Hyazinthe zwar ihrer Farbe nach leicht veilchenblau allein die Blüthe
ganz federartig. ich möchte sagen der Form nach ähnlich der federartigen Bildung am Peruguenbaume [sc.: Perückenbaum] - man nennt sie nur die
Federhyazinthe. Du solltest wohl versuchen sie irgend einmal zu sehen und zu bekommen; sie macht sich außerordentlich schön
für das Auge und riecht auch.- Hier giebt es viele schöne Blumen welche ich in der Schweiz nicht sahe; so besonders herrliche Lilien-
arten; welche auch sehr schön duften, doch sehe ich hier auch gar manche der schönen Blumen noch nicht welche mich in der Schweiz erfreuten[.]
Allein auch die Art der Behandlung, das Ziehen der Pflanzen ist hier sehr sinnig so besonders beym Epheu, welcher jetzt
eine Art lieblings[-] u Modepflanze in Berlin ist. Man zieht ihn auch hier wie bekannt in Kreisen, was mir aber ganz be-
sonders gefällt ist daß man ihn in länglichen - hier Hölzernen u Blechkästen - wie kleine lebendige Zäune u. kleine Hecken zieht,
so d[a]ß z.B. zwey solche Kästchen gerad die Breite eines Fensters einnehmen. Die Höhe eines solchen Zäunchens ist dann ohn[-]
gefähr 18-20 Zoll vom Kästchen an. Das Spalier ist von Holz oder von Eisendraht ohn[ge]fähr die Stäbe 2 bis 3 Zoll auseinander
im ersten Fall sind sie angestrichen und oben wie bey einem Zaune zugespitzt [Zeichnung]. Allein auch die Blumen z.B. Nelken
breitgezogene Myrthen windende <Campanula> überhaupt mehr zartästige Pflanzen aber auch Pelargonien, eine schöne Art rother
Lychnis werden in Äschenn nicht nur an geraden sondern an schon gebogenen Stäben gezogen z.B. so [Rand: Zeichnung eines entsprechenden
  Kästchens]
Du siehst daraus wie der Mensch sich überall vom Gestalt- und Bedeutungslosen losmachen möchte.
Weiter siehest Du aus diesen, und würdest könntest Du mit mir die Straßen Berlins
durch-
streichen und die Kunstläden betrachten, - bemerken, wie gar Vieles von dem was seit mehr
als 20 Jahren mir als ein Ganzes mit größerem oder minderem [Be]wußtseyn vor der Seele gestanden, sich nament-
lich in Hinsicht auf Gestaltung und den Entwickelungsgang derselben, im Leben Luft gemacht und ausgebildet hat. Allein
alles ohne inneren Zusammenhang, ohne Bewußtseyn, ohne Zweck auf höhere Lebenspflege und Lebensentwickelung; besonders
ohne Begründung sowohl im Volke als in der Erscheinung, und daher auch ohne eigentliche Wirkung auf die menschheitliche
innere Entwickelung des Volkes. Überall tritt zwar ein bestimmter Zweck entgegen der: - das Begehren zu wecken, die
Lust zu befriedigen und Vergnügen zu machen um so Geld zu machen, Geld zu gewinnen. Dann sieht und hört man auch wohl
von Anstalten die augenblicklich erscheinende Noth zu mildern, aber nicht ihre Quellen zu stopfen alles ist zerstückt und
ohne Zusammenhang. Nirgend offenbart u zeigt sich ein Punkt auch nur ein einziger kleiner wo das Leben mit Bewußtseyn
nach Ursache [und] Folge, nach Mittel und Zweck[,] nach Weg u Ziel Ein Ganzes. Wenn ich nun das alles so sehe, wenn ich
mir sagen muß daß wir uns nun endlich doch wohl in Beziehung auf diesen Punkt verstehen könnten, so kommt
mir gar oft der Gedanke: möchten wir doch alle 4 hier, in diesem einen u einigen Geiste wirken und so
der Welt ein wahrhaft ungestücktes einiges Lebensganze zeigen können, damit die Menschen für das neue innere
Leben auch äußerlich schauen und so für jenes einesn Typus bekommen: Ja Langethal so sollte es seyn und so muß es noch
werden: auch aus der räumlichen Mitte eines räumlichen Ganzen, beziehungsweise eines Staates wie aus der geistigen
Mitte einesr geistigen Einheit müssen wir gemeinsam hervorwirken um gemeinsam und in Einheit, aber auch uns klar
bewußt das darzustellen was die Menschen unbewußt und zerstückelt anstreben. Dieß muß die Eigenschaft der
Charakter einer Fortentwickelung, eines 2en neuen Ansatzpunktes unseres Wirken seyn.-
Nun noch einige Besorgungen. Vergiß nicht mein Uhrgehäus beyzulegen. Ebenso die Bücher Hefte u Noten welche wir hier zu Ge[-]
schenken in Keilhau bestimmt hatten[.] Solltest Du Toblers Formenkunde herausgekommen bey Langlois für interessant und vielleicht
auch für mich für nutzbar halten und sollte sie nicht zu theuer seyn, so könntest Du vielleicht ein Exemplar beylegen. Ich
fand sie gestern hier beyläufig erwähnt.
Daß Barops Gattin wieder einer lebenvollen Hoffnung sich erfreut und vielleicht mit Deiner Ernestine zugl. ihrer Niederkunft ent-
gegen sieht wirst Du schon wissen.- Ebenso wirst Du wissen daß sich Albertine mit ihren Kindern und ihrer Mutter ohne Zweifel
jetzt schon auf einer Reise nach Osterode befinden:- Am 1[en] Septbr wollen die Keilhauer Lehrer mit ihren Zöglingen die bekannte
Reise nach dem Inselsberg - Meyningen - Hildburghausen u ich glaube auch Koburg antreten.- Daßs für mich Neueste und Un[-] /
[28R]
erwarteste aus Keilhau war der wiederkehrende Eintritt von Luise Frankenberg in unsern erziehenden Kreis. "Das mich
"sehr erfreuenende [sc.: erfreuende] und am nächsten liegende ist" schreibt Fr[an]kenb[e]rg "daß wir vorgestern einen Brief von meiner Schwe[-]
"ster erhalten haben, worin sie erklärt, daß sie in völliger Übereinstimmung mit allen ihren Verhältnissen den
"Entschluß gefaßt habe unserer Einladung zu folgen und binnen drey Wochen (vom 1en August an) hier einzutreffen[.] Seit
"Lauras Abgang lastete ein zu großer Druck auf den Frauen Keilhaus besonders auf Emilien." u.s.w. ["] Es kommt dazu"
"fährt Fr[an]kenb[e]rg fort "daß ja nach unserer Ansicht die auch Barop sehr bestimmt ausgesprochen hat, zu einer reinen und
"allseitig menschlichen Entwickelung das weibliche Wesen und Leben nothwendig mitwirken muß, und daß es um einen
"erziehenden Kreis wie der hiesige ist dem Familienleben möglichst ähnlich zu erhalten nicht nur gut ist wenn erziehende
"sondern auch zu erziehende Glieder aus dem weiblichen Geschlechte da sind. Hierzu bietet sich jetzt nicht nur Gelegen[-]
"heit, sondern es drängt sich eigentlich auf indem Herr Stauch eine Tochter in Allwinens Alter gar zu gern hier
"sehen möchte. Das Institut nehmlich der Frl. Schiller in R. - ist durch ihre Verheyrathung mit HE Bergrath Junot in Katzh[ütte]
"welche vergangenen Dienstag in Volkstadt vollzogen wurde unter andere Aufsicht gekommen, womit HE Stauch im
höchsten Grad unzufrieden ist. Entschieden ist jedoch über die Sache noch nichts."- So weit Fr[an]k[en]b[e]rg.
Daß in Rudolstadt der eigentliche Stamm des höchsten Regierungspersonals gänzlich ausgestorben ist und daß jetzt ein gewisser
Hönniger Kanzler ist wirst Du durch Barop oder Rode schon wissen.- Ebenso in Beziehung auf Keilhau daß vor nun ohnge-
fähr 3 Wochen Mathilde aus Koburg die Hedwig abgeholt hat dabey aber nur eine Nacht in Keilhau geblieben ist. Frau
von Fischer erwartete sie noch an demselben Tage als sie von Keilhau abreiseten in Koburg. - Auch daß wieder
jüngst zwey Zöglinge, die Söhne des Kaufmann Rück in Würzburg, in Keilhau eingetreten sind wirst Du schon
wissen; doch schreibe ich Dir es lieber zum 2en male; als daß Du nicht mit der Entwickelung Keilhaus fortgehest
- Nun den Kranz der Grüße. Zuerst u vor allen an Deine liebe Frau. Es wird ihrer so wie Eurer aller unter uns
gar sehr gedacht, besonders auch an den heiteren Tagen und Abenden womit wir hier lange Zeit nach einander anhal-
tend erfreut werden; So sagten wir uns noch vor einigen Tagen am Abend: jetzt sehen die Burgdorfer auch die Sonne klar
mit uns untergehen, wir waren nemlich im Freyen. Wir dachten uns Euch mit Gewißheit auf einem Spaziergange
und [sagten] uns daß es doch sehr schön sey, sich in der Entfernung solcher gemeinsam erfreuenden und zugleich einenden Lebensthatsachen ge-
wiß zu seyn. Herzliche Grüße an Euch alle trugen wir da der scheidenden Sonne auf und die Strahlende jeder untergehen[-]
den Sonne bringen Euch diese von neuem - So grüßten wir auch die Kinder, Knaben u Mädchen und Eure Hausgenossen
sämtlich. Sidonien, den von Dir als so treu erfundenen Antonen und auch die Mareili u Gritli. Meiner Frau macht
das frisch u fröhlich wachsende Myrthenstöckchen gar sehr viele Freude und bringt uns so täglich zu Euch. Du kannst dieß
der Mareily noch zum Dank sagen.- Wie geht es denn vor allen unse[rem] Spieß? Ich kann es gar nicht aussprechen wie
oft ich seiner auf das Herzlichste gedenke; ihm den freundschaftlichsten Gruß. Wie geht es seinem Bruder?- Wie gefällt er
Dir? - was ist es für ein Mann in Hinsicht seiner Kenntnisse? Wie steht es mit seinem Englischen?- Aber es ist wohl ein, in Be-
ziehung auf die Pflege des höheren Menschheitlichen in sich zerbrochener junger Mann?- Gott! welche menschliche[n] Kräfte
gehen jetzt zu Grunde weil die Menschen sich und andere nicht verstehen.- Irre ich nicht so habe ich Dir schon im vorigen
Briefe geschrieben, daß ich jetzt regelmäßig bey HErrn Prof Heinrich Steffens von 4-5 in seiner Vorlesung über Psychologie
und von 5-6 in seiner Religionsphilosophie hospitire. Wie sehr wünschte ich da Euch beyde Dich u Spieß gegenwärtig indem
da all die Gegenstände berührt wurden welche so oft unter uns ein Gegenstand der ernstesten Gespräche waren; zum
Seegen und zur Beruhigung für Euch alle wünscht[e] ich es Euch. In lichter Klarheit würdet Ihr meine langen langen Bestrebungen in
seiner [sc.: ihrer] tiefen Zeitgemäßheit sehen. Gestern sagte Steffens in seiner ersten Vorlesung daß es jetzt Charakter der Zeite sey
fast mehr Zutrauen zu Sachen, Umständen Verhältnissen als zu Personen zu haben, daß aber Zutrauen zu Personen dem
normalen Gesundheitszustande der Seele des Menschen entspräche und wo es sich fände ein Zeichen u Ausdruck desselben
sey und daß das höhere das rein menschliche Leben, die neue Entwickelungsstufe der Menschheit von da aus wieder beginnen müsse
und beginnen würde. Nun Du erinnerst Dich besonders was ich in dieser Hinsicht von jeher aufstellte[.]- In dem 2ten Collegium
sprach er jüngst aus daß es drey christl. Kirchen gebe 1) die Petrinische - die sich dem Heydenthum mehr anschließende, die
catholische Kirche 2) die Paulinische - die der Nationalität - die protestantische Kirche, jene hielt die Selbstigkeit des Leibes diese
die Selbstigkeit des Geistes, der Person fest. 3.die Johanneische Kirche - die neue u.s.w. Hierüber sich mitzutheilen ist er noch
schuldig- Du erinnerst Dich was ich so oft über Petrinische u Paulinische Darstellung des Christenthum[s] der Jesus Religion aussprach. Ja
Langethal diese Vorlesu[n]gen so wie so vieles was ich hier höre u sehe zeigen mir; wie ich keinesweges in irgend einer meiner
Forderungen zu weit gieng, daß man aber zu spröde in dieselben ein- und denselben nachgieng. Mit welchem
Interesse ich jetzt die Schweizer Nachrichten lese könnt Ihr wohl glauben; doch enthält die <Hauf>- und Spenersche Zeitung die ich lese darin
wenig. Am meisten soll die Allgemeine (Augsburgische) Zeitung enthalten. In dieser muß überhaupt zur Sprache gebracht
werden was in der jetzigen Zeit allgemeines deutsches Interesse erregen soll. Sie wird auch hier sehr viel gelesen[.]
Keilhau u.s.w. hätte statt im allgem. Anzeiger darinn sollen besprochen werden. Dieß zur Beachtung für die Zukunft!
[Der folgende Absatz stammt von Wilhelmine Fröbel]
Damit Du meine gute Ernestine doch auch eine Zeile von Deiner Unfleißigen wieder siehest - übernehme ich es Dir u unserm lieben Langethal die herz-
lichen Grüße nach Willisau aufzutragen, und Dir dabei die Versicherung zu geben, daß mein Befinden und mein Zustand, selbst bei wesentlichen Entbehrungen dafür – wie wohl schwach – doch im Ganzen leidlich wohl und selbst brauchbar[er] als in Burgdorf ist. – Viel mag wohl dazu die günstige von jeder Zugluft geschützte Wohnung beitragen. – Malchen Schulz wird zu Michaelis die Tante verlassen und zu ihren Verwandten ziehen – welches natürlich für uns jetzt [letzte Zeile unleserlich, da Rand abgebrochen] nicht entschließen nun jemand weiter zu sich zu nehmen – Verlangend harrt Eurer lieben Briefe Eure treue Wilhelmine Fröbel
[27]
[Randnotiz] Meine Frau hat mir kaum so viel Platz gelassen daß ich Euch Lebewohl sagen kann.- Nach Willisau werde ich schreiben sobald es mir gelungen ist wieder in einer /
[27R]
[Randnotiz] meinem Geiste genügenden Wirksamkeit thätig zu sein.- Ich hoffe täglich auf einen Brief von Dir darum schreibe recht bald Deinem Fr Fröbel. /