Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 12.2./16.2.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 12.2./16.2.1837 (Blankenburg)
(UBB 20, Bl 39-49, Brieforiginal 5 ½ B 4° 22 S., ed. KG 1884, 77-81, 88-94, 107-112. Die Blätter sind gegen Ende falsch paginiert; richtige Folge: 46, 48-49, 47. Der Brief wurde zusammen mit dem Beibrief v. 17.2.1837 und dem Brief an Ernestine Langethal v. 15.2./16.2.1837 verschickt.)

12/II 1837.·. Blankenburg am 12en Tag i. M. der Klarheit


Heitere Lebensklarheit zum Gruße Dir und durch
   Dich allen Lieben Deines Kreises vor allem
        Deiner treuen Ernestine.

Schon fast 10 Wochen sind verflossen seit ich Dir zum letzten male
schrieb lieber Langethal! Dortmals glaube ich nicht, daß so ein
langer Zeitraum verfließen würde, ehe Du wieder einen Brief
von mir und meine lebensvollsten Seegenswünsche zu Deinem
und Euerm frohen Eintritt in das neue Jahr erhalten würdest;
allein ich wollte Dir doch auch nicht eher schreiben ehe das Leben
wenigstens den ersten Schritt der neuen Entwickelung gethan hätte
und wir wirklich in Blankenburg eingezogen wären. Dieß ist
nun zwar schon vor 4 Wochen, nämlich am 16en v. M. geschehen
und Du wirst meynen seit so langer Zeit könnte ich wohl
auch eine kleine zu einem Brief an Dich gefunden haben. Allein
bey dem sehr kleinen Raume auf welchen wir beym Wohnen be-
schränkt sind - meine Frau hat ihn der Deinen schon früher ge-
zeichnet - mußte jedes sein sehr bestimmtes Plätzchen haben
und dieß war nicht immer gleich zu finden, da mußten denn
die Sachen nach und nach, sehr einzeln und oft sehr gewählt einge-
räumt werden, oft auch von einem Platze zum andern ehe der
rechte gefunden werden konnte. Da dauerte denn die Krame-
rey zu meinem Leidwesen weit über mein Erwarten lang
kaum werden es 8 Tage seyn daß ich erst den mir zuletzt von
Dir gesandten Koffer, und wohl erst kaum 8 Tage vorher
die erste aus Burgdorf gesandte Betttonne geöffnet habe,
und noch ist ein Kolli aus Berlin enthaltend ein Soffa rc.
noch nicht ausgepackt was nun auch schon - es ist furchtbar
was die Zeit fliegt - über 5 Monate eingepackt ist, und
ich fürchte sehr daß es von Mäusen gelitten hat. Außer
dem sehr engen - (obgleich sehr bequemen Raum) - waren noch
2, 3 andere Ursachen der langsamen Einordnung, zuerst die
zu große Erschöpfung meiner Frau - dann daß der Tischler
uns beym besten Willen als nur einzig arbeitend nicht för-
dern konnte - endlich daß die Gehülfin der treuen Frau, der
sich stets gleichmüthig hingebenden, - bey manchen guten Eigen-
schaften doch noch zu unerfahren und besonders langsam ist.
So wollte sich mir denn in den ersten 14 Tagen - wegen des
ganz neuen Einwohnens auch für mich gar keine Zeit des Sammelns /
[39R]
für Geist und Gemüth finden d.h. keine Zeit zu einer ihnen ange-
messenen Thätigkeit, da war mir denn oft wie einem stehen-
den Wasser zu Muthe; wie einem stehenden Wasser in Sommer-
hitze, denn mein Geist und Gemüthe ersehnte angemessene
Thätigkeit wozu er doch außer sich nicht den entsprechenden Raum
und die erforderliche Zeit erringen konnte. Als endlich in beyden
Beziehungen Land und Tag gewonnen war, da mußte ich
denn ganz vor allem erst mich selbst wieder finden und in
mir klären, ich mußte mit und in mir selbst erst wieder des
Lebens Mitte, und des Lebens Gesichtskreis finden ehe ich an
Mittheilungen an andere gedenken konnte und da galt
denn was Du mir nicht verüblen [sc.: verübeln] wirst - denn an Dich hatte
ich doch schon gar mannigmal seit meiner Reise aus der
Schweiz geschrieben - der erste Brief unserm wackern
Spieß. Fast seit ich deutschen Boden betreten, wenigstens
seit ich Carlsruhe und später seinen Vater verlassen hatte
wollte ich ihn [sc.: ihm] stets schreiben; so war es denn erstlich ein
wahres Herzensbedürfniß und Gemüths Sehnen welches
ich befriedigen mußte, dann drängte es mich aber auch
wegen der Forderung und Hülfe bey meiner Unternehmung
an ihn und zwar wegen seines Bruders zu schreiben
wie er Dir klar alles mittheilen und mir Dir besprechen
und berathen wird. Siehe lieber Langethal so kam ich
heut erst zum Schreiben an Dich.- Du wirst vielleicht
sagen: wozu deßhalb so viel Worte und gleichsam Entschul-
digung das bedarf es bey uns nicht, was ist das ist, was
läßt sich weiter darüber sagen.- Nein Langethal es ist dieß
was ich schrieb nicht Entschuldigung; es ist mir für mir [sc.: mich] selbst
Bedürfniß die breite und tiefe Schlucht auszufüllen die
mir in mir zwischen meinen letzteren und jetzigen Brief
an Dich liegt, und um das jetzige Leben wieder an das frühere
anzuknüpfen, denn viel habe ich in diesen 10 Wochen, seit meinem
letztern Brief an Dich in mir gelebt und erlebt, es ist mir als
käme ich aus von einer großen Reise aus fernen Ländern zurück
und aus fernen [sc.: ferner] Zeit, allein ich war auch in dieser Zeit in Asien
in Afrika, am längsten in Amerika, war in Griechenland u
in Rom, sah den Einfluß der Römer auf unser Volk u unser
Land, sahe das Emporkommen und die Herrschaft der römischen Päpste
und des römischen Clerus und zwar den deutschen Geist das deutsche
Gemüth u das deutsche Thun als die Pflegerinnen ächten Menschheitslebens
aber an uns auch noch die Narben u Lähmungen jener Fesseln.- /
[40]
Und so komme ich denn wieder zu Dir mit dem alten Wollen und
dem alten Streben mit dem sich immer gleichen Leben, es vielmal
geprüft und sich stets bewährt. Darum denn auch gleich mit
Dir wieder in das sich vielbewährte Streben als ein neues Leben.
Ich habe wegen dieses neuen Lebens mich andeutend klar an
Spieß ausgesprochen, weil ich dazu Hülfe bedarf und ich, nach
Deinen Mittheilungen an mich nach Berlin - deßhalb gutes Zutrau-
en zu Spieß Bruder den Amerikaner habe - Es fragt sich
nun was die augenblicklichen Umstände, Er, sein Bruder u
Du dazu sagen werdet. Was dieß nun auch immer sey: -
seyd nur so gut und sprecht Euch mir möglichst bald aus,
weil die Zeit dazu drängt.- Findet Ihr meinen Vorschlag wegen
Spieß Bruder nicht angemessen, so gieb du mir einen andern.
Ich weiß freylich keinen zu nennen der mir Spieß Bruder, wie ich
nach den mir gekommenen Mittheilungen ein Bild von ihm in mir trage,
für mein Wirken ersetzen könnte, aber darum kann doch einer
zu finden seyn.- Was treibt jetzt Gyger?-
Fände mein Vorschlag wegen Spießens Bruder in den allseitigen
Lebensentwickelungen ihre Zustimmung, so könnte sich daraus wohl ein
vielseitig verwebten [sc.: verwebtes] und großartiges Leben entwickeln, wozu
mir nur eben vorhin als ich die Namen Spieß u Karlsruhe schrieb ein
Gedanke durch die Seele fuhr: Spieß hat nemlich einen Jugend-
genossen, Lebens- und Gemüthsbruder in Karlsruh, einen jungen
Mann der sich der Kaufmannschaft widmen soll, aber wie
mir Spieß sagt dazu zu allgemein menschheitlich fühlt u denkt,
und ich glaube schon jetzt ein höheres menschheitliches Leben u Streben
in sich pflegt. Griffe nun meine Unternehmung wie ich es im
Gemüthe ahne u im Geiste schaue in die Entwickelung der Menschheit
ihrem Ziele entgegen lebenvoll ein, so ließe sich diesem jungen
Manne der Vorschlag machen die Einführung des kaufmännischen u
Geschäftsverkehrs zu übernehmen.- Ich arbeitete die Gedanken
durch u aus gäbe ihnen Wort u Gestalt und Spießens Bruder
f arbeitete für ihre äußere reale Darstellung u Ausführung
dieß wäre wieder eine schöne Drey. Der junge Mann in Karls[-]
ruhe - ich weiß dessen Namen nicht mehr, ich glaube Wunder
allein Spieß wird schon wissen wen ich meyne - hat mir
bey in der Stunde wo ich ihn sah u sprach recht sehr gut gefallen
auch er schien durch Spieß vermittelt Zutrauen zu mir
zu haben. Nun es ist ein Gedanke der mir eben auffunkte,
ich theile ihn mit wie er mir kommt, theile ihn auch unsern Spieß
mit, der Pflege verdient wenigstens der Gedanke und Spieß be- /
[40R]
kommt dadurch eine Ahnung wie sich das Leben mehrseitig ent-
wickeln könnte als Ein großes Lebensganzes.
Dieß betraf nun alles Spieß und dessen Bruder, Deine Besprech[-]
ung und Berathung mit ersterem wegen meinem Vorschlage, nun
aber mit den Lebensmittheilungen noch unmittelbarer an Dich.
Die Mittheilungen aus Deinem und Euern erziehenden Leben haben
uns und besonders mir Freude gemacht; besonders auch Deine Worte
am Turnfeste, nur will ich Dir offen gestehen daß auch in unserm Kreis
die Rede etwas lang gefunden worden ist.- Als ich sie las trat mir
an irgend einer Stelle besonders entgegen, daß nun eine bestimmte
wesentliche Heraushebung einer wesentlichen Ansicht des Turnens kommen müsse
ich merkte mir den Gedanken sogleich in dem Schriftchen selbst an
und siehe da im nächsten Perioden hobst Du dieselbe Ansicht als wesentl[.]
hervor, es freute mich natürlich sehr daß du nicht allein den Gedanken
sondern auch an dieser Stelle aufgenommen hattest.- Ich schreibe
Dir dieß unbefangen l. Langethal damit Du siehest daß Dein Streben
nach Lebenseinklang nicht fruchtlos war. Ich schreibe Dir dieß nicht um
meinet- sondern um Deines - und unseres Strebens - um der Mensch[-]
heit willen. Siehe theurer Langethal! - verzeihe mir wenn ich etwas
schriftlich wiederhole, was ich schon so oft mündlich aussprach, allein
es ist wegen seiner Wichtigkeit, seiner Hochwichtigkeit gar nicht genug
auszusprechen: - Es ist das Zeichen und die Form der wirklich errungenen
im Daseyn erschienen d.h. wirklich geborenen neuen Entwickelung
der Menschheit - wenn zuerst natürlich nur zwey dann aber mehrere
Mannen und Menschen - wie ein einiger Mann, das ist wie ein
einiger Lebensbaum das Wesen der Menschheitsentwickelung erfassen
durchdringen und das Menschheit[s]leben in den Bedingungen ihres seines Er-
scheinens darleben. Die Einigung muß zuerst innig
hin- und aufgebend wie die von Gemüth u Geist, und das Ergeb-
niß muß die Erscheinung, das Thun, die That; fortgesetztes Thun und
wiederholte Thaten ein stetiges Schaffen, eine Schöpfung seyn.
Hier gelt [sc.: gilt] es ausdauerndes Festhalten und Erfüllen der Erscheinens[-] u Daseyns
Bedingungen. Diese Lebenseinigung im Bewußtseyn, diese
Erscheinung der Lebenseinigung aus Bewußtseyn; diese große Thatsache
erfordert die neue Lebensentwickelung ist sie errungen; so feyert sie
den Tag ihrer Wieder- ihrer neuen Geburt, ihres abermals geboren
werdens auf höherer und zu höherer Entwickelung. Ich habe Lange-
thal wohl schon Hundert von Menschen auf die Wichtigkeit Eines
Menschenlebens aufmerksam gemacht, es dünkte ihnen nun wohl
zusagend, wenn es aber zur Entsagung von Persönlichkeiten kam
da scheiterten sie alle mehr oder minder, der Grad thut hierbey /
[41]
nichts. Die Morgenländer, Perser, Indier, Araber sprechen die höchsten Lebens-
wahrheiten, die tiefsten Lebensgeheimnisse wenn Du willst, im Mährchen
aus; ich wollte, ich könnte Dir eines oder einige deuten. Eins will ich Dir
ins Gedächtniß zurückrufen. Jede Entzauberung eines Gegenstandes zu
neuer menschlicher Lebenserringung fordert von einem Handlungen
der Entsagungen, Handlungen doppelter Entsagung, Entsagung in Beziehung
auf das Unheimliche der Handlung und Entsagung weil die Folge der
Handlung noch in Dunkel gehüllt ist. Denke Dir nun nach Art eines
morgenländischen Mährchen[s] die Welt oder die Menschheit bezaubert
die jetzt entzaubert wieder in ihr ursprünglich jugendlich heiteres
und schuldloses Leben versetzt werden sollte. Denke dieß und Du
wirst im Verfolg des Mährchenbildes mich verstehen.- Langethal!
Als ich Dich nach der Entsagungsniederkunft Deiner Fr[au] nach Willisau
kommen ließ, sprach ich als Mann mit Dir, wie ich meinte, dem Manne.
Ich stellte dortmals einmal Dein Leben in eine geometrische Gleichung (oder wie Du mein
Verfahren bezeichnen willst) mit dem meinen.
Doch was ich dadurch in Dir und fürs Lebens bewirken wollte, trat, wie Du
weißt stark in den Hindergrund. Langethal!- Du machtest jetzt
zum zweyten mal, ich sage mit Bedacht, in Deinem Familienleben diese
Erfahrung, und ich bin wieder fern von Dir wie dortmals; Du aber
jetzt, wie dortmals in der Schweiz; ich aber jetzt wie Du dortmals
in Deutschland, Du aber nicht in Willisau sondern in dem von mir
neu geschaffenen Burgdorf, ich nicht in Keilhau mehr, sondern in Blan-
kenburg, einem neuen Orte, wo ein neues Wirken gegründet
werden soll. Ich könnte noch viel sagen z.B. an Deine Stelle in W.
trat Middendorff aus Keilhau, an die Stelle Middendorffs in Keilhau trat Frankenberg mir dortmals besonders persönlich nahe. An Frankenberg in Hinsicht auf unmittelbare Nähe vielleicht - Spieß; doch ich will nur zunächst bey uns
beyden bleiben. Langethal! soll ein solcher Lebenskreislauf aus Zu-
fall seyn, soll er für unser Leben und für das Leben an sich folglos
bleiben?- Wahrlich Langethal! dafür dächte ich möge uns die ewige
Weisheit, die ewige Güte behüten.- Darum Langethal! prüfe das
neu zu beginnende, das in mir schon längst wieder neu begonnene
Werk und findest Du, daß durch die Lebenschickungen unsere
Leben die Pfleger desselben seyn sollen - (Ich mache hier wieder eine
gleiche Gleichung wie vor nun wohl 3 Jahren) - so halte nun aber,
alles Persönliche dran gebend, diese einige Pflege des Begonnenen,
zweyer Männer wie ein einiger Mann fest, nicht zum Genuß,
sondern zur Gestaltung des Lebens. Dein Leben und Handeln müsse um
Dich in Deiner nächsten Nähe, wie Deiner nächsten Ferne bestimmend
wirken; wie die Gesundheit, die Kraft u das Leben eines Astes -
(d.i. eines in der Erscheinung (A) da seyendes Ist's - Seyenden in sich) - /
[41R]
aus sich viel blühende Zweige treibt, alles als das Blühen
Eines Lebensbaumes in des Jahres (des Menschheitsjahres) Frühling.
Also lasse es Deine u Eure reinste Sorge seyn mein Wirken
mein gesteigertes Unternehmen in der Schweiz pflegend fest zu
halten; Es Euch möglich zu machen, die Mittel dazu zu reichen das
muß meine Sorge seyn, allein es zu können muß Euer Leben in
der Schweiz nach allen Beziehungen hin besonders in Beziehung auf das Schauen
des von Euch erkannten, anerkannten und pflegend angewandten Grund[-]
gedankens - wieder erhebend: Hoffnung und Muth - Freudigkeit
und Kraft gebend auf mich zurückwirkend [sc.: zurückwirken]. Zu einem gemein[-]
samen Werke theurer Langethal! gehört nicht nur das [sc.: , daß] es eben ge-
meinsam, sondern daß es in einem erkannten und anerkannten
innig einigen Grundgedanken geschiehet. Halte fest lieber Langethal
was jetzt geschehen, für die Menschheit geschehen soll, soll aus Einig[-]
ung im Bewußtseyn hervorgehen. Aus Einigung des Gemüthes
und der Gemüther entspringt wohl noch immer leicht das Gute,
aber jetzt soll es aus Einigung des Geistes und der Geister her[-]
vor gehen, darinn liegt bey dem Wesen des Geistes und der Geister
das schwer zu lösende der Aufgabe. Zur Hingabe des Besondern
als Entsagung dazu überwindet sich wohl noch das auf und in sich sich
zurückziehende Gemüth; aber zur Hingabe des Besondern vom
Geiste aus, dazu kostet es schon überwiegend großer Kraft, denn
man muß das hinzu[ge]bende Besondere wieder in dem Allge-
meinen finden und dafür giebt dem Geiste nichts Gewähr bis man es
eben nach Aufgabe des Besondern in dem Allgemeinen es wieder er-
schaut.- Man kann nun zu Niemandem von Etwas sprechen wo man nicht
mindestens Einiges davon in dem Andern voraussetzt; man kann zu Nie-
manden von Erfahrungen rc. sprechen wo man nicht wenigstens ähnliche
in dem Andern rc. voraussetzt. So würde ich auch mit Dir nicht wohl wie[-]
derkehrend und so bestimmt darüber sprechen, wenn mir nicht die fortlaufenden
Mittheilungen aus Deinem Leben und Wirken die Gewähr Deines Verständnisses
gäben, und wenn es nicht Forderung der neuen Entwickelungsstufe der
Menschheit sey, daß sie aus Bewußtem u im Bewußtseyn gegründeter
Einigung hervorgehe. Verstehst Du mich nun recht, so werden durch meine Dir
angedeuteten Auf- und Erfassungen des Lebens die nächtlich zweifelnden Er-
scheinungen in Deinem Verhältnisse zu und Deinem Leben mit mir - zu Licht
und Klarheit bringenden Gestalten; und das ist die wahre Erlösung im
Leben, wenn man alles Einzelne in der Klarheit, im Lichte des Zusammen[-]
hanges sieht. Die einzelne Handlung wird als einzelstehende nicht ge-
rechtfertigt, aber sie erhält aus dem und in dem innern Zusammenhange
des Ganzen ihre friedliche Lösung.- /
[42]
Erlaube mein l. Langethal! auf das zurück zu kommen was ich oben über
mich als Träger eines Lebensgrundgedanken[s] und in dieser Beziehung
über mein Verhältniß zu Dir und Euch in der Schweiz und über For-
derung der Lebenspflege aussprach; die Sache ist für die Menschheits[-]
entwickelung zu wesentlich wichtig als daß man sich nicht alles
Ernstes bemühen sollte darüber recht ins Klare zu kommen
damit das Leben selbst - nach der Forderung und dem Ergebniß
dieser Klarheit - ins Klare komme.-
Das Leben in dem sowohl nach den persönlichen Gründen der Einzelnen
als in seinen Erscheinungen und Ergebnißen ist ein rechtes Kunter-
bunt unter, über, neben, durch und ineinander rc wie die
verschiedenartigen Gestein[s]geschiebe in dem Emmeflusse, und dennoch
sieht man die Menschheit als ein großes und einiges Ganzes stetig
fortschreitend zu ihrem Ziel empor steigen. Dieß thut und be-
wirkt das innere große und in sich einige Lebensgesetze dem alles
folgen muß und welchem selbst der Menschen zahllose Menge
instinktartig folgen. Aber nach den bewußt gewordenen Forderungen
des Lebensgesetzes nicht nach den dunkeln instinktartigen Trieben
und Treiben soll das Menschen[-] und endlich das Menschheit[s]leben ge[-]
lebt werden. Freylich eine gewaltige Forderung und es sind die Jahrtau[-]
sende nicht zu bestimmen nach deren Verlauf ein ganzes lebendes Men-
schengeschlecht derselben genügen wird.- Was aber das ganze
Geschlecht einst leisten soll müssen erst einige, müssen wenigstens
erst zwey leisten.- Viel Familienglück war als Einzelerschein[-]
ung schon auf der Erde, das Leben blühte glückliche Familien empor
und doch bis jetzt <ruht die Idee> dort wie der Baum die Rosige
Blüthe. Ich sage die Familie ist ein wahrer Ganzmensch einigend Denken
Empfinden Handeln, und somit ist zugleich das Gesetz eines Lebensganzen
gegeben. Ich sagte früher: Großeltern, Eltern und Kinder bilden die
eigentlich vollendete Familie zur Darlebung vollkommenen Menschheit[s-]
lebens. Des Großvaters (der Großeltern) Lebenserfahrungen rc. führet
der Vater (die Eltern, die Kinder jener) im Leben aus wenden sie im Leben
an; und die Kinder dieser (die Enkel der erstern) erzieht das Beyspiel
der Eltern. Diese Eins in Drey war mir das Ergebniß der Lebensan-
schauung; allein ein bestimmtes fruchtbares Lebensgesetz tritt hervor
wenn ich nach dem Ergebniß meiner jüngsten Lebensforschung sage
die Großeltern sind die Erscheinung des Lichtes, die Eltern die der Liebe
die Kinder die des frohen frischen Lebens. Hier Licht Liebe Leben
wie oben Denken, Empfinden, Handeln.- Eben lese ich in dem Allg[emeinen] Anz[eiger]
der Deutschen: - "Muth u Hoffnung sind ein wunderliebliches Ehepaar /
[42R]
der Muth braucht die Hoffnung, und die Hoffnung den Muth rc rc"[.] Dieß
gibt mir eine neue Ansicht meines menschheitlichen vollendeten Familienganzen
(Gr[oß]eltern, Eltern, Kinder) denn bei Muth u Hoffnung liegt ein Drittes
dazugehöriges im Hintergrunde es ist dieß die Klarheit; Klarheit
Muth u Hoffnung - das ist das Leben des menschheitl. vollendeten
Familienganzen: Aus den Großeltern strahle das Licht; aus
den Eltern blicke des Lebens Muth und aus den Kindern und in ihnen
blühe die Hoffnung des Lebens. Und somit Langethal hast Du wieder
ein wirkendes Leben[s]gesetz. Klarheit kann nicht wirken ohne
Muth u Hoffnung. Obgleich die im Hintergrunde liegende Klarheit die
Mutter von Muth u Hoffnung ist; genug sie sind eine sich wechsel[-]
seitig bedingende Dreyeinheit. Nun zurück zu mir und Dir und
Euch - merkwürdig ist: Klarheit scheint als Lebenserscheinung Muth
und Hoffnung in derselben Person in einem gewissen Grade
zurücktretend zu machen, wie sich vielleicht mit hohem Muthe
und siegender Hoffnung selten hohe Klarheit paart. Das heißt
der Großvater bedarf zur Ausübung und Darlebung der Forderungen
der errungenen Lebensklarheit des Sohnes und der Sohnes
Kinder. So viel ist für mich gewiß: meine Lebensklarheit
die mir im Leben errungene Klarheit fordert zu ihrer Lebens[-]
gestaltung Muth und Hoffnung; die Erhebung, die Beseelung durch Muth
und Hoffnung. Jetzt komme ich nun besonders zu Dir Langethal
zu Euch Ihr beyden. Du bist nun weder mein Sohn noch Deine
Frau meine Tochter noch ich Euer Vater; ebensowenig habt
Ihr Kinder. Würdest [Du,] würdet Ihr es nun nicht sonderbar
finden wenn ich sagte: - Seid Ihr Eltern mir Kinder und
ich will Euer Vater und Großvater Eurer Kinder sein?-
Wo ist hier Natur und Lebensgesetz erwiderst Du wohl?-
Wenn auch nicht gleich anschauliches Naturgesetz, doch ein
sich viel kund thuendes Lebensgesetz. Höre und siehe wie die
Menschheit seit langem nach Licht, Klarheit nach Bewußtseyn
strebte. Nur an und durch Gegensätze wird alles erkannt.
Also das bewußt werden bedingt und fordert die Erscheinung des
Entgegengesetzten, z.B. Abraham sollte ein Vater vieler werden.
Erst hatte er keinen Sohn, dann sollte er ihn ohngeachtet der
Verheißung opfern und überhaupt hatte er ja doch nur einen
Sohn u sollte der Vater Vieler werden. Erst im 3. Gliede bekam
ein Vater 12 Söhne.- Moses sollte sein Volk erretten u wurde
seinem Volke entzogen.- Jesus sollte das Himmelreich bringen, er sagte
den Kindern sey das Himmelreich und war selbst weder Vater noch /
[43]
hatte er selbst Kinder. Ja soll ich das Stärkste sagen: Er soll die
Menschenkinder lehren, Er soll ihnen Beyspiel seyn; sie sollen ihm
nachfolgen und er selbst soll kein Menschenkind seyn ist Gottes Sohn.
Noch stärker ist fast das Beyspiel von J. J. Rousseau: Er will
die Eltern zu einer natürlichen Erziehung ihrer Kinder führen, führt
sie dahin und er selbst - ist der unnatürlichste Vater. Denn
bekanntlich schickte er alle seine Kinder ohne Kennzeichen ins Findelhaus.
Wäre J. J. R. ein wahrhaft natürlicher Vater gewesen, wer weiß
ob sich die Menschheit jetzt in dem Maaße einer natürlichen Menschen-
erziehung erfreute als sie es thut. Pestalozzi der nicht Rechnen kann
lehrt rechnen rc. rc. Suche Dir nun noch Belege so viel Du deren willst
leicht wirst Du sie finden.- Wem verdanken wir z.B. die Kenntnisse
des gesunden Zustandes des Menschen, des menschlichen Körpers?-
Der Krankheit, den Krankheiten! Der Gesunde lebt das gesunde Leben
ohne sich viel um die Gesetze u Bedingungen desselben zu bekümmern; glück[-]
liche, erlaube mir zu sagen Naturfamilien, leben ihr Glück
ohne sich viel um die Gesetze Bedingungen u Forderungen von und des
ächten Familienlebens zu bekümmern, wenn ja mit einiger
Achtsamkeit für sich - wenig für Andere und um Anderer willen.
Genug wer subjectiv im Leben lebt u vom Leben ergriffen wird
kann es sich und andern schwierig objectiv machen. So soll es
aber nicht seyn denn der Mensch soll Gott ähnlich werden. Der Weg
aber von Natur zu Gott muß aber natürlich nothwendig für den
welcher den Einklang von beyden noch nicht kennt durch Nichtnatur
d.i. durch Un- (Ohne) Natur hindurch gehen.- Jetzt wirst Du l. La[n]ge[-]
thal und Deine Ernestine, was ich oben sagte nicht mehr
wunder- oder sonderbar finden; ihr werdet einsehen daß das
was ich oben sagte weder in einer Sentimentalität seinen
Grund hat noch dieselbe fordert, ja sie geradzu auschließt. Es
handelt sich hier um eine reine Thatsache der Welt- und Mensch-
heitserlösung d.i. um Lösung der Wirren, der Dunkelheiten und
der Widersprüche des Menschen- und Menschheitslebens. Von diesem
Lebensstandpunkte von dieser Lebensansicht aus wird Dir nun viel
in Deinem in Euerem Leben klar, über- und durchsichtig werden. So na-
mentlich meiner Frau Liebe zu Euch und namentlich zu Deiner Erne-
stine welche sie mit dem treuesten und innigsten Muttersinne
liebt. Weiter Andeutungen bedarf es von meiner Seite nicht ob ich
sie gleich geben könnte, was Ihr in dieser Beziehung noch bedürft
könnt Ihr Euch selbst geben. Auch bedarf es lieber Langethal über
diesen Gegenstand von Dir zu mir nicht der besonderen Worte, aber /
[43R]
wohl eines genügend entsprechenden Handelns im Leben zum Seegen
der Menschheit.---
Grüße nun alles recht herzlich von mir. Zunächst in Deinem
Hause die Kinder und sage ihnen daß ich mich immer gar sehr
freute, wie auch ihre ehemal. Pflegemutter von ihnen Gutes
und Freundliches zu hören; grüße alle namentlich besonders
die kleine Henriette und die Liesy, dieser besonders meinen freund[-]
lichsten Dank für das Band es freut mich gar sehr etwas aus
Euerm Kreise und was Zeuge Eures Lebens war, so nahe um
mich zu haben. Grüße auch Mareily und Gritly wenn sie
noch bey Euch sind; Es hat mir recht leid gethan daß ich ihnen
am Neujahr nichts beygelegt habe, es fiel mir erst etwas
ein als es zu spät war, soll aber nicht vergessen werden.-
An Antonen meinen besondern herzlichen Gruß, sage ihm ich
freue mich gar sehr Deiner Zufriedenheit mit ihm und dessen
worinn sie ihren Grund habe.- Auch Stählis im Stadthause
grüße, wie bist Du mit seinem Betragen zufrieden?- Was macht
Meyer[?] auch ihm meinen Gruß.- Den Gebrüdern Schnell ver-
sichere besonders meine bleibend dankbare Achtung. Ich hoffe
sie sollen bald wieder etwas von meiner Wirksamkeit hören.
Ebenso auch schöne Grüße an Krafts und Dr. Dürr. Du wirst
selbst wissen wo Du meinen Grüßen, die meiner Frau bey-
zufügen hast. Auch Groschvetter - den Mathematikus und
Bury nicht zu vergessen.-
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Am 16en Titus ist endlich nachdem er viel herumgeschifft endlich heut vor
8 Tagen, also am 9.2. in K. angekommen, nachdem er von Euch nach Willisau
Lenzburg, Basel, Strasburg, Neustettel (bei Bischofsheim unweit Kehl) bey Eltern
eines seiner Zöglinge 3 Tage Nürnberg, Bayreuth, Grunau, Coburg, Veilsdorf,
und nach 4tägigen Aufenthalt hier nach Keilh. gegangen ist.- Ich gieng gestern
nach K. um die übrigen Briefe welche er bey seinem Besuch am Sonntage noch nicht
mitgebracht hatte zu holen. Siehe da, da brachte mir Barop gleich zum
Willkommen Deinen lieben Brief L[an]geth[a]l vom 6.2. Er war mir ein
sehr, sehr liebes Geschenk. Hatten mich schon Titus Berichte von Euerm
Leben in Burgdorf namentlich auch das Wirken von Schäfer, Loder ganz
namentlich und die fortgehende Treue von Lehner, Staub gar sehr
erfreut, so fühlte ich mich doch durch Deine Lebensdarstellungen hoch
beglückt. Ja Langethal ich fühle mich durch den Hinblick auf Euer
Leben und Treiben in Burgdorf, im Emmethale recht beglückt erfrischt
neu ermuthigt und mit neuen Hoffnungen belebt. Wie gut Langethal ist
es nun auch daß mein vorstehender Briefe, meine Briefe an Spieß /
[44]
und Deine Ernestine fertig waren. Du siehest hier das Gegenstück zu der
mir von Dir mitgetheilten Thatsache daß man streng und schnell den
Forderungen des Gemüthes nachgehen soll. So hatte ich vor einigen Tagen
auch einen unwiderstehligen innern Drang Spieß u Dir zu schreiben und
wie gut ist es nun daß es geschehen ist. Wie spricht sich nun aus meinem
Euch schon geschriebenen und Euern so eben erhaltenen Briefen ein innig
einiges Zusammentreffen ja Zusammengehören unseres, das ist
meines des Blankenburger, und Eures, des Burgdorfer Lebens
und Wirkens aus?- Welch eine hohe Bestätigung erhält nun das
Dir in meinem vorstehenden Briefe aus innersten Gemüthsleben
und reiner Geistesschauung Ausgesprochene schon jetzt im Leben und
durch das Leben selbst. Seid nun aber auch sämmtlich und vor allem
Du recht treue Lebenspfleger. Hüte Dich um alles und Alles L[an]g[e]th[a]l
nicht Dich zu zerstreuen Deine Kraft nicht zu zersplittern. Du!
- Gewächs- und Baumpfleger! Dein Vorbild, wie das höchste
entsprechende Vorbild für den Menschen sey das Gewächs, der Baum
(:Darum sagte ich ja Euch: immer und stets beweist mir es das Leben
pflanzte Gott in der Mitte des ersten Aufenthaltes, der ersten M[en]schen
den Baum der Erkenntniß:) - Siehe Langethal wie kräftig sich dieser
ausbreitet vom Lichte gezogen, von Wärme getrieben aber nur
aus innerer Kraft, mit innerer Kraft, soweit die innere Kraft reicht.
Anders, ganz anders ist es mit den wohl auch aus einem innern Bildungstrieb
erzeugten Bläschen besonders auf dem Kaffee, beachte sie nur, -
erst schließen sich nur einige, ja viele an ein[es] gemeinsam in der
Mitte an und einigen sich mit die[sen] zu einem in sich geschlossenen Ganzen, bald
aber lassen sich doch alle vom äußern Rande der Tasse, von
Außen anziehen und alle gehen so ihrer Vernichtung entgegen.
Dein Zertheilen, Zerstreuen sey ein Treiben, ein Blühen u Duften
des Baumes aus einiger eigener innerer Kraft im Zusammenhang
mit Erde u Himmel, dem in sich einigen All. Aber es gleiche nicht der
zertheilten Zerstreuung eines zerkleinerten Papierstückchens wie
solche von der electrisch erwärmten Siegellackstange angezogen
aber zerstreuend u vereinzelt wieder abgestoßen werden.
Langethal! vergleiche immer von neuem die Erscheinungen der Natur u des
Lebens mit den in meinen Schriften ausgesprochenen, damit Du die
Einheit des Lebens in Natur, Leben u Geschichte erfassest, damit gleichsam der
Grundgedanke des Lebens selbst sich in Deinem Leben
kund thue, die Grundwahrheit des Lebens selbst - die Wahrheit an sich -
sich in Deinem Leben u durch Dein Leben kund thue. Es muß die aus per-
sönlicher Hingabe und aus Aufgabe des Selbst Eigenwillens hervorgehende /
[44R]
lebendige Überzeugung Dir kommen: Nicht ich, sondern die Wahrheit spricht in
und aus mir!! Aber Langethal beachte dabey tief und stets - diese Über[-]
zeugung je reiner je wahrer sie wird um so mehr mildert, besänftigt sie
das Leben, vernichtet des Lebens Starrheit und Härte, denn sie bringt zugleich
die Überzeugung mit: Die Wahrheit hat der Diener genug jedes Stäubchen
wie das Weltall und Menschengeschlechter dienen ihr, sie bedarf meiner
trotzigen, starren, harten Hülfe nicht und die Wahrheit ist stark genug, sie
die ewige Wahrheit als ewiges Licht, ewige Liebe u ewiges Leben, sie baute
und schuf das Weltall und das Geistes Licht in dem wir jetzt schon wan[-]
deln und immer mehr wandeln sollen. Diese Ansicht giebt dem Leben je
reiner sie wird um so mehr Milde und alle gestaltenden, schöpferischen
Eigenschaften. Siehe nur Langethal wie willig und mild muß einer Deiner
Buben den Forderungen einer Figur nachgehen wenn er sie lebenvoll
darstellen will wie eingehend in die innern Lebensbedingungen der Figur u
des Figurenerfindens überhaupt wenn er sie schön gestalten will -
L[an]g[e]thal - die Pflege <des schweizerischen> u des Burgdorfer Lebens ist bey weitern
wichtigern tiefern Gründen als sich Euch uns selbst die bis jetzt noch kund
gethan haben wichtig - Es ist ihr wichtig für die Menschheit, Zukunft
und Nachwelt wie es die Pflege des Jesus-Kindes und Jesus-Lebens
von und durch seine Mutter Maria war. Darum seid recht acht[-]
sam u nimm das Schweizerleben, das Leben der Schweizer als ein
Ganzes achtend u pflegend in Dir auf, hüte Dich in Dir vor Mißmuth
über ihren schwerfälligen u langsamen Entwickel[un]gsgang. Erinnere
Dich daß die sonst Geist u Körper gesunden, aber sonst sich geistig schwer[-]
fällig und langsam entwickelnden Kinder u Knaben und Jünglinge selbst
Männer diese gleichsam schwer errungene wahre Bildung aber dann
auch um so kräftiger im Leben und für das Leben festhalten. Hüte Dich
selbst in Dir vor allem Schimpfen über die Schweiz u die Schweizer als ein
Ganzes. Ich weiß wohl daß ich Dir dieß eigentlich nicht zu sagen brauche indem
es so Deinem Leben fremd ist. Sey ein rechter, seid rechte Pfleger des schwei[-]
zerischen Leben[s] Du Spieß u Ihr alle.- Ich Hütet Euch aber alle ihnen
das was Ihr ja was wir und ich selbst als rein und in sich gut er[-]
kennen aufzudrängen und anzudrängen. Ich will Dir hier
etwas aus meinem Leben erzählen. Es ist wichtig auch die inner[-]
sten geheimsten Triebfedern meines Handelns kennen zu lernen
und --- mich in meinem jetzigen Handeln zu verstehen, zu begreifen
in Einigung zu setzen.- Ich war und bin durch die Gesammtheit
meines Lebens sehr früh und so früh als ich mich meiner selbst
nur erinnnern kann, von der tiefen menschlichen Wahrheit des
Christenthums überzeugt, ich sage mit Fleiß menschlichen Wahrheit, /
[45]
indem mir frühe das in sich selbst gegründete der Jesus Lehre in und aus
Natur u Menschenheitsleben, hier eigenen Gemüthe und Selbstleben ent-
gegentrat; dennoch habe ich jederzeit einen tiefen Schmerz empfunden und ich
fühle ihn jetzt noch immer wenn ich der mehr als harten Gewalt dachte mit welcher die
ersten christlichen Eiferer unsern Altfordern das Christenthum auf-
drangen mit dem Schwerte auf die Stirn schrieben damit es im Herzen
Wurzel schlagen sollte. Ich fühlte, das herrlich duftende Christenthum d.h.
(und so meyne ich es immer) die dem Gemüthe u Geiste Jesu entstiegene
Einsicht von der Bestimmung der Menschen zu einem Gottinnigen und Gotteinigen
Leben, - hätte als ein kräftiges Gewächs im deutschen Geiste u Gemüthe
und aus demselben entwickelt werden können.- Später hat Göthe
in einem seiner Gedichte, ich glaube es heißt die letzte Walburgisnacht
diesen Gedachten [sc.: Gedanken] mir ausgesprochen, und dieses einzigen Ge-
dankens und dieses einzigen Gedichtes halber ist mir Göthe werth
ja lieb.- Ebenso wie ich das erstemal Campes Entdeckung von Am[erika]
las da erstarrte mein Blut als ich die Bekehrungsgeschichte der Mexika-
ner u Peruaner las: ich konnte mich nicht überwinden weiter zu lesen
ich fühlte tief aus diesen Menschen hätte die Jesuslehre als eine frische
Pflanze neu entwickelt werden sollen u gewiß auch können. Darum
so tief ich auch von meiner Ansicht der Menschenbildung als einer entwickelnden allerfassenden und allgenügenden und ihrer innigen
und tiefen Einheit mit
der Menschenentwickelung als einer offenbarten - durchdrungen bin, so glaubte
ich doch nie diese Ansicht auch wenn ich es vermocht hätte Jemandem wieder
aufdringen [zu] können, ja ich <vernichte> sogar mit Vorbedacht ein Handeln
in meinen Lebensformen; wenn es sich nicht auf lebenvolle Überzeug-
ung gründet, so sehr ich auf der andern Seite streng bin; die Über-
zeugungen in mir und in meinem Lebenskreise vor Vergiftung und Leben[s]-
schwächender Einwirkung zu sichern.- Ehe ich von der Betrachtung Eures
Ich hab in dem vorstehenden von der großen Wichtigkeit des Burgdorfer
Burgdorfer Lebens scheide muß ich Dich und Euch doch auch noch auf die
Wichtigkeit aufmerksam machen welche der Eintritt von Spieß Bruder
in mein hiesiges Wirken sowohl für Euer dortiges als wie für die Einigung
unserer beyden Wirken, des B[lanken]burger, und Burgdorfer haben würde.
Gygers Eintritt hier dünkt mich könnte das nicht bewirken. Doch muß
Gyger nothwendig für unser Wirken und namentlich auch für Dein
Wirken in der Schweiz u in Burgdorf festgehalten werden. Antonen
so lieb u tüchtig er ist, so ist er doch noch an geprüfter Kraft zu schwach.
Entwickelt sich Euer Leben wie Deine Andeutungen es möglich machen besonders
auch die Vorschule; so brauchst Du, so bedürft Ihr bald Unter[-]
stützung, dazu mußt Du Gyger festhalten, allein vorher muß auch er hier /
[45R]
wenigstens ein Jahr hier bey mir gewesen seyn um sich recht mit dem
schaffend entwickelnden Unterrichte und solcher Menschen{entwickelung / bildung}
bekannt zu machen. Du siehst Langethal daß sich das
Leben so groß als im Zusammenhange und Einklange entwickelt;
allein Langethal! um so festhalten zu können muß man sich
auch gegenseitig und gemeinsam aufeinander verlassen
und vertrauen können wie auf einen in sich einigen unge-
theilten und nicht zu theilenden Mann und zwar zunächst
wir 3 in Burgdorf, hier und Keilhau. Gemeinsam besonders
müssen wir für die Erfüllung <unserer> äußern Verpflichtungen als ein Mann stehen
- nur so kann aus Einheit -: Eintracht ein Einiges
zu und für Mannigfaltigkeit hervor wachsen.- Willisau
steht steht [2x] noch zu schwankend in sich darum wollen wir es nicht
durch unser Verlassen auf diesselbe verlassen best belasten
damit es uns nicht verlasse... Doch nun zu genug zu Willisau auch.
- Ich habe in Vorstehenden von der Wichtigkeit {des / unseres[}] Burgdorfer
Emmethaler, Berner Lebens gesprochen, doch die Wichtigkeit unseres
Willisauer und Luzerner Lebens sollte dabey nicht in den Hinter-
grund gesetzt werden, sondern ich halte es im großen Entwickelungs-
ganzen als katholischer Kanton noch wichtiger als Burgdorf
und Bern für uns, ja Burgdorf und Bern erscheint mir eben
in Beziehung auf Willisau und Luzern wichtig.-
Ferdinands klare und einfache Darstellung der Gesammtlage Willis[-]
aus hat mich gar sehr erfreut und mit seinen Mittheilungen
an uns ist auch das folgende ganz in Übereinstimmung ja in uns auf diese Mittheilungen gegründet, darauf
ruhend.-
Über die Wichtigkeit u Nothwendigkeit des Bestehens von Willisau
ist nur eine Stimme nur eine Überzeugung, darüber also kein
Wort mehr; darum erlaube ich mir aber auch, mit Dir offen
darüber als Mann zu sprechen. Die Vermuthung daß da oder dort
meine Überzeugung und Ansicht schmerzen möge dieß kann mich
nicht zurück halten sie auszusprechen, weil ich sie für wahr halte
und das Bestehen Willisaus von ihrer Anerkenntniß und
meinem Handeln dieser Anerkenntniß getreu - abhängend halte.
Langethal!!- Wie unser Bestehen unser inneres u äußeres überhaupt
wie unser wirkendes Beste, in der Schweiz insbesondere, so hängt
auch das innere u äußere Bestehen von Willisau von uns
und zunächst von ihm ganz selbst u allein ab.- Dieß wird
man sagen, ist leichter gesagt als bewiesen; ich will es zu beweisen
suchen zunächst Langethal für Dich; welchen weitern Gebrauch Du /
[46]
von diesen Mittheilungen machen willst, ist ganz Deinem Ermessen
anheim gegeben, denn ich übergebe Dir hiermit u Kraft dieses die Sorgfalt
für das Bestehen von Willisau.- Willisaus Kränkeln und Siechthum
hat seit Barops Abgang in Willisau d.h. in der Anstalt selbst
seinen Grund. Mein Beweis ist dieser: Jede Kundmachung eines Lebens[-]
gedanken[s] ist wie in der Ehe die Empfängniß u Geburt eines Menschen
an eine Zweyheit der Person geknüpft, zwischen beyden, beyde einend
beyden angehörend, beyde seyend und doch einig seyend ist das Kind,
diese Verkündigung eines Lebensgedankens.- Wie nun das Kind die
Empfängniß und die Pflege des Empfangenen voraussetzt, so soll setzt
die gestaltete Verkündigung eines Lebensgrundgedanken[s] die innige
Lebenvolle Aufnahme des Grundgedanken[s] und die hingebende Pflege
in sich voraus ehe er als Gestalt im Leben und fürs Leben geboren
werden kann.- Nach Abgang von Barop fehlte es Willisau gänzlich
an dieser die Erscheinung einer Lebenszweyheitgestaltung bedingenden Zweyheit
- Ferdinand hat nie vertrauend die innersten eigentlichen Lebensgrund[-]
gedanken unseres d.h. des von mir und durch mich geweckten eben aus dem
Lebensgrundgedanken und durch denselben geweckten Lebens in sich
vertrauend und wahrhaft pflegend aufgenommen. Ferdinand hat
vielmehr diesen Lebensgrundgedanken dem Zweifeln daran zum Motten-
fras Preis gegeben. Der Beweis dazu liegt geschrieben vor ihm wenn
er nicht etwa zufällig seit meinem Abgange von Willisau vernichtet
worden ist, nun so wird sich eine Abschrift davon noch in Keilhau finden.
Also mit kurzen und andern Worten, das in sich zweifelnde Stehen
Ferdinands <in> der Leben in sich tragenden, pfle Leben aus sich entwickelnden
und Leben gestaltend aus sich darstellenden Grundidee unseres Lebens,
meines Lebens, das ist einmal der Wurmfraß Willisaus. Äußere
Pflichttreue machts [sc.: macht] es nicht, schaffe sie auch noch so viel, wie oft habe ich das nicht
ausgesprochen. Andeutend liegt es in dem Satz der Lebenserfahrung jenes Leben[-]
beachtenden Königs: - Der Herr hat nicht Lust an der Stärke des Rosses
noch äußerer Schnellfüßigkeit sondern Gefallen an denen die ihn lieben,
d.h. deren Handlungen aus der inneren Lebenseinheit hervorgehen.
Du selbst Langethal hast den Beweis {mehr / 3[}]fach in Händen, für das was ich
aussprach. Ist, Langethal Ferdinand jetzt nicht eben so alt als Du oder Mid-
dendorffen als Ihr zu mir kamt und was schufen wir in Einigung des
Lebens geeinigt durch Einen Lebensgrundgedanken?!- Wie trat das Leben
bald wieder frischer hervor nach Deiner Ankunft in
Willisau und dennoch - sey offen - wie ist seitdem Deine Lebenseinigung
wenn auch nach zweifelnden augenblicklichen Rückschritten, seit jener
Zeit inniger, einiger geworden!- Als ich nach Burgdorf ging warum /
[46R]
nahm ich Dich mit, nicht den Frankenberg und seine Schwester, die es beyde
so sehr wünschten, nicht den Frankenberg der mich so innig dort liebte wie
noch jetzt liebt?- Frankenberg; welcher schon Träger des Kraus[-]
schen Lebensgedanken[s] konnte ich nicht zu Muthen mit all seiner
Kraft Träger nur einzig meines und unseres Lebensgrundge[-]
dankens zu werden.- Genug ich nahm Dich mit mir weil
ich wußte, vielleicht besser als Du wer Du warest u nicht warst,
und weil ich wußte wie uns Burgdorf u Bern treu seyn würde
wenn wir uns d.h. unserm Lebensgrundgedanken (welchen ich
mir nicht gegeben noch genommen, sondern empfangen habe)
treu seyn würden. Langethal! sey redlich! sey offen!- Was
meynest Du daß Dir Burgdorf gesichert habe?- Dein äußeres
rastloses Arbeiten?- Nein! Dein aufrichtiges Streben den Le-
bensgrundgedanken in Dir zu finden, und so weit Du ihn in Dir ge-
funden stets treu zu pflegen. Langethal nur einzig dieß, Deine
liebende und vertrauende, hingebende Pflege, meines, unsers
Lebensgrundgedanken[s] als eines einzigen das hat Dir Burgdorf
gesichert. Mein guter Langethal die Gründe zu den Erscheinungen
unseres äußeren Lebens lügen, denen man glaubt. Theurer Langethal nur
in dem Maaße als Du die jetzige Forderung der jetzigen
MenschheitsEntwickelung, nur in so fern als Du der Menschheit jetzigen
Lebensgrundgedanken in Dir finden und demselben hingebend
ganz getreu aus Dir wirken wirst, wird Dein Lebensbaum
in Burgdorf wachsen, blühen, fruchten. Der Gedanke
das Wesen des Gedankens ist es was allein alles schafft.
Nun Middendorff in Willisau und als Träger unsers Lebens[-]
grundgedanken[s]. Ich glaube von Middendorff sagen zu müssen: er
schwimmt in der Idee ohne daß er die Idee ergreifen kann; der
Grundgedanke des Lebens erfaßt ihn; ohne daß er des Lebens
Grundgedanken in seiner Einheit, seiner Gestaltung und seinen Bedingungen zur
Darstellung und Anwendung im Leben erfasse. Middendorff gleicht den Frauen
die immer empfangen, welchen das Empfangen zu ihrer eigenen Lebenspflege
dient, welche darum das Empfangen in sich immer gleichsam verzehren aber
nie selbst gebären. Middendorff lebt, so wenig er es meynt, so sehr er in
sich wohl gar vom Gegentheil überzeugt ist - zu viel sich selbst, und zu
wenig dem Allgemeinen darum hat er auch in allen Beziehungen immer zu
viel Werth auf das Persönliche gelegt.- Genug durch dieß persönliche
Stehen Middendorffs in sich, der auch auf eine wunderbare Weise, lieber
das Leben gleich äußerlich und auch innerlich gleich machen oder kommen sehen möchte; darum
versäumt er und hat namentlich in Beziehung auf Willisau jüngst wieder /
[48]
den rechten Augenblick des pflegend eingreifenden Handelns versäumt
ich meyne als nach Ferdinands Brief an Barop vom 6.2. d. J. Schnyder
in Sursee zu Middendorffen sagte: "Er sey von der Wichtigkeit des
ferneren Bestehens unserer Anstalt für den Kanton überzeugt,
so wie daß [sie] in unbeschränkter Ausdehnung fortwirken müsse,
er sehe ein daß jetzt der entscheidende Augenblick über das
fernere Fortbestehen sey und er werde dafür handeln." Als
Middendorff die Möglichkeit angedeutet, daß vielleicht Anfangs
nur Albertine allein kommen könne, hatte er gesagt: "aber
warum wollen Sie nicht gleich Ihre Kinder mitkommen lassen, damit
so das Ganze durch ein vollständiges Familien Leben eine feste
Begründung erhält[?"].- So weit Ferdinands Brief und nun kein
Wort wenigstens kein bedeutendes Wort von Middendorff, also
hat er auch keines gesagt wie auch der Erfolg zeigte. Dieß Midden-
dorffs unverzeihlicher Fehler. Soll die ewige Weisheit die wir
als freye als selbständige und selbstbestimmmende Menschen handeln
wollen und sollen, kann die Vatervorsorge mehr für uns thun?-
Middendorff sollte darum dieß rasch ergreifen und sagen: -
Nun gut ich werde dieses Opfer auch noch dem Kanton bringen, ich werde
meyne Frau <vermögen> daß sie es bringe; aber mehr ge ich will
meine Frau und Kinder im Gottvertrauen um eines Landes willen
kommen lassen, das unsern Lebensgrundgedanken den wir als einen
Grundgedanken der Menschheit achten pflegend in sich aufnahm,
aber mehr bin ich, mehr sind wir jetzt nicht zu thun im Stande;
Sie sagen aber selbst daß unser Fortbestehen für den Kanton
von Wichtigkeit sey was kann nun der Kanton oder Männer
im Kanton dafür thun?- Kann er mir 200 bis 250 Fr[an]ken
Reisekosten für meine Familie zu sichern?- Kann er dem
Bestehen der Anstalt nicht wenigstens wie von Seite Berns
geschehen ist auf 2 Jahre zunächst 4-6 junge Leute schicken
um die Anwendbarkeit des Lehrganges auch in Schulen nachzu[-]
weisen, um unser Wirken für öffentliche Anwendung zu
prüfen rc rc ......... so hätte Middendorff gleich ganz
bestimmte Unterhandlungen anknüpfen bey ihrer lauen Aufnahme
aber erklären sollen nun gut so verlassen wir den Kanton
aber glauben Sie hätte er hinzufügen können daß wir an einem
andern Orte ökonomisch sicherer gestellt wären?- Doch schon das
Verlassen von Willisau, eben weil es so schwer ist, da Fuß zu fassen
ist nicht gut, weil es scheint als haben wir nicht einmal die Kraft
obgleich Menschen, welche Flechten und Korallen haben, - in Stein zu wurzeln. /
[48R]
Ich habe es mehrmals gesagt: - Ich hatte Bern habe Willisau nicht gesucht.
Gott hat mich mit demselben verbunden. Nun was Gott verbunden
hat das soll der Mensch nicht scheiden.- Allein warum antwor[-]
tete Middendorff nicht so. Ich sage mir darum: daß Middendorff
nicht die Kraft und Allgewalt des Familienlebens in seiner g[an]z[e]n Einheit
und Einigkeit in sich trägt, vielmehr {zertheilt / vereinzelt} sich Middendorffs Leben
persönlich zu sehr, er möchte Vielen Vieles, vielleicht Alles
seyn, darum fehlt seinem Handeln auch die Einheit der Wirkung, die
Einheit des Effectes. Sie sondern, trennen und theilen vielmehr als daß sie
einen. Langethal! Gott hat uns das Leben und besonders unser eigenes
zur Lehre und Warnung, zum Beyspiel gegeben; Siehe, hier hast Du gerad
einen Beweis von dem was ich in meiner ersten Hälfte dieses
Briefes sagte: - Middendorff hat nun gesundes frisches Familienleben
aber erfaßte er dessen hochwichtige Bedeutung jetzt in diesem
nie wiederkehrenden Lebensmoment? Dein und mein Familienleben
ist ein geistiges und Kunstfamilienleben möchte ich sagen, ein ideales
allein wir suchen es in jedem Augenblicke festzuhalten. Du
siehst also wie das wahr ist was ich sagte, daß die Erkenntniß und ein Handeln nach und in dieser
Erkenntniß gewöhnlich nicht
da ist wo die Sache lebend wirklich da ist, aus welcher die Er-
kenntniß und das Handeln hervorgehen sollte. Middendorffs
Leben hätte für unser u mein Leben dieselbe Bedeutung, könnte sie
haben, welche ich oben von Deinem Leben in Beziehung auf das meine
nachzuweisen suchte. Wir kämpfen uns müde um Sachen die wir
durch Gottes Liebe besitzen, allein es in unserer Kindheit nicht
sehen und dadurch in unserer ihrer Wirksamkeit stöhren.- Könnten wir
durch Middendorffs Familie in Willisau nicht ein eben so
schönes Familienleben besitzen als wie ich höre das Schäfer in Sumis[-]
wald hat?- aber diese halten still pflegend des Lebens Grundge-
danken, nicht aufschauend nicht einmal dankend aufblickend nach dem
Geber, nach dem Befähiger zur Ausführung desselben, fest, und diese Lebenstreue bringt ihnen die schönsten
Lebensfrüchte. Wir sentimen-
talisiren darüber aber die Gelegenheit zur That lassen wir
bey offenem Munde aus den Händen fallen. Könnte sich - sage mir
Langethal könnte sich in unserm Kreise schöner eine Gelegenheit
darbiethen den Gedanken: - eine Familie ist ein Ganzmensch
in seiner Wahrheit u Wichtigkeit zu zeigen als sich dem Midden-
dorff anzubahnen in Sursee u auszuführen in Willisau
zeigte.- Was hilft es mir und nützt es uns daß Middendorff
meine Gedanken in Kupferstich abschreibt und sie dann todt zu den Todten begräbt?- /
[49]
Mein Gefühl hatte ganz recht als ich ihm die Lebenserneuung, das im vorigen
Jahre um diese Zeit Niedergeschriebene wieder abforderte.- Midden-
dorff
versteht das Leben nicht zu erneuen. Er verliehrt sich in Einzel[-]
heiten und Persönlichkeiten des Lebens darum die ewige Angegriffen[-]
heit seines Gemüthes und so die Empfindlichkeit seines Körpers.
Ich stellte ihn als Mann hin an eine Stelle die einen Mann erforderte.
Allein er war eines jenes [sc.: jener] schwankenden Rohre von dem man sagt daß
es sich und auch wohl andern Lieder singe aber ohne Frucht zu bringen.
Ein anderer Mann, selbst ein gewöhnlicher, hätte sich in seiner Lage längst wie eine Perlenmu-
schel am Felsen an und in dem-
selben festgesogen bis die Perle im Innern gereift war.
Selbst der nur praktische Ferdinand hat das Gefühl dieß Ver[-]
hältniß - aber eben seiner Persönlichkeit nach, selbst in seiner
in dessen Beschränkung festzuhalten.- Als ich die Worte
Schnyders in Ferdinands Briefe las wurde mir ganz heiß
ich mußte vom Stuhle springen und konnte lange nicht fort-
lesen; wahrlich so etwas wird uns sobald nicht wieder so
zur Pflege geboten.- Wo und wie will den[n] Middendorff
ein treuer Pfleger des Grundgedankens unseres Lebens, wo
ein Festhalter desselben seyn, wenn er es nicht in solchen
wichtigen Lebensmomenten seyn will?!- Immer will Midden[-]
dorff meine Person umklammern und aufzehren ich möchte sagen
in sich ziehen, aber ich will wie jeder gern selbst als Person u
Mann bleiben; allein warum hält er nicht den Grundgedan-
ken meines Lebens fest u sagt zu ihm: ich lasse Dich nicht Du
segnest mich denn; ja eben in dem Nichtlassen liegt schon
an sich der Seegen.-
Du wirst nun hoffentlich Langethal! mit mir klar einsehen, daß das Be-
stehen unseres Wirkens einzig und ganz allein von uns abhängt;
und das [sc.: daß] es in unserer Hand in unserm Gemüthe und unserm Geiste
ruht, daß es einzig in der treuen Festhaltung und Pflege des Grundge-
dankens unseres Lebens ruht; daß wir also Niemanden Anzuklagen
Ursache haben weder ein Land - sey es Deutschland noch weniger die
männlich jugendliche Schweiz - weder eine Regierung noch einen Ver-
ein, noch irgend ein Verhältniß. Gott hat uns jetzt schon mehr gegeben
als wir hoffen konnten. Auf! laßt uns die Augen dankbar öffnen
und dankbar unsere Glieder u Mittel gebrauchen. Gott gab
mir ein Blankenburg mit sinnigem wehenden, frischen Frühlings Hauche -
dem Barop ein tief gegründetes Keilhau, Dir das Lebensvolle
kräftige Burgdorf und Einem hat er noch das dankbar anerkannte /
[49R]
seegensreiche Wirken in Willisau verdient vorbehalten. Wodurch haben
wir Mangelhafte, solch einige Lebenseinheit verdient?- Wo-
durch das Schauen eines so genaheten Gotteswirkens, einer solchen
Gnade Gottes. Wie soll sich uns Gottes {naheseyn / genahetseyn}, Gottes Gnade
bestimmter klarer aussprechen?- ?- ?- Aber wir
öffnen unsere inneren Augen nicht!- wir wollen nur immer mit
sinnlichen, materiellen, äußerlichen Augen schauen und uns nicht
zur innern Lebensansicht, zur einigen, zur Einheit u Einigkeit
des Lebens welche Gott in unserm Leben nach seiner Weisheit
und Güte offenbaren will erheben. Nur die innere Lebensansicht
die an eine in sich einige LebensEinheit glaubt, welche sich in einem in
sich einigen Menschenleben in der Menschheit offenbaren will:
- Nur das vertrauende Anerkennen dieser innern Lebensansicht
wird uns des Lebens und der Menschheit Friede, Freude und
Freyheit geben.- Kann sich Willisau als Anstalt, d.h. das ihr jetzt vorstehende Personale, nicht dazu erheben
nun so können wir freylich nichts mehr
von ihnen und so der Anstalt wie sie jetzt ist fordern, denn was
Ferdinand von den Gliedern des Vereins sagt muß man dann
auch auf die Anstalt anwenden.- "Die moralische Mit-
wirkung durch kräftigeres dafür Auftreten (nicht allein durch
Forderungen, sondern auch durch Zugeben und Eingehen) wo es an
der Zeit war, hätte allerdings größer und entschiedener
seyn können, allein dabey muß man ihr ganzes Stehen, ihre
Bildungsstufe und Charakterstärke auch mit in Anschlag bringen
aus der sie sich auch nicht mit einemmale erheben können;" -
und so muß man das einstweilige Hemmniß geduldig er[-]
ertragen. Ehe nun und so lang bis diese Hemmnisse gehoben sind
übertrage ich Dir Kraft meines Rechtes als Schöpfer und Vater
von Keilhau in gewisser Übereinstimmung mit Barop die Sorgfalt
für das uneingeschränkte Fortbestehen von Willisau!-
Eine Sache wissen wir gewiß - das gesunde Bestehen von
Willisau fordert als Seele die Wirksamkeit einer
gesunden und kräftigen, den Grundgedanken der Lebens[-]
[ein]heit und Lebensentwickelung - der schaffenden Menschenbildung pflegend
in sich tragenden Familie.-
Das Bestehen von Willisau in seiner Uneingeschränktheit
ist aber wichtig für den Kanton, dieß und somit auch
das Eintreten, u Auftreten eines Familienlebens daselbst
es muß nun bestimmt mit Kantonsbehörden oder Kantonsgliedern
Nicht aber Vereinsgliedern unterhandelt werden: was wollen /
[47]
was können sie als Behördenglieder dafür thun wenn wir aus
dankbarem Anerkennen für das Pflegende Aufnehmen unseres Er-
ziehungsgedanken[s] auch nach den bisherigen Opfern von unserer Seite
noch das Opfer bringen eine Familie und ein Familienleben
in Willisau heimisch zu machen. Was können und wollen
sie zuerst als Reisegeld, als Unterstützung zur Reise bewilligen[?]
Da es aber nicht genug ist das [sc.: , daß] ein Familienleben dort ist so
fragt sich weiter was können und wollen sie zum Fortbestehen
der Anstalt thun?- Kann die Unterstützung nicht direct seyn
ist dann indirecte Unterstützung vielleicht dadurch möglich daß
der Erziehungsrath von Luzern nach dem Beyspiele von Bern auf
einige z.B. zunächst 2 Jahre 4-6 junge Leute zur Prüfung der
Lehrweise in Hinsicht auf ihre Anwendung in Volksschulen dahin
sende[?] Was ein Berner Zögling zahlte, weißt Du ja genau?
Dieß alles machst Du Langethal wo möglich schriftlich -
gegründet auf Schnyders Äußerungen an Middendorff und in
bestimmter Authorisation und Auftrag von mir und dem Erziehungs-
ganzen in Deutschland - mit Schnyder ab. Wünschst Du und be-
darf es dazu einer bestimmten schriftlichen Bestimmung und Vollmacht
von hier so sollst Du sie erhalten, damit Willisau in seiner wahren Stellung zum Ganzen u. nicht isolirt erscheine. Vielleicht kannst Du die Ver[-]
handlungen von Burgdorf aus auch mittelbar vielleicht durch Jemand
fördern oder noch besser durch die bestimmte Mitwirkung d[es] He. <Septar>
so kannst Du auch dieß benutzen. Das [sc.: Daß] Middendorff bey diesen Unterhandlungen persönlich aus dem Spiele bleibe ist gewiß zur Förderung der Sache wesentlich.
Wie nun von hier aus die Erklärung auch immer falle, so
fragst Du nach derselben bestimmt Middendorffen: ob er sein Familienleben nach
Willisau, verlegen wolle - ob er eine solche Kraft in sich fühle
auch seine Frau, Albertinen durch Überzeugung für die Ausführung
dieser Übersiedelung bestimmen und gewinnen zu können?-
Endlich ob er Bedingungen, und welche Bedingungen er etwa zur
Übersiedlung seiner Familie nach Willisau - (:versteht sich
zur Möglichen Rückkehr nach Deutschland:) - machen müsse.-
Das Ergebniß dieses Auftrages Langethal theilst Du dann in
einem nur diesem Gegenstand gewidmeten an mich und den Keilh. Kreis gerichteten Schreiben mir und
dem K. Kreise einfach mit.
Wären noch Vorerörtherungen nöthig so kannst Du Dich mir in dem
laufenden Briefwechsel darüber mittheilen. Middendorffen
bleibt es überlassen nach Deinen Anfragen bey ihm, - welche jedoch
erst nach der Schlußerklärung von Luzern geschieht - sich mit
seiner Frau vorläufig zu berathen.
Ich bin von Dir Langethal - als lebensvolles Glied des Ganzen /
[47R]
tief überzeugt Du wirst das Ganze in seiner vollen Wichtigkeit auf-
nehmen und durchführen. Die Entscheidung wird dann nach der
Lage der Dinge bald zu fassen seyn.
So wären also jetzt drey große Aufgaben zu lösen Langethal!
erstlich die Pflege Deines und Eures Burgdorfer Lebens
dann die Pflege und Klärung, Befestigung des Willisauer Lebens
drittens die Mitwirkung für die Begründung meines neuen hiesigen Lebens durch die Verhandlung mit Spieß
und durch alles dieß Dreyes die ganz
wesentliche Fortentwickelung und weitere bestimmtere
Ausbildung unseres gesammten Lebens und Wirkens.-
Ein Naturgesetz Dir ein großes so tief gegründetes als
weitverbreitetes als Zehrgeld für Dich auf Deinen Wege:
Alle Entwickelungen finden im Innern im Momente äußerer
Zurücksinkung statt: Wenn die Blätter reif sind setzen sich die Knospen an. Wenn die Blätter abfallen entwickeln
sich die Knospen.
Wenn die Blüthen abfallen entwickelt sich die Frucht.
Wenn die reife Frucht abfällt bildet sich der Keim. Wenn
der Same platzt entwickelt sich der Keim rc rc - Also
Muth und Hoffnung im scheinbaren Rücktritt. Dieß Dein
stärkender Wanderpfennig.-
Nochmals: Gyger wird für die Gesammtentwickelung
nach Möglichkeit festgehalten. Ich kann hier noch nichts sagen
bis ich von Spieß Nachricht habe.
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Ich habe mich recht gefreut wie Dich das Erdbeben aber auch
recht wie Du es erfaßt hast.- Merkwürdig ist daß Midden[-]
dorf[f] es nicht empfunden. Wir haben hier viel darüber gelesen.
- Wichtig waren in Deutschland die SternschnuppenRegen ich
glaube vom 12.-13. Novbr. v. J.
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Meine Schuld an Bury hatte ich rein vergessen. Ich sende sie
nächstens. Der heutige Brief wird schon so dick sonst hätte ich sie
wohl beygelegt.-
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So sorglich Du l. L[an]geth[a]l bey Deinen Sendungen warest und so viel
Dank wir Dir schuldig sind so vermissen wir doch Wesentliches
meine Frau ihren schwarzsammten[en] Winterhut - dann vor
Allem Bücher welche Herr Gascard früher schon durch Herr Middendorffen
nach Burgdorf geschickt hat damit solche mit meinen Sachen nach
Keilhau geschickt werden möchte[n]. Gascard vermißt es sehr.
Barop meynt es wäre wohl gut wenn Du es durch die Post schicktest.
Was das Kostgeld für Titus betrifft, so waren wir, irre ich nicht einverstanden, daß jeder von uns die Hälfte zahle. Auch dieß werde ich berichtigen, wie wir ja überhaupt Rechnung miteinander haben. Doch jetzt mag ich keinen frischen Bogen ergreifen, darum ein herzliches Lebe wohl.
FrFr. /

[39V, Rand]
Aus der lieblichen Kapellenzeichnung von Spieß kommt mir immer wie ich sie nur anblicke laut das Pilgerglöckchen und der Kapellengesang entgegen.- /
[39R, Rand]
Den Brief an Spieß wollte ich Anfangs hier beylegen, allein da dieser schon so dick wird, sende ich jenen heut besonders; er wird Dir ihn gewiß mittheilen.