Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Alexander Roda in Willisau v. 20.2.1837 (Blankenburg)


F. an Alexander Roda in Willisau v. 20.2.1837 (Blankenburg)
(UBB 23, Bl 54-58, Reinschrift/Abschrift 10 S., ed. KG 1884, 141-143,157-161. Diese Reinschrift ist Bestandteil des Briefs F.s an Heinrich Langethal v. 22.2./24.2.1837 [UBB 23, Bl 53-58], in dem F. u.a. seinen Brief an Roda wiedergibt.)

Blankenburg ohnweit Rudolstadt am 20 Febr 1837.


Lieber Herr Roda.

Sie haben mich durch unsern Titus Pfeiffer mit einem Briefe vom 2/I d. J.
erfreut. Zuförderst danke ich Ihnen freundlichst dafür. Ihrem eigenen
Wunsche gemäß habe ich mich über den Inhalt dessselben weiter mit T. besprochen.
Nach gegenseitiger Klärung ist nun der mir von Ihnen darinn vertrauensvoll
mitgetheilte Wunsch und gemachte Anfrage eigentlich dreyfach:
Als Ergebniß Ihres nun bald mehrjährigen Lebens und Wirkens in
unserm Kreise und aus achtender Anerkenntniß der rein menschlichen
Bestrebungen desselben wünschen Sie, ganz in Übereinstimmung mit den
Ahnungen und Hoffnungen Ihres Herzens und Geistes, mit welchen Sie in un-
sern Kreis traten, - nicht allein ferner, sondern auch bleibend für immer
- (:insoweit sich überhaupt bey der Freyheit Ihrer Selbstbestimmung, so etwas /
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fest voraus bestimmen läßt:) - dem Kreise als einiges Glied mit gemein-
samen Wirken zu gemeinsamen Zwecke anzugehören, und Sie fragen
nun erstlich bey mir, als dem natürlichen, und von der Gemeinsam-
heit des Kreises menschlich anerkannten Mittelpunkte desselben an:
ob Sie - wenn Sie sich, frey aus sich entschlossen in den Kreis einzutreten,
ob Sie dann auch, anerkannt und gepflegt werdend in Ihren reinen
Absichten, in Ihren Kenntnissen und in Ihrem thätigen Kunst[t]alente -
gern und freudig in den Kreis als einiges und mitarbeitendes
Glied desselben, aufgenommen werden würden?-
Zweytens fragen Sie aber mich und wünschen zu wissen: ob Ihnen dann
nicht allein für die Jahre Ihres jugendlich kräftigen Wirkens, sondern
überhaupt eine angemessene feste Stellung und bleibende Wirksam-
keit in dem Kreise bestimmt zugesichert werden könnte?-
Drittens aber und zuletzt wünschen Sie zu wissen: ob Sie - nun
nicht allein als Mensch, sondern auch als Künstler zu leben, sich aus-
und fortbilden zu können - diese gesicherte feste Wirksamkeit,
wegen der Nähe alles dessen was Rudolstadt in Hinsicht auf Kunst-
leben reicht, nicht in Keilhau erhalten könnten?-
Habe ich hierdurch, l. H. Roda, Ihre Wünsche und Anfragen bestimmt
erfaßt und klar geschieden, so lassen Sie uns nun dieselben eben so
geschieden und klar beantworten; so vor allem den ersten Punkt.
Der Mensch giebt und nimmt sich - wie er ja auch nur nach dem
Wunsche seines Herzens und dem Streben seines Geistes will - frey
aus sich und durch sich selbst, jedem Verhältnisse und Kreise und
man kann auch mit Bestimmtheit sagen, er hält auch, durch und aus
sich, mit völliger Freyheit dieses Verhältniß fest; es kommt ja nur
einzig darauf an, ob und in wiefern er in dem Kreise, in dessen
Lebensziele und Zwecke sein Leben, seines Lebens Ziel und Zweck wie-
der findet; denn der Kreis sucht ja eben als ein Kreis, allseitige
Ausbildung nach den menschlichen Bedingungen und Anlagen; -
folglich ist es auch wahr, daß der Kreis, je mehr er ein menschlicher,
ein in sich klarer, bestimmter, bewußter ist, zu einer solchen Auf-
nahme und Einigung sein bestimmtes Ja sagen muß.- Und
so kann ich Ihnen denn auch, gestützt auf das mir von Ihnen
hinsichtlich Ihrer Lebensansichten, Lebenswünsche und Lebensfragen
Ausgesprochene, als Mittelpunkt des Kreises gern u freudig
aussprechen, daß Sie gewiß eben so gern und freudig von
Allen als ein bleibendes Glied des Kreises bewillkommnet und
aufgenommen werden werden, wie Sie selbst, durch die Festhaltung
Ihrer mir ausgesprochenen Überzeugung, sich dazu bestimmen werden; /
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denn Sie wissen, daß nicht allein Gesang, sondern auch Instrumental-
musik in ihren ersten Elementen als ein begründendes allgemein
menschliches Erziehungsmittel von uns erkannt, beachtet und ge-
pflegt wird; und so ist denn auch ein tüchtiger Musiker und dieß um
so mehr als er zugleich ein talentvoller Künstler ist und die Musik,
besonders den Gesang, auch in seinen Elementen von Seiten der Menschen-
bildung beachtet und behandelt, ein ganz wesentliches Glied unseres
Kreises, und dieß um so mehr als Musiker von Talent, welche
zugleich Künstler sind, sich selten zu diesem, doch so seegensreichen,
menschenwürdigen Wirken erheben, oder wie sie meinen, herabsteigen.
Was nun den zweyten Punkt: Ihre bleibend gesicherte Wirksamkeit
in dem Kreise und die Sicherung Ihrer Lebensforderungen durch denselben
betrifft - (Ich darf nicht sagen, Ihre bestimmte feste Anstellung als
Gesang[-] und Musiklehrer in unserm Kreise betrifft; denn dadurch
würde ich nur ein äußeres Verhältniß bezeichnen, und Sie werden
ja nicht in unserm Leben (:was Sie doch wollen:) sondern eben an
ihm, also außer ihm stehen (:was Sie ja nicht wollen:) - denn unser
Kreis besteht ja eben durch die Auffassung und Festhaltung des Innern
der Lebensverhältnisse, wie er dadurch entstanden ist -). Was
nun also den zweyten Punkt betrifft, so liegt die Erfüllung und Ge-
währung desselben meinem Wirken und Lebenszwecke so nahe,
daß ich ihn von jeher bey allen ähnlichen Verhältnissen, wie jetzt
zwischen Ihnen, mir und uns, eben so gewiß als stillschweigend
voraus gesetzt habe; daß ich von jeher vorausgesetzt habe: ein
Jeder, welcher mit mir nur in einigen inneren Lebensverkehr
gekommen sey, müsse auch aus meinem Leben und Handeln klar er-
kannt haben, daß das Streben nach Erfüllung dieser Forderung: "gänz-
liche Lebenssicherung jedes lebenvolles Gliedes des Kreises" -
die Grundlage meines ganzen Wirkens ja meiner erziehenden,
menschlichen und menschheitlichen Bestrebungen sey.- Diese Ansicht
in meinem Leben zu finden, diese Überzeugung aus meinen Bestreb-
ungen zu gewinnen habe ich geglaubt sey eben so natürlich und ver[-]
stünde sich ganz von sich selbst, wie es sich g[an]z von sich selbst versteht, daß
auf die Bestellung und Besaamung eines Ackers auch die Erndte
folgt. Wie aus dem Wecken des Sinnes und Strebens für edles und nach edlem
und menschlichen Leben auch die Nothwendigkeit hervorgeht diesem
Sinne und Streben die Mittel und Wege zu reichen, mindestens zu
zeigen dasselbe nicht allein zu erringen, sondern auch festzuhalten[.]
Sie, mein lieber Herr Roda, zünden mir wirklich durch Ihren Brief
ein Licht an, welches mir zeigt, daß gerad dieß der Punkt ist, über /
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welchen mich die Menschen bisher, und zwar diejenigen besonders am
wenigstens verstanden haben, welche sich helfend zu mir fanden
und gesellten; - mich eben deßhalb darüber am wenigsten ver-
standen haben, weil mich dünkte er läge viel zu nahe und klar
vor Augen um ihn nur zu erwähnen, um nur darüber zu
sprechen, noch weniger um ihn besonders herauszuheben.-
Ein ächt erziehendes, aber darum das Leben stets und überall als
ein Ganzes erfassendes Wirken, muß eben darum auch, zwar das
Leben seiner wahrhaft helfenden Glieder ganz und uneingeschränkt
als ein in sich einiges und rein menschliches Leben beachten und in
Anspruch nehmen; allein eben deßhalb und je mehr dieses Wirken
als ein Ganzes und in jedem seiner Glieder seine Bestimmung und
Forderung erfüllt - sichert es nicht nur dem Kreise als einem
Ganzen, sondern auch jedem einzelnen Gliede desselben sein Leben
in all seinen menschlichen Beziehungen und dieß um so mehr, als
sie rein menschlich sind, denn wer einem wahren Lebensgedanken
und einem Kreise welcher ihn klar und hingebend ausführt, sein ganzes
Leben widmet, dessen ganzes Leben in all seinen rein menschlichen
Forderungen und Beziehungen muß dann auch durch diesen Ge-
danken und durch diesen Kreis erhalten und getragen werden,
jemehr als er selbst den Lebensgedanken rein, ganz und lebenvoll
erfaßt, treu pflegt, klar ausführe und darstellte - denn ein
ächt erziehender Kreis, welcher eben als solcher das Leben
an sich in all seinen Beziehungen, Forderungen und Leistungen
als Ein Ganzes nimmt, beachtet und pflegt eben deßhalb auch
das Leben des einzelnen Menschen in all seinen Beziehungen,
Forderungen und Leistungen als ein großes Ganzes und er
sieht, wie sowohl das Kind mit kaum beginnender Selbstthä-
tigkeit, als die lebenvolle Jugend, der thatkräftige Mann
und der lebenserfahrene Greis zur Zielerreichung des Ganzen
wahrhaft wirksam seyn kann.-
Sehen Sie lieber Herr Roda, eben durch diese meine Doppel-
überzeugung, einmal, daß das Leben das Leben [2x] [des] Menschen ein
vollkommenes, in sich geschlossenes Ganzes sey und daß der
Mensch so auf jeder seiner Entwickelungs- und Lebensstufen
seine Pflichten und Forderungen als Menschheiterzieher erfüllen
könne; dann, daß die treue Pflege jedes ächten Lebensge-
dankens, so z.B. auch der der Menschheitspflege und Erziehung,
der Erziehung zu einem Mensch- und Menschheitsthume, auch
das menschliche Bestehen dieses treuen Pflegers gewiß sichert; dadurch /
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dadurch [2x] tritt dann auch zwischen mir und meinen Mitarbeitern, zuerst
Gehülfen und Lehrern ein ganz anderes Verhältniß ein als in den -
der meinen äußerlich wohl ähnlichen anderen auch erziehenden
Wirksamkeiten, in sogenannten Instituten. Ich setze bey meinen Ge-
hülfen Lehrern und Mitarbeitern - eben weil ich sie zu meinen Ge-
hülfen und Mitarbeitern gemacht habe - stillschweigend voraus, daß
sie mich in der so eben ausgesprochenen Doppelüberzeugung, so wie da[-]
rinn wenigstens der Ahnung und dem Vertrauen nach verstehen,
daß mein Wirken in einem so wahren, als einigen menschlichen Grund[-]
gedanken ruhe; darum zahle ich meine Mitarbeiter, zuerst Gehülfen
und Lehrer fast nur durch diese so in sich selbst ruhende, als lebenvoll
aus sich Wachsthum, Blüthen und Früchte bringende feste Ueberzeug-
ung und die stufenmäßige Erfüllung derselben; während jene
Anderen, im Äußerlichen den meinen wohl ähnlichen Verhältnisse,
ihre Lehrer bald in größeren Summen, schnell verrollenden und sich
schnell verflüchtigenden Geldes bezahlen; aber dann auch nur schnell
verflüchtigende Lebensverbindungen, keinesweges aber wahre
und bleibende Lebenspflege im Ganzen und im Einzelnen reichen.-
Darum mache ich denn nun freylich auch, in jener stillen aber noth-
wendigen Doppelvorausssetzung an meine ersten Lehrer u. Gehülfen
wie an meine wahren Mitarbeiter - d.h. an diejenigen, welche
meinen Lebenszweck als den ihrigen finden und pflegen - die so
starke, als tief eingreifende Forderung der gänzlichen Hingabe;
ohne dennoch von mir aus so wenig klingende Vergütung dafür
zu bieten und wirklich zu geben; weil ich in mir tief überzeugt
bin und weiß, daß aus der Erfüllung dieser Forderung ihnen allen
einst, und gerad zur rechten Zeit, die Erfüllung auch all ihrer
wahren Lebensforderungen hervorgeht und zwar mit steigendem Seegen[.]
Ich befinde mich also, und es liegt unmittelbar in meinem Lebenszwecke
für Darlebung reinen Menschheitslebens zu wirken, den Mitarbeitern
an demselben ihr ganzes Leben in all seinen rein menschlichen Beziehungen
und Forderungen aufzunehmen und zu sichern. Einen Thatbeweis für das
was ich so eben sagte, finden Sie in meiner Begründung mehrerer Erzieh-
ungsanstalten mit rein menschlichem Zwecke und Ziele, wo eins das
andere bedingt und keines nicht ohne das andere seyn kann, d.h. ächt
erziehendes Wirken, und - Sicherung eines erziehenden menschlichen
Lebens dem Erziehenden. Nun wissen Sie aber auch, man kann den
Menschen in welchem Fache, zunächst als Lehrer, es auch immer sey,
nicht sogleich zu einem solchen Wirken pressen und stempeln, man
muß ihn dazu sich entwickeln lassen und so erziehen; darum /
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müssen Sie denn auch klar erkennen, daß daß Ganze, bey Festhaltung seines
Lebenszweckes, sich auch bemühen muß, das menschlich allseitige
Bestehen der in denselben eingehenden, ich möchte sagen eingelebten,
oder wenn Sie lieber wollen daraus hervorgegangenen Glieder
zu sichern.- Genug! Ich suche nach Maaßgabe der inneren, eige-
nen Entwickelung und Ausbildung des Kreises und seiner Glieder,
stetig auch die äußere Wirksamkeit auszubreiten, so daß
nie die Gelegenheit und die Bedingung zur menschlichen Lebens-
sicherung für irgend ein Glied des Kreises und innerhalb desselben
mangele.
So dünkt mich, wäre denn auch die zweyte Frage ebenso klar
als Ihren Wünschen entsprechend beantwortet.- Bleiben Sie
also denen von Ihnen ganz selbst und selbstthätig gefundenen
und freywillig ausgesprochenen Überzeugungen von dem Wesen
unseres Kreises getreu, so ist Ihnen für immer in und durch den-
selben und in seiner Wirksamkeit eine angemessene feste Stellung
gesichert, d.h. eine Stellung, welche einmal Ihr menschliches Bestehen
sichert und zweytens die Pflege Ihrer Fort- und Ausbildung stets för[-]
derlich im Auge hat. Lieber Herr Roda, suchen Sie mich darum
doch ja zu verstehen, es ist gewiß die tiefste, und für einen nach
ächter freyer Selbstbestimmung und freyen Lebenswirken Stre-
benden, besonders für einen jungen Mann die genügendste Wahr[-]
heit darinn: - Sie selbst, lieber Herr Roda, sind es, welcher sich
in unserm Kreis gleichsam selbst aufnimmt; Sie selbst sind es,
welcher in und durch denselben sich ein menschliches Bestehen
und die Erfüllung der menschlich gegründeten Forderungen blei[-]
bend sichert - denn - mein Ziel und Streben, das Ziel und Stre-
ben meines Kreises so weit er sein Leben in dem meinen fin[-]
det, mein Leben als das seine erkennt, - ist mit dem Streben
u. dem Ziele der Menschheit und zwar ganz namentlich auf ihrer
jetzigen Entwicklungsstufe eins; strebt wenigstens mit diesem
Streben innig einig zu seyn.-
Doch noch Eines lieber Herr Roda. Wenn ich Ihnen auch jetzt
jeden Ihrer Wünsche, und jede Ihrer Forderungen ohne alle
Bedingungen (:- was mir doch ganz unmöglich ist, indem die Er-
reichung und der Empfang jeder Sache an Bedingungen geknüpft ist:)
- zugestände, so hinderte dieß doch nicht, daß Sie, bey verän[-]
derter Lebensansicht, sich eben so freythätig als selbstbestimmend
von uns und aus demselben trennten, und schneller als Sie jetzt
freythätig und selbstbestimmend in denselben zu treten wünschen.- /
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Was Sie von mir Ihnen zugestanden wünschen, was ich Ihnen zuge-
standen habe und noch zugestehen werde, hatte ich einem, fast mit
Ihnen gleichaltrigen jungen Mann mit völliger Zustimmung meines
Herzens und Willens zugestanden. Ich bin in mir auf das tiefste
überzeugt, daß ich stets ganz treu, nicht allein in meinem gegebenen
Worte, sondern auch der Grundempfindung meines Herzens ge-
blieben bin; denn ich darf sagen ich habe diesen jungen Mann
mehrfach geliebt, als Berufsgenosse, als Freund, als Vater rc -
Habe ich ihn durch alles dieß in meinem Kreise halten können?-
Er schrieb und sprach, als er in meinen Kreis treten wollte, und trat
ähnlich zu mir, wie Sie jetzt vertrauend zu mir geschrieben haben.
- Ich glaube ganz gern, daß sein Sprechen und Schreiben nicht auf
solcher Lebensprüfung und in gewisser Hinsicht auf solcher Lebens-
klarheit beruhte, wie jetzt bey Ihnen; - allein ich mußte ihn
doch seinen Worten gemäß und treu, als einen sich und mir treuen,
sich und dem Lebensgrundgedanken getreuen Menschen behandeln;
denn er hatte mir ja ausgesprochen, daß er den Grundgedanken
meines Lebens auch als den Grundgedanken seines Lebens -
so wie alles Lebens erkenne und erkennen müsse - und - so
war die Folge doch die, die sie war: eine Scheidung, ein Austritt
von welchem Sie Zeuge waren, und so ist es mir aus Nichtfest-
haltung, ich will gar nicht sagen aus Nichtdurchdringung des
des [2x] Lebens, des Menschheitlebens ersten Bedingungen u Forderungen
mehrmals ergangen. Ich bin noch jetzt darüber eben so ruhig,
als ich es früher war, denn es haben sich in mir weder die Lebens[-]
grundgedanken, noch die Lebensgrundempfindungen geändert,
welche mich dortmals in meinem Handeln bestimmten.- Sie
haben zwar, Herr Roda, vieles von diesem äußerlich mit erlebt,
allein die Kenntniß der innern Lebensbedingungen ist nöthig, diese
äußern Erscheinungen in ihrer innern Bedeutung und Begründung zu schauen[.]
Würden oder werden Sie Ihrem jetzigen Wunsche getreu einst als
Glied des Kreises bleibend eintreten, so würde und wird Ihnen auch
alles das, was Ihnen seit den Jahren Ihres bisherigen Wirkens
in unserm Kreise als Stückwerk erscheint, - dann als ein leben-
volles Ganzes klar werden. Sie werden und würden dann einsehen
- wäre der begründende Gedanke des Kreises in all seinen Be-
ziehungen ein anderer, als ich denselben Ihnen hier darlegte,
würde besonders mein Handeln darnach weniger fest u streng
seyn, so würde der Kreis sich in Beziehung auf seinen Zweck und
sein Ziel sich in sich selbst vernichten.- /
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Nun endlich zum dritten Punkt. Wie ich hoffe, daß ich Ihnen die vorigen beyden
zu Ihrer Genüge beantwortet habe, so glaube ich es auch mit diesem zu können[.]
Ihr Gefühl sagt Ihnen mehrfach ganz recht, wenn Sie das menschliche Be-
stehen jedes Gliedes meines Kreises zunächst an Keilhau anknüpfen;
denn Keilhau ist die erste Pflegerin meines Lebens Grundgedankens,
so daß ich dagegen stets wieder die größte Sorgfalt für Keilhaus
Pflege und Bestehen haben werde: In Keilhau sproßte ja der Stamm
meines Wirkens, meines Lebensbaumes, wie er auch fortwährend
daselbst steht; allein Sie wissen auch, die Betrachtung jedes Baumes
zeigt Ihnen die Wahrheit davon: - ein Baum erhält zu seinem Be-
stehen nicht allein an [sc.: aus] dem engen Raume wo er steht, seine Nahrung,
sondern er muß auch nach Maaßgabe seiner Größe weite Wurzeln
treiben, um sich zu erhalten und gegen Stürme zu sichern.-
Sehen Sie lieber Herr Roda! so war es auch in Keilhau und so ist es
noch; ich mußte weit die Wurzeln der Wirksamkeit nach der Schweiz und
nach Willisau treiben, und so müssen wir noch jetzt zu allernächst
für das Bestehen von Willisau Sorge tragen, um eben dadurch, wenn
auch nicht gerad zu das Bestehen von Keilhau zu sichern, doch um es nicht
in seinen Hauptwurzeln zu lösen, zu beschädigen. Darum geht
denn auch jetzt als Vater des Ganzen und somit auch von Willisau
meine größte Sorge zuförderst dahin: Willisau nicht allein in
seinem jetzigen Zustande zu erhalten, sondern ihm vielmehr ein selbst-
ständiges menschliches Bestehen in sich zu sichern -, weshalb ich jüngst die
nöthigen Bestimmungen von hier aus nach der Schweiz gemacht habe,
welche den Zweck haben in Willisau - zur Sicherung seiner unbeschränk-
ten ja erweiterten Wirksamkeit - ein wirkliches Familienleben
häuslich und heimisch zu machen.- Dieß Ganze nun fordert besonders auch
ein frisches, jugendlich kräftiges, musikalisches und vor allem Gesangs-
leben in Willisau, theils zur Pflege des eigenen Lebens, besonders
aber zum Eingreifen in das Volksleben, indem jetzt besonders die In-
strumentalMusik durch Ihren Eifer und Fleiß, viel von den Theil-
nehmern an der Willisauer Erziehungsanstalt gefordert wird.
Ganz anders ist es für diesen Augenblick und wie es scheint auch
noch für das nächste Jahr hier in Keilhau, wo die Musik, beson-
ders aber die InstrumentalMusik fast gar nicht von den Theil-
nehmern an der Anstalt für die uns zur Pflege Befohlenen gefor[-]
dert wird: - Man eilt über Hals und Kopf die jungen Leute nur
möglichst bald zur Ergreifung irgend eines bürgerlichen Berufes
zugestutzt zu sehen. Doch unser Streben geht dahin, Keilhau wieder
zu der früheren Allseitigkeit seines frischen jugendlichen Wirkens /
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und so ganz namentlich auch in Beziehung auf die Musik zu erheben.
Wenn Sie nun, lieber H. R. meinen und unsern Lebenszweck ganz theilen,
so werden Sie mit uns, und fast noch mehr als wir selbst wünschen müssen
daß Ihre Wirksamkeit in der Schweiz, wenigstens in dem nächsten Jahre,
noch nicht unterbrochen werde und Ihnen, in der nächsten Zeit wenig-
stens, noch kein Ruf nach Keilhau kommen möge.
Ganz offen und unumwunden gestanden, Herr R ! Jemehr Sie
das rein menschliche Ziel unseres Strebens in sich selbst begründet fin-
den, jemehr Sie dieser gewonnenen Überzeugung getreu handeln,
um so mehr können Sie in Ihrer jetzigen Gesammtstellung für die
Befestigung Willisaus, so für die Erneuerung und Verjüngung von
Keilhau und zuletzt für die schöne und vollständige Erfüllung und
Gewährung Ihres Wunsches: einmal in Keilhau und von Keilhau
aus der lebenvoll wirkende musikalische Mittelpunkt für alle
unsere, mehrfach verzweigte erziehende Wirksamkeit zu werden,
wie es ein in und außerhalb der Schweiz gefeyerter Hans Georg
Nägeli
für die Schweiz und für mehr als die Schweiz von Zürich aus war.
Herr Roda! erfassen Sie nur recht die Musik in ihrer hohen Bedeutung
und Beziehung zur Menschen- und Volksbildung, wie z.B. Spieß das
Turnen; erfassen Sie nur - Sie sind ja ein denkender und thätigst
strebender junger Mann - erfassen Sie die Musik in ihrer Be-
deutung zur jetzigen Stufe der Menschenbildung. Erkennen und lösen
Sie die Anforderungen, welche die jetzige Stufe der Menschenbil-
dung an die Musik eben als ein ächt menschenbildendes Element
macht, und H. R.! - die schönsten Wünsche Ihres Herzens werden Ihnen <erfüllt werden>.
Theilen Sie nun mit mir und uns gleiche Lebensansichten und
gleichen Lebenszweck, so lassen Sie es sich mit uns Sorge seyn, daß
wenn Keilhau Ihre musikalische Wirksamkeit fordert, wir
dann zu Ihrem Ersatze für Willisau, auch einen entsprechenden
und genügenden jungen Mann finden, einen jungen Mann,
welcher auf dem Grund fortbaut welchen Sie dort legten.
Nun lieber Herr Roda! So könnte das Leben, wenn auch diese
Beantwortung Ihrer 3en Frage Ihnen genügen sollte - wie ein Ganzes,
so ein schönes großes Ganzes - ein so schönes großes Ganzes, wie
eine große musikalische Darstellung und Aufführung werden.-
Lassen Sie sich diese lange Beantwortung Ihres Briefes ein Zeichen
meines dankbaren Anerkennens des sich daraus ausgespro-
chenen Vertrauens seyn. Antworten Sie mir bald. Viele
Grüße von mir an alle Glieder des Vereines und der Anstalt.
Leben Sie wohl. In Liebe und Achtung Ihr Friedrich Fröbel