Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ernestine Langethal in Burgdorf v. 15.2./16.2.1837 (Blankenburg)


F. an Ernestine Langethal in Burgdorf v. 15.2./16.2.1837 (Blankenburg)
(UBB 21, Bl 50-51, Brieforiginal 1 B 4° 4 S. Der Brief wurde zusammen mit denen v. 12.2./16.2. und 17.2.1837 an Heinrich Langethal [UBB 20. 22] verschickt.)

Blankenburg am 15/II 1837.·.


Liebe Ernestine.

Zwar wird Dir meine Frau schon einen sehr ausführlichen
Brief geschrieben haben; allein ich bin Dir Dank schuldig
und da will ich denn nicht versäumen ihn Dir auszusprechen
Deine in Keilhau zurückgelassene Kalla <nemlich weil> jetzt
zwischen unsern beyden Fenstern in der Wohnstube ihre zweyte
Blume. Denke sie Dir in unserer ehemaligen jetzt Deiner Wohn-
stube zwischen den beyden Fenstern nach den Bergen zu stehen. Mit
Deiner vorausgesetzten Einwilligung habe ich sie mir aus Keilhau
bringen lassen dafür nun sage ich dir meinen Dank. Doch damit Du nicht
zu viel verlierst gebe ich Dir nun noch ein volles Recht auf
die Kalla welche ich von deinem lieben Mann zu meinem <vorig[-]>
jährigen Geburtstag erhielt und welche ich in der Schweiz zu-
rück ließ. Möge sie Dir bey dem nun bald nahenden Frühling
wie voriges Jahr in so selten schönen Doppelblumen recht
lange Zeit hindurch täglich und stetig unsere beyderseitigen
meine und meiner treuen Frau Lebensgrüße entgegen
blühen und duften. Es ist gar schön solche gestaltete Grüße
im stets frischen Leben vor sich zu sich. So kann ich gar
nicht aussprechen wie lieb uns das Myrthenstöckchen
ist welches uns Marilys Sinnigkeit beym Abschied
von Burgdorf zum Andenken überreicht hat. Ich fühle /
[50R]
mich derselben auch bleibend dankbar dafür verpflichtet.
Du kannst es ihr, liebe Ernestine, immer aussprechen.
Sie ist doch noch mit Bewahrung ihrer Treusinnigkeit bey Dir?-
- Es ist recht merkwürdig Ernestine! eben indem ich das
vorige niedergeschrieben habe ist mir erst <-> seit der
langen Zeit seit welcher ich schon das Stöckchen besitze, seine
Sinnbildliche Bedeutung, die sinnbildliche Bedeutung
seiner Darreichung - wie mit einem Auffunken wahr
vor die Seele getreten: Es ist die bräutliche, die freyheitliche
die Familienmyrthe von der Schweiz, der deutschen Schweiz
der oberländischen <?> Schweiz an Deutschland
der hochländischen rc. gereicht, wo auf jedem Blättchen dieser
Myrthe die Worte stehen: - Was Gott durch Natur
geeint hat das soll der Mensch nicht scheiden. Welch eine
Fülle von Lebensgestaltungen {treten / entsteigen} in diesem Augenblick
meinem Gemüthe, welche Lebensmanichfaltigkeit
drängt sich einigend im Geiste zusammen und welch ein
Lebensganze[s] tritt vor die Seele. Ich könnte Dir Ernestine
sogleich ein ganzes Lebensgedicht, ein Lebensganzes, was
wie Schnyder mit hoher Wahrheit u tiefem Sinn sagt wie
ein Mährchen klingt mittheilen wenn ich Zeit dazu hätte.
Doch es ist so groß und reich wie ein langes weises Leben.
Nur eine Andeutung eines Schlußsteins von Lebensdauer
kann ich mir erlauben, der Schlüssel ist, ohne daß ich es wußte /
[51]
von mir vorher in dem mitkommenden Brief an Deinen Mann
gegeben. Du erinnerst Dich wohl daß ich an der Taufe des kl. Wil-
helm 3 in einander verschlungene Kränze, einen <linen>grün
einen Epheu und einen Eichenkranz [*Zeichnung: drei
                        ineinandergeschlungene Kreise*] als ein Lebenssinn-
bild ausführen und darreichen ließ. Dieß Symbol für jene
Lebensdarstellung genügend hoffte ich immer noch aufgefor-
dert durch ein[e] entsprechende Lebenserscheinung vervollständigen
und schließen zu können; wie Du selbst, wenn ich es aus-
gesprochen habe, gewiß mit mir finden und erkennen wirst
so fehlt ihm, dem Sinnbild die schließende Vollendung
der umschlingende, einende Kranz, es kann dieß nur der
Myrthenkranz seyn welchen wir bey dem dortmaligen Lebens-
fest auch in den Sternen sahen. Wie gesagt ich fand, so
aufmerksam ich auch war in den Lebenserscheinungen keine
Veranlassung das Sinnbild auch im Äußeren erscheinen
zu lassen wie ich es längst in meiner Seele trug: -
den Myrthenkranz als das Symbol menschheitlicher Einig-
ung, als das Sinnbild der Lebenseinigung zur Darlebung
reines Menschheitslebens - sollte nemlich der 4e
umschlingende einende Kranz seyn. [*Zeichnung: drei ineinandergeschlungene
                      Kreise, die von einem weiteren Kreis umgeben
                      sind*] Möge nun
so die Einigung des schweizerischen und deutschen Lebens -
dem ich ihn hier sinnbildlich weyhe, weil die Schweiz
an Deutschland (:wie ich sinnbildlich lese u sage:) die einende
Myrthe reichte - dieser Forderung dieser Aufgabe, genügen. /
[51R]
Was Dir an meiner gedrängten Andeutung unverständlich seyn
sollte kann Dir vielleicht Langethal erläutern. Ich freue
mich daß so in einer gewissen Beziehung mein Brief an Dich
mit dem an Deinen Mann in innerem Lebensverbunde
steht.- Die wirkliche Ausführung dieses Lebenssinnbildes
in seiner Vollkommenheit sei einem einstigen freundlichen
Wiedersehen und thatsächlichen Gemeinleben in der Schweiz
aufbehalten. Lasse nur bis dahin Deinen Mann dazu
viel und schöne und blühende Myrthen pflegen.- Was
sagst du aber dazu l. Ernestine über ein so unschein-
bares Pflänzchen als ein kleines Myrthenstöckchen, sich
so weit auszubreiten?- Siehe so treibt ein frisches
gesundes frohes Leben ohne daß man es will und weiß
laubige Zweige und Blüthen hervor.-
Wie geht es mit Deinen Kindern, besonders Deinen Mädchen.
Ich habe bey Gelegenheit des Tellertuchbandes von Lisy
- welches mich recht erfreut hat - mit Ernst den Gedanken
gehabt daß sie wohl einmal weil sie immer gern mit reisen
wollte nach Deutschland und zur Mutter hätten kommen können
wenn sie nur achtsamer u sinniger wäre.- Wie geht es
mit Sydonien bekommst Du bald einige Hülfe an ihr?-
Wie sehr wünschten wir es.- Die Mutter sagte vor ein Paar
Tagen: ich möchte nur noch einmal mit Ernestinen frühstücken.
Dein Mann sollte Dich wenn es möglich wäre malen lassen und
Dein Bild der Mutter schicken. Lebe wohl und grüße Deine Kinder. FrFr.

(Nachschriften an den Rändern , Reihenfolge nicht zwingend:)
16/II Ich danke Dir auch sehr für Deinen freundlichen Brief vom 6/II:: ich habe ihn gestern zu gr. Freude von <K.> mitgebracht. /
[50R]
Wäre wohl etwas dagegen wenn Sido Karoline an Sidoniens Stelle bey Euch einträte?- /
[50V]
Hast Du an Spießens Geburtstag gedacht? - wir gedachten des Deinen.