Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich und Ernestine Langethal in Burgdorf v. 1.12./2.12.1836 (Keilhau)


F. an Heinrich und Ernestine Langethal in Burgdorf v. 1.12./2.12.1836 (Keilhau)
(UBB 18, Bl 33-36, Brieforiginal 2 B 4° 8 S., ed. KG 1884, 41-46; tw. ed. H V, 386)

Keilhau am 1sten Christmonats (XII) 1836


Liebe Langethals
Den Gruß eines klaren jungen Lebens
Euch zum schönen frohen Morgengruß.

Ja! ein liebes Kindlein ist uns wieder geboren, ein gesundes
frisches sternäugiges Töchterlein - Barops Emilie hat ihm und
uns allen hier und in der Schweiz und so auch Euch eingeschlossen
heut Morgen um 8½ Uhr ein gesundes starkes breitbrü-
stiges Mägdlein geboren, der Vater sagt mir so groß daß man
es für ein Kind von 14 Tagen halten könnte. Die Mutter ist
so wohl daß ihr Wohlseyn kaum bey der Nachricht von der Geburt des Kindes er[-]
wähnt wurde, als verstände sich es eben
von selbst.- Ihr, geliebten Langethals lebt in Euch einem so hohen
und reinen allgemeine[n] menschlichen Sinne, Ihr beyde lebt
in Euch ein so reines allgemein menschheitliches Leben, daß ich
tief in mir überzeugt bin unsere Freude ist auch Eure Freude,
war und ist nicht auch Euer Schmerz unser Schmerz und flicht hier
nicht Albertinens Geschick auch sehr solche Erinnerungen in unsere
Freude, daß ihre Töne im tief erregenden Moll im Herzen wieder[-]
hallen[?] Also Dank, innigen Dank Gott der uns wieder ein
neues Leben zur Pflege anvertraute und bisher erhielt.
Emilie war gestern Abends bis spät noch ganz heiter und freu[-]
dig wohl erwartungsvoll, denn wir alle hatten - was wohl
natürlich ist, die Ankunft des Kleinen - bey seiner Nähe - als ein
Geburtstagsgeschenk für den Vater zum 29n erwartet. Heut
Morgens 3 Uhr zeigten sich die ersten Vorboten der Niederkunft,
7½ kam die Hebamme aus R[u]d[ol]st[a]dt und um 8½ Uhr Vormittags
lag das geliebte Wesen auf dem Schooße der Mutter.
Stille, sinnige Freude herrscht überall, besonders sind die Frauen
beglückt daß es ein Mädchen ist. Johannes hatte von Eduard
Stauch früher gehört daß er 2 Schwestern habe; gestern Abend
kam er zur Mutter sagend: Mutter! Eduard hat zwei Schwestern,
ich will auch zwey Schwestern haben!- Heut morgen ist sein
Wunsch nun schon erfüllt.- Möchten doch alle unsere Wün[-]
sche mit den allgemeinen und höheren Lebensentwickelungen
so zusammentreffen und im Einklange seyn so würde uns
gewiß ihre Erfüllung ebenso schnell und leicht gewährt wer[-]
den wie diesem Kinde. Möge nun so auch Gott das neue
Leben erhalten wie diese Bitte und Hoffnung in des Knaben
einfachem kindlichen Wunsche liegt. /
[33R]
Der Großvater welcher durch die gesunde kräftige neue Geburt
sehr glücklich ist, mit welchem ich vorhin nach dem Abendtische dar[-]
über sprach läßt Dich Langethal recht warm u herzlich grüßen
und Dir sagen daß er die guten Nachrichten die Du von Deinen Ver[-]
hältnissen und Wirken gegeben habest und Deine Zufriedenheit in und mit denselben mit großem Vergnügen gelesen habe, und
läßt Dir ferneres gutes Bestehen und Gedeihen wünschen.
- Nun will ich nur gleich mit zu einer Hauptsache kommen.
Gestern am 30sten Novbr ist auf dem bekannten Wege und durch
den bekannten Spediteur in Gotha durch Frachtfuhre ein Packet
an Dich abgegangen. Es gehört der Masse nach zwar
nach Willisau; allein wir fanden es für besser wenn es
über Burgdorf gienge wo Du erst ein kleines Kästchen für
Dich davon nehmen könntest. Die Effecten nach Willisau
sind in ein besonderes Kästchen gepackt und können, wie mir
der Bruder sagte so wie Du sie findest weiter gesandt werden
darum dächte ich Du bestelltest auf dem Kaufhause, daß
mann [sc.: man] - wenn von Basel aus ein Packet oder Colli an Dich
ankäme, man Dir es gar nicht ins Haus sendete, sondern
Du giengst dann nach dem Kaufhause, packtest Dein Kistchen
aus und ließest das übrige, so wie es nach des Bruders
Wort zur Weitersendung fertig ist, sogleich im Kaufhause zur
weitern Besorgung liegen, blos daß Du dazu einen kleinen
Frachtbrief schriebest.- Der Fuhrmann von Dürrenrod [sc.: heutiges Dürrenroth]
bringt es dann über Langenthal nach Willisau. Wegen
der Fracht werdet Ihr Euch schon berechnen was leicht ist,
da Du nur das Verhältniß der Pfundezahl Deines Packet[-]
chen zum Ganzen auszusuchen hast.-
Auch in Deinem Kästchen ist noch ein kleines zweytes
welches Dich Herr Gascard bittet durch die Post an seine
Eltern nach Neuveville zu befördern.
Was die kleine Sendung an Dich betrifft, so hatte ich mir vor-
gesetzt mit derselben Dir persönlich und auch unserm lieben Spieß
etwas zu überschicken; allein noch immer haben wir nicht nach
Blankenburg in unsere neue Wohnung ziehen können, weil ich das
nöthige Gußeisenwerk, welches zu dem Kochherde welchen
meine Frau wünscht noch nicht aus Katzhütte erhalten
konnte - und so stehen fast alle unser[e] Koffer selbst die
aus der Schweiz unausgepackt um uns weil es uns an
Platz und auch für die doch nur noch kurze Zeit des Hierseyns
an Lust zum Auspacken fehlt. Übrigens möchte ich
auch gern und lieber von meinem neuen Wohn- Lebe- und /
[34]
Wirkeort an Euch schreiben. Seit ich aus der Schweiz bin habe ich un-
unterbrochen an der Pflege, Klärung, Entwickelung, Gestaltung
und Darstellung des Grundgedankens meines Lebens gearbeitet
ich bin oft sehr oft ermüdet und mehr als ermüdet; allein ich habe
willig gelassen und lasse willig was mich nun einmal, wenn es zur
Ausführung kommt in meinem ernsten sichern Streben nach einem
klaren festen Ziele nicht versteht, so bin ich mit den Ergebnissen
meines Strebens zufrieden und ich möchte habe noch wie der irdische
der Erdenmensch es sagen kann - mit rastlosem Graben und Forschen
immer gefunden was ich zu meiner weiteren Förderung bedurfte,
ich möchte und würde sagen: Die Vorsehung hat es mir immer
und gerad zur rechten Zeit gereicht - wenn man dabey nicht gar
zu leicht und zu gern an ein passives und unthätiges Empfangen
dächte. Nein! nur im Moment des kräftigen an einander Schlagens
und Reibens von Kiesel u Stahl und Kiesel u Kiesel kommen Funken
welche, im Moment ergriffen, den Umkreis erleuchten u wärmen.
Was ich eben sagte, bezieht sich auf Vergangenheit, vergangene
und stets vergehende Gegenwart und so kann ich darüber sprechen.
Ich habe eine eine Freude, ich kann sie die größte aber auch einzige meines Le-
bens nennen; es ist das Schauen der Stetigkeit meines Lebens
in sich und in seiner Entwickelung, es ist das Schauen meines
Lebens in stetigem Zusammenhange mit der Natur u der Naturent-
wickelung; im stetigen Zusammenhange mit dem Leben und
der Lebensentwickelung, und in stetigen Zusammenhange
mit der Geschichte und der Geschichtsentwickelung, für den welcher
die Stetigkeit des Geistes, alles Geistes u aller Geister, sei-
ner und ihrer Entwickelung erken[n]t und anerken[n]t könnte
ich auch sagen: es ist das Schauen der Entwickelung meines Lebens
im stetigen Zusammenhange mit der stetigen Fortentwickelung
des Offenbarungslebens. Allein so etwas lähmt für die meisten
Menschen die Kraft mehr als daß es sie erhöhen soll, es schwächt
mehr als es stärkt für die welche nicht ahnen daß so wie es zwar ein
Gemeingut aller Gottesgeschöpfe sey es jedoch nur durch große
und allseitige Lebensbeachtung und so sinnige als unausgesetzte und
angestrengte Lebenstüchtigkeit in der Anschauung zu erfassen sey.
Also von meinem neuen Leben wenn ich im Mittelpunkte desselben
stehen werde.- Alles was Du mir Langethal von Deinem Leben im
Waisenhause und von Deinem mit Spieß u. den a[ndern] (z.B. <Popp> Ries) gegen-
wärtigen oder beabsichtigten Leben an und mit Burgdorf oder
vielmehr den Burgdorfern geschrieben hast, hat mich so weit
es noch vor meiner Seele steht in herzlicher Theilnahme er-
freut. Pfleget nur treu was ihr habt, haltet es ja fest und sagt,
ich lasse Dich nicht Du seegnest mich denn - d.h[.] Du bringest denn /
[34R]
Früchte des Lebens.- Pflegt und erhebt das Familienleben in seinen
Wurzeln u Stämmen wo und wie Ihr Gelegenheit habt auf das
sorgfältigste. In der Schweiz habt Ihr noch viel unverdorbenes
und kräftiges, natürliches Familienleben, wenn auch oft roh, pflegt
es wo ihr [sc.: Ihr] nur könnt z.B. Du auch auf Deinen Spatziergängen
mit den Kindern bey Eurer Einkehr bald da, bald dort
aber immer als ein Ganzes; die nur einseitige von den Eltern,
abgezogene Kindererziehung ist für Kinder u Lehrer, für Blüthe
Frucht u Erfolg immer nachtheilig. Wenn's Noth thut verstehe
ich unter Elternerziehung auch eine solche wie Spieß einige[-]
male <das> übte, nur muß sie dann auch stetig und conse-
quent d[urc]hgeführt werden. Darum haltet Euch nur frey,
frey innen und außen. Auch Spieß möge sich ja allseitig frey
halten er ist noch jung, nur der allseitig freye Mann kann
allseitig für Freyheit wirken. Er soll sich noch ein Wenig das
Leben mit ansehen und schauen wo es hinaus will. Er soll sich
nur ja nicht durch eine vorübergehende Müdigkeit u Erschöpfung
von dem Philisterium ködern u fangen lassen, damit er sich ganz
u selbst habe wenn die aufstehende Menschheit seiner Hülfe bedarf[.]
Archimedes sagte: gebt mir einen Punkt außer der Welt und
ich bewege die Welt,- Nichts ist wahrer als dieser große Satz,
laßt ihn auf etwas Kleines anwenden: Wer in der Philisterey
und im Philisterium steht wird nie die Philisterei u das Philisterium
bewegen sondern mit ihm in seinen Strudel gerissen werden. Es
dünke sich Niemand kräftig stark genug dazu sich darin empor
zu halten er wird ohne Gnade hinuntergerissen. Ich habe auf
meiner jetzigen Reise einen herrlichen Fisch es war eine große kräftige
Waldbach Forelle gesehen. Sie hatte am Köder der Angel angebissen,
sie schlug und schwang sich, sie turnte herrlich mit dem Köder im
Munde an der Angel allein es half nicht sie wurde gebraten[.]
Der die Menschheit liebende Genius geht jetzt wieder frey durch
die Welt, er giebt jedem Einzelnen Mensch, was sein Herz er[-]
sehnt wenn derselbe in sinnig achtsamer, besonnen angestrengter
Thätigkeit die Frucht nicht eher bricht bis das gesammte Leben ich
möchte sagen dazu reif ist. Ein Mensch wie Spieß hat nichts
Wichtigeres zunächst zu thun als die Kostbarkeit, den Schatz
u Reichthum, die Wichtigkeit u Bedeutung eines freyen Menschen[-],
wie viel mehr noch Manneslebens zu studiren und dem
Ergebnisses dieses Studiums sinnig, besonnen, ergeben getreu
leben. Der jetzt wieder freye Menschheitgeist will nicht daß eine
Menschenkraft unter u zu Grunde gehe, jede soll sich aber aber
als Menschenkraft für Bewußtseyn u mit Bewußtseyn,
für Selbstschauen und mit Selbstschauen entfalten, schön entfalten. /
[35]
Auch Spießens Bruder in Lyon soll nur echt deutsches oder
was gleich ist rein menschheitliches Streben treu in der
Brust bewahren; wenn er es wirklich treu meynt so wird
ihn der deutsche, der MenschheitsGeist auch nicht zu Schanden werden,
nicht fallen lassen.
Allein lieber Langethal nun habe ich auch noch ein Wörtchen der
Unzufriedenheit mit Dir u Middendorff zu reden. Mit kurzem
Worte[:] Ihr macht einander zu viel Bücklinge und Kratzfüße,
oder in einem andern Bilde: Ihr legt einander hübsch ausge-
streckt aufs Paradebett, und nun meynt Ihr, Ihr habt
einander so groß gemacht und gezeigt als jeder glaube daß
es der andere ist. Nehmt doch ein Beyspiel an jenem Kurfürst von
Brandenburg, der sich selbst in den Paradesarg legte und
dann wirklich starb. Ja lieber Langethal es ist uns allen
recht bang gewesen wie wir Deine Reisemittheilungen
vorlesen hörten, einige worunter auch ich war konnten sie
und zwar ich ohne Furcht daß wir nun nächstens hören würden
Willisau sey sanft verblichen - gar nicht hören. Lieber
Langethal! - welche Parendazion [sc.: Parentation], erbauliche Leichenrede und lang-
weiligen Lebenslauf hast Du da gemacht. Es war mir
und gewiß uns allen zu Muthe als in einer thüringschen
Leichenpredigt wo man hört daß was Jedermann schon längst
gewußt hat daß der Verblichene Geboren, u Getauft worden
sey daß er ein Weib genommen und gestorben ...........
Nein Langethal das war ein starker, starker Mißgriff
und es ist mir und unser aller tiefster Ernst daß Ihr
dadurch mehr geschadet - Willisau besonders mehr geschadet
habt als genützt, ja daß Ihr dadurch sogar uns hier in Deutsch[-]
land in Beziehung auf unser Wirken auf die Schweiz die
Hände und Wirksamkeit in etwas gefesselt habt.- Um
die Sache im Allgemeinen zu heben muß man nicht sich und
seine Sache heben. Langethal Du bist in Beziehung auf Midden[-]
dorffs Kompliment (Compliment in der Mathem-Ergänzung)
gegen Dich bey weitem klüger gewesen als die Willisauer
gegen das Deine: Du hast es erst einer Prüfung vor- und un-
terlegt. Noch ich weiß ich das Ergebniß davon nicht; aber
mindestens ohne starke Beschneidung (ich will keine Anmerkungen
dabey machen) - ist das Kindlein gewiß nicht in die Welt getreten.
Ja Langethal ich war als mir es mitgetheilt wurde recht sehr
und tief unzufrieden mit Eurer Handlungsweise, gut daß ich
nicht gleich Feder und Papier hatte, zwar vergieng mir auch alle
Lust zum schreiben. Aber nochmals, auch Niemand der Andern
war damit zufrieden.- In solchen wichtigen Schritten /
[35R]
müßt Ihr nicht so einseitig Euerem Gutmeynen vertrauen, das
Leben ist nunmehr gar zu vielseitig verzweigt u verwachsen
und - wenn Ihr einmal Zutrauen zu unserem Urtheile in Deutsch[-]
land habt, so müßt Ihr lieber so Etwas vorher als nachher
zur Prüfung vorlegen. Um Dir nun gleich eine unmittelbare
Wirkung Deiner Reisemittheilungen hier anzugeben. Ehe wir die[-]
selbe gelesen hatten machte ich den Vorschlag gemeinsam von
hier aus an den Herrn Septar in Beziehung auf sein würdiges
Auftreten nach der Prüfung - ein Schreiben zu senden. Barop sollte
Ausfertiger werden und es würde gewiß die wichtigsten Lebens[-]
interessen erfaßt haben, allein nach Lesung der Reisemittheil[ungen]
fühlten wir alle uns dazu des Fundamentes benommen, we-
nigstens dasselbe so geschwächt, daß jener Kraftbau welchen
wir in uns trugen nicht darauf aufgeführt werden konnte.
Frankenberg wollte jedoch den Gedanken nicht fahren lassen
so schrieb er einige Worte an den Her[r]n Septar, welche uns je[-]
doch keinesweges genügen, von welchen wir aber auch keine
weitere Frucht erwarten.-
Noch Eins und dann Ende. Erkennet doch das stille, aber sichere u frucht[-]
bringende Fortwirken eines tüchtigen Thuns, einer ächten That.
Gedenket dabey an Wartensee. War ich nicht stumm und suchte man
mich dennoch nicht?- Stille, gute That wirkt als mehr als
lautes Wort; und tüchtige That mit halbem, lauen Worte
herausgehoben schwächt den ersten u ursprünglichen Eindruck
der That. Willisau sollte den durch seine Prüfung gewonnenen
Stein zu einem Eck- u Grundstein seines Wirkens still in die
Tiefe senken und darauf kräftigst begleitet u gestärkt durch
Familien- und Oberer Zutrauen fortbauen, so heb es jenen
Stein in die grundlose luftige Region eines Allgemeinen Vertrauens
und so erscheint das darauf zu erbauende Gebäude
als ein Luftschloß.- Liefert Ihr doch einstweilen die Werk-
stücke und Bausteine zum Großen Lebensbau und überlaßt es
der Vorsehung den Bau zur rechten Zeit selbst auszuführen[.]-
- Pflegt vor allem - was man in der Schweiz wenn auch
vielleicht noch roh doch kräftig als Thatsache findet -, nochmals
pflegt das Familienleben allein nicht einseitig und obenhin
in den Kindern sondern in der Wurzel u im Stamme in den Eltern
kehrt Euch nicht an die Unsichtbarkeit der Wurzeln u die Rau-
heit des Stam[m]es und laßt Euch nicht durch die laubige und
blüthige Krone verleiten, erwartet davon keine Früchte
wenigstens keine die Keimkraft in sich bergenden Saamen tragen
wenn die Wurzeln durch den Stamm - die Eltern - ihm
nicht entsprechende Säfte reichen.- /
[36]
Ehe ich es vergesse auch von Frankenbergs Grüße.- Daß der Bruder
Ernst vor seiner Abreise nach Amerika in Göttingen sich noch
eine Frau genommen hat wißt Ihr hoffentlich schon. Diese junge
Frau nun hat als Schwägerinn an die Luise Frankenberg geschrieben[.]
Am 21 sind sie in Baltimore angekommen. Die Reise war sehr
widrig und tauerte [sc.: dauerte] 72 Tage bey schlechter Kost u kalten
stürmischen Wetter; nachdem sie aber gelandet waren war
alles vergessen und frohe Hoffnung nur und Heiterkeit wohnte im
Herzen. Am 29. Septbr war der Brief in Baltimore geschlossen, in
vier Tagen hofften sie mit Dampfwagen auf
den Besitzungen ihrer Brüder anzugelangen. Alle waren gesund.
Nun auch ein Wörtchen besonders an Dich, liebe Ernestine.
Daß Du wieder so ganz durch und durch kräftig hergestellt
bist hat uns alle auf das innigste erfüllt erfreut und erfüllt uns
immer von neuen mit Freude wenn wir daran gedenken[.]
Gott stärke Dir immer mehr Deine Gesundheit und erhalte Dir
die Heiterkeit Deines Geistes und Gemüthes. Überhaupt Ernestine,
wie ich mir schon zum öftern erlaubte Dir anzudeuten - ich glaube
es wird geistig und leiblich, psychisch und physisch für Dich wohl-
thätig seyn Dein Leben immer mehr in das sinnige lebenvolle
Gemüthe zu versenken; ich hoffe davon noch große Seegnungen
für Dein Leben. Die zu denkende, zu geistige, zu sinnende Anstrengung
zehrt zu stark und zu gewaltsam an den [sc.: dem] Körper - (:Wohl mag
auch einseitiges Versinken im Gefühle schwächend auf den Men-
schen und besonders das weibliche Leben wirken doch dieß ge-
hört jetzt nicht hierher:) - Wenn man sich nach den G glücklichsten
Müttern in Beziehung auf den Mutterstand umsieht, so
mag man sie wohl immer da finden wo eine gewisse
Temperatur, Gleichmäßigkeit in Beziehung auf Geistes- und
Gemüthsthätigkeit herrscht. Deßhalb freute ich mich auch
so als ich bemerkte daß sie in dem letzteren Jahre beson-
ders immer mehr in Deinem Leben die Herrschaft zu gewinnen
schien. Doch genug Dir zu beweisen welchen aufrichtigen
und innigen Antheil ich an Deinem Leben nehme.
Die liebe Mutter würde Dir wohl selbst geschrieben haben,
wenn sie nicht erst gestern ich glaube fast ½ Dzd [sc.: Dutzend] Briefe
nach Berlin geschrieben hätte, und jetzt doch auch etwas
den kleinen Ankömmling besuchen müßte und Du weißt
wenn sie einmal einen Brief an Dich anfängt so kann sie so
leicht nicht fertig werden.
Also erstlich lebt sie hier sehr glücklich unter und mit den Kindern, /
[36R]
allein sie wird sich gewiß auch in Blankenburg sehr wohl fühlen[.]
- Schon sind mehrere Möbel neu aufpolirt und schon an
ihre Stellen in der neuen Wohnung gestellt. Die Fenster
in der Wohnstube und im Schlafzimmer hat schon die Mutter
selbst geputzt.
Die Afterwirtin d.i. die Frau des Miethmannes von
welchem wir eigentlich wieder gemiethet haben ist eine gut[-]
müthige junge Frau und sucht nach Möglichkeit und ihrer
Einsicht zuvorkommend alles aufs beste zu machen[.]-
Eine Gehülfin hat auch meine Frau, es ist auch eine Sido-
nie sie war früher in Rudolstadt ist glaube ich, eine
Stieftochter der Fr: Pfarrerin Heller in Ludwigsstadt
und eine Nichte der Doris Kapp welche für die Nätherin
hier im Hause ist. Weyhnachten wird sie einziehen,
und so werden wir also wohl noch bis Weyhnachten
hier bleiben. Schreibt uns also nocheinmal hierher.
Meine Frau grüßt Dich und Deinen lieben Mann. In dem
ehegestern abgeschickten Packet wirst Du auch von der
Mutter einiges für Dich, so Einiges für die Kinder finden[.]
Möge alles gut und wo möglich noch bis Neujahr ankom-
[men.] Auch die Kinder grüßt die Mutter alle und jede.-
Diesen Brief schreibe ich heute am 2n Dec nachdem das kleine
Mädchen nun schon 30 Stunden alt gottlob aber so wie
die Mutter ganz gesund ist.
Barop fordert den Brief bald mehr[.]
Die herzlichsten Grüße nochmals an alle[.]
Gott schenke Dir recht freudige Feyertage.
Lebet alle recht, recht wohl.
Euer 
Friedrich Fröbel.

Daß Barop besonders grüßt u wie er grüßt werdet
Ihr gewiß in diesem Briefe lesen[.]